Overton-Fenster

Spektrum von im Diskurs tolerierten Ideen From Wikipedia, the free encyclopedia

Als Overton-Fenster wird der Rahmen an Ideen bezeichnet, die man im öffentlichen Diskurs bzw. im aktuellen Klima der öffentlichen Meinung als politisch akzeptabel ansieht und empfehlen kann, ohne als zu extrem zu wirken, um zum Beispiel ein öffentliches Amt zu bekleiden.[1] Grundlegend ist der Gedanke, dass sich das Overton-Fenster durch die Änderung gesellschaftlicher Werte und Normen im Laufe der Zeit verschieben, vergrößern oder verkleinern kann. Auf diese Weise verändert sich der Bereich dessen, was als politisch akzeptabel angesehen wird. Ein verwandtes Konzept ist das des Meinungskorridors.

Das Overton-Fenster

Begriffsentwicklung

Der Name leitet sich von dem Begründer dieser Theorie Joseph P. Overton (1960–2003) ab, einem US-amerikanischen Anwalt und ehemaligen Vizepräsidenten des Mackinac Center for Public Policy.[2] Overton meinte, die Lebensfähigkeit einer politischen Idee hänge hauptsächlich davon ab, ob sie in den Bereich der gesellschaftlich akzeptablen Ideen falle, und nicht so sehr davon, den individuellen Präferenzen der Politiker gemäß konzipiert zu sein. Overton nahm an, dass sich politische Ideen auf einer Achse von „mehr Freiheit“ bis „weniger Freiheit“ ordnen lassen, d. h. von politischen Ideen, die relativ wenige staatliche Eingriffe erfordern, hin zu Ideen, die relativ viele staatliche Eingriffe erfordern. Um einen Vergleich mit dem politischen Rechts-Links-Spektrum zu vermeiden, ordnete Overton diese Achse grafisch vertikal an. Zu einem gegebenen Zeitpunkt fallen einige benachbarte Ideen auf dieser Achse in das „Fenster des politisch Möglichen“ (window of political possibility), andere bleiben außerhalb (über oder unter dem Fenster), sind also politisch nicht akzeptabel. Wenn sich das Fenster bewegt oder erweitert wird, kann eine Idee an einer bestimmten Position der Achse an politischer Akzeptanz gewinnen oder verlieren. Joseph G. Lehman, Leiter des Mackinac Center seit 2008,[3] nannte dieses „Fenster des Möglichen“ nach dem Tod von Joseph P. Overton (2003) das „Overton-Fenster“.[4]

Das Overton-Fenster umfasst demnach also den Bereich der politisch jeweils akzeptablen Ideen und Konzepte. Diese Ideen werden häufig auf einem Kontinuum angeordnet, das sich über mehrere Stufen der öffentlichen Akzeptanz erstreckt:[5]

  • undenkbar
  • radikal
  • akzeptabel
  • angemessen
  • populär
  • Staatspolitik

Bedeutung

Das Overton-Fenster ist ein Ansatz, um zu bestimmen, welche Ideen den Bereich der Akzeptanz innerhalb der möglichen Regierungspolitik einer Demokratie definieren. Befürworter von Postulaten außerhalb des Fensters versuchen, die Öffentlichkeit zu überzeugen oder sie zu beeinflussen, um das Fenster zu verschieben und/oder zu erweitern. Befürworter der gegenwärtigen oder ähnlicher Standards versuchen innerhalb des Fensters die Menschen davon zu überzeugen, dass die außerhalb liegende Politik als inakzeptabel betrachtet werden sollte.

Das Overton-Fenster geht von der Frage aus, warum so viele neue und plausible Ideen nicht ernst genommen werden. Overton stellte fest, dass Politiker, die wiedergewählt werden wollen, sich keine Antworten leisten wollen oder können, die als extrem gelten. Der Rahmen des Akzeptablen sollte nicht gesprengt werden. In diesem „Annehmlichkeitsfenster“ finden sich akzeptable Vorhaben, die von Experten oder Wissenschaftlern abgesegnet wurden, die durch Statistiken abgesichert und belegbar sind, die gute Chancen haben, in die Gesetzgebung aufgenommen zu werden, und letztlich von vielen Wählern mitgetragen werden.[6]

Politische Vorhaben, die innerhalb des Overton-Fensters liegen, gelten als konsens- oder mehrheitsfähig.

Nach Overtons Tod haben andere das Konzept der Anpassung des Fensters durch die bewusste Förderung von Ideen außerhalb des „äußeren Rands“ untersucht mit der Absicht, weniger extreme Ideen durch Vergleich akzeptabel zu machen. Die Door-in-the-face-Technik der Überredung funktioniert ähnlich.

Extreme politische Ansätze loten – u. a. durch Populismus, Propaganda, Suggestion oder Manipulation, aber auch Motivation zur Veränderung und neue Ideen – Positionen außerhalb des Overton-Fensters aus, um zu sehen, ob sich hier neue Mehrheiten einfinden. Positiv aufgenommene Narrative außerhalb des Overton-Fensters können dann Paradigmenwechsel initiieren.[7]

Siehe auch

Einzelnachweise

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