Petersilienmassaker
Genozid an Haitianern in der Dominikanischen Republik 1937
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Als „Petersilienmassaker“ wird eine von der Diktatur Rafael Trujillos angeordnete Massentötung bezeichnet, bei der im Oktober 1937 entlang der dominikanisch‑haitianischen Grenze zehntausende Haitianer und Dominikaner haitianischer Herkunft getötet wurden. Die Gewalt richtete sich vor allem gegen in der Grenzregion ansässige ländliche Gemeinschaften und wurde überwiegend von Einheiten der dominikanischen Armee sowie zwangsverpflichteten Zivilisten mit Hieb- und Stichwaffen ausgeführt. Ihre Bezeichnung leitet sich von einem Sprachtest mit dem spanischen Wort „perejil“ (deutsch Petersilie) ab, das mutmaßliche Haitianer korrekt aussprechen sollten, wobei die Rolle dieses Schibboleth-Motivs in der Forschung teilweise als Mythos eingeschätzt wird. Das Massaker gilt als Kulminationspunkt einer unter Trujillo verschärften antihaitianischen Ideologie und markierte eine grundlegende politische, demografische und symbolische Neuordnung der Grenzregion zwischen Dominikanischer Republik und Haiti.
Historischer Hintergrund
Beziehung zwischen Haiti und der Dominikanischen Republik

Die Insel Hispaniola, auf der sich die Staaten Haiti und die Dominikanische Republik befinden, war seit der Kolonialzeit Schauplatz von Territorialkonflikten zwischen den spanischen und französischen Kolonialmächten.[1] Nachdem Haiti 1804 als erste schwarze Republik die Unabhängigkeit erlangt hatte, besetzte es von 1822 bis 1844 den östlichen, spanischsprachigen Teil der Insel.[2] Die Dominikanische Republik erklärte ihre Unabhängigkeit 1844 nicht von einer europäischen Kolonialmacht, sondern von Haiti, was die Beziehung zwischen beiden Staaten nachhaltig prägte. In einem zweiten Unabhängigkeitskrieg, dem Restaurationskrieg von 1865, befreite sich die Dominikanische Republik von einer erneuten spanischen Herrschaft, wobei Haiti dem Nachbarstaat Unterstützung leistete.[3]
Trotz der politischen Spannungen war die rund 360 Kilometer lange Grenze zwischen beiden Staaten über Jahrzehnte hinweg eine weitgehend durchlässige Zone. Kinder überquerten die Grenze täglich, um auf der einen Seite die Schule zu besuchen und auf der anderen Seite zu wohnen.[4] Ausgedehnte Viehwirtschaftsbetriebe erstreckten sich über die Grenze hinweg, und Dominikaner und Haitianer lebten in einer bikulturellen, zweisprachigen Gemeinschaft zusammen, in der auch Mischehen keine Seltenheit waren.[5] Viele Haitianer waren in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in die dünn besiedelte westliche Region der Dominikanischen Republik eingewandert, um dort als Kleinbauern Land zu bewirtschaften. Ihre Nachkommen, obwohl ethnisch und kulturell haitianisch geprägt, waren auf dominikanischem Boden geboren und betrachteten das Land als ihre Heimat.[6]
Trujillos Aufstieg und die antihaitianische Politik

Rafael Leónidas Trujillo Molina gelangte 1930 durch einen Militärputsch an die Macht und errichtete eine brutale Diktatur über die Dominikanische Republik.[7] Obwohl Trujillo mütterlicherseits haitianische Vorfahren hatte – seine Großmutter Ercina Chevalier war Haitianerin –, vertrat er eine ausgeprägt anti‑haitianische, rassistisch-nationalistische Ideologie. Der Kulturanthropologe Robert Lawless vermerkte, dass Trujillo Kosmetik verwendete, um die phänotypischen Merkmale zu kaschieren, die er von seiner schwarzen haitianischen Großmutter geerbt hatte.[8][9]
