Philipp Friedrich Ramdohr
braunschweigischer Leibarzt
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Philipp Friedrich Ramdohr (* 14. September 1694 in Wolfenbüttel; † 10. Februar 1755 in Braunschweig) war Leibchirurg der Herzöge von Braunschweig-Lüneburg und Erfinder einer chirurgischen Nähtechnik.

Herkunft
Er wurde als ältester überlebender Sohn aus der ersten Ehe des seit mindestens 1694 als fürstlich-braunschweigischer Mühlenschreiber (auf der neuen Mühle) tätigen Melchior Franz Ramdohr (* 19. September 1661; † 18. Februar 1717)[1] und dessen 1690 geehelichter Gattin Dorothea (lutherisch, * um 1670) in Wolfenbüttel geboren. Seine Paten waren der Kanzler Philipp Ludwig Probst von Wendhausen, der Geheimrat Friedrich Achaz Freiherr von der Schulenburg (1647–1701) und das herzogliche Kammerfräulein Sophia Henrietta von Lente, Ehefrau des Oberhofschenk Anton Albrecht Freiherr von Imhoff (* 17. Dezember 1653; † 1715 in Dresden)[2], allesamt höhere Amtsträger im Staatswesen Braunschweig-Lüneburgs. Philipp Friedrich Ramdohr hatte die jüngeren Brüder Christian Heinrich (* 22. September 1701 in Wolfenbüttel; † 1730) und Anton Wilhelm Ramdohr (* 13. Oktober 1707, bei der Taufe waren Herzog Anton Ulrich und Erbprinz August Wilhelm die Paten[3]; † 1757, Berg-Chirurgus in Zellerfeld) und den Halbbruder Dietrich Johann Ramdohr (* 22. September 1716; Paten waren die Kommissare Conerding und Matthei sowie ein Fräulein Eberhard). Vier weitere Geschwister verstarben im frühen Kindesalter.
Leben und Wirken
Ramdohr studierte Medizin und war ab etwa 1722 Leibchirurg des Herzogs von Braunschweig-Lüneburg. Im Jahre 1727 wurde er auf dem Gebiet der Darmchirurgie durch eine zusammen mit D. Kuntzius in Wolfenbüttel ausgeführte Invaginationsoperation an einer beinahe todgeweihten Frau aus dem Volk bekannt, die an einem eingeklemmten Bruch in der Leistengegend litt, welcher sich nach vorangeschrittener Entzündung zu einem Abszess entwickelt hatte, aufbrach und etwa 60 cm nekrotisches Darmgewebe freilegte. Ramdohrs Methode rettete der Frau das Leben und stellte damals eine bedeutende medizinische Neuheit dar.[4] Obwohl er selbst keine eigene Publikation dieser Operation vornahm, wurde die Methode in einer Disputation[5] des Johannes Fridericus Moebius dargelegt, die er am 19. Dezember 1730 vor Lorenz Heister in Helmstedt verteidigte, der seinerseits[6] im Jahre 1739 und 1750 diese Methode schilderte. Sie wurde fortan auch als Ramdohr-Naht bezeichnet und galt über ein Jahrhundert lang als beste Technik zum Nähen größerer Querwunden und zirkulärer Durchtrennungen. Dabei inspirierte diese Verfahrensweise sowohl Jobert de Lamballe (1824) als auch Lembert (1826) zu tierexperimentellen Nahtuntersuchungen am Darm. Auch spätere Abwandlungen dieser Nahttechnik, etwa durch Peyronie 1732, berücksichtigten das Invaginationsprinzip. Insgesamt führte Ramdohrs Methode somit zu Fortschritten im militärischen Sanitätswesen und in der Intestinalchirurgie.[7]
Im Jahr 1745 blickte Ramdohr auf eine 30-jährige praktische Erfahrung zurück und veröffentlichte als herzogl. braunschw. lüneb. Leib- Hof- und Landchirurgus in den Braunschweigischen Anzeigen eine Abhandlung, ob es möglich sey, den Krebs ohne Schnitt zu curiren, wobei er ein Verfahren zur Kauterisierung schilderte.[8] Er war zudem ab 1748 als Oberhospital-Chirurgus tätig, nahm am Feldzug nach Brabant teil und wirkte um 1751 neben seiner Funktion als Leib-Chirurgus unter Herzog Karl auch als Demonstrator für Vorlesungen in Chirurgie am Collegium Anatomico-Chirurgicum in Braunschweig. Außerdem gab er in seinem Privathaus geraume Zeit Unterrichtsstunden für Hebammen und führte auch Operationen an Neugeborenen durch (1751 zum Beispiel zur Behebung einer Hasenscharte).[9]
Es ist anzunehmen, dass zu seinen Hörern/Schülern auch der eigene Neffe Ferdinand Benedikt Ramdohr (* 1735), später Leib- und Berg-Chirurg zu Zellerfeld, zählte.[10] Zu Ramdohrs Beerdigung am 14. Februar 1755 wurde ein Trauergedicht seitens seines Schwiegersohns, des Arztes und Chirurgie-Lehrers Ernst Gottlieb Schmidt, veröffentlicht.[11][12][13]
Familie und Nachkommen

Ramdohr heiratete um 1735 in zweiter Ehe[14] die Anna Dorothea, geborene Halberstadt (* um 1710; † 2. Oktober 1758) in Braunschweig. Aus dieser Ehe entsprangen mehrere Töchter, aber keine überlebenden männlichen Nachkommen.
