Philodems Geschichte der Akademie

philosophiegeschichtliche Schrift des epikureischen Philosophen Philodemos von Gadara. From Wikipedia, the free encyclopedia

Philodems Geschichte der Akademie (lat. Academica, auch Index Academicorum, Academicorum historia) ist eine in den herkulanensischen Papyri überlieferte philosophiegeschichtliche Schrift des epikureischen Philosophen Philodemos von Gadara. Das Werk bietet eine biographisch strukturierte Darstellung der platonischen Akademie von Platon bis in die späte hellenistische Zeit und stellt eine der wichtigsten indirekten Quellen für die Geschichte der Schule dar. Es ist Teil einer umfassenderen Darstellung philosophischer Traditionen (Syntaxis der Philosophen), in der Philodemos verschiedene Schulen systematisch behandelt.

Geschichte der Akademie nach Philodem

Die Überlieferung erfolgt durch die Papyrusrollen PHerc. 1021 und PHerc. 164 sowie das erst 2012 identifizierte Fragment PHerc. 1691. Dabei repräsentieren PHerc. 1021 und das zugehörige Material (einschließlich PHerc. 1691) ein Arbeitsmanuskript (Entwurfsfassung), das zahlreiche Korrekturen, Zusätze und Umstellungen aufweist, während PHerc. 164 die nur fragmentarisch erhaltene Endfassung des Werkes darstellt. Der Charakter als „work in progress“ ist für die Interpretation des Textes von zentraler Bedeutung, da er Einblicke in Philodemos’ Arbeitsweise als exzerpierender Kompilator erlaubt.

Inhaltlich handelt es sich um eine aus älteren Quellen zusammengestellte Schulgeschichte. Philodemos greift insbesondere auf Autoren wie Dikaiarch, Philochoros, Neanthes von Kyzikos und Antigonos von Karystos zurück; für die zweite Hälfte des Werkes bilden die Chronika des Apollodor von Athen die wichtigste Quelle, aus der er teilweise umfangreiche Passagen wörtlich exzerpiert.

Die Darstellung reicht von Platon und der sogenannten Alten Akademie über die skeptische Wende bis in die Zeit des Antiochos von Askalon im 1. Jahrhundert v. Chr. Am Ende tritt Philodemos selbst als Zeitzeuge auf und berichtet über zeitgenössische Philosophen sowie persönliche Kontakte innerhalb der akademischen Tradition.

Die Neuedition der Papyri durch Kilian Fleischer (2023) hat den lesbaren Textbestand durch moderne bildgebende Verfahren erheblich erweitert und zahlreiche Korrekturen ermöglicht. Dazu gehört unter anderem die präzisierte Namensform Philio von Larissa, in der älteren Forschung und vielfach auch in Nachschlagewerken als Philon von Larisa bezeichnet, sowie neue Erkenntnisse zu Philodemos’ Biographie, etwa zu einem Aufenthalt in Alexandria vor seiner Studienzeit in Athen.

Für ein Werk eines epikureischen Autors ist die Darstellung bemerkenswert sachlich und weitgehend frei von polemischer Verzerrung. Gerade dadurch gewinnt sie besonderen Quellenwert: Philodemos fungiert als Vermittler verlorener antiker Berichte und bewahrt ein umfangreiches Archiv der platonischen Schultradition, das für die moderne Forschung von zentraler Bedeutung ist.

I. Einleitung: Gegenstand, Bedeutung und Forschungsstand

1. Philodems „Academica“ als Werk der Philosophiegeschichtsschreibung

Philodems Schrift über die platonische Akademie, in der Forschung meist als Index Academicorum und seit Konrad Gaiser auch als Philodems Academica bezeichnet, ist eine der wichtigsten erhaltenen Quellen zur Geschichte der platonischen Schule. Sie behandelt die Entwicklung der Akademie von Platon bis in die Zeit des 1. Jahrhunderts v. Chr. und bewahrt Nachrichten, die in der übrigen antiken Überlieferung teils nur verkürzt, teils gar nicht erhalten sind. Die besondere Bedeutung des Werkes liegt darin, dass es nicht erst aus der spätantiken oder byzantinischen Tradition bekannt ist, sondern in einer antiken Papyrusrolle aus Herculaneum überliefert wurde. Dadurch eröffnet es einen unmittelbaren Zugang zu einer hellenistischen Form der Philosophiegeschichtsschreibung, die sonst weitgehend verloren ist.[1]

Die Academica gehörten nicht zu einem isolierten Einzelwerk, sondern bildeten ein Buch innerhalb von Philodems groß angelegter Σύνταξις τῶν φιλοσόφων (Syntaxis tōn philosophōn, „Anordnung der Philosophen“). Diese Schrift war eine umfassende Darstellung philosophischer Schulen und behandelte außer der Akademie auch andere Richtungen, darunter die Stoa und den Epikureismus. Der Titel Syntaxis verweist nicht nur auf eine bloße Sammlung, sondern auf eine geordnete Darstellung: Philodem ordnete Personen, Schulfolgen und Quellenmaterial so an, dass daraus eine zusammenhängende Geschichte philosophischer Gemeinschaften entstand.[2][3]

Inhaltlich ist das Akademie-Buch biographisch aufgebaut. Philodem erzählt die Geschichte der Schule nicht in erster Linie als abstrakte Dogmengeschichte, sondern über die Lebenswege ihrer wichtigsten Vertreter. Im Zentrum stehen zunächst Platon und die Alte Akademie, später die skeptische Akademie und schließlich die Schulentwicklung bis zu Philodems eigener Gegenwart. Diese Form entspricht einem verbreiteten antiken Verständnis von Philosophie: Eine philosophische Schule erscheint nicht nur als Träger bestimmter Lehrsätze, sondern als Lebensgemeinschaft, deren Lehre, Lebensform, Schülerkreis, politische Verbindungen und literarische Überlieferung miteinander verbunden sind. Die Biographie dient daher nicht bloß der Anekdote, sondern wird zu einem Mittel, philosophische Kontinuität und Veränderung sichtbar zu machen.[4]

Philodems Methode besteht wesentlich in der Auswertung älterer Quellen. Er übernimmt, kürzt, verbindet und ordnet Nachrichten aus früheren Autoren, darunter peripatetische, historiographische, chronographische und biographische Traditionen. Für die erste Hälfte des Werkes lassen sich unter anderem Dikaiarch, Philochoros, Neanthes, Hermippos und Antigonos von Karystos als wichtige Quellen oder Traditionsschichten erkennen. Für die spätere Akademie spielt die Chronik Apollodors von Athen eine besonders große Rolle. Gerade diese exzerpierende Arbeitsweise macht die Academica für die Forschung so wertvoll: In Philodems Darstellung sind Reste älterer, heute verlorener Schriften bewahrt, die ihrerseits näher an Platon, seinen Schülern und der hellenistischen Akademie standen als die meisten späteren Zeugnisse.[5][6]

Zugleich ist Philodem nicht als mechanischer Abschreiber zu verstehen. Die erhaltenen Papyri zeigen, dass sein Akademie-Buch in einem mehrstufigen Arbeitsprozess entstand. PHerc. 1021 mit dem später zugeordneten PHerc. 1691 bietet die Entwurfsfassung, während PHerc. 164 Reste einer Endfassung enthält. Nachträge, Umstellungen, Verweise, Korrekturen und auf der Rückseite notierte Ergänzungen lassen erkennen, dass Philodem sein Material fortlaufend bearbeitete. Die Academica sind deshalb nicht nur eine Quelle zur Akademie, sondern auch ein seltenes Zeugnis dafür, wie ein antiker Gelehrter eine philosophiegeschichtliche Darstellung vorbereitete, ergänzte und redaktionell formte.[7]

Der erhaltene Text ist fragmentarisch und an vielen Stellen schwer beschädigt. Dennoch erlaubt er ein ungewöhnlich dichtes Bild der Akademiegeschichte. Er enthält nicht nur Nachrichten über Platon, Speusippos, Xenokrates, Polemon von Athen, Krantor von Soloi und Arkesilaos, sondern auch über spätere Akademiker bis hin zu Philio von Larissa, in der älteren Forschung meist Philon von Larisa genannt, und Antiochos von Askalon. Damit reicht die Darstellung über die Alte Akademie hinaus und macht die lange innere Entwicklung der Schule sichtbar: von der Gründergestalt Platon über institutionelle und ethische Ausformungen der Alten Akademie, über die skeptische Wende bis zu den Debatten des 1. Jahrhunderts v. Chr. Die Schrift ist dadurch eine Brücke zwischen klassischer Platonüberlieferung, hellenistischer Schulgeschichte und spätrepublikanischer Philosophie.[8]

Im Vergleich mit Diogenes Laertios, der die andere große erhaltene antike Philosophiegeschichte bietet, erscheint Philodems Werk besonders nahe an älteren Quellen und in manchen Teilen historisch ergiebiger. Während Diogenes Laertios oft spätere, anekdotische und unterschiedlich zuverlässige Traditionen sammelt, bewahrt Philodem mehrfach ältere Exzerpte mit relativ deutlicher Quellenstruktur. Das bedeutet nicht, dass seine Darstellung frei von Problemen wäre: Auch sie ist von Auswahl, Kürzung, Überlieferungsverlust und gelegentlich unsicherer Quellenzuweisung geprägt. Ihr Wert liegt vielmehr darin, dass sie die Arbeitsweise hellenistischer Philosophiegeschichtsschreibung noch in einem antiken Arbeits- und Textzustand erkennen lässt.[9]

Die Academica sind somit zugleich Schulgeschichte, Quellensammlung und literarisches Arbeitsdokument. Sie zeigen, wie ein epikureischer Autor die Geschichte einer konkurrierenden philosophischen Schule darstellte, ohne sie einfach polemisch zu verzerren. Philodem schreibt aus einer fremden Schultradition heraus, aber gerade diese Distanz erhöht den Wert seiner Darstellung: Er sammelt und ordnet akademische Überlieferung nicht als innerakademische Selbstdarstellung, sondern als Teil einer umfassenderen Geschichte der Philosophie. Gegen Ende des Werkes tritt Philodem zudem nicht mehr nur als Exzerptor älterer Quellen hervor, sondern auch als Zeitzeuge, der die späte Akademie aus eigener Erfahrung und aus persönlichen Kontakten zu zeitgenössischen Akademikern kennt. Für die moderne Forschung ist das Werk daher nicht nur wegen einzelner Nachrichten über Platon und seine Nachfolger bedeutsam, sondern vor allem als erhaltenes Beispiel antiker Philosophiehistoriographie.[10]

2. Die indirekte Überlieferung Platons und seiner Schule

Die Erforschung Platons und der platonischen Akademie steht vor einer besonderen Überlieferungslage. Die Schriften Platons sind im Unterschied zu den Werken vieler anderer antiker Philosophen vollständig erhalten; dennoch ist damit die Geschichte seiner Schule nicht vollständig zugänglich. Platons Dialoge zeigen vor allem das philosophische Denken in literarischer Form, geben aber nur begrenzt Auskunft über die institutionelle Entwicklung der Akademie, über die Nachfolger Platons, über Schülerlisten, Schultraditionen, innere Richtungswechsel und die spätere Wirkung der Schule. Für diese Fragen ist die Forschung auf die indirekte Überlieferung angewiesen, also auf Nachrichten über Platon und die Akademie, die außerhalb des platonischen Corpus in biographischen, doxographischen, historiographischen, chronographischen und anekdotischen Quellen erhalten sind.[11]

Diese indirekte Überlieferung umfasst sehr verschiedene Arten von Zeugnissen. Dazu gehören Berichte über Platons Leben, Nachrichten über seine Schüler und Gegner, Angaben zur Organisation der Schule, Anekdoten, Aussprüche, Gedichte, fingierte Briefe, Bildnisse und archäologische Zeugnisse. Hinzu kommen doxographische Berichte über die Lehren der Alten Akademie, besonders über Speusipp, Xenokrates und die später in der Forschung so bezeichnete ungeschriebene Lehre Platons. Der Wert dieser Quellen liegt nicht nur darin, dass sie Lücken der direkten Überlieferung füllen. Sie zeigen auch, wie Platon und seine Schule in der Antike wahrgenommen, gedeutet und in philosophische Traditionslinien eingeordnet wurden.[12]