Die dominikanische nationale Identität wurde unter Trujillo in strikter Abgrenzung zu Haiti definiert. Die dominikanische Elite identifizierte sich als weiße, hispanische Nation in Gegensatz zum schwarzen, afrikanisch geprägten Haiti.[10] Trujillo und seine Regierung betrieben ein Programm der Nationenbildung, das auf eine strenge geographische und kulturelle Abgrenzung zwischen Haiti und der Dominikanischen Republik abzielte. Der US-amerikanische Historiker Edward Paulino vom John Jay College in New York beschreibt die Politik Trujillos als „Dominicanización“ (Dominikanisierung), ein Projekt, mit dem die dominikanischen Grenzgebiete physisch und kulturell für den dominikanischen Staat beansprucht werden sollten.[11]
Im März 1936 unterzeichnete Trujillo mit dem haitianischen Präsidenten Sténio Vincent einen Grenzvertrag, der die bislang vorwiegend auf dem Papier existierende Grenze formalisieren sollte.[7] Trujillo befürchtete, die offene Grenze könnte exilierten Revolutionären als Einfallstor für einen Angriff auf sein Regime dienen.[11]
Wie die US-amerikanische Historikerin Amelia Hintzen von der Yale University dargelegt hat, versuchte das Trujillo-Regime vor dem Massaker zunächst, haitianische Migranten auf legalem Wege durch verdeckte Deportationspläne zu entfernen.[12] Diese Pläne scheiterten jedoch am Widerstand lokaler Beamter und dominikanischer Bauern in der Grenzregion, die sich weigerten, die antihaitianischen Gesetze des Regimes umzusetzen. Archivmaterial zeigt, dass der Widerstand der ländlichen Bevölkerung gegen die Zentralisierungsversuche Trujillo dazu veranlasste, auf Gewalt zurückzugreifen, um die Gehorsamkeit der örtlichen Autoritäten zu erzwingen und die haitianisch-dominikanischen Netzwerke in der Grenzregion zu zerstören.[5]
Die Grenzreise Trujillos im August 1937

Im August 1937 begann Trujillo eine ausgedehnte Reise durch die nördlichen Grenzprovinzen der Dominikanischen Republik. Die Reise führte ihn durch die gesamte nördliche Hälfte des Landes, sowohl durch die fruchtbare zentrale Cibao-Region als auch durch die nördlichen Grenzgebiete. Die Cibao-Region galt traditionell als Zentrum der Elitenrivalität mit Trujillo, und die nördliche Grenzregion war seit jeher ein Gebiet lokaler Autonomie und Zufluchtsort für lokale Machthaber, die Caudillos. Die US-amerikanische Gesandtschaft in Santo Domingo ging davon aus, dass die Augustreise dazu diente, die Opposition einzuschüchtern. Wie bei früheren Grenzreisen und Besuchen in ländlichen Gebieten schüttelte Trujillo Hände, verteilte Lebensmittel und Geld, besuchte Tänze und Feiern zu seinen Ehren und bemühte sich, politische Loyalität in bislang widerspenstigen Gebieten zu sichern.[5]
Verlauf des Massakers
Beginn am 2. Oktober 1937
Am Abend des 2. Oktober 1937 hielt Trujillo während eines zu seinen Ehren veranstalteten Tanzes in der Grenzstadt Dajabón eine Ansprache, die gemeinhin als Auftakt des Massakers gilt.[13] In seiner Rede erklärte Trujillo: „Den Dominikanern, die sich über die Verwüstungen durch unter ihnen lebende Haitianer beklagten – Viehdiebstähle, Diebstähle von Vorräten, Früchten usw. –, und die dadurch daran gehindert wurden, in Frieden die Früchte ihrer Arbeit zu genießen, [...] Ich werde das in Ordnung bringen! Wir haben bereits begonnen, Abhilfe zu schaffen. 300 Haitianer sind jetzt tot. Dieses Mittel wird fortgesetzt!“ Damit bestätigte Trujillo, dass bereits Ende September erste Tötungen stattgefunden hatten.[14]
