Penetriertes System
Politisches System, in dem externe Akteure autoritativ an der Wertallokation und Zielmobilisierung partizipieren
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Penetriertes System (englisch penetrated political system) ist ein Konzept der Internationalen Beziehungen und der Außenpolitikforschung, das vom US-amerikanischen Politikwissenschaftler James N. Rosenau in den 1960er-Jahren entwickelt wurde. Es beschreibt politische Systeme, in denen externe Akteure direkt an internen Entscheidungen mitwirken.
Das Konzept entstand im Kontext des Kalten Krieges zur Analyse asymmetrischer Machtbeziehungen zwischen Staaten. Es wurde später in verschiedenen Forschungsfeldern, insbesondere in der Internationalen Politischen Ökonomie und der Dependenztheorie, aufgegriffen.
Grundlagen
Rosenau (1966) führte penetriertes System in die politikwissenschaftliche Fachdiskussion ein zur Beschreibung von politischen Systemen,
„in denen Nicht-Mitglieder einer nationalen Gesellschaft direkt und bindend durch Maßnahmen, die gemeinsam mit Mitgliedern der GeselIschaft unternommen werden, entweder bei der Zuteilung ihrer Werte oder bei der Mobilisierung von Unterstützung für die Verwirklichung ihrer Ziele teilnehmen.“[1]
Das theoretische Konzept bezieht sich demnach auf Staaten oder staatsähnliche Gemeinwesen, in denen externe Akteure direkt auf die Wertallokation und Zielmobilisierung einwirken. Im Unterschied zu Kolonien oder besetzten Gebieten wird diese Einflussnahme von den Gesellschaftsmitgliedern als legitim angesehen.
Vor dem Hintergrund neuer Erkenntnisse durch eine wachsende Anzahl an empirischen Arbeiten revidierte Rosenau (1984) sein Konzept, indem er die ursprünglich als statisch konzipierte Durchdringung von außen fortan als dynamischen Prozess mit wechselnder Intensität interpretierte.
Anwendungen
Wolfram F. Hanrieder (1967) wendete das Konzept auf die Außenpolitik der Bundesrepublik Deutschland an. Nach seiner Interpretation beschränkte sich die Penetration nicht nur auf direkte, autoritative Partizipation externer Akteure, sondern umfasste auch strukturelle Einflussnahme durch Bündnisse und institutionelle Verflechtungen – im Falle Westdeutschlands mittels instrumenteller Nutzung der NATO durch die Vereinigten Staaten.
Analog dazu analysierte Karl Kaiser (1969) die DDR und andere Ostblock-Staaten als von der Sowjetunion penetrierte Systeme. Seinen Ausführungen zufolge vollzog sich die Einflussnahme über verschiedene institutionalisierte Mechanismen wie etwa den Einsatz von sowjetischen Botschaftern als Koordinatoren oder gemeinsame Sitzungen der kommunistischen Zentralkomitees.
Weitere Anwendungsgebiete des Konzepts sind transnationale Phänomene (multinationale Unternehmen, internationale Organisationen) und dependente Verflechtungen.[2]
Literatur
- Wolfram F. Hanrieder: West German Foreign Policy 1949–1963. International Presence and Domestic Response. Stanford University Press, Stanford 1967, OCLC 263372459, S. 228–245 und 268 f. („Conclusion: West Germany as a Penetrated Political System“).
- Karl Kaiser: Transnationale Politik. Zu einer Theorie multinationaler Politik. In: Ernst-Otto Czempiel (Hrsg.): Die anachronistische Souveränität. Zum Verhältnis von Innen- und Außenpolitik (= Politische Vierteljahresschrift. Sonderheft 1). Westdeutscher Verlag, Köln 1969, ISBN 978-3-322-98120-2, S. 80–109, hier 90 f. („Penetrierte Systeme“).
- James N. Rosenau: Pre-theories and Theories of Foreign Policy. In: R. Barry Farrell (Hrsg.): Approaches to Comparative and International Politics. Northwestern University Press, Evanston 1966, S. 27–92.
- Wieder abgedruckt in: Ders.: The Study of World Politics. Band 1: Theoretical and Methodological Challenges. Routledge, London 2006, ISBN 978-0-415-36338-9, S. 171–199 und 270–275.
- James N. Rosenau: A Pre-Theory Revisited. World Politics in an Era of Cascading Interdependence. In: International Studies Quarterly. Band 28, Nr. 3, September 1984, S. 245–305, doi:10.2307/2600632.
- Harvey Starr: Rosenau, Pre‐Theories and the Evolution of the Comparative Study of Foreign Policy. In: International Interactions. Band 14, Nr. 1, August 1987, S. 3–15, doi:10.1080/03050628808434686.