Philodems Academica nehmen innerhalb dieser indirekten Überlieferung eine herausragende Stellung ein. Das Werk bietet keine spätere Zusammenfassung aus spätantiker oder byzantinischer Zeit, sondern bewahrt in einer herkulanensischen Papyrusrolle hellenistisches Quellenmaterial. Dadurch führt es an vielen Stellen näher an die ältere Akademieüberlieferung heran als die meisten sonst erhaltenen Zeugnisse. Fleischer bezeichnet den Index Academicorum als die älteste erhaltene Geschichte der Akademie; sie zeichnet die Entwicklung der Schule von Platon bis Antiochos von Askalon nach und enthält eine Reihe glaubwürdiger, teils exklusiver Nachrichten über Platon und verschiedene Akademiker.[13]

Die Bedeutung Philodems wird besonders deutlich, wenn man ihn mit Diogenes Laertios vergleicht. Diogenes bietet die einzige andere vollständig erhaltene antike Philosophiegeschichte größeren Umfangs und ist für die antike Philosophie unentbehrlich. Philodem steht jedoch in manchen Partien älteren Quellen näher und gibt teilweise Material wieder, das bei Diogenes fehlt oder nur in stärker umgeformter Gestalt erscheint. Für Platon und die Akademie ist Philodem daher nicht bloß eine Ergänzung zu Diogenes, sondern ein eigenständiger Zeuge für frühere Stadien der Philosophiegeschichtsschreibung.[14]

Der Charakter der indirekten Überlieferung verlangt zugleich methodische Vorsicht. Antike Philosophenbiographien interessieren sich häufig nicht für die innere Entwicklung eines Denkens im modernen Sinn, sondern für Lebensformen, Charakterzüge, Schülerverhältnisse, Todesumstände, Reisen, politische Kontakte und prägnante Einzelgeschichten. Gaiser hebt hervor, dass solche „Kleinigkeiten“ für das Verständnis der Philosophie oft nur begrenzten Wert besitzen, für den geschichtlichen Rahmen von Platon und seiner Schule aber unentbehrlich sind. Sie zeigen nicht nur Personen und Umstände, sondern auch, wie die Nachwelt das Leben der Philosophen als Ausdruck ihrer Lehre verstehen wollte.[15]

Gerade deshalb sind die Academica kein einfacher Speicher zuverlässiger Fakten, sondern ein vielschichtiges Dokument antiker Traditionsbildung. Philodem exzerpiert ältere Autoren, ordnet ihr Material neu und verbindet verschiedene Nachrichten zu einer Schulgeschichte. In den erhaltenen Partien lassen sich unter anderem peripatetische, atthidographische, biographische und chronographische Traditionen erkennen. Dikaiarch bietet eine peripatetisch geprägte Sicht auf Platons Lebensform und philosophische Leistung; Philochoros liefert antiquarisch-historische Nachrichten zur Akademie; Neanthes überliefert biographische Erzählungen; Antigonos von Karystos ist für die Geschichte der Akademie nach Platon besonders wichtig. Damit ist Philodem auch ein Zeuge für heute verlorene Literatur über Platon und seine Nachfolger.[16][17]

Die indirekte Überlieferung ist dabei nicht nur wegen einzelner Nachrichten wichtig, sondern auch wegen der Frage, wie die Akademie als Institution verstanden wurde. Aus Philodems Darstellung tritt die Schule als eine fortdauernde Gemeinschaft hervor, die durch Lehrer-Schüler-Verhältnisse, Scholarchenfolge, gemeinsame Lebensformen und kontroverse Lehrentwicklungen geprägt war. Die Geschichte der Akademie erscheint nicht als bloße Abfolge von Lehrmeinungen, sondern als Verbindung von Personen, Orten, Schriften, politischem Umfeld und philosophischem Selbstverständnis. Das ist für die moderne Forschung besonders wertvoll, weil Platons Dialoge die spätere Schulgeschichte naturgemäß nicht dokumentieren können.[18]

Die Überlieferung durch die herkulanensischen Papyri verleiht Philodems Werk zusätzliches Gewicht. Die Bibliothek von Herculaneum führt an den sonst üblichen Wegen spätantiker und mittelalterlicher Textüberlieferung vorbei und bewahrt Literatur, die ohne die Vesuvkatastrophe verloren wäre. Der Index Academicorum ist zwar stark beschädigt, aber gerade durch die moderne Neuedition erheblich besser erschlossen worden. Fleischer betont, dass der gegenüber früheren Editionen um etwa 30 Prozent erweiterte und verbesserte Text zahlreiche neue Informationen zur Akademiegeschichte ermöglicht. Die Neuedition stützt sich dabei neben den älteren Disegni auf Multispektralbilder im Nahinfrarotbereich (MSI/NIR) und Hyperspektralbilder (HSI), deren Auswertung zusammen mit einer erneuerten papyrologisch-philologischen Methode zahlreiche neue Lesungen ermöglichte. Die indirekte Überlieferung Platons und seiner Schule ist daher kein abgeschlossenes Feld, sondern hängt unmittelbar vom Fortschritt der Papyrologie, der Bildgebung und der philologischen Rekonstruktion ab.[19]

Für das Verständnis Platons ergibt sich daraus eine doppelte Perspektive. Die direkten Schriften bleiben die Grundlage seiner Philosophie; die indirekte Überlieferung eröffnet dagegen den Blick auf seine Schule, seine antike Wirkung und die Weise, in der spätere Autoren sein Leben und seine Lehre miteinander verbanden. Philodems Academica stehen an der Schnittstelle beider Perspektiven. Sie sind kein Ersatz für Platons Dialoge, aber ein Schlüsselzeugnis für die historische Akademie, ihre Traditionsbildung und ihre Deutung in der hellenistischen Philosophiegeschichtsschreibung.[20]

3. Geschichte und aktueller Stand der Forschung

Die Erforschung von Philodems Akademie-Buch ist eng mit der Geschichte der herkulanensischen Papyrologie verbunden. Seit der Edition Friedrich Büchelers im Jahr 1869 und der Ausgabe Siegfried Meklers von 1902 wurde der Index Academicorum immer wieder als Quelle für Platons Leben und die Geschichte der Akademie herangezogen. Meklers Ausgabe blieb lange Zeit die maßgebliche Grundlage, obwohl sie auf den damals verfügbaren Abzeichnungen und begrenzten Möglichkeiten der Papyruslesung beruhte. Nach einzelnen Beiträgen von Ulrich von Wilamowitz-Moellendorff und anderen Forschern kam die Arbeit am Text im frühen 20. Jahrhundert weitgehend zum Stillstand. Kilian Fleischer weist darauf hin, dass nach Wilamowitz’ Arbeiten von 1910 für rund siebzig Jahre keine nennenswerte neue Bearbeitung des Papyrus erfolgte; die Edition Meklers wurde weithin als kaum noch verbesserungsfähig angesehen, obwohl der Zustand und die Eigenart herkulanensischer Papyri eine solche Sicherheit gerade nicht erlaubten.[21]

Einen wichtigen Neubeginn brachte die Wiederbelebung der Herkulanensischen Papyrologie seit den 1970er und 1980er Jahren. Neue Untersuchungen machten deutlich, dass PHerc. 1021 nicht einfach als linear erhaltener Textzeuge zu behandeln ist, sondern zahlreiche Nachträge, Umstellungen und materielle Besonderheiten aufweist. Besonders bedeutsam war die Erkenntnis, dass der Papyrus opisthographisch ist, also auch auf der Rückseite beschrieben wurde. Dadurch rückte Philodems Arbeitsweise neu in den Blick: Das Akademie-Buch erschien nicht mehr nur als beschädigter Text, sondern als Arbeitsmanuskript, an dem der Autor oder seine Schreiber redaktionell weiterarbeiteten. Tiziano Dorandi und Konrad Gaiser trugen in dieser Phase wesentlich dazu bei, die Textzeugen, Abzeichnungen und Nachträge neu zu ordnen und die papyrologische Grundlage der Forschung zu verbreitern.[22]

Konrad Gaisers 1988 erschienene Ausgabe Philodems Academica stellte einen Einschnitt in der Forschung dar. Gaiser bearbeitete die erste, größere Hälfte der Schrift, also die Berichte über Platon und die Alte Akademie bis Arkesilaos, und verband Textausgabe, Übersetzung, Quellenanalyse und Kommentar. Er machte deutlich, dass Philodems Akademie-Buch nicht als bloße Sammlung zufälliger Anekdoten zu verstehen ist, sondern als biographisch angelegte Schulgeschichte, die im Wesentlichen auf Exzerpten aus älteren Schriften beruht. Gaiser sah das besondere Gewicht des behandelten Teils darin, dass Philodem hier ältere Quellenschriften benutze, deren Ermittlung neues Licht auf die hellenistische Philosophiegeschichtsschreibung werfe; zugleich versuchte er, die von Philodem intendierte Anordnung der Textabschnitte zu rekonstruieren.[23]

Gaisers Leistung bestand vor allem darin, Philodems Text philosophisch und quellenkritisch neu ernst zu nehmen. Seine Ausgabe machte die Academica für die Platon- und Akademieforschung wieder zentral zugänglich. Zugleich hat die spätere Forschung wesentliche Teile seiner materiellen Rekonstruktion korrigiert. Fleischer würdigt Gaisers Ausgabe als beinahe monumentale Teilausgabe, betont aber auch, dass manche papyrologischen Rekonstruktionen, besonders zur materiellen Gestalt der Rolle und zur Einordnung von PHerc. 164, sich nicht halten ließen. Hinzu kamen an einzelnen Stellen sehr freie Ergänzungen stark zerstörter Passagen. Daraus ergibt sich für die heutige Forschung eine doppelte Aufgabe: Gaisers quellenkritische und philosophische Einsichten bleiben wichtig, müssen aber auf der Grundlage verbesserter Papyruslesungen und einer vorsichtigeren Rekonstruktionsmethode überprüft werden.[24]

Tiziano Dorandis Arbeiten ergänzten diese Entwicklung durch eine stärkere papyrologische Dokumentation. Bereits Gaiser konnte sich auf Dorandis Kollationen und Nachprüfungen des im Papyrus Lesbaren stützen. Dorandi legte zudem eigene Arbeiten zu PHerc. 1021 und PHerc. 164 sowie zu den im Papyrus überlieferten Versen aus Apollodors Chronica vor. Damit trat neben die philosophische Auswertung des Textes eine genauere Untersuchung der materiellen Textgrundlagen. Für die Forschung wurde immer deutlicher, dass die Akademiegeschichte Philodems nur dann angemessen verstanden werden kann, wenn Textrekonstruktion, Papyrusbefund, Quellenkritik und philosophiehistorische Interpretation zusammengeführt werden.[25][26]

Den gegenwärtig maßgeblichen Forschungsstand bildet die 2023 erschienene Neuedition Kilian Fleischers. Sie wertet die Entwurfsfassung PHerc. 1691/1021, die Reste der Endfassung PHerc. 164, die älteren Disegni, Multispektralbilder im Nahinfrarotbereich (MSI/NIR) und Hyperspektralbilder (HSI) systematisch aus. Besonders wichtig ist die Einbeziehung von PHerc. 1691, das als Teil derselben Rolle wie PHerc. 1021 erkannt wurde und den Textbestand des Akademie-Buches erheblich erweitert. Fleischer verbindet in seiner Edition Einführung, Text, Übersetzung, Kommentar, diplomatisches Transkript und methodische Fallstudien. Er betont, dass bis zu dreißig Prozent mehr Text gewonnen werden konnten, wobei dieser Zuwachs nicht einfach auf unmittelbar lesbare neue Buchstaben zurückgeht, sondern häufig auf kleine Lesefortschritte, die eine ganze Passage neu verständlich machen.[27]

