Petar Wolgin
bulgarischer Journalist, Schriftsteller und Politiker
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Petar Petrow Wolgin (bulgarisch Петър Петров Волгин; * 28. September 1969 in Sofia, Bulgarien als Petar Petrow Georgiew) ist ein bulgarischer Journalist, Schriftsteller und Politiker. Seit Juni 2024 ist er Mitglied des Europäischen Parlaments von der politischen Partei Wasraschdane (Wiedergeburt).[1]

Leben
Wolgin ist der Sohn von Petar Nikolow Georgiew, Dichter, Übersetzer aus der russischen Sprache und Redakteur im Bulgarischen Nationalradio. Seine Mutter Galina Lilowa Bantschewa war Bauingenieurin. Petar Wolgin schloss seine Grundschulbildung an der 32. Schule Heiliger Kliment Ochridski in Sofia ab. Danach wurde er in das Nationalgymnasium für antike Sprachen und Kulturen Konstantin Kiril Philosoph aufgenommen, wo er 1988 die Hochschulreife erwarb. Von 1988 bis 1990 leistete Wolgin den Militärdienst ab. 1990 begann er ein Studium der Bulgarischen Philologie an der Universität Sofia Heiliger Kliment Ochridski, das er fünf Jahre später mit einer Diplomarbeit über die russische Literatur-Avantgarde in den 1920er Jahren abschloss.
Journalistische Tätigkeit
Von 1992 bis 1993 arbeitetе Wolgin als Reporter im Kanal 1 (Ersten Programm) des Bulgarischen Nationalfernsehens. Ein Jahr später begann er seine Tätigkeit im Programm Horizont des Bulgarischen Nationalradios. Zunächst als Reporter tätig, übernahm er später die Rolle des Moderators für die Sendung 12 Plus 3 sowie der Nachrichten im Horizont. 1998 startete Wolgin seine erste eigene Radiosendung Ohne Kontrolle. Sie vereinbarte die intellektuelle Provokation mit für die damalige Zeit skandalösen Themen. In der Sendung wurde ein weitreichendes Spektrum abgedeckt – einerseits die Werke von Friedrich Nietzsche, Vladimir Nabokov, Herbert Marcuse, Pier Paolo Pasolini als auch andererseits die nicht-traditionellen sexuellen Praktiken, der Drogenkonsum, die Prostitution, die Euthanasie.[2] Ohne Kontrolle wurde rasant populär, gewann sowohl zahlreiche Anhänger als auch Kritiker. Die damalige Medienregulierungsbehörde – der Nationalrat für Radio und Fernsehen bestand darauf, dass das Bulgarische Nationalradio die Sendung stoppt, die Radioleitung lehnte dies allerdings ab. Wolgin behauptete, Ohne Kontrolle sei eine „intellektuelle Provokation für die Leute, die sich gerne Fragen stellen“, die Sendung sei karnevalistisch im Sinne des Begriffes, wie von Michail Bachtin beschrieben.[3]
Anfang 2001 protestierte Petar Wolgin zusammen mit zahlreichen Kollegen gegen die Einmischung der bulgarischen Regierung der Union der Demokratischen Kräfte in die Wahl des neuen Generaldirektors des Bulgarischen Nationalradios. Am 19. März 2001 wurden er und die Journalistin Lili Marinkowa vom Radio entlassen. Es folgten weitere Entlassungen protestierender Journalisten.[4] Einige Monate später stellte die neue Leitung des Bulgarischen Nationalradios das Arbeitsverhältnis mit den entlassenen Journalisten wieder her und Petar Wolgin startete seine neue Radiosendung Rauch über dem Wasser.[5] Neben seiner Tätigkeit als Moderator von Rauch über dem Wasser und 12 Plus 3 war er zudem Produzent des Nachmittagsblocks des Horizont-Programms des Bulgarischen Nationalradios.