In der ausführlicheren überlieferten Fassung der Rede formulierte Trujillo das Massaker als Reaktion auf angeblichen Viehdiebstahl und Ernteplünderungen durch Haitianer, die in der Dominikanischen Republik lebten.[13] Der US-amerikanische Historiker Richard Lee Turits von der University of Michigan identifizierte diese Rede als den Beginn einer Reihe wechselnder Rechtfertigungen, mit denen das Massaker als spontaner Konflikt zwischen dominikanischen Bauern und haitianischen Viehdieben dargestellt wurde.[14]
Massentötungen
Die Massentötungen dauerten zwischen fünf und acht Tagen, vom 2. Oktober bis etwa zum 8. Oktober 1937. Einheiten der dominikanischen Armee aus verschiedenen Landesteilen führten die Tötungen durch, unterstützt von zwangsverpflichteten Zivilisten.[15] In den Städten wurden die Opfer in der Regel abgeführt, bevor sie getötet wurden. Auf dem Land fanden die Tötungen offen und vor aller Augen statt.[16]
Als Mordwaffen kamen vorwiegend Macheten, Bajonette und Knüppel zum Einsatz. Schusswaffen wurden nur selten verwendet, hauptsächlich bei der Tötung von Fliehenden. Mehrere Historiker interpretieren die Wahl der Waffen als bewusste Strategie Trujillos, um den Anschein eines Volksaufstands zu erwecken und die staatliche Urheberschaft des Genozids abstreiten zu können. Die offizielle Darstellung des Regimes lautete, das Massaker sei ein spontaner Aufstand patriotischer dominikanischer Bauern gegen haitianische Viehdiebe gewesen.[15]
Einige dominikanische Augenzeugen aus der nördlichen Grenzregion berichteten, dass Haitianern zunächst eine Frist von 24 Stunden zum Verlassen des Landes eingeräumt wurde. In manchen Fällen wurden die Leichen von Haitianern an prominenten Stellen, etwa am Eingang von Ortschaften, öffentlich aufgehängt, um andere einzuschüchtern.[16] Während der ersten Tage des Massakers war es Haitianern, die die Grenze erreichten, noch gestattet, über die offizielle Brücke am Grenzübergang Dajabón nach Haiti zu gelangen. Am 5. Oktober wurde die Grenze jedoch geschlossen. Danach mussten Fliehende den Grenzfluss Río Dajabón – auch Río Masacre (Massacre River) genannt, wobei der Name nicht auf dieses Massaker, sondern auf ein früheres kolonialzeitliches Blutbad zurückgeht – durchwaten, während das Militär systematisch Haitianer am östlichen Ufer niedermetzelte.[15]
Einige Soldaten gestanden später, dass sie die Tötungen nur unter dem betäubenden Einfluss von Alkohol hatten durchführen können.[16] Einzelne Dominikaner riskierten ihr eigenes Leben, um haitianischen Nachbarn zur Flucht zu verhelfen, während andere dem Militär bei der Identifizierung von Haitianern halfen. In der Grenzregion von Loma de Cabrera versteckten sich Haitianer der lokalen Überlieferung zufolge in Höhlen hinter einem Wasserfall.[15]
Zielgruppe der Tötungen
Ziel des Massakers waren Haitianer und Dominikaner haitianischer Abstammung in der nordwestlichen Grenzregion und in Teilen der Cibao-Region.[5] Haitianische Arbeiter auf den Zuckerrohrfeldern im östlichen Teil des Landes wurden mit wenigen Ausnahmen nicht angegriffen.[8] Die Grenzregion war zuvor durch eine fließende Koexistenz ethnischer Haitianer und Dominikaner gekennzeichnet gewesen, die überwiegend als unabhängige Kleinbauern lebten.[16] Viele der Opfer waren auf dominikanischem Boden geboren und besaßen gemäß der dominikanischen Verfassung die dominikanische Staatsangehörigkeit.[17]
Der Sprachtest mit dem Wort „Petersilie“
Die Bezeichnung „Petersilienmassaker“ geht auf einen Sprachtest zurück, der bei der Identifizierung der Opfer angewandt worden sein soll.[18] Verdächtige Personen wurden aufgefordert, das spanische Wort „perejil“ (deutsch Petersilie) auszusprechen.[19] Kreolischsprachige Haitianer konnten den gerollten spanischen Buchstaben „r“ und den Laut „j“ typischerweise nicht korrekt artikulieren und sagten stattdessen das kreolische Wort „pèsi“.[20] Wer das Wort nicht zur Zufriedenheit der Soldaten aussprechen konnte, wurde als Haitianer eingestuft und getötet.[18]