Die neuere Forschung verschiebt damit die Perspektive auf Philodems Werk in mehrfacher Hinsicht. Erstens erscheint der Index Academicorum deutlicher als Teil der umfassenden Σύνταξις τῶν φιλοσόφων (Syntaxis tōn philosophōn, „Anordnung der Philosophen“), also einer breiteren Geschichte philosophischer Schultraditionen. Zweitens lässt sich Philodems Arbeitsweise präziser beschreiben: Er übernimmt ältere Quellen nicht mechanisch, sondern exzerpiert, ordnet, ergänzt und überarbeitet sie. Drittens reicht die Bedeutung des Werkes über die Alte Akademie hinaus. Der Text behandelt nicht nur Platon und seine unmittelbaren Nachfolger, sondern verfolgt die Entwicklung der Schule über die skeptische Akademie bis zu Philio von Larissa, in der älteren Forschung meist Philon von Larisa genannt, Antiochos von Askalon und damit bis in Philodems eigene Zeit. Das Ende des erhaltenen Textes ist nach Fleischer nicht als Rückblick auf das Akademie-Buch, sondern als Vorschau auf weitere sokratische Schultraditionen, insbesondere Megariker und Kyniker, zu verstehen.[28]

Philodems Academica ist nicht nur eine Fundgrube einzelner Nachrichten über Platon und die Akademie, sondern ein eigenständiges Werk antiker Philosophiegeschichtsschreibung. Im Mittelpunkt stehen drei miteinander verbundene Ebenen: der Papyrus als materieller Textzeuge, die von Philodem benutzten älteren Quellen und die philosophiehistorische Bedeutung der dargestellten Schulentwicklung. Dadurch soll sichtbar werden, dass Philodems Akademiegeschichte zugleich ein Zeugnis für die Geschichte der platonischen Schule, für die Arbeitsweise hellenistischer Gelehrsamkeit und für den Umgang eines epikureischen Autors mit einer konkurrierenden philosophischen Tradition ist. Philodem ist nicht nur ein Vermittler verlorener Quellen, sondern selbst ein Zeitzeuge der späten Akademie, der persönliche Beziehungen zu zeitgenössischen Akademikern hatte und dessen Biographie nach neueren Lesungen auch einen Aufenthalt in Alexandria vor seiner Zeit in Athen einschließt.[29]

II. Der Autor: Philodem von Gadara

1. Biographie und intellektuelle Prägung

Philodem von Gadara war ein griechisch schreibender Philosoph und Dichter des 1. Jahrhunderts v. Chr. Er wurde wohl um 110 v. Chr. in Gadara geboren, einer hellenistisch geprägten Stadt der Dekapolis im heutigen Jordanien. Gadara war in der Antike nicht nur ein regionales Zentrum griechischer Bildung, sondern auch die Heimat mehrerer bekannter Intellektueller, darunter Meleagros von Gadara und Menippos von Gadara. Philodem gehörte der epikureischen Schule an, trat aber nicht nur als philosophischer Fachschriftsteller, sondern auch als Epigrammatiker hervor. Seine literarische Bildung, seine Beherrschung philosophischer Debatten und seine Tätigkeit als Sammler und Bearbeiter älterer Quellen zeigen einen Autor, der sich innerhalb des Epikureismus bewegte, zugleich aber weit über die engeren Grenzen einer Schullehre hinaus am gelehrten Diskurs der hellenistischen Zeit teilnahm.[30]

Für Philodems geistige Prägung war besonders sein Aufenthalt in Athen entscheidend. Dort studierte er im epikureischen Garten, dem κῆπος (kēpos, „Garten“) bei Zenon von Sidon, dem damaligen Haupt der epikureischen Schule. Zenon galt als bedeutender Lehrer der späthellenistischen Epikureer; Philodem blieb ihm auch später in hohem Maß verpflichtet. Aus dieser Schulung erklärt sich Philodems Bemühen, die Lehre Epikurs und der frühen Epikureer in Auseinandersetzung mit anderen philosophischen Schulen zu bewahren, zu erläutern und gegen abweichende Deutungen zu verteidigen. Seine Schriften zeigen daher weniger einen Philosophen, der eine neue eigene Lehre begründen wollte, als vielmehr einen gelehrten Epikureer, der ältere Autoritäten auslegte, systematisierte und in den Streitfragen seiner Zeit zur Geltung brachte.[31]

Die neuere Forschung hat Philodems Bildungsweg durch die Auswertung des Index Academicorum genauer konturiert. In Kolumne 34 erkennt Fleischer mit Enzo Puglia einen Selbstbezug Philodems: Philodem spricht dort offenbar von seiner eigenen Ankunft in Athen nach einer Fahrt aus Alexandria. Daraus ergibt sich, dass er sich vor seinem Studium im epikureischen Garten für einige Zeit in Alexandria aufhielt, wohl zwischen etwa 90 und 86/85 v. Chr. Dieser Aufenthalt ist für das Verständnis seiner späteren Arbeitsweise wichtig. Alexandria war ein Zentrum philologischer, wissenschaftlicher und philosophischer Gelehrsamkeit; Philodem konnte dort mit akademischen Kreisen, mit schriftlichen Sammlungen und mit der alexandrinischen Gelehrtenkultur in Berührung kommen. Sein späteres Interesse an schulübergreifender Philosophiegeschichte dürfte daher nicht nur in Athen, sondern möglicherweise bereits in Alexandria vorbereitet worden sein.[32]

Nach dem Ende seiner Studienzeit in Athen verließ Philodem die Stadt vermutlich um die Mitte der 70er Jahre v. Chr. und ging nach Italien, vielleicht zunächst nach Sizilien. In Italien trat er in den Umkreis des römischen Politikers Lucius Calpurnius Piso Caesoninus, des Konsuls von 58 v. Chr. und Schwiegervaters Caesars. Philodem widmete Piso das Werk De bono rege secundum Homerum und spricht ihn auch in einem Epigramm an. Cicero erwähnt Philodem in seiner gegen Piso gerichteten Rede In Pisonem polemisch, zeichnet ihn dabei aber dennoch als gebildeten und kultivierten Epikureer, der nicht nur philosophisch geschult, sondern auch in dichterischen und literarischen Dingen gewandt war. In De finibus bonorum et malorum nennt Cicero Philodem zusammen mit dem Epikureer Siro anerkennend; daraus ergibt sich, dass Philodem im intellektuellen Milieu Kampaniens und Roms eine wahrnehmbare Rolle spielte.[33]

Mit dem Golf von Neapel und der in Herculaneum gefundenen Bibliothek ist Philodems Name besonders eng verbunden. Viele der in der sogenannten Villa dei Papiri erhaltenen griechischen Papyrusrollen enthalten Werke Philodems oder Texte aus seinem philosophischen Umfeld. Ob Philodem selbst dauerhaft in dieser Villa lebte, lässt sich nicht sicher beweisen; möglich ist jedoch, dass die dort gefundene Bibliothek zumindest zu einem wesentlichen Teil aus seinem Arbeits- und Schulzusammenhang stammt. Die Überlieferungslage ist für die Philosophiegeschichte außergewöhnlich: Während von vielen hellenistischen Autoren nur indirekte Zeugnisse erhalten sind, liegen bei Philodem umfangreiche, wenn auch stark beschädigte Originalpapyri vor. Dadurch wird er nicht nur als Autor, sondern auch als Benutzer, Bearbeiter und Vermittler älterer philosophischer Literatur greifbar.[34]

Philodems intellektuelle Eigenart liegt gerade in dieser Verbindung von epikureischer Schulbindung, literarischer Bildung und quellenkritischer Arbeit. Er war kein Akademiker, sondern betrachtete die Geschichte der Akademie aus der Perspektive eines Epikureers. Gleichwohl ist seine Darstellung nicht bloß polemisch. Im Index Academicorum sammelt er ältere Berichte über Platon und seine Nachfolger, ordnet sie zu einer Schulgeschichte und ergänzt sie an einzelnen Stellen offenbar durch eigene Kenntnisse. Besonders für die späte Akademie, also für Philio von Larissa, Antiochos von Askalon und deren Schülerkreise, gewinnt Philodem den Rang eines beinahe zeitgenössischen Zeugen. Fleischer nimmt an, dass Philodem für Teile des Werkes zwar auf eine akademiegeschichtliche Grundquelle zurückgriff, diese aber durch weitere schriftliche und mündliche Informationen ergänzte.[35]

Diese Nähe zur philosophischen Gegenwart zeigt sich vor allem bei Philio von Larissa, Antiochos von Askalon und deren Umfeld. Bei diesen späten Partien des Akademie-Buches tritt Philodem über die Rolle eines Kompilators hinaus: Er verarbeitet nicht nur ältere schriftliche Vorlagen, sondern offenbar auch persönliche Erinnerungen, mündliche Nachrichten und eigene Bekanntschaften. Die Schülerliste des Antiochos nennt mit Ariston und Dion von Alexandria gerade Personen aus Philodems eigenem Umfeld; Dion bezeichnet Fleischer ausdrücklich als Freund Philodems. Daraus ergibt sich ein wichtiges Bild seiner Arbeitsweise: Philodem war nicht nur ein Abschreiber älterer Bücher, sondern ein gelehrter Autor, der schriftliche Quellen, persönliche Beziehungen und aktuelle Nachrichten miteinander verband. Seine Geschichte der Akademie steht daher an der Grenze zwischen antiquarischer Kompilation, Schulgeschichtsschreibung und zeitnaher philosophischer Erinnerung. Gerade diese Autopsie, also die Nähe zu selbst gesehenen oder aus unmittelbarer Umgebung erfahrenen Personen und Vorgängen, hebt den Index Academicorum qualitativ von späteren Kompilationen wie der Darstellung des Diogenes Laertios ab.[36]

2. Philodem im Kontext hellenistischer Schulphilosophie

Philodem gehört in die Spätphase der hellenistischen Schulphilosophie. Diese war nicht nur durch einzelne Lehren, sondern auch durch dauerhafte Institutionen geprägt: die Platonische Akademie, den Peripatos, die Stoa und den Epikureismus. Jede dieser Schulen besaß eine eigene Überlieferung, eigene Autoritäten, eigene Streitfragen und ein Bewusstsein ihrer geschichtlichen Herkunft. Philosophie bedeutete daher nicht nur die Erörterung abstrakter Probleme, sondern auch die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Lebensform und Lehrtradition. Philodem ist in diesem Sinn zunächst als Epikureer zu verstehen: Er stand in der Nachfolge Epikurs und wurde in Athen durch Zenon von Sidon geprägt, der im 1. Jahrhundert v. Chr. zu den wichtigsten Vertretern des epikureischen Gartens gehörte.[37]

Der Epikureismus Philodems war jedoch kein abgeschlossener Rückzug aus der philosophischen Öffentlichkeit. Seine Schriften zeigen vielmehr, dass späthellenistische Schulphilosophie in hohem Maß von Auslegung, Sammlung und kontroverser Auseinandersetzung lebte. Philodem verstand sich als Bewahrer und Ausleger der epikureischen Tradition, besonders der Lehre Epikurs und der ersten Generation seiner Schüler. Zugleich bewegte er sich in einem geistigen Umfeld, in dem die Schulen einander genau beobachteten. Fragen der Rhetorik, Poetik, Theologie, Erkenntnistheorie, Ethik und Philosophiegeschichte wurden nicht isoliert innerhalb einer Schule behandelt, sondern im Horizont konkurrierender Lehrmeinungen. Philodems Interesse an der Akademie ist daher kein zufälliger Ausflug eines Epikureers in fremdes Gelände, sondern Teil einer gelehrten Selbstverortung des Epikureismus unter den philosophischen Schulen.[38]