Werke (direkte Autorenschaft fraglich)
- Naht, ...die Därme betreffend; vermutlich um 1803 in Göttingische gelehrte Anzeigen veröffentlicht[13]
- Commerce littéraire de Nuremberg (Commerc. Norimberg) 1731, Specimen 26
Literatur und Weblinks
- Dieter Schaefer: Stammfolgeliste für Andreas RAMDOHR, erstellt am 7. Mai 2008 (Online auf rainer-doerry.de als PDF, Einsichtnahme am 3. Juli 2020)
- Ludwig Gottlieb Ramdohr: Stamm-Tafeln der Familien Ramdohr, Manuskript, Gotha 1893, Seite 110, Eintrag Nr. 112 und 113
- George A. Otis (Washington, 1876): The Medical and Surgical History of the War of the Rebellion, Band 2, Seite 117 (Online bei books.google.de und archive.org)
- Kocher: Darmresection aus der chirurgischen Klinik des Herrn Prof. Kocher in Bern. Ein Beitrag zur Frage der Darmresection bei gangrösen Hernien in: Deutsche Zeitschrift für Chirurgie, Band 32 (Verlag Vogel, 1891), Seite 94 bis 97; Eingeschränkte Vorschau bei books.google.de; Einsichtnahme am 13. Juni 2020
- Hartel, Wilhelm: Viszeralchirurgie: Quellen, Entwicklung, Status (Einhorn-Presse, 2001) Seite 172 ff., 224 (Eingeschränkte Vorschau bei books.google.de; Einsichtnahme am 13. Juni 2020)
- Paul Ferdinand Nockemann: Nahttechniken und Nahtmaterialien in der Viszeralchirurgie (Einhorn-Presse, 2001) Seite 57 ff., (Eingeschränkte Vorschau bei books.google.de; Einsichtnahme am 13. Juni 2020)
- Ulrich Andreas Dietz, Eike-Sebastian Debus: Intestinal Anastomoses Prior to 1882; a Legacy of Ingenuity, Persistence, and Research form a Foundation for Modern Gastrointestinal Surgery in: Medicine - World Journal of Surgery, 2005 Mar;29(3):396-401. doi:10.1007/s00268-004-7720-x (Zusammenfassung und Figuren, mit Abbildung der Ramdohr’schen Naht. Einsichtnahme am 5. Juli 2020)
- Prof. Dr. med. Urs Boschung (2003): Meilensteine in der Geschichte der intestinalen Anastomose (Milestones in the History of Intestinal Suture Technique), Swiss Surgery 3/2003; Verlag Hans Huber, Bern. ISSN 1023-9332
- Joseph-François Malgaigne: Manuel de médecine opératoire, fondée sur l’anatomie normale et l’anatomie pathologique. Baillière, Paris 1834, 9. Auflage, Alcan, Paris 1888 Band II, Seite 357 (Digitalisat)
- D.W.H. Busch et al. (1831): Encyclopädisches Wörterbuch der medicinischen Wissenschaften, Band 6 (J.W. Boike, Berlin 1831), Seite 40 (books.google.de)