Dieser Sprachtest wird in der Forschung häufig als Schibboleth bezeichnet, in Anlehnung an die alttestamentarische Erzählung im Buch der Richter (Kapitel 12), in der die Gileaditer die Ephraimiter anhand ihrer Aussprache des Wortes Schibboleth identifizierten und töteten.[21] Die Bikulturalität und sprachliche Durchlässigkeit der Grenzregion machte es für die Soldaten schwierig, Haitianer von Dominikanern zu unterscheiden, weshalb neben dem Sprachtest auch äußere Merkmale und rassisch konstruierte Stereotype zur Anwendung kamen.[16]
Die US-amerikanische Historikerin Lauren Derby (University of California, Los Angeles) hat allerdings darauf hingewiesen, dass es in den dokumentierten Augenzeugenberichten der Überlebenden keine Erwähnung der Verwendung von „Petersilie“ als Erkennungsmittel gibt[16] und dass die Erzählung möglicherweise eher auf Mythenbildung als auf tatsächlichen persönlichen Berichten beruht.[22] Der Begriff „Petersilienmassaker“ setzte sich erst Jahrzehnte nach dem Ereignis in den Medien durch.[18]
Opferzahlen
Die genaue Zahl der Opfer des Massakers ist bis heute nicht gesichert und variiert je nach Quelle erheblich.[23] Die Schätzungen reichen von unter 1000 bis zu 35.000 Toten.[15] Die haitianische Regierung meldete seinerzeit rund 12.168 Tote, das dominikanische Regime unter Trujillo gab 3000 bis 5000 an,[24][25] während spätere dominikanische Quellen unter Joaquín Balaguer von 17.000 sprachen.[26] Der Westdeutsche Rundfunk (WDR) berichtete von vermutlich mehr als 10.000 Toten allein in der Woche der Massaker, wobei Tausende weitere bei der Flucht und an deren Folgen starben, und bezifferte die Gesamtopferzahl auf bis zu 30.000.[27] Weitere Schätzungen geben 18.000 bis 25.000 Ermordete an.[23] Das Forschungskollektiv „Border of Lights“ nennt eine Zahl von ungefähr 15.000 Haitianern und Dominikanern haitianischer Abstammung.[11]
Ein wesentlicher Grund für die Unklarheit über die Opferzahlen ist, dass Massengräber nie gefunden wurden.[15] Eine große, nicht bezifferbare Zahl von Leichen gelangte in das Meer oder wurde in Massengräbern verscharrt, wo sie durch saure Böden zersetzt wurden und forensischen Ermittlern nichts zur Exhumierung hinterließen.[28] Zudem verhängte das Trujillo-Regime ein Nachrichtenmoratorium über das Massaker und weigerte sich, die Rolle der Regierung öffentlich einzugestehen.[15]
Reaktionen und Folgen
Unmittelbare Reaktionen in Haiti

Die dominikanische Regierung rechnete nach dem Massaker mit bewaffneter Vergeltung aus Haiti. Frauen und Kinder wurden vorübergehend aus den Grenzgebieten evakuiert.[29] Das haitianische Militär unternahm jedoch nichts, um seine Landsleute zu verteidigen oder zu rächen.[23] Präsident Sténio Vincent untersagte zunächst die öffentliche Diskussion über das Massaker und verweigerte der Kirche die Genehmigung, Totenmessen für die Opfer abzuhalten.[29]
Am 15. Oktober 1937 gaben die Regierungen beider Länder eine gemeinsame Erklärung heraus, in der die Schwere der Vorfälle heruntergespielt wurde: „In der Hoffnung, dass gewisse Zwischenfälle, die sich an der nördlichen Grenze zwischen Dominikanern und Haitianern ereigneten, nicht Gegenstand übertriebener Kommentare werden, die der Harmonie [beider Nationen] zuwiderlaufen [...] wird erklärt, dass die guten Beziehungen zwischen Haiti und der Dominikanischen Republik keinen Schaden genommen haben.“[29]
