Pati Hill

US-amerikanisches Model, Schriftstellerin, Künstlerin und Vertreterin der Copy Art. From Wikipedia, the free encyclopedia

Pati Hill, geboren als Patricia Louise Hill (* 3. April 1921 in Ashland (Kentucky); † 19. September 2014 in Sens, Frankreich)[1] war ein US-amerikanisches Model[2], eine Schriftstellerin, Künstlerin sowie Vertreterin der Copy Art.

Leben und Werk

Pati Hill wuchs als Einzelkind auf, ihre Mutter Patricia Ysobel Hill (geborene Guion) ließ sich 1928 von ihrem Ehemann John Hill scheiden. 1931 zog die Mutter mit der Tochter nach Charlottesville, Virginia. In den Jahren 1934 bis 1936 besuchte Pati Hill die St. Agnes School in Alexandria (Virginia). Nach der erneuten Heirat ihrer Mutter zogen sie nach Arlington County, wo Hill die Western High School besuchte. 1939 machte Pati Hill ihren Highschool-Abschluss und schrieb sich an der George Washington University ein. Nach einem Jahr an der George Washington University ging sie nach New York.

Das Model

1941 lebte Hill in einem Frauenhaus in New York City und verrichtete Gelegenheitsjobs, bevor sie als Model für die Agentur von John Robert Powers arbeitete. Die Modejournalistin Carmel Snow verwendete ein Foto von Hill auf der Titelseite der Augustausgabe 1941 von Harper’s Bazaar. 1942 heiratete sie Jack Leroy Long, die Ehe sollte nur fünf Jahre halten.

Im Januar 1947 heiratete Hill den US-amerikanischen Skifahrer und späteren Physiker am MIT Robert Meservey. Zur Hochzeit fuhren beide auf Skiern in Skikleidung zur Kirche und machten sich anschließend auf den Weg in ihre Ski-Flitterwochen. Die Ehe sollte vier Jahre halten. Im August 1947 reiste Hill nach Paris, der französische Modedesigner Edward Molyneux hatte sie als Model abgeworben.

In den 1940er und 1950er Jahren war Pati Hill auf den Titelseiten von Hochglanzmagazinen wie Harper's Bazaar, LIFE, Elle und zahlreichen anderen Zeitschriften und in Fotostrecken zu sehen. Bei einem Shooting lernte sie Diane Arbus kennen, sie wurden Freundinnen und Hill stand gelegentlich für sie vor der Kamera. Die Künstlerkreise nahmen die charismatische und schlagfertige Geschichtenerzählerin Hill begeistert auf. George Plimpton, Gründer und Chefredakteur der Literaturzeitschrift The Paris Review, machte sie bekannt u. a. mit Pablo Picasso, Henri Matisse, Truman Capote und James Merrill. Im Laufe der Jahre veröffentlichte Hill sechs Geschichten und einen Essay in der Zeitschrift.[3] Ihr Interview mit Truman Capote erschien in der heute berühmten Rubrik The Art of Fiction als No. 17 in der Ausgabe 16 der Paris Review.[4]

Die Schriftstellerin

1955 kehrte Hill nach New York zurück. Auf einer Party der Paris Review lernte sie 1956 den französischen Galeristen und Kunsthändler Paul Bianchini kennen. Er hatte kurz zuvor seine Galerie in New York eröffnet und war ein Kenner der Pop Art. Sie heirateten im November 1960, ihre Tochter Paola kam 1962 zur Welt. Von Februar bis März 1960 und von Januar bis März 1961 war Pati Hill Gast in der Künstlerkolonie Yaddo in New York.

Bei Houghton Mifflin (heute: Houghton Mifflin Harcourt) veröffentlichte Pati Hill in diesen Jahren in rascher Folge ihren ersten Roman The Nine Mile Circle (1957), gefolgt von Prosper (1960), dem Gedichtband The Snow Rabbit (1962) und One Thing I Know (1962). Ihre Memoiren waren 1955 unter dem Titel The Pit and the Century Plant bei Harper & Brothers in New York erschienen. Hills literarisches Œuvre umfasst Romane, Kurzgeschichten, Lyrik und journalistische Texte.

Paul Bianchini eröffnete 1964 mit großem Erfolg die wegweisende Ausstellung The American Supermarket, die u. a. Werke von Andy Warhol, Roy Lichtenstein, Claes Oldenburg, Jasper Johns, James Rosenquist und Robert Watts zeigte.