Besonders deutlich wird diese Einordnung an Philodems großer Σύνταξις τῶν φιλοσόφων (Sýntaxis tōn philosóphōn, „Zusammenstellung der Philosophen“). Das Werk war eine umfassende Darstellung philosophischer Schulen und Philosophenfolgen. Das Akademie-Buch, das gewöhnlich als Index Academicorum oder Academica bezeichnet wird, bildete nur einen Teil dieses größeren Unternehmens. Gaiser ordnet Philodems Syntaxis in den Typus der antiken διαδοχαί (diadochaí, „Sukzessionen“) ein, also jener philosophiegeschichtlichen Werke, die Philosophen nach Schulzugehörigkeit, Lehrer-Schüler-Verhältnissen und Abfolge der Schulhäupter gliederten. Zu diesem literarischen Umfeld gehören unter anderem Sotion, Herakleides Lembos, Sosikrates von Rhodos und Alexander Polyhistor.[39]

Die Syntaxis diente damit nicht allein der Bewahrung älterer Nachrichten, sondern auch der Orientierung in einer unübersichtlich gewordenen Schulgeschichte. Am Ende der hellenistischen Epoche war die Abfolge der philosophischen Richtungen, Lehrer und Schüler keineswegs mehr selbstverständlich bekannt. Philodem stellte deshalb biographische, chronologische und doxographische Informationen zusammen, die im epikureischen Milieu für die Auseinandersetzung mit anderen Schulen nützlich waren. Fleischer hebt hervor, dass Philodem mit dem Index Academicorum vermutlich eine enzyklopädische Grundlage für philosophische Diskussionen schaffen wollte: eine Art zuverlässiges „Who is who“ der Akademie, das Herkunft, Schülerverhältnisse und geschichtliche Stellung der einzelnen Akademiker sichtbar machte.[40]

Auffällig ist dabei die vergleichsweise sachliche Haltung Philodems gegenüber der Akademie. Obwohl er als Epikureer einer Schule angehörte, die in vielen Lehrfragen deutlich von Platon und seinen Nachfolgern abwich, tritt im Index Academicorum keine durchgehende polemische Verzerrung hervor. Fleischer betont, man gewinne nicht den Eindruck, dass Philodem tendenziös eine epikureische Weltsicht in die Darstellung der Akademie eintrage; selbst kleine Seitenhiebe seien kaum zu erkennen. Auch Gaiser sah in Philodems Werk eine bemerkenswert objektive Darstellung fremder Philosophen und meinte, Philodem habe damit die Enge eines Epikureismus überschritten, der konkurrierende Schulen nur ignoriert oder abgelehnt hätte.[41]

Diese Sachlichkeit bedeutet allerdings nicht, dass Philodem neutral im modernen Sinn gewesen wäre. Seine Perspektive bleibt die eines Epikureers, der fremde Schultraditionen auswertet, ordnet und für den eigenen philosophischen Horizont verfügbar macht. Gerade darin liegt der besondere Charakter seines Werkes: Philodem schreibt keine platonische Selbstgeschichte der Akademie, sondern eine epikureisch gerahmte Schulgeschichte, die dennoch ältere Quellen ernst nimmt und oft nahe an deren Wortlaut bleibt. Nach Fleischer exzerpierte Philodem vermutlich eine oder mehrere akademiegeschichtliche Grundquellen, ergänzte diese aber durch weitere Texte, Nachträge und eigene Kenntnisse. Sein Verfahren verbindet daher Kompilation, Quellenkritik und redaktionelle Systematisierung.[42]

Für die Geschichte der späten Akademie ist Philodem besonders wichtig, weil die Neuedition den Namen des letzten großen Scholarchen der skeptischen Akademie im Papyrus konsequent als Philio von Larissa erkennen lässt. Die ältere und in der Forschung weiterhin verbreitete Namensform Philon beruht daher für Philodems Text nicht auf dem besten Befund. Gerade weil Philodem die jüngere Akademie aus zeitlicher Nähe und teilweise aus persönlicher Kenntnis darstellt, ist diese Namensform für eine Darstellung seines Akademie-Buches besonders zu beachten.[43]

Philodem stand damit zwischen zwei Formen philosophischer Autorität. Einerseits berief er sich als Epikureer auf die Gründergestalten der eigenen Schule und auf Zenon von Sidon, dessen Lehre er bewahrte und weitergab. Andererseits benutzte er für die Geschichte der Akademie ältere, nicht-epikureische Autoren wie Dikaiarch, Philochoros, Neanthes, Hermippos und Antigonos von Karystos. Wo ihm eine Quelle parteiisch erschien, konnte er ihre Aussagekraft relativieren. Besonders aufschlussreich ist die Behandlung des Herakleides Pontikos: Philodem nutzte die gegen Philosophen gerichtete Rede des Demochares, scheint aber zugleich deren polemische Absicht wahrgenommen und die Glaubwürdigkeit der Angaben eingeschränkt zu haben.[44]

Auch die römisch-kampanische Umgebung verstärkte Philodems Rolle als Vermittler zwischen Schulphilosophie und gebildeter Öffentlichkeit. In Italien bewegte er sich im Umkreis vornehmer Römer, darunter Lucius Calpurnius Piso Caesoninus, und stand mit literarisch gebildeten Kreisen in Verbindung. Seine philosophische Tätigkeit war daher nicht nur auf einen engen griechischen Schulkontext beschränkt. Sie verband die Tradition des epikureischen Gartens mit der römischen Aristokratie, der gelehrten Bibliothekskultur und der literarischen Bildung der späten Republik. Gerade in diesem Milieu konnte eine geordnete Darstellung der philosophischen Schulen praktische Bedeutung gewinnen: Sie bot gebildeten Lesern Orientierung über die großen Traditionen der griechischen Philosophie und diente zugleich der Selbstverständigung eines Epikureismus, der in Rom und Kampanien heimisch wurde.[45]

3. Ziel und Charakter des Akademie-Buches

Philodems Akademie-Buch gehört zu seiner umfassenderen Σύνταξις τῶν φιλοσόφων (Sýntaxis tōn philosóphōn, „Zusammenstellung der Philosophen“), einer philosophiegeschichtlichen Darstellung der griechischen Schulen. Es ist daher nicht als selbständige Monographie über Platon im modernen Sinn zu verstehen, sondern als Teil eines größeren Werks über Ursprung, Entwicklung und Abfolge philosophischer Richtungen. Der herkömmliche Titel Index Academicorum ist insofern nur eine bequeme moderne Bezeichnung; treffender beschreibt das Werk eine Geschichte der Akademie von Platon bis in Philodems eigene Gegenwart. Gaiser betont deshalb, dass es sich um eine biographisch angelegte Darstellung der platonischen Schule handelt, die im Wesentlichen aus Exzerpten älterer Schriften besteht und innerhalb der Syntaxis neben Darstellungen der Stoa, des Epikureismus und anderer Schulen stand.[46]

Das Ziel des Akademie-Buches war zunächst die geordnete Sammlung des verfügbaren Wissens über die Geschichte der Akademie. Philodem stellte nicht eine systematische Lehre Platons oder der Akademiker in den Mittelpunkt, sondern Personen, Lehrer-Schüler-Verhältnisse, Schulhäupter, biographische Nachrichten, chronologische Daten und charakteristische Episoden. Damit steht das Werk in der Tradition antiker Philosophiegeschichtsschreibung, die häufig nach Schulfolgen und Sukzessionen gegliedert war. Fleischer hebt hervor, dass am Ende des erhaltenen Textes sogar eine Vorschau auf weitere sokratische Schultraditionen erscheint: Nach der Akademie sollten offenbar die von Phaidon, Euklid und Antisthenes ausgehenden Richtungen behandelt werden. Das Akademie-Buch war also ein Abschnitt in einer größeren Ordnung der philosophischen Schulen, nicht bloß eine lose Materialsammlung.[47]

Der Charakter des Werkes ist wesentlich kompilatorisch. Philodem schöpfte aus älteren Autoren, die er teils ausdrücklich nennt, teils nur indirekt erkennen lässt. Für die frühe Akademie sind unter anderem Dikaiarch, Philochoros, Neanthes von Kyzikos, Speusipp, Diodor, Timaios von Tauromenion, Demochares, Hermipp und Antigonos von Karystos wichtig; für die spätere Akademie tritt besonders Apollodor von Athen hervor. Das Werk besitzt seinen Wert daher nicht, weil Philodem überall eigene Forschungen vorlegte, sondern weil er ältere, vielfach verlorene Literatur in Auszügen bewahrte. Gerade diese Exzerpte machen die Geschichte der Akademie zu einer zentralen Quelle für Platon, die Alte Akademie und noch stärker für die spätere, skeptische Akademie, über die sonst oft nur spärliche oder einseitige Nachrichten erhalten sind.[48]

Philodem war dabei kein bloßer Abschreiber. Die erhaltene Entwurfsfassung PHerc. 1691/1021 zeigt ein Arbeitsmanuskript mit Korrekturzeichen, Tilgungen, Einfügungen, Umstellungen, Dubletten, Verweisen und auf der Rückseite der Rolle notierten Nachträgen. Einzelne Abschnitte, darunter die Viten des Herakleides Pontikos und des Chairon von Pellene, wurden offenbar nachträglich in den Zusammenhang eingefügt. In diesem Befund wird sichtbar, dass Philodem seine Materialien ordnete, ergänzte und in eine beabsichtigte Abfolge brachte. Fleischer beschreibt den Papyrus deshalb als singulären Einblick in den Entstehungsprozess eines antiken Buches. Gerade der unfertige Zustand des erhaltenen Exemplars macht erkennbar, dass Philodem sein Akademie-Buch als „work in progress“ bearbeitete: ältere Exzerpte wurden nicht einfach nebeneinandergestellt, sondern durch spätere Zusätze, Korrekturen und Umplatzierungen in eine geschlossene Schulgeschichte überführt. Der Vergleich zwischen dieser Entwurfsfassung und den Resten der Endfassung PHerc. 164 ist buchgeschichtlich besonders wertvoll, weil er den Weg von der Arbeitsrolle zur intendierten Buchfassung wenigstens in Ausschnitten erkennen lässt.[49]

Für die Quellenstruktur nimmt Fleischer an, dass Philodem zumindest teilweise auf eine oder mehrere akademiegeschichtliche Grundquellen zurückgriff. Eine solche Grundquelle dürfte bereits vor Philodem ältere Autoren gezielt nach Nachrichten zur Akademie ausgewertet haben und vielleicht aus einem akademienahen Milieu stammen. Philodem übernahm diese Grundlage jedoch nicht mechanisch. Er griff früh in Struktur und Wortlaut ein, fügte zusätzliches Material ein und ergänzte später weitere Notizen aus anderen Schriften oder aus eigener Kenntnis. Das Rekto des Papyrus ist daher weder eine reine Abschrift einer älteren Philosophiegeschichte noch ein völlig selbständig zusammengestelltes Werk, sondern das Ergebnis einer mehrschichtigen Bearbeitung.[50]

Inhaltlich ist das Akademie-Buch biographisch und institutionengeschichtlich ausgerichtet. Philodem verfolgt die Akademie nicht nur als Lehre, sondern als soziale und geschichtliche Wirklichkeit: Platon erscheint als Gründer und Lehrer, seine Nachfolger werden über Schülerkreise, Schulämter, Lebensformen, politische Kontakte, Charakterzüge und literarische Leistungen beschrieben. Dadurch unterscheidet sich Philodems Darstellung von einer rein doxographischen Übersicht, die Lehrsätze aneinanderreiht. Der erhaltene Beginn setzt nach den verlorenen Anfangskolumnen mit der Vita Platons ein; Hinweise auf einen umfangreichen doxographischen Teil fehlen. Fleischer sieht darin einen deutlichen Unterschied zu Diogenes Laertios, der in seinem dritten Buch über Platon stärker lehrhafte und systematische Teile einbezieht.[51]