Berichterstattung und Exilkritik
Während das dominikanische Regime jegliche Berichterstattung über die Tötungen zensierte, berichteten haitianische Zeitungen über das Geschehen. Die Zeitung Le Nouvelliste veröffentlichte am 13. Oktober 1937 einen Artikel unter dem Titel Le Malheureux Incident de la Frontière (deutsch Der unglückliche Grenzzwischenfall), in dem von „unerklärlichen Tötungen nebenan“ berichtet und beschrieben wurde, wie Überlebende ins Land strömten, darunter „achtzehn, die derzeit im Krankenhaus von Okap versorgt werden“. Der Tonfall der haitianischen Berichterstattung blieb dabei vorsichtig, um die Spannungen zwischen beiden Ländern nicht weiter anzuheizen.[30]
Die Nachricht vom Massaker gab antidominikanischen Exilanten weiteren Anlass, das Regime zu verurteilen. Der Gründer der Sozialistischen Volkspartei der Dominikanischen Republik (PSP), Pericles Franco Ornes, der im chilenischen Exil lebte, veröffentlichte unter dem Titel La Tragedia Dominicana (deutsch Die dominikanische Tragödie) – mit einem Vorwort von Pablo Neruda – eine Schrift, in der das Massaker als blutiges Mahnmal der Brutalität des Regimes angeführt wurde.[30]
Internationale Vermittlung und Entschädigungsabkommen
Unter wachsendem innenpolitischem Druck in Haiti – Demonstrationen, Streiks und ein gescheiterter Putschversuch im Dezember 1937 – forderte Präsident Vincent schließlich eine internationale Untersuchung und Vermittlung. Trujillo lehnte eine Untersuchung ab und bot stattdessen eine Entschädigungszahlung an Haiti an.[29]
Am 31. Januar 1938 wurde in Washington, D.C., ein Entschädigungsabkommen unterzeichnet, das von den Regierungen Mexikos, Kubas und der Vereinigten Staaten bezeugt wurde. Die dominikanische Regierung erkannte in dem Abkommen „keinerlei Verantwortung“ für die Tötungen an. Trujillo bot eine Summe von 750.000 US-Dollar an, von der letztlich nur 525.000 tatsächlich gezahlt wurden. Pro Opfer entsprach dies einer Entschädigung von etwa 30 US-Dollar,[29] von denen aufgrund der Korruption im haitianischen Verwaltungsapparat nur ein Bruchteil – nach manchen Quellen lediglich zwei Cent pro Opfer – tatsächlich bei den Überlebenden ankam.[31]
In einer Erklärung gegenüber den Zeugenstaaten des Abkommens betonte Trujillo, dass die Vereinbarung neue Gesetze zur Eindämmung der Migration zwischen Haiti und der Dominikanischen Republik festschreibe: „Mehr als eine Entschädigung [...] wird [dies] die Zukunft der dominikanischen Familie sichern und [...] die einzige Bedrohung abwenden, die über der Zukunft unserer Kinder schwebt, jene, die durch das Eindringen, friedlich aber dauerhaft und hartnäckig, des schlimmsten haitianischen Elements in unser Territorium gebildet wird.“ Der Historiker Turits konstatierte, dass das Trujillo-Regime in dem Entschädigungsabkommen das Massaker faktisch als Reaktion auf eine vermeintliche illegale Einwanderung unerwünschter Haitianer verteidigte und einen Moment internationalen Skandals in ein Gründungsereignis für die Legitimierung des Staates durch antihaitianischen Nationalismus verwandelte.[29]
Scheinprozesse und fortgesetzte Gewalt
Im November 1937 leitete Trujillo eine strafrechtliche Untersuchung der „Zwischenfälle“ in der Grenzregion ein, die bis März 1938 zur Verurteilung Dutzender dominikanischer Zivilisten führte, die gezwungen worden waren, die Tötung von 423 Haitianern zu gestehen. Weder diese Prozesse noch das Abkommen mit Haiti setzten dem Terror ein Ende. Im Frühjahr 1938 ordnete Trujillo eine neue Kampagne gegen „Haitianer“ an, diesmal in der südlichen Grenzregion. Über mehrere Monate hinweg wurden Tausende zur Flucht gezwungen und Hunderte getötet.[29]