2005 begann Petar Wolgin seine Arbeit im TV 7. Am Anfang moderierte er eine eigene Rubrik in der Morgenshow des Fernsehens, in der er aktuelle politische Themen kommentierte, Zuschauer live einschaltete und zusammen mit dem Redakteur Boschan Petrow eine ironische Presseschau machte. Später startete Wolgin auch dort eine eigene tägliche politische Sendung mit dem Titel Stimmt mit dem Original überein[6], die vier Jahre lang ausgestrahlt wurde. Das Markenzeichen des Tandems Wolgin-Petrow wurde auch hier fortgesetzt – die Sendung umfasste ein Moderatorenkommentar, eine satirische Nachrichtendarstellung, Live-Einschaltung von Zuschauern, Gespräche über aktuelle politische Ereignisse mit unterschiedlichen Gästen.[7]
2009 startete Petar Wolgin seine neue Radiosendung Dekonstruktion, die von 2009 bis zum 21. Dezember 2015 samstags zwischen 12:00 und 14:00 Uhr im Bulgarischen Nationalradio ausgestrahlt wurde. „Sie erscheint rechtzeitig und hat das Potenzial den Erfolg der vorherigen Konzepte zu wiederholen. Es reicht nur, seine eigene Erfahrung als eines der erfolgreichsten gegenwärtigen Journalisten zu dekonstruiren.“[8] Am 21. Dezember 2015 entschloss der Vorstand des Bulgarischen Nationalradios die „Dekonstruktion“ zu stoppen. Gleich am nächsten Tag – nachdem klar wurde, dass die Sendung eingestellt wird – sammelten sich mehrere hunderte Leute vor dem Gebäude des Bulgarischen Nationalradios zusammen, um ihren Wunsch für die Wiederherstellung der Sendung zu erklären. Der Verband der bulgarischen Journalisten verfasste eine gesonderte Erklärung, in der er den Stopp von Dekonstruktion als „Angst vor der Wahrheit und Machtlosigkeit, den Tagesmächtigten standzuhalten“ bezeichnete.[9] In einer speziellen Anrede von Intellektuellen, Journalisten und Personen des öffentlichen Lebens stand: „Die Hand der Macht, unter dem Handschuh des Rates für elektronische Medien, streckte sich aus, um den letzten Funken freier Meinungsäußerung in den Medien zu erlöschen. Das Verbot der Sendung Dekonstruktion ist noch ein Beweis dafür, dass eine grobe Attacke gegen diejenigen Bulgaren im Gange ist, die sich mit der erniedrigenden Anbetung alles Fremden und den Lügen der offiziellen Medien nicht versöhnen wollen und die bequemen und sterilen Erklärungen der euroatlantischen Klischees nicht akzeptieren.“[10] Unter den Unterzeichneten waren Angel Wagenstein, Prof. Iwan Marasow, Prof. Iwo Christow, Bojan Tschukow, Welislawa Darewa, Iwan Granizki, Georgi Jordanow.
Im Oktober 2020 startete im bulgarischen Nationalradio die neue Autorensendung von Petar Wolgin Politisch UNkorrekt, die er zusammen mit der Journalistin Silvia Welikowa moderierte.[11]
Im Zeitraum 2021–2022 moderierte Petar Wolgin zusammen mit Silvia Welikowa und Mario Gawrilow die politische Sendung Die Demokratie im TV 1.
Seit 1998 veröffentlichte Petar Volgin Kommentare zu inner- und außenpolitischen Themen in einer Reihe von Zeitungen, Zeitschriften und digitalen Medien – 24 Tschasa, 168 Stunden, Trud, Sega, Standart, Novinar, Zemya, Presa, Club М, Tema, L’Europeo, A-specto, Offnews.
Nachdem Petar Wolgin und Boschan Popow am Ende der Regierungszeit von Iwan Kostow 2001 vom Bulgarischen Nationalradio entlassen wurden, starteten sie eine eigene Seite Ohne Kontrolle in der Zeitung 24 Tschasa, die wöchentlich erschien. Im Zeitraum 2004–2008 machten die beiden jede Woche die Seite Rauch über dem Wasser in der Zeitung Novinar. Zwischen 2019 und 2024 hatte Wolgin eine eigene Kolumne für politische Kommentare in der Zeitung Retro.