Die besondere Bedeutung des Werkes liegt in der Verbindung von Schulgeschichte und Quellenarchiv. Für die Alte Akademie bewahrt Philodem frühe Zeugnisse, die zum Teil auf zeitnahe Autoren des 4. und 3. Jahrhunderts v. Chr. zurückgehen. Für die Neue Akademie ist er häufig noch wichtiger, weil er über Lakydes, Karneades, Kleitomachos, Philio von Larissa, Antiochos von Askalon und ihre Schüler Nachrichten überliefert, die bei anderen Autoren fehlen. Fleischer weist darauf hin, dass Philodem nach Kleitomachos weitergeht und die Geschichte der Akademie bis zu Schülern des Antiochos, also bis in seine eigene Zeit, fortführt. Dadurch gewinnt das Werk im letzten Teil den Charakter eines fast zeitgenössischen Zeugnisses.[52]

Trotz seiner epikureischen Herkunft ist Philodems Darstellung nicht als einfache Streitschrift gegen die Akademie angelegt. Zwar bleibt sein Blick der eines Epikureers, doch die erhaltenen Partien zeigen meist eine sachliche, quellenorientierte Darstellung. Das erklärt den hohen Wert des Werkes für die moderne Forschung: Philodem sammelt Nachrichten über eine konkurrierende Schule, ohne sie durchgehend polemisch zu verzerren. Sein Ziel war offenbar, die Akademie als eine der großen Schultraditionen der griechischen Philosophie historisch greifbar zu machen. Das Akademie-Buch ist damit zugleich Schulgeschichte, Exzerptsammlung, Arbeitsdokument und Erinnerungsarchiv einer philosophischen Institution, die von Platon bis in die späthellenistische Gegenwart Philodems reichte. Für die ältere Geschichte der Akademie ist Philodem vor allem Bewahrer verlorener Quellen, für die späte Akademie wird er zunehmend selbst zum Zeugen. Gerade diese Mischung erklärt, weshalb der Index Academicorum nicht nur ein Hilfsmittel für einzelne biographische Nachrichten ist, sondern eine der wichtigsten antiken Quellen für die Geschichte der Akademie von Platon bis in das 1. Jahrhundert v. Chr.[53]

III. Die Überlieferung: Die herkulanensischen Papyri

1. Fundgeschichte und Bedeutung der Villa dei Papiri

Die Überlieferung von Philodems Akademie-Buch ist untrennbar mit der Villa dei Papiri in Herculaneum verbunden. Als der Vesuv im Jahr 79 n. Chr. ausbrach, wurde die am Rand der Stadt gelegene Villa unter vulkanischem Material verschüttet. Dabei wurden die dort gelagerten Papyrusrollen nicht vollständig verbrannt, sondern durch Hitze und Luftabschluss verkohlt und konserviert. Dieser Vorgang war für die antike Literaturgeschichte ein „glückliches Unglück“: Er zerstörte zwar den ursprünglichen Gebrauchszusammenhang der Rollen, bewahrte aber eine Bibliothek, die sonst wie fast die gesamte antike Buchproduktion verloren gegangen wäre.[54]

Die in Herculaneum gefundenen Papyri gelten als die einzige in größerem Umfang erhaltene antike Bibliothek. Ihre Bedeutung liegt nicht nur in der Menge der erhaltenen Rollen, sondern auch darin, dass sie einen anderen Überlieferungsweg repräsentieren als die mittelalterliche Handschriftentradition. Während die meisten griechischen Texte nur deshalb erhalten blieben, weil sie in Spätantike und Mittelalter immer wieder abgeschrieben wurden, gelangten die herkulanensischen Rollen gleichsam auf direktem archäologischem Weg in die Neuzeit. Dadurch bewahren sie Werke und Werkfassungen, die außerhalb dieser Bibliothek nicht oder nur in Spuren überliefert sind. Für die Geschichte der Philosophie ist dies besonders wichtig, weil ein großer Teil der Bibliothek Schriften des Epikureers Philodemos von Gadara und seines intellektuellen Umfelds enthält.[55]

Die Villa wird traditionell mit Lucius Calpurnius Piso Caesoninus, dem römischen Politiker und Schwiegervater Caesars, in Verbindung gebracht, der als Patron Philodems gilt. Gaiser nahm, der damals weithin akzeptierten Forschungsmeinung folgend, an, Piso habe die Villa in der Mitte des 1. Jahrhunderts v. Chr. errichten lassen. Nach dieser Deutung standen Philodem dort ein Peristyl als Lesebibliothek und ein Raum als Bücherdepot zur Verfügung; in diesem Bücherraum wurden auch zahlreiche Rollen mit seinen eigenen Schriften aufbewahrt, darunter das Buch über die Akademie.[56] Neuere Forschung formuliert vorsichtiger: Dass Philodem im höheren Alter tatsächlich in der Villa lebte, ist möglich, aber nicht gesichert; auch die archäologische Datierung und die genaue Rolle Pisos als Bauherr oder Besitzer bleiben in Einzelheiten Gegenstand der Diskussion.[57]

Für Philodems Geschichte der Akademie ist die Villa deshalb von besonderer Bedeutung, weil hier nicht nur ein einzelner Textzeuge, sondern ein ganzer Arbeits- und Bibliothekskontext sichtbar wird. Das Akademie-Buch gehörte zu Philodems größerer Σύνταξις τῶν φιλοσόφων (Sýntaxis tōn philosóphōn, „Zusammenstellung der Philosophen“), einer philosophiegeschichtlichen Darstellung verschiedener Schulen. Die in der Villa erhaltenen Rollen zeigen, dass Philodem in Kampanien nicht nur epikureische Lehrschriften verfasste, sondern auch ältere Quellen zur Geschichte anderer philosophischer Schulen sammelte, exzerpierte und ordnete. Gerade das Akademie-Buch ist dafür ein besonders wichtiger Fall, weil es die Geschichte der platonischen Schule von Platon bis in die Zeit des Antiochos von Askalon nachzeichnet.[58]

Die Wiederentdeckung der Villa und ihrer Bibliothek im 18. Jahrhundert eröffnete der Forschung einen völlig neuen Zugang zur griechischen Philosophiegeschichte. Nach Gaiser wurden bei der Wiederauffindung der Pisonenvilla in den Jahren 1752 bis 1754 zahlreiche verkohlte Schriftrollen gefunden. Die Öffnung der Rollen war jedoch technisch außerordentlich schwierig, weil die Papyri durch die Verkohlung spröde, dunkel und leicht zerbrechlich waren. Der Papyrus PHerc. 1021, der wichtigste Textzeuge von Philodems Akademie-Buch, wurde 1795 in Neapel mit der von Antonio Piaggio konstruierten Maschine geöffnet und abgezeichnet. Dabei konnten erstaunlicherweise auch Nachträge auf der Rückseite der Rolle teilweise erfasst werden, die später für das Verständnis von Philodems Arbeitsweise wichtig wurden.[59]

Die frühe Bearbeitungsgeschichte erklärt zugleich, warum der Text lange schwer zugänglich blieb. Nach der Öffnung wurden die sichtbaren Textflächen abgezeichnet; solche disegni waren für die spätere Forschung oft ebenso wichtig wie der beschädigte Papyrus selbst. Eine erste Veröffentlichung erfolgte 1862 in der Herculanensium voluminum collectio altera noch als Schrift unbekannten Autors. Erst Ludwig Spengel erkannte 1863, dass es sich um eine Geschichte der platonischen Akademie handelte. Friedrich Bücheler legte 1869 eine erste Textausgabe vor, Siegfried Mekler 1902 eine lange maßgebliche Edition. Die besondere Überlieferungslage führte jedoch dazu, dass jede neue technische Möglichkeit – von besseren Abzeichnungen über Photographien bis zu modernen multispektralen und hyperspektralen Aufnahmen – den Textbestand und seine Interpretation verändern konnte.[60]

Die Villa dei Papiri ist daher nicht nur ein spektakulärer archäologischer Fundort, sondern ein Schlüsselort der antiken Philosophiegeschichte. Ohne sie wäre Philodems Akademie-Buch verloren; ohne dieses Werk wüsste man über zahlreiche Einzelheiten der platonischen Schulgeschichte, über biographische Nachrichten zu Akademikern und über die hellenistische Philosophiegeschichtsschreibung erheblich weniger. Der Fund zeigt zugleich, wie zufällig antike Überlieferung sein kann: Eine Luxusvilla am Golf von Neapel wurde durch eine Naturkatastrophe zerstört, aber gerade dadurch blieb ein Teil ihrer Bibliothek erhalten. Für die Erforschung der Akademie ist die Villa deshalb nicht bloß der Fundort eines Papyrus, sondern die materielle Voraussetzung dafür, dass ein Stück griechischer Philosophiegeschichte überhaupt wieder lesbar wurde.[61]

2. Die Textzeugen: PHerc. 1021, 164 und 1691

Die Geschichte der Akademie ist nicht durch eine mittelalterliche Abschrift, sondern durch mehrere herkulanensische Papyri überliefert. Die wichtigste Grundlage bildet PHerc. 1021; hinzu kommen die Fragmente von PHerc. 164 sowie das erst 2012 als zugehörig erkannte Fragment PHerc. 1691. Diese drei Textzeugen stehen nicht einfach nebeneinander, sondern dokumentieren verschiedene Stadien der Entstehung und Überlieferung desselben Werkes: PHerc. 1021 und PHerc. 1691 gehören zur Entwurfsfassung, PHerc. 164 repräsentiert eine spätere Fassung des Akademie-Buches.[62]

PHerc. 1021: Arbeitsmanuskript

Herculanensisches Fragment des Philodemos (Papyrus Herculanensis 1021, Spalte 17 der Oxforder Abschrift)

PHerc. 1021 ist der zentrale Textzeuge von Philodems Akademie-Buch. Der Papyrus enthält den größten erhaltenen Teil des Werkes und wurde in der älteren Forschung meist als Hauptzeuge des sogenannten Index Academicorum behandelt. Gaiser bezeichnete ihn als Philodems Arbeitsexemplar; Fleischer präzisiert dies als Entwurfsversion oder Arbeitsmanuskript. Der Papyrus bietet nicht nur den Haupttext auf der Vorderseite der Rolle, sondern auch Zusätze, Korrekturen, Rand- und Zwischenbemerkungen sowie Kolumnen auf der Rückseite. Gerade diese Merkmale zeigen, dass der Text nicht in einer abgeschlossenen Reinschrift vorliegt, sondern in einem Stadium der Überarbeitung.[63]

Die materielle Gestalt von PHerc. 1021 ist für das Verständnis des Werkes besonders aufschlussreich. Auf dem Rekto stehen die fortlaufenden Kolumnen des Haupttextes; auf dem Verso sind weitere Kolumnen erhalten, die Fleischer als Teil des Arbeitsprozesses deutet. Hinzu kommen Verweiszeichen, Ergänzungen oberhalb und unterhalb der Kolumnen und Spuren von Umstellungen. Der Papyrus zeigt damit, wie Philodem ältere Quellen exzerpierte, anordnete, nachträglich ergänzte und für eine spätere Fassung vorbereitete. Die Rolle ist deshalb nicht nur Träger des Textes, sondern selbst ein Zeugnis für die Arbeitsweise eines antiken Gelehrten.[64]

Auch einzelne redaktionelle Zeichen machen den Entwurfscharakter des Papyrus sichtbar. Am Rand oder im Interkolumnium stehen unter anderem Haken, Paragraphos-Zeichen, Diple obelismene, Verweise auf Nachträge und Zeichen, die offenbar Transpositionen oder Tilgungen markieren sollten. Besonders aufschlussreich sind nach rechts oder links offene Haken, die bei Dubletten oder umzustellenden Textpartien erscheinen. Solche Zeichen zeigen, dass Philodem nicht nur nachträglich Ergänzungen hinzufügte, sondern den vorhandenen Text aktiv für eine spätere Fassung vorbereitete. Die geplante Endfassung sollte also nicht bloß den Text der Vorderseite abschreiben, sondern Korrekturen, Streichungen, Umstellungen und Zusätze in eine neue Ordnung bringen.[65]