Folgen für die Grenzregion
Das Massaker veränderte die Grenzregion grundlegend, indem es eine strikte Trennung zwischen Haitianern und Dominikanern erzwang. Anstelle des freien und häufigen Grenzverkehrs entstand eine geschlossene und streng überwachte Grenze.[32] Im Rahmen des Dominikanisierungsprogramms nach dem Massaker siedelte das Regime neue dominikanische Siedler in den Grenzstädten an und ersetzte französische oder haitianisch-kreolische Ortsnamen durch patriotisch klingende spanische. Eine neue Provinz im dominikanischen Nordwesten erhielt den Namen „Libertador“ (deutsch Befreier).[15]
Die Reaktionen unter den Dominikanern der nördlichen Grenzregion fielen unterschiedlich aus.[33] Ihre Gemeinschaften waren durch die Ermordung oder Flucht der Hälfte ihrer Bewohner verwüstet, und an die Stelle des freien Grenzverkehrs war eine geschlossene Grenze getreten.[34] Aus Sicht vieler Bewohner erschien Trujillos Massaker als unerklärliches Grauen.[8] Andere hingegen, insbesondere deren Nachkommen, übernahmen im Laufe der Zeit den antihaitianischen Rassismus der städtischen dominikanischen Elite und gelangten zu der Überzeugung, dass die Tötungen eine wahre „Dominicanidad“, eine dominikanische nationale Identität, an der Grenze wiederhergestellt hätten.[35]
Die Évian-Konferenz und die Ansiedlung jüdischer Flüchtlinge

Neun Monate nach dem Massaker, im Juli 1938, fand im französischen Évian-les-Bains auf Initiative des US-Präsidenten Franklin D. Roosevelt eine internationale Konferenz statt, auf der Vertreter von 32 Staaten über die Aufnahme jüdischer Flüchtlinge aus dem nationalsozialistischen Deutschland berieten.[36] Obwohl mehrere Staaten Mitgefühl bekundeten, war die Dominikanische Republik das einzige Land, das sich bereit erklärte, zusätzliche Flüchtlinge aufzunehmen.[37] Virgilio Trujillo Molina, der Bruder des Diktators, bot die Aufnahme von bis zu 100.000 politischen Flüchtlingen an.[38]
Die US-amerikanische Historikerin Marion A. Kaplan hat darauf hingewiesen, dass Trujillo nach dem internationalen Aufschrei infolge des Massakers an den Haitianern dringend positive Publicity benötigte.[39] Trujillo verfolgte mit dem Angebot das rassistisch motivierte Ziel, die Hautfarbe der dominikanischen Bevölkerung „aufzuweißen“, wie er unumwunden einräumte. Er glaubte an die Überlegenheit der weißen Rasse und betrachtete europäische Juden als willkommene Einwanderer, die zur „ethnischen Aufwertung“ seiner Bevölkerung beitragen könnten.[40]
In Zusammenarbeit mit dem American Jewish Joint Distribution Committee (JDC) wurde in der Küstenstadt Sosúa eine landwirtschaftliche Siedlung errichtet. Die ersten Siedler trafen im Mai 1940 ein.[41] Insgesamt kamen jedoch nur etwa 800 jüdische Flüchtlinge nach Sosúa, von denen viele später in die Vereinigten Staaten weiterzogen.[40]
Überlebende und Erinnerung
Überlebende
Francisco Pierre, 1927 als Sohn haitianischer und dominikanischer Eltern in der dominikanischen Grenzstadt Loma de Cabrera geboren,[15] erinnerte sich, wie ein Nachbar an seinem Haus vorbeilief und rief: „Steht auf und geht sofort nach Haiti hinüber, denn sie töten die Leute im Dorf.“[42] Pierre berichtete, wie er als Zehnjähriger zusammen mit seiner Großmutter und einem mit Reis beladenen Esel in Richtung Haiti floh und unterwegs an den Leichen derjenigen vorbeikam, die es nicht geschafft hatten. Er ließ sich in Ouanaminthe in Haiti nieder und kehrte nur ein einziges Mal in die Dominikanische Republik zurück – um ein Krankenhaus aufzusuchen, als er schwer erkrankt war.[15]