Die Künstlerin

Als Autodidaktin, ohne eine künstlerische Vor- oder Ausbildung, begann Pati Hill Anfang der 1970er Jahre den Fotokopierer als künstlerisches Werkzeug zu entdecken und zu nutzen. Der Kopierer schien ihr bestens dafür geeignet zu sein, das Verhältnis zwischen Bild und Text zu untersucht. Hills Interesse an der Beziehung von Bild und Text hatte sich bereits in ihrem ersten Gedichtband The Snow Rabbit von 1962 gezeigt. Ihren Gedichten hatte sie Illustrationen des Dichters Galway Kinnell gegenüber gestellt. Pati Hill: „In my work I am mainly concerned with finding new ways to ally words and images to produce new effects.“[5]

1975 lernte Hill über ihren Mann die Kunsthändlerin und Galeristin Jill Kornblee kennen, die ihre erste Ausstellung Objects in ihrer Kornblee Gallery in New York zeigte. Hill stellte Xerografien von Alltagsgegenständen aus, die sie gesammelt hatte und die sie nach dem kopieren wegwarf oder wieder in Umlauf brachte.

Hills Buch Slave Days entstand 1975 mit finanzieller Unterstützung des US-amerikanisches Schriftstellers James Merrill. Das Buch führte 29 Gedichte und 31 Fotokopien kleiner Haushaltsgegenstände zusammen und thematisierte den Alltag einer Hausfrau. Hill stellte in diesem Buch die Xerografien als eigenständige Arbeiten ihren Texten gegenüber. Jill Kornblee veröffentlichte Slave Days in ihrer Galerie.

In der Werkserie Garments (1975–1976) fotokopierte Hill Kleidungsstücke, wie Korsett, Anzughose, Reiterhose oder Pelzmantel. Durch die kontrastreiche Belichtung des Kopierers wirken die Kleidungsstücke überraschend lebendig. Hill betrachtete ihre Fotokopien weder als Darstellungen noch als Reproduktionen physischer Objekte, sondern als Objekte an sich. Pati Hill: „5. The copier is unmessily instantaneous. 6. The copier reproduces line details with greater accuracy than the camera or the human hand, though painting sometimes gives the illusion of this kind of clarity. 7. The depth perception of the copier is shallow.“[6]

1977 lernte Pati Hill den Designer Charles Eames auf einem Transatlantikflug von Paris nach New York kennen. Eames war damals als Berater für das IT-Unternehmen International Business Machines Corporation (IBM) tätig und vermittelte zwischen Hill und IBM. Für zweieinhalb Jahre erhielt Hill leihweise einen IBM Copier II zur Verfügung gestellt.

1978 stellte sie in der Kornblee Gallery A Swan: An Opera in Eight Acts aus. Am Strand hatte sie an einem verschneiten Tag einen toten Schwan gefunden. Mit zwei Freundinnen transportierte sie den gefrorenen Vogel in ihr Anwesen in Stonington (Connecticut). Sie halfen ihr auch, den Schwan über den Kopierer zu halten, um Kopien seines Federkleides zu erstellen. Die Xerografien ordnete sie ihn Gruppen und formulierte Bildunterschriften für jede einzelne Gruppe, sodass das Ganze zur einer Art Roman oder Oper wurde.

Bis 1979 entstanden zwei zentrale Werkreihen: Proposal for a Universal Language of Symbols, der Entwurf für eine universelle Zeichensprache, und Alphabet of Common Objects, eine von Hills bedeutendsten Arbeiten bestehend aus 45 im Raster von 9 × 5 angelegten Bildern. Diese Klassifizierung der Objekte als Alphabet bergen eine „Sprachlichkeit“ der Bilder im Sinne einer visuellen Kommunikation.

1984 unterrichtete Pati Hill an der Université de Paris VIII Einführungskurse in elektronische Kunst.

1989 zogen Pati Hill und Paul Bianchini nach Sens in Frankreich, wo sie 1990 die Cinq Rue Jules Verne Galerie Toner eröffneten. 1991 erfolgte die Eröffnung der Poissonnière Galerie Toner in Paris. 2000, nach dem Tod von Paul Bianchini, beendete Pati Hill ihre Galerietätigkeit.

Nach ihrem Tod 2014 in Sens hinterließ Pati Hill ein umfangreiches Archiv ihrer 60-jährigen Kunstpraxis. Über 15.000 Xerografien, Publikationen, Briefe, Skizzen, Notizen und Tagebücher werden heute vom Kunsthistoriker Richard Torchia in Glenside im Bundesstaat Pennsylvania verwaltet.

Ausstellungen (Auswahl)

Einzelausstellungen

Zwischen 1975 und 1979 zeigte die New Yorker Galeristin Jill Kornblee Werke von Pati Hill in insgesamt fünf Einzelausstellungen.