Im Zeitraum 1999–2006 war Petar Wolgin Redakteur und Autor im ersten monatlichen Männermagazin in Bulgarien nach 1989 Club М. Dort interviewte er Prominente aus der Politik, Kultur, Medien und kommentierte die aktuellen politischen Ereignisse und die gesellschaftlichen Prozesse, machte Reportagen.
Petar Wolgin beteiligte sich an der Gründung der Zeitschrift L’Europeo und war dort ständiger Autor im Zeitraum 2008–2010, während Kalina Androlowa Chefredakteurin war. Beide erschufen auch die Zeitschrift A-specto, wo Wolgin im Zeitraum von 2014 bis 2018 Redakteur und Autor war.[12]
Preise und Auszeichnungen
- 2000: Preis Die silberne Welle für beste Radiosendung des Medienfestivals in Albena für Ohne Kontrolle[13]
- 2003: Preis Die silberne Welle für beste Radiosendung des Medienfestivals in Albena für Rauch über dem Wasser
- 2003: Auszeichnung Sirak Skitnik des Bulgarischen Nationalradios für den besten Radiojournalist[14]
- 2013, 2014 und 2015: Auszeichnung Nummer 1 des Programms Horizont des Bulgarischen Nationalradios[15]
- 2014: Preis Die goldene Stimme zu Ehren von Nadezhda Dzheneva[16]
- 2016: Preis des Verbandes der spanischsprachigen Journalisten in Bulgarien für Berufs- und Zivilethik
- 2020: Preis Die goldene Feder des Verbandes der bulgarischen Journalisten für seinen Beitrag zum bulgarischen Journalismus[17]
Werke
- Medienapokalypse. Weliko Tarnowo: Gaberoff, 2000, 192 S. ISBN 954-9607-35-6[18]
- Klapsmühle. Weliko Tarnowo: Gaberoff, 2004, 384 S. ISBN 954-9607-99-2
- Die Unbequemen. Sofia: Sluntse, 2004, 320 S. ISBN 954-742-078-X
- (zusammen mit Iskra Angelowa) Liebe ich dich? Sofia: Iztok-Zapad, 2007, 238 S. ISBN 978-954-321-359-7
- Radikale jüdische Enzyklopedie. Sofia: Iztok-Zapad, 2013, 288 S. ISBN 978-619-152-156-2[19]
- Politisch UNkorrekt. Sofia: Slantse, 2018, 350 S. ISBN 978-954-742-255-1
- Leben im Radio. София: Iztok-Zapad, 2022, 398 S. ISBN 978-619-01-1006-4
- Europa nach dem Ende des Euro-Atlantismus. Sofia: Iztok-Zapad, 2025, 320 S. ISBN 978-619-01-1581-6[20]
Politische Tätigkeit
Petar Wolgin beschäftigte sich mit Politik bereits vor 1989 als Schüler am Nationalgymnasium für antike Sprachen und Kulturen Konstantin Kiril Philosoph. Zusammen mit seinen Mitschülern Atanas Semov und Georgi Nedelchev wurde er von den Ideen für Demokratisierung der damaligen Gesellschaft, verbunden mit der Perestroika i Glasnost in der UdSSR inspiriert. Die Schüler erstellten eine Tafel der Glasnost am Gymnasium, auf der sie übersetzte Texte aus der sowjetischen Presse sowie eigene Texte aushängten, in denen auf eine radikale Umstrukturierung der Gesellschaft bestanden wurde. 1987 г. eröffnete der Staatssicherheitsdienst eine Akte gegen Wolgin under dem Codenamen Revisionist.[21] Das geschah, nachdem dem Geheimdienst zugetragen wurde, worüber Wolgin auf einer Konferenz des Kommunistischen Jugendbundes Komsomol im Nationalgymnasium für antike Sprachen und Kulturen geredet hatte. Dort beharrte er auf Respekt gegenüber den religiösen Gefühlen der Bürger, auf die Gründung weiterer Jugendorganisationen außerhalb des Kommunistischen Jugendbundes von Georgi Dimitroff DKMS, auf die Öffnung der Archive, verbunden mit dem Personenkult, auf das Recht auf freie Versammlungen und Demonstrationen. Im Jahr 1988 wurde Petar Wolgin von Beamten der Staatssicherheit bei der Beschriftung der Mauer des Militärverlages in Sofia mit dem Spruch Gyurgevo - nein! festgenommen. Das war eine Protestaktion gegen die Untätigkeit der kommunistischen Macht nach der Vergasung der Stadt Ruse von der rumänischen Stadt Gyurgevo.