Germéne Julien, 1934 in der Dominikanischen Republik geboren, berichtete 2017 im Alter von 83 Jahren, wie ihre Familie „einen riesigen Garten mit Yucca, Reis und vielen anderen Dingen“ zurücklassen musste. Sie war drei Jahre alt, als sie mit ihren Eltern am Nachmittag über die Grenze floh. „Viele Angehörige meiner Familie, die aus Monte Cristi kamen, starben auf dem Weg,“ erzählte sie. In Haiti, wo sie in einem einfachen Haus mit Lehmwänden lebte, musste die Familie bei null anfangen.[15]
Literarische Verarbeitung
Das Petersilienmassaker fand in mehreren literarischen Werken Niederschlag. Die haitianisch-amerikanische Schriftstellerin Edwidge Danticat, 1969 in Port-au-Prince geboren und seit ihrem zwölften Lebensjahr in New York lebend, veröffentlichte 1998 den Roman The Farming of Bones (deutsch Die süße Saat der Tränen, 1999), in dem sie die Geschichte der haitianischen Dienstmagd Amabelle erzählt, die das Massaker überlebt, aber ihren Geliebten, den Zuckerrohrschneider Sebastien, verliert.[43] Danticat stellte ihrem Roman drei Verse aus dem alttestamentarischen Buch der Richter voran und stellte damit eine Verbindung zwischen dem Petersilienmassaker und dem biblischen Schibboleth-Motiv her.[44] Der Roman wurde im Jahr 2000 mit dem LiBeraturpreis ausgezeichnet, einem Preis für Autorinnen aus Afrika, Asien und Lateinamerika.[45]
Die US-amerikanische Lyrikerin Rita Dove veröffentlichte bereits 1983 in ihrer Gedichtsammlung Museum das Gedicht Parsley, das das Massaker thematisiert und mit den Zeilen endet: „He will / order many, this time, to be killed // for a single, beautiful word.“[46] Der haitianische Schriftsteller René Philoctète verarbeitete 1989 das Massaker in seinem Roman Le peuple des terres mêlées (deutsch Das Volk der vermischten Erde), in dem er die Geschichte einer grenzüberschreitenden Gemeinschaft erzählt und die Bruderschaft zwischen Dominikanern und Haitianern gegen homogenisierende Nationalprojekte stellt.[47]
Gedenken
Im Jahr 2012, zum 75. Jahrestag des Massakers, gründete sich das transnationale Freiwilligenkollektiv „Border of Lights“ (deutsch Grenze des Lichts), das in den Grenzstädten Ouanaminthe (Haiti) und Dajabón (Dominikanische Republik) öffentliche Gedenkveranstaltungen organisierte und die Erinnerung an die Opfer wachhielt.[48] In einem 2024 erschienenen Aufsatz reflektierten die Mitgründer des Kollektivs über elf Jahre Erinnerungsarbeit und verwiesen auf physische Gedenkstätten, textuelle Erinnerungsorte und zeitliche Markierungen des Massakers.[49] In der dominikanischen Gesellschaft wird das Massaker heute allgemein anerkannt und in Schulen unterrichtet, gilt jedoch nach wie vor als unbequeme Erinnerung an eine brutale Vergangenheit.[15]
Im Oktober 2022 erinnerte der Westdeutsche Rundfunk (WDR) in seiner Sendereihe ZeitZeichen anlässlich des 85. Jahrestages an das Massaker und bezeichnete es als „versuchten Völkermord“.[50] Beim Filmfestival DOK Leipzig wurde 2024 der Dokumentarfilm Twice into Oblivion gezeigt, der die bis heute nachwirkende Traumatisierung der Inselbevölkerung durch das Petersilienmassaker thematisiert.[51]
Das Massaker im Kontext der antihaitianischen Ideologie