Der erhaltene Bestand von PHerc. 1021 umfasst nach Fleischers Edition die Kolumnen 1* bis 36 auf dem Rekto sowie zwölf Verso-Kolumnen, die in der Edition mit den Buchstaben Z bis M bezeichnet werden. Am Ende der Rekto-Kolumne 36 steht das Ende der Entwurfsfassung; danach blieb in der Rolle noch unbeschriebener Raum. Dadurch ist erkennbar, dass die überlieferte Entwurfsfassung tatsächlich bis zum Abschluss des Akademie-Buches reichte, auch wenn innerhalb der Rolle zahlreiche Lücken, verlorene Kolumnen und beschädigte Passagen bestehen.[66]

PHerc. 164: Endfassung

PHerc. 164 ist der zweite wichtige Textzeuge der Geschichte der Akademie. Während PHerc. 1021 die Entwurfsfassung bewahrt, gehört PHerc. 164 zu einer späteren Fassung des Werkes. Gaiser sprach von der endgültigen Fassung; Fleischer nennt sie die Endversion oder recensio ultima. Von diesem Papyrus sind allerdings nur kleine Fragmente erhalten. Sein Wert liegt daher weniger in der Menge des bewahrten Textes als in seiner Stellung innerhalb der Textgeschichte: Er zeigt, dass Philodems Arbeitsmanuskript nicht bloß eine unfertige Sammlung blieb, sondern in eine stärker geordnete Fassung überführt wurde.[67]

Die Abhängigkeit von PHerc. 164 gegenüber PHerc. 1021 lässt sich an mehreren Textübereinstimmungen erkennen. Einzelne Fragmente von PHerc. 164 stimmen mit Stellen aus PHerc. 1021 überein, wobei die spätere Fassung offenbar Zusätze und Umstellungen aus dem Arbeitsmanuskript bereits in den laufenden Text aufgenommen hatte. Besonders wichtig ist der Befund, dass eine Randnotiz aus PHerc. 1021 in PHerc. 164 in den Text integriert erscheint. Daraus folgerte Gaiser, dass die spätere Fassung auf dem Arbeitsexemplar beruhte; Fleischer bestätigt diesen Befund im Rahmen einer weiter ausgebauten Rekonstruktion des Entstehungsprozesses.[68]

PHerc. 164 ist zudem für die Frage wichtig, wie antike Buchproduktion im Umfeld Philodems funktioniert haben könnte. Fleischer nimmt zwischen der Entwurfsfassung PHerc. 1691/1021 und der erhaltenen Endfassung eine oder mehrere Zwischenstufen an. Am Ende dieses Prozesses stand eine Fassung, die als Grundlage für kalligraphische Kopien dienen konnte. PHerc. 164 wäre demnach nicht einfach ein zweites Exemplar neben PHerc. 1021, sondern ein späterer Überlieferungszustand desselben Werkes, in dem Philodems Korrekturen und Ergänzungen bereits redaktionell verarbeitet waren.[69]

PHerc. 1691: neu identifiziertes Fragment (seit 2012) mit wichtigen Ergänzungen

PHerc. 1691 wurde erst in der neueren Forschung als zugehöriger Textzeuge der Geschichte der Akademie erkannt. Gianluca Del Mastro identifizierte 2012 unter einer anderen Inventarnummer ein größeres Fragment des Index Academicorum. Fleischer konnte dieses Fragment in die Rekonstruktion der Entwurfsrolle einordnen und behandelt PHerc. 1691 und PHerc. 1021 daher gemeinsam als Bestandteile ein und derselben Papyrusrolle. In der heutigen Zählung enthält PHerc. 1691 die Kolumnen a bis c, die vor den erhaltenen Kolumnen von PHerc. 1021 stehen.[70]

Die Bedeutung von PHerc. 1691 liegt darin, dass das Fragment den Anfangsbereich der Entwurfsfassung erweitert. Vor Kolumne a sind nach Fleischer wohl etwa zehn bis fünfundzwanzig Kolumnen verloren; zwischen PHerc. 1691 und dem Beginn von PHerc. 1021 sind weitere Kolumnen ausgefallen. PHerc. 1691 macht daher zugleich mehr Text sichtbar und verdeutlicht das Ausmaß des Verlustes. Für die Rekonstruktion der Rolle ist das Fragment besonders wichtig, weil es zeigt, dass die heute getrennten Inventarnummern keine getrennten Werke bezeichnen, sondern durch den modernen Fund- und Ordnungszustand auseinandergerissene Teile derselben Rolle.[71]

Inhaltlich betreffen die Kolumnen von PHerc. 1691 den Anfangsteil der Darstellung Platons und stehen damit im Umfeld der frühen platonischen Biographie und der Quellenfrage nach Dikaiarchos. Fleischer hält es für sehr wahrscheinlich, dass bereits diese Kolumnen zu einem längeren Exzerpt aus Dikaiarchs Werk Περὶ βίων (Perì bíōn, „Über Lebensformen“) gehörten. Damit erweitert PHerc. 1691 nicht nur die materielle Rekonstruktion der Rolle, sondern auch den Einblick in Philodems Quellenarbeit: Der Anfang des Akademie-Buches erscheint stärker als zuvor als eine sorgfältige Zusammenstellung älterer philosophiegeschichtlicher und biographischer Traditionen zu Platon.[72]

Zusammen bilden PHerc. 1691, PHerc. 1021 und PHerc. 164 eine ungewöhnlich dichte Überlieferungssituation. PHerc. 1691 und PHerc. 1021 bewahren die Entwurfsfassung mit ihren Spuren des Schreibens, Sammelns, Kürzens, Ergänzens und Umordnens; PHerc. 164 bezeugt eine spätere redaktionelle Fassung. Dadurch lässt sich bei Philodems Akademie-Buch nicht nur ein antiker Text rekonstruieren, sondern in Ansätzen auch sein Entstehungsweg beobachten. Für die antike Philosophiegeschichte ist dieser Befund besonders selten: Man sieht hier nicht allein das Ergebnis gelehrter Arbeit, sondern gewissermaßen auch die Werkstatt, in der eine Geschichte der platonischen Akademie aus älteren Quellen zusammengesetzt wurde.[73]

Nicht zur Rolle der Geschichte der Akademie gehört PHerc. 796, doch ist dieser Papyrus für die Einordnung des Arbeitsmanuskripts von Interesse. Del Mastro identifizierte auf PHerc. 796 Fragmente, die von derselben informellen Hand geschrieben sind wie PHerc. 1691/1021. Aufgrund bibliometrischer Befunde kann PHerc. 796 jedoch nicht zur erhaltenen Rolle des Index Academicorum gehören. Fleischer hält es dennoch für möglich, dass es sich um eine Entwurfsfassung eines anderen Buches der Syntaxis oder um eine andere Vorstufe im Umfeld des Akademie-Buches handelt. Damit zeigt PHerc. 796, dass der in PHerc. 1691/1021 greifbare Arbeitsstil nicht notwendig auf ein einzelnes Papyrusdokument beschränkt war.[74]

3. Materialität und Fragmentarität

Die Textüberlieferung von Philodems Geschichte der Akademie ist durch die besondere Materialität der herkulanensischen Papyrusrollen bestimmt. Die Rollen aus Herculaneum sind keine normal erhaltenen Buchhandschriften, sondern verkohlte, verformte und vielfach beschädigte Reste antiker Buchrollen. Ihre Lesbarkeit hängt deshalb nicht nur vom griechischen Wortlaut ab, sondern ebenso von der materiellen Gestalt des Objekts: von der Lage einzelner Papyruslagen, von Faltungen, Klebungen, abgeplatzten Schichten, überlagerten Fragmenten und von den Spuren der antiken Tinte auf dunklem Untergrund. Bei PHerc. 1691/1021 kommt hinzu, dass der Papyrus nicht nur einen Text überliefert, sondern eine Entwurfsrolle mit Korrekturen, Zusätzen und Spuren der redaktionellen Arbeit Philodems darstellt.[75]

Der Hauptzeuge PHerc. 1021 ist in seiner heutigen Form Ergebnis der antiken Beschriftung, der Verschüttung durch den Vesuvausbruch, der Verkohlung, der neuzeitlichen Entrollung und der späteren Konservierung. Bereits Gaiser beschrieb den Papyrus als Arbeitsexemplar, dessen Text auf dem Rekto durch Nachträge zwischen den Zeilen, am Rand und auf dem Verso ergänzt wurde. Die Rolle enthält außerdem Klebestellen, gliedernde Markierungen und Hinweise auf Zusätze. Diese materiellen Befunde sind für die Deutung entscheidend, weil sie zeigen, dass der überlieferte Zustand nicht einfach eine lineare Abschrift bietet. Der Text liegt vielmehr in einer mehrschichtigen Form vor: Haupttext, Korrekturen, Ergänzungen und spätere Einfügungen müssen jeweils unterschieden und in ihrer vermutlichen Funktion bewertet werden.[76]

Ein besonderes Problem bilden die sogenannten sovrapposti und sottoposti, also über- und unterlagerte Papyruslagen. Bei der Öffnung einer verkohlten Rolle konnten einzelne Schichten an falscher Stelle haften bleiben oder von ihrem ursprünglichen Zusammenhang getrennt werden. Dadurch stehen manche Textreste heute nicht dort, wo sie in der antiken Rolle ursprünglich standen. Die Rekonstruktion muss daher nicht nur Buchstaben lesen, sondern auch entscheiden, zu welcher Kolumne und zu welcher Lage ein Stück gehört. Bei PHerc. 1691/1021 ist diese Arbeit besonders folgenreich, weil die heutige Aufbewahrung unter verschiedenen Inventarnummern den ursprünglichen Zusammenhang verdeckt: PHerc. 1691 und PHerc. 1021 gehören nach Fleischer zur selben Entwurfsrolle, obwohl sie lange getrennt behandelt wurden.[77]

Die Fragmentarität betrifft nicht nur einzelne Wörter oder Zeilen, sondern die Struktur der ganzen Rolle. Vor der ersten erhaltenen Kolumne von PHerc. 1691 sind nach Fleischer vermutlich etwa zehn bis fünfundzwanzig Kolumnen verloren. Zwischen den erhaltenen Kolumnen a bis c von PHerc. 1691 und dem Beginn von PHerc. 1021 fehlen weitere Kolumnen; auch im weiteren Verlauf der Rolle sind größere Ausfälle zu berücksichtigen, etwa mehrere verlorene Kolumnen zwischen den erhaltenen Abschnitten zur Alten Akademie und späteren Schulgeschichte. Der erhaltene Text ist daher kein geschlossener Lesetext, sondern ein durch Lücken unterbrochener Befund. Gerade deshalb ist jede Aussage über Aufbau, Quellenfolge und Chronologie des Werkes zugleich eine philologische und eine bibliologische Rekonstruktion.[78]

Die bibliometrische Analyse hat die Einschätzung dieser Fragmentarität erheblich verändert. Frühere Herausgeber gingen weithin davon aus, dass die auf den cornici erhaltenen Kolumnen von PHerc. 1021 ohne größere Lücken aufeinanderfolgten. Fleischer konnte dagegen im Anschluss an Esslers Volutenmessungen zeigen, dass an mehreren Stellen ganze Kolumnen mechanisch verloren gegangen sind. Dazu gehören mehrere verlorene Kolumnen vor Kolumne 1*, drei Kolumnen zwischen Kolumne 8* und 9 sowie weitere größere Ausfälle zwischen Kolumne 16 und 17 und zwischen Kolumne 19 und 20. Dadurch erscheinen manche Brüche im Text nicht mehr als Folge einer ungeordneten Arbeitsweise Philodems, sondern als Resultat moderner Schäden beim Aufwickeln und Montieren der Rolle.[79]

