Parathymie
Störung des Gemütslebens
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Bei der Parathymie (affektive Inadäquatheit) handelt es sich um eine Störung bei der Äußerung von Gemütserregungen (Affekten). Sie äußert sich durch ein Missverhältnis zwischen dem gegenwärtigen inneren Erleben und dem äußeren Gefühlsausdruck bzw. der äußeren Situation (z. B. unpassendes Lachen und Heiterkeit auf einer Beerdigung). Sie ist ein psychopathologisches Symptom und tritt bei psychiatrischen Erkrankungen auf.
Die Parathymie wird laut AMDP-System standardisiert bei der Erhebung des psychopathologischen Befundes, als eine der affektiven Störungen, unter Nr. 76 erfasst.
Beschreibung (klinisches Bild)
Gefühlsausdruck und vom Patienten berichteter Erlebnisinhalt stimmen nicht überein.[1] Der Gefühlsausdruck kann sogar entgegengesetzt dem Gesprächsinhalt sein. Diese „Spaltung“ zwischen Denkinhalt und Affekt ist einer der Gründe, warum Eugen Bleuler die Bezeichnung „Spaltungsirresein“ (veraltete Bezeichnung für Schizophrenie) prägte.[2]
Verlegenheitslächeln (aus Unsicherheit oder um die Form zu wahren) ist hierbei nicht gemeint, auch nicht stereotypes Lachen oder Lächeln (als Angewohnheit). Auch forcierte (erzwungene, verstärkte) Heiterkeit („Galgenhumor“), zum Überspielen von Angst, Trauer und Verlassenheitsgefühlen, ist nicht im oben gemeinten Sinne pathologisch (krankhaft).[3]
Die Begriffe Synthymie und Holothymie[4] bezeichnen ein der Stimmung entsprechendes (affekt-kongruentes) Verhalten.
Beispiele
Ein Patient empfindet Freude über ein Geschenk, jammert aber dabei. Oder er berichtet lachend, er sei in der letzten Nacht wieder in der schauerlichsten Weise gefoltert worden, und lacht dabei.[3] Ein anderer erzählt im Ton belangloser Alltäglichkeit, seine Eingeweide seien verkohlt.
Ursachen
Diese Störung des Gefühls- und Gemütslebens gehört nach Eugen Bleuler zu den fünf grundsätzlichen Symptomen der Schizophrenie, tritt jedoch auch bei organischen oder bipolaren Störungen auf.[5] Sie findet sich besonders bei der hebephrenen Schizophrenie, genau wie die Paramimie. Hierbei handelt es sich um ein Nicht-Zusammenpassen zwischen erlebtem Gefühl und mimischem Ausdruck (Affekt-Inkongruenz) auf der Verhaltensebene.
„Bei der Schizophrenie scheint also - und das will ihr Name besagen - die Gesamtpersönlichkeit aufgelockert, gespalten und der natürlichen Harmonie verlustig, was sich gleichermaßen in der Zerfahrenheit, der Parathymie und der Depersonalisation äußert“ (Bleuler 1975).[6]
Diagnostik
Das Symptom wird in der psychiatrischen Untersuchung, im Gespräch zwischen Arzt und Patient, diagnostiziert. Es wird vom Patienten nicht berichtet, sondern aus dem Gespräch erschlossen.
Einordnung
Siehe auch
Verwandte Begriffe, die unterschiedliche Affektzustände beschreiben sind
- Euthymie
- Zyklothymie
- Athymie (Mutlosigkeit, Gemütslosigkeit oder -kälte)[8]
- Witzelsucht oder Moria, ein exzessiv-joviales Verhalten, das sich im persistentem Scherzen äußert, auch wenn es unangebracht ist.
Literatur
- Christian Scharfetter: Allgemeine Psychopathologie. 8. Auflage. Thieme, Stuttgart / New York, NY 2020, ISBN 978-3-13-243843-9.
- Rainer Huppert, Norbert Kienzle: Schizophrenie. Hogrefe, Göttingen u. a. 2010, ISBN 978-3-8017-2051-3.