Die antihaitianische Ideologie (Antihaitianismo), die dem Massaker zugrunde lag, hatte tiefe historische Wurzeln in der dominikanischen Gesellschaft, wurde jedoch unter Trujillo systematisch verschärft und instrumentalisiert. In einer wissenschaftlichen Abschlussarbeit an der University at Albany wird argumentiert, dass der Antihaitianismus eine zentrale Rolle bei der Konstruktion dominikanischer nationaler Identität spielte und unter dem Deckmantel der Dominikanisierungspolitik Trujillos zu einer Staatsideologie wurde.[11][52]
Die in der Brill-Zeitschrift New West Indian Guide erschienene Studie der Historikerin Amelia Hintzen zeigt auf der Grundlage von Archivmaterial, dass Trujillo dem Massaker einen „Schleier der Legalität“ überzuwerfen versuchte, indem er antihaitianische Maßnahmen zunächst auf gesetzlichem Wege durchzusetzen versuchte. Erst als diese Strategie am Widerstand lokaler Amtsträger scheiterte, die ihre eigene Autorität nicht untergraben lassen wollten, ordnete Trujillo das Massaker an.[5]
Die von dem Diktator propagierte Rhetorik bediente sich gezielt der Begriffe „Überfremdung“ und „Vereinnahmung“, um die dominikanische Bevölkerung gegen die haitianischen Arbeiter aufzuhetzen. In einem überlieferten Gespräch zwischen dominikanischen Soldaten und einem gefangenen Priester formulierten die Soldaten die Logik des Regimes: „Unser Mutterland ist Spanien, ihres ist das dunkelste Afrika [...]. Sie sind einmal zum Zuckerrohrschneiden hergekommen, aber jetzt sind mehr von ihnen hier, als je Zuckerrohr zum Schneiden da sein wird [...]. Wie kann ein Land uns gehören, wenn unsere Zahl kleiner ist als die der Fremden?“[14][25]
Nach dem Massaker setzte das Trujillo-Regime seine Politik der kulturellen und demografischen Umgestaltung der Grenzregion fort, um das Ergebnis der Massentötungen zu konsolidieren und die antihaitianische Abgrenzung dauerhaft zu verankern.[11] Das Massaker wurde somit zum Gründungsereignis einer geschlossenen, streng überwachten Grenze und einer ethnisch und sprachlich definierten dominikanischen Gemeinschaft, die durch die Gewalt selbst erst konstruiert worden war.[29]
Ende der Trujillo-Diktatur
Rafael Leónidas Trujillo Molina wurde am 30. Mai 1961 von einem Killerkommando in seinem Auto erschossen.[53] Erst nach seinem Tod begannen Forscher, das bis dahin tabuisierte Thema des Massakers zu untersuchen, Interviews mit Überlebenden zu führen und Dokumente auszuwerten.[54] Die Spannungen zwischen der Dominikanischen Republik und Haiti, die durch das Massaker und die anschließende antihaitianische Politik verschärft wurden, bestehen bis in die Gegenwart fort,[5] insbesondere aufgrund der großen Zahl haitianischer Migranten, die in der Dominikanischen Republik unter niedrigen Löhnen arbeiten.[55]
Literatur
- Richard Lee Turits: Foundations of Despotism: Peasants, the Trujillo Regime, and Modernity in the Dominican Republic. Stanford 2003, ISBN 0-8047-4353-3.
- Lauren Derby, Richard Lee Turits: Temwayaj Kout Kouto, 1937: Eyewitnesses to the Genocide. In: Cécile Accilien et al. (Hrsg.): Revolutionary Freedoms: A History of Survival, Strength and Immagination in Haiti. Coconut Creek 2006, ISBN 978-1-58432-293-1, Teil 5, Kap. 26, S. 137–143 (ucla.edu [PDF]).
- Amelia Hintzen: “A Veil of Legality”: The Contested History of Anti-Haitian Ideology under the Trujillo Dictatorship. In: New West Indian Guide. Jg. 90. Leiden 2016, S. 28–54, doi:10.1163/22134360-09001053.
- Edward Paulino: Bearing Witness to a Modern Genocide. In: Berkeley Review of Latin American Studies. Berkeley 2016, S. 51–55 (berkeley.edu [PDF]).
Weblinks
- Marlon Bishop, Tatiana Fernandez: 80 Years On, Dominicans And Haitians Revisit Painful Memories Of Parsley Massacre. Baltimore Public Media, WYPR, 7. Oktober 2017.