Die Fragmente von PHerc. 164 verschärfen dieses Problem noch einmal. Während PHerc. 1691/1021 große Teile der Entwurfsfassung bewahrt, ist PHerc. 164 nur in wenigen Resten erhalten. Dennoch ist dieser Papyrus für die Textgeschichte wichtig, weil er eine spätere Fassung des Werkes bezeugt. Seine geringe Erhaltung zwingt die Forschung dazu, kleine Fragmente mit Stellen aus PHerc. 1021 zu verbinden und aus Übereinstimmungen oder Abweichungen auf die redaktionelle Entwicklung zu schließen. Der Wert von PHerc. 164 liegt daher weniger in einem umfangreichen Textgewinn als in seiner Funktion als Kontrollzeuge für die Frage, wie Philodems Entwurfsfassung in eine Endfassung überführt wurde.[80]

Auch die äußere Form der Kolumnen ist für die Rekonstruktion bedeutsam. Die Zahl der Zeilen pro Kolumne, die Breite der Kolumnen, der Abstand zwischen ihnen, die Lage der Klebungen und die Voluten der Rolle helfen dabei, verlorene Abschnitte abzuschätzen und Fragmente einzuordnen. Fleischer verbindet deshalb die philologische Lektüre mit einer bibliometrischen Analyse der Rolle. Diese untersucht die Papyrusrolle als materielles Objekt und fragt, wie viele Kolumnen ursprünglich vorhanden waren, wo Kolumnen ausgefallen sind und wie die erhaltenen Stücke zueinander standen. Auf diese Weise wird die Fragmentarität nicht nur beklagt, sondern methodisch ausgewertet.[81]

Die Lesung einzelner Stellen bleibt dennoch in hohem Maß unsicher. Oft sind nur Tintenspuren, einzelne Buchstabenreste oder Teile von Buchstaben erhalten. Bei einer herkulanensischen Rolle kann ein scheinbar kleiner Befund große Folgen haben: Ein zusätzlicher Buchstabe kann eine Namensform sichern, eine Quelle identifizieren oder eine chronologische Angabe verändern. Umgekehrt kann eine zu weitgehende Ergänzung ein falsches Bild erzeugen. Fleischers Edition unterscheidet deshalb zwischen diplomatischem Transkript, literarischem Transkript und kritischem Apparat. Das diplomatische Transkript beschreibt möglichst genau die sichtbaren Spuren; das literarische Transkript bietet den rekonstruierten Lesetext; der Apparat dokumentiert Alternativen, frühere Lesungen und Unsicherheiten.[82]

Die Materialität der Papyri erklärt damit zugleich die Grenzen und den besonderen Wert der Überlieferung. Philodems Geschichte der Akademie ist nicht wie ein vollständig erhaltener Kodex zu lesen, sondern wie ein aus beschädigten Schichten, alten Abzeichnungen, Photographien, Bilddaten und philologischen Hypothesen zusammengesetztes Zeugnis. Diese Lage macht den Text schwierig, aber auch außergewöhnlich aufschlussreich: Die Brüche, Nachträge und materiellen Spuren lassen erkennen, dass Philodems Werk nicht nur als fertige Schulgeschichte, sondern auch in seinem Entstehungsprozess greifbar ist. Die Fragmentarität ist deshalb kein bloßer Mangel der Überlieferung, sondern ein Teil des historischen Befunds selbst.[83]

4. Methoden der Rekonstruktion

Die Rekonstruktion von Philodems Geschichte der Akademie beruht auf der Verbindung mehrerer Verfahren: der Auswertung des erhaltenen Papyrus, der alten Abzeichnungen, moderner Bildaufnahmen, bibliometrischer Analyse und klassischer Textkritik. Da die herkulanischen Papyri verkohlt, beschädigt und teilweise falsch gelagert sind, kann der Text nicht einfach „gelesen“ werden. Jede Edition muss vielmehr klären, welche Spuren zum ursprünglichen Buchstaben gehören, welche durch Fasern, Brüche oder Schatten entstehen, ob ein Fragment an seiner heutigen Stelle liegt und ob ein nur in einer alten Abzeichnung erhaltener Buchstabe zuverlässig ist.[84]

Eine zentrale Rolle spielen die frühneuzeitlichen und neuzeitlichen Abschriften der Papyri, die sogenannten disegni. Für PHerc. 1021 sind besonders die Oxforder Abzeichnung und die Neapler disegni wichtig. Die Oxforder Abzeichnung bewahrt auch die Verso-Kolumnen Z bis M, die heute nicht mehr unmittelbar am Original kontrolliert werden können, weil die Papyrusstücke mit der Rückseite auf eine Unterlage geklebt wurden. Gaiser konnte deshalb zeigen, dass diese Oxforder Kolumnen nicht zu einer eigenständigen Textfolge gehören, sondern Nachträge auf der Rückseite des Arbeitsexemplars darstellen. Damit wurde erst verständlich, dass sie inhaltlich auf die Kolumnen der Vorderseite zu beziehen sind und in die von Philodem intendierte Ordnung eingefügt werden müssen.[85]

Die disegni sind zugleich unentbehrlich und problematisch. Sie wurden zu einer Zeit angefertigt, als manche heute verlorenen Ränder oder isolierten Stücke noch sichtbar waren, und bewahren daher oft Text, der am Original nicht mehr nachprüfbar ist. Zugleich enthalten sie Fehlzeichnungen, Auslassungen und gelegentlich unvollständige Kolumnen. Fleischer unterscheidet deshalb in seiner Edition genau, ob ein Buchstabe am Papyrus selbst, in einem modernen Bild oder nur in einem disegno bezeugt ist. Diese Unterscheidung ist methodisch wichtig: Ein Buchstabe, der nur in einer alten Abzeichnung steht, kann eine Rekonstruktion stützen, besitzt aber nicht denselben Sicherheitsgrad wie ein am Original oder auf modernen Aufnahmen erkennbarer Befund.[86]

Zu den wichtigsten Fortschritten der neueren Forschung gehört der Einsatz moderner Bildtechnik. Fleischer wertet sichtbares Licht, Nahinfrarotaufnahmen, multispektrale Aufnahmen und Hyperspektralbilder aus. Diese Verfahren können auf verkohltem Papyrus Tinte und Papyrusuntergrund besser voneinander unterscheiden, als es dem bloßen Auge möglich ist. Sie liefern jedoch keine automatische Lesung: Auch auf verbesserten Bildern muss der Papyrologe einzelne Tintenspuren, Buchstabenformen und Faserverläufe beurteilen. Der methodische Gewinn liegt darin, dass unterschiedliche Bildtypen verschiedene Aspekte sichtbar machen und einander kontrollieren können. So lassen sich frühere Lesungen bestätigen, verwerfen oder durch vorsichtigere Alternativen ersetzen.[87]

Ein weiterer Schritt besteht in der Rekonstruktion der Rolle als materiellem Objekt. Fleischer verbindet die Lesung einzelner Kolumnen mit einer bibliometrischen Analyse: Untersucht werden unter anderem Kolumnenbreite, Zeilenzahl, Abstände, Klebungen, Voluten und die ursprüngliche Rollenlänge. Dadurch lässt sich abschätzen, wie viele Kolumnen verloren sind und an welcher Stelle einzelne Fragmente ursprünglich standen. Für PHerc. 1691/1021 ist dies besonders wichtig, weil PHerc. 1691 und PHerc. 1021 heute verschiedene Inventarnummern tragen, nach Fleischer aber zu ein und derselben Entwurfsrolle gehören. Die Rekonstruktion des Textes setzt daher die Rekonstruktion des materiellen Trägers voraus.[88]

Die bibliometrische Rekonstruktion betrifft nicht nur die ungefähre Größe der Rolle, sondern auch konkrete Textverluste. Durch Messungen der Voluten und die Analyse der Kolumnenabstände konnte Fleischer zeigen, dass an mehreren Stellen ganze Kolumnen mechanisch ausgefallen sind. Dazu gehören mehrere Kolumnen vor Kolumne 1*, drei Kolumnen zwischen Kolumne 8* und 9 sowie weitere Ausfälle zwischen Kolumne 16 und 17 und zwischen Kolumne 19 und 20. Dadurch werden manche inhaltlichen Brüche anders erklärbar: Sie beruhen nicht notwendig auf einer ungeordneten Kompilation Philodems, sondern können Folge der Beschädigung, Aufwicklung und modernen Montage des Papyrus sein.[89]

Auch PHerc. 164 wird methodisch nicht isoliert behandelt, sondern mit PHerc. 1021 verglichen. Da PHerc. 164 eine spätere Fassung des Akademie-Buches bezeugt, können seine Fragmente zeigen, wie Zusätze aus dem Arbeitsmanuskript in die Endfassung übernommen wurden. Gaiser hatte bereits die Abhängigkeit von PHerc. 164 gegenüber PHerc. 1021 herausgearbeitet; Fleischer konnte die Überlappungen präzisieren und in eine weitergehende Darstellung des Entstehungsprozesses einordnen. Die Fragmente der Endfassung dienen somit als Kontrollzeugnis: Sie helfen nicht nur bei einzelnen Lesungen, sondern auch bei der Frage, welche Ordnung und welche Textgestalt Philodem zuletzt anstrebte.[90]

Die eigentliche Textherstellung erfolgt in mehreren Stufen. Fleischers Edition unterscheidet ein diplomatisches Transkript, ein literarisches Transkript und einen kritischen Apparat. Das diplomatische Transkript beschreibt möglichst genau die sichtbaren Spuren, also etwa Tintenteile, Buchstabenreste, Lage im Zeilenbereich, Korrekturen und Einfügungen. Das literarische Transkript bietet den daraus gewonnenen Lesetext mit Ergänzungen. Der kritische Apparat dokumentiert frühere Lesungen, abweichende Vorschläge, unsichere Ergänzungen und die Herkunft einzelner Buchstaben aus Papyrus, Bild oder disegno. Damit wird der Leser nicht nur über das Ergebnis, sondern auch über den Grad der Sicherheit informiert.[91]

Zur papyrologischen Rekonstruktion tritt die philologische Kontrolle durch Sprache, Stil, Quellenanalyse und Parallelüberlieferung. Viele Ergänzungen lassen sich nur beurteilen, wenn sie zum verfügbaren Raum, zur Grammatik, zum Wortschatz Philodems, zur vermuteten Quelle und zum historischen Zusammenhang passen. Bei Philodems Akademie-Buch ist diese Kontrolle besonders ergiebig, weil der Text häufig ältere Autoren exzerpiert und sich manche Passagen mit Diogenes Laertios, Plutarch oder anderen Zeugen vergleichen lassen. Die Identifikation von Quellen wie Dikaiarchos, Philochoros, Neanthes, Hermippos oder Antigonos von Karystos ist deshalb nicht nur für die Interpretation wichtig, sondern auch ein Hilfsmittel der Textrekonstruktion.[92]

In vielen Fällen entsteht neuer Text nicht durch eine spektakuläre Einzelentdeckung, sondern durch eine Kette kleiner Sicherungen. Fleischer beschreibt diesen Vorgang als eine Art „Dominoeffekt“: Ein neu erkannter Buchstabe oder eine sicherer bestimmte Tintenspur kann eine bisher sinnlos wirkende Buchstabenfolge in einen grammatischen und sachlichen Zusammenhang bringen. Daraus kann sich eine längere Rekonstruktion ergeben, sofern sie durch Raum, Schriftbild, Sprache, Parallelüberlieferung und Quellenkontext kontrolliert wird. Der technische Fortschritt gewinnt seine eigentliche Bedeutung daher erst im Zusammenspiel mit philologischer Beurteilung.[93]