Petar Wolgin setzte seine dissidente Tätigkeit auch während seines Militärdienstes fort. Er unterstützte die Idee von Atanas Semov zur Gründung einer illegalen Organisation in der Armee, die für die Demokratisierung Bulgariens arbeitet. Der Geheimdienst erfuhr bald von der Tätigkeit der beiden und sie wurden im März 1989 verhaftet. Gegen sie wurden Anschuldigungen nach Art. 107, 108 und 273 des Strafgesetzbuches wegen „subversiver Tätigkeit in der Armee und Straftaten gegen den Sozialismus“ erhoben[22]. Die beiden gelangten nur dank der Einmischung von General Atanas Semerdschiew nicht im Gefängnis, der damals Chef des Militärstabes war.
Als Journalist setzte sich Petar Wolgin weiterhin für die Ausweitung der Freiheiten und für das Recht der Menschen, ihre Meinung offen sagen zu dürfen, ein. Da er über die Jahre häufig seine Meinung über wichtige gesellschaftliche Themen äußerte, wurde auch oft darüber spekuliert, dass er in die Politik gehen würde. In seinen Sendungen und Texten verteidigte Wolgin die Arbeitnehmerrechte und rief für eine aktivere Sozialpolitik des Staates auf.[23] Einige Beobachter meinten sogar, er würde sich an der Gründung einer neuen radikallinken Partei beteiligen. Wie er selbst erklärte: „Der Ursprung des Adjektivs „radikal“ liegt im lateinischen Wort „radix“, welches „Wurzel“, „Beginn“ bedeutet. In diesem Sinne ist diejenige Linke radikal, die genau das macht, was auch alle linken Parteien und Bewegungen in den letzten 150–200 Jahren gemacht haben und zwar für die Rechte aller Menschen zu kämpfen, die sich auf ihre Arbeit verlassen und nicht auf erbliche Privilegien.“[24] Die sich vertiefende Ideen- und Organisationskrise in der Bulgarischen Sozialistischen Partei verstärkte die Auffassung, es sei eine neue linke Partei zu gründen mit „möglichen führenden ideologischen Figuren wie der Politologe Ivo Hristov und die Journalisten Petar Wolgin und Aleksandar Simov“.[25] Nach dem Erfolg der radikallinken „Syriza“ bei der Parlamentswahl in Griechenland wurde auch darauf hingedeutet, dass Wolgin eine ähnliche Bewegung in Bulgarien gründen würde.[26]
Parallel mit der Verteidigung der linken Ideen redete und schrieb Petar Wolgin immer wieder auch über die Notwendigkeit, dass der Nationalstaat seine Rechte zurückerhält, dass die für das Land wichtigen Entscheidungen in Sofia und nicht in fremden Hauptstädten getroffen werden müssen.[27] Gerade deswegen wurde auch vermutet, dass er an die Spitze einer neuen oder einer bereits bestehenden nationalistischen Organisation kommt.[28]
Am Anfang April 2024 nominierten mehrere Strukturen der Partei Wasraschdane landesweit Petar Wolgin als Abgeordneten-Kandidat für das Europäische Parlament.[29] An der am 9. Juni 2024 stattgefundenen Europawahl erhielt er die höchste Anzahl an Präferenzstimmen, registriert bis zu diesem Zeitpunkt in Bulgarien.[30][31] Zusammen mit den weiteren zwei Europaabgeordneten von Wasraschdane Stanislav Stoyanov und Rada Laykova wurde er Mitglied der neuesten Fraktion im EU-Parlament Europa der Souveränen Nationen.
Privates
Petar Wolgin ist mit der Journalistin vom Bulgarischen Nationalradio Daniela Goleminova verheiratet. Beide haben zwei Kinder.