  • 1975: Objects. Kornblee Gallery, New York.
  • 1977: Dreams Objects Moments. Kornblee Gallery, New York.
  • 1978: A Swan: An Opera in Eight Acts. (später in A Swan: An Opera in Nine Chapters umbenannte) Kornblee Gallery, New York.
  • 1998: Cabinet des Estampes, Bibliothèque nationale de France, Paris.
  • 2016: Arcadia University Art Gallery, Glenside, Pennsylvania
  • 2017: Pati Hill: Photocopier – A Survey of Prints and Books (1974-83). Lyman Allyn Art Museum, New London
  • 2000: Wall Papers. Bayly Art Museum, University of Virginia
  • 2003: Pati Hill: Vers Versailles. Musées de Sens und Musée Lambinet de Versailles.
  • 2020: Pati Hill: In Waking Life. Ampersand, Lissabon
  • 2020: Pati Hill: Something other than either. Kunstverein München[7]
  • 2021: Pati Hill, Mrs. Beazle. Galerie Treize, Paris[8]
  • 2021: Pati Hill: Something other than either. Kunsthalle Zürich[9]
  • 2022: Pati Hill: Onsen Confidential. Take Ninagawa, Tokyo[10]

Gruppenausstellungen

  • 1979: Electroworks. George Eastman House, New York.
  • 1980: L'Electrographie. Musée d’art moderne de la Ville de Paris.
  • 1984: New Media 2. Konsthall, Malmö, Sweden
  • 1984: Electra. Musée d’art moderne de la Ville de Paris.
  • 1985: Electroworks. Stedelijk Museum, Amsterdam
  • 1993: Le Dernier Souper. Paul Bianchini Galeria Toner, Paris
  • 1994: Artist's Books Created on Copiers. Paul Bianchini Galerie Toner, Paris
  • 2016: Xerox: A Constructed World. Société d’Electricité, Brüssel.
  • 2017: Making/Breaking the Binary: Women, Art, & Technology, 1968–1985. Rosenwald-Wolf Gallery, University of the Arts, Philadelphia.
  • 2020: Nothing Is So Humble: Prints from Everyday Objects. Whitney Museum of American Art(8)

Sammlungen

  • Arcadia Exhibitions, Arcadia University, Glenside, Pennsylvania
  • The Whitney Museum of American Art, New York
  • Bayly Art Museum, University of Virginia, Charlottesville
  • Cabinet des Estampes, Bibliothèque nationale de France, Paris
  • Cooper-Hewitt National Design Museum, Smithsonian Institution, New York
  • Fiduciaire de France KPMG, Grenoble
  • Musée de Sens, Sens-en-Bourgogne
  • Xerox-USA, Stamford
  • Princeton University Art Museum, Princeton

Veröffentlichungen

  • The Pit and The Century Plant. Harper & Brothers Publishers, New York 1955.
  • The Nine Mile Circle. Houghton Mifflin, Boston 1957
  • Prosper. Houghton Mifflin, Boston 1960.
    • Deutsche Ausgabe: Mein fremdes Haus. Henry Goverts Verlag, Stuttgart 1963.
  • The Snow Rabbit. Gedichte von Pati Hill illustriert von Galway Kinnell. Houghton Mifflin, Boston 1962.
  • One Thing I Know. Houghton Mifflin, Boston 1962.
  • Interview: Truman Capote. In: Malcolm Cowley (Hrsg.): Wie sie schreiben. Sechzehn Interviews. Mit einer Einleitung von Malcolm Cowley. Aus dem amerikanischen Englisch übersetzt von Wilhelm Borgers und Günther Steinbrinker. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 1963, S. 279–296.
  • Slave Days. Kornblee Gallery, New York 1975
  • Impossible Dreams. Alice James Books, 1976, ISBN 978-0-9140-8613-0.
  • Dreams Objects Moments. Katalog, Kornblee Gallery, New York
  • Three Stories by Pati Hill. Top Stories Buffalo, New York 1979
  • Italian Darns. Kornblee Gallery, New York 1979.
  • Letters to Jill. A Catalogue and Some Notes on Copying. Arcadia University Art Gallery 1979; Neuausgabe 2020, herausgegeben vom Kunstverein München und Maurin Dietrich, Mousse Publishing, Mailand 2020, ISBN 978-88-6749-409-5.

Literatur

  • Klaus Urbons: Copy Art – Kunst und Design mit dem Fotokopierer. DuMont, Köln 1991, ISBN 3-7701-2655-6, S. 114.
  • Richard Torchia, Zachary See (Hrsg.): Pati Hill. Photocopier. A Survey of Prints and Books (1974–83). Arcadia University Art Gallery, 2017, ISBN 978-0-9762-1547-9.
  • Jessica Silbey: Photocopier. In: A History of Intellectual Property in 50 Objects. Herausgegeben von Claudy Op den Kamp und Dan Hunter, Cambridge University Press, 2019, S. 232-–239.

Einzelnachweise

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