Die Rekonstruktion bleibt dennoch grundsätzlich hypothetisch. Moderne Bildtechnik kann Buchstaben sichtbar machen, die früher nicht lesbar waren; sie kann aber nicht alle Lücken schließen und ersetzt nicht die philologische Entscheidung. Umgekehrt können alte disegni wertvolle Spuren bewahren, aber auch irreführen. Die Methode der neueren Edition besteht daher nicht in einem einzelnen technischen Durchbruch, sondern in der kontrollierten Kombination aller verfügbaren Zeugnisse. Gerade diese Verbindung von Papyrusautopsie, alten Abzeichnungen, digitalen Bilddaten, materieller Rollenrekonstruktion und textkritischer Vorsicht hat den Textbestand von Philodems Geschichte der Akademie erheblich erweitert und zugleich die Unsicherheiten genauer sichtbar gemacht.[94]

5. Fortschritte der Neuedition (Fleischer 2023)

Die 2023 erschienene Neuedition Kilian Fleischers stellt den bislang umfassendsten Fortschritt in der Erforschung von Philodems Geschichte der Akademie dar. Sie ersetzt die älteren Editionen nicht nur durch einzelne bessere Lesungen, sondern durch eine neue Gesamtanlage: PHerc. 1691 und PHerc. 1021 werden als zusammengehörige Teile derselben Entwurfsrolle behandelt, PHerc. 164 wird als spätere Endfassung einbezogen, und die Edition verbindet Papyrusautopsie, alte disegni, moderne Bildgebung, bibliometrische Rollenrekonstruktion, diplomatisches Transkript, literarisches Transkript, Übersetzung und ausführlichen Kommentar. Damit wird der Text nicht mehr nur als beschädigte Quelle für einzelne Nachrichten zur Akademie gelesen, sondern zugleich als materielles Zeugnis eines antiken Arbeitsprozesses.[95]

Ein erster wesentlicher Fortschritt betrifft die materielle Rekonstruktion der Rolle. Das von Gianluca Del Mastro 2012 als zugehörig erkannte Fragment PHerc. 1691 wurde von Fleischer in die Entwurfsrolle integriert. Dadurch erweitert sich der Anfangsbereich des überlieferten Textes um die Kolumnen a bis c. Zugleich wird deutlich, dass vor diesen Kolumnen sowie zwischen PHerc. 1691 und PHerc. 1021 weitere Abschnitte verloren sind. Die Neuedition macht daher nicht nur neuen Text zugänglich, sondern bestimmt genauer, wo die Lücken der Überlieferung liegen und wie die erhaltenen Stücke ursprünglich angeordnet waren.[96]

Besonders folgenreich ist die Neubewertung von PHerc. 1691/1021 als Arbeitsmanuskript. Während schon Gaiser PHerc. 1021 als Arbeitsexemplar Philodems verstanden hatte, zeigt Fleischer den Entwurfscharakter der Rolle noch genauer. Ergänzungen oberhalb und unterhalb der Kolumnen, Verweiszeichen, Dubletten, Klebungen, Verso-Kolumnen und spätere Einfügungen werden als Spuren eines fortlaufenden Redaktionsprozesses gedeutet. Die Rolle erscheint damit nicht als gewöhnliche Abschrift, sondern als ein „Work in Progress“, in dem Philodem Quellen exzerpierte, Abschnitte verschob, Zusätze einarbeitete und eine spätere Fassung vorbereitete.[97]

Die Neuedition beruht außerdem auf einer deutlich erweiterten technischen Grundlage. Fleischer konnte neben dem Original und den älteren Abzeichnungen auch multispektrale und hyperspektrale Aufnahmen auswerten. Diese Bilder erlauben keine mechanische „Entzifferung“ des Papyrus, verbessern aber an zahlreichen Stellen die Sichtbarkeit der Tintenspuren. Der Textgewinn entsteht dabei häufig durch kleine Beobachtungen: Ein einzelner zusätzlicher Buchstabe kann eine bisher unverständliche Buchstabengruppe erschließen und dadurch eine größere Passage rekonstruierbar machen. Fleischer beschreibt diesen Vorgang als eine Art Dominoeffekt; insgesamt konnten in manchen Bereichen erhebliche Textzuwächse erzielt werden.[98]

Der Textzuwachs der Neuedition beruht daher nicht einfach darauf, dass auf den neuen Bildern große zusammenhängende Passagen unmittelbar lesbar geworden wären. Oft reicht ein einzelner neu erkannter Buchstabe oder eine sicherer bestimmte Tintenspur aus, um eine bisher sinnlos wirkende Buchstabenfolge in einen grammatischen und sachlichen Zusammenhang zu bringen. Aus einer kleinen paläographischen Verbesserung kann so eine längere Rekonstruktion entstehen, sofern sie durch Raum, Schriftbild, Sprache, Parallelüberlieferung und Quellenkontext kontrolliert wird. Der Fortschritt der Edition besteht daher nicht nur in neuen technischen Hilfsmitteln, sondern in der Verbindung von Bildanalyse, Paläographie, Papyrologie und philologischer Rekonstruktion.[99]

Auch die bibliometrische Analyse führte zu einer erheblich veränderten Einschätzung des Textzustands. Durch die Untersuchung von Kolumnenbreite, Zeilenzahl, Klebungen, Abständen und Voluten konnte Fleischer mehrere mechanische Textverluste genauer bestimmen. Dazu gehören mehrere verlorene Kolumnen vor Kolumne 1*, drei Kolumnen zwischen Kolumne 8* und 9 sowie weitere größere Ausfälle zwischen Kolumne 16 und 17 und zwischen Kolumne 19 und 20. Damit lassen sich manche früher als inhaltliche Sprünge oder als Unordnung der Darstellung verstandene Brüche überzeugender als Folgen der Beschädigung, Aufwicklung und modernen Montage der Rolle erklären.[100]

Inhaltlich hat die Neuedition mehrere wichtige Korrekturen und Ergänzungen erbracht. Dazu gehört die genauere Bestimmung von Philodems eigener Lebensgeschichte: Aus neuen Lesungen ergibt sich, dass Philodem vor seiner Zeit in Athen und Italien auch mit Alexandria und Sizilien in Verbindung stand. Damit gewinnt das Akademie-Buch zusätzliches biographisches Gewicht, weil Philodem nicht nur ältere Quellen kompilierte, sondern in Teilen auch aus einem intellektuellen Umfeld schrieb, das mit der späten Akademie seiner eigenen Zeit verbunden war.[101]

Auch die Darstellung der späten Akademie wurde durch Fleischers Lesungen erheblich präzisiert. Besonders bekannt ist die Korrektur des Namens des letzten Scholarchen der skeptischen Akademie: Fleischer argumentiert, dass nicht die geläufige Namensform „Philo“, sondern „Philio“ von Larissa die wahrscheinlichere Form ist. Dafür verweist er auf den Index Academicorum, auf Demetrios Lakon und auf weitere Zeugnisse, die eine Namensform mit Iota stützen. Die Korrektur ist mehr als eine orthographische Einzelheit, weil sie zeigt, wie selbst scheinbar gesicherte Namen der antiken Philosophiegeschichte durch neue Papyruslesungen revidiert werden können.[102]

Weitere Fortschritte betreffen die letzten erhaltenen Kolumnen des Werkes. In den Kolumnen 35 und 36 konnten nach Fleischer erstmals die Namen des Aischines und des Melanthios identifiziert werden; auch die Schülerliste des Charmadas wurde an zahlreichen Stellen verbessert. Zudem endet der Index Academicorum nach der Neuedition nicht, wie früher angenommen, mit einem bloßen Rückblick, sondern mit einer Vorschau auf das folgende Buch oder die folgenden Bücher über Megariker und Kyniker. Dadurch erhält das Ende des Akademie-Buches eine neue werkgeschichtliche Bedeutung: Es verweist auf die größere Anlage von Philodems Σύνταξις τῶν φιλοσόφων (Sýntaxis tōn philosóphōn, „Zusammenstellung der Philosophen“).[103]

Die Neuedition verändert auch die Quellenanalyse. Fleischer hält zwar an vielen grundlegenden Ergebnissen Gaisers fest, differenziert aber die Zuweisung einzelner Abschnitte stärker und korrigiert mehrere frühere Annahmen. Er betont insbesondere, dass Philodem vermutlich eine oder mehrere Grundquellen nutzte, diese aber nicht mechanisch abschrieb, sondern auswählte, kürzte, umordnete und durch zusätzliche Exzerpte ergänzte. Dadurch tritt Philodem deutlicher als arbeitender Kompilator hervor: Er ist weder ein originärer Philosophiehistoriker im modernen Sinn noch ein bloßer Kopist, sondern ein antiker Gelehrter, der aus älteren Quellen eine schulgeschichtliche Darstellung formte.[104]

Im Vergleich zur älteren Forschung liegt der Fortschritt der Ausgabe daher in drei miteinander verbundenen Bereichen. Erstens erweitert sie den Textbestand durch neue Lesungen, durch die Integration von PHerc. 1691 und durch eine methodisch genauere Auswertung einzelner Buchstaben- und Tintenspuren, die häufig eine Kette weiterer Rekonstruktionen ermöglichen. Zweitens rekonstruiert sie die materielle Form der Entwurfsrolle und der Endfassung genauer. Drittens verändert sie das Verständnis des Werkes, weil sie Philodems Arbeitsweise, die Quellenverarbeitung und die Stellung des Akademie-Buches innerhalb der Syntaxis neu sichtbar macht. Die Bedeutung der Ausgabe besteht somit nicht nur darin, dass mehr Text lesbar ist, sondern darin, dass die Entstehung, Struktur und historische Aussagekraft der Geschichte der Akademie insgesamt auf eine neue Grundlage gestellt werden.[105]

IV. Philodems Arbeitsweise

1. Exzerpierende Kompilation

Philodems Geschichte der Akademie ist kein Geschichtswerk im modernen Sinn, in dem ein Autor den Stoff überwiegend frei erzählt und deutet. Ihr Grundverfahren ist vielmehr die exzerpierende Kompilation: Philodem sammelt ältere Nachrichten über Platon und die Akademie, ordnet sie in eine schulgeschichtliche Abfolge ein und verbindet sie zu einer biographisch gegliederten Darstellung. Schon Gaiser bestimmte das Akademie-Buch als eine im Wesentlichen aus Exzerpten früherer Schriften bestehende Geschichte der platonischen Schule von Platon bis in Philodems eigene Zeit. Gerade dadurch ist das Werk für die Forschung besonders wertvoll, weil es nicht nur Philodems eigene Sicht, sondern zahlreiche sonst verlorene hellenistische und ältere Quellen in Auszügen bewahrt.[106]

Diese Arbeitsweise erklärt den besonderen Charakter des Textes. Philodem tritt über weite Strecken nicht als selbständiger Erzähler hervor, sondern als Sammler, Kürzer und Arrangeur fremder Berichte. Zu den namentlich oder mit hoher Wahrscheinlichkeit erkennbaren Quellen gehören unter anderem Dikaiarchos, Philochoros von Athen, Neanthes von Kyzikos, Speusippos, Timaios von Tauromenion, Demochares, Hermippos von Smyrna, Antigonos von Karystos und Apollodor von Athen. Die Quellen reichen von peripatetischen Lebensbeschreibungen über attische Lokalgeschichtsschreibung und biographische Anekdotensammlungen bis zu chronographischen Versen. Dadurch entsteht kein einheitlich komponierter philosophischer Traktat, sondern eine gelehrte Schulgeschichte, deren Informationswert gerade in der bewahrten Vielstimmigkeit liegt.[107]

Für die Frühgeschichte der Akademie lässt sich das Verfahren besonders gut am Dikaiarch-Exzerpt beobachten. Gaiser nahm an, Philodem habe den Platon-Bios Dikaiarchs offenbar wörtlich und vollständig übernommen; eine Kürzung sei jedenfalls nicht erkennbar, und der bei Philodem erhaltene Abschnitt bilde ein in sich geschlossenes Ganzes. Fleischer beurteilt die Zuweisung der einschlägigen Kolumnen an Dikaiarch zwar differenzierter und papyrologisch vorsichtiger, hält aber ebenfalls ein längeres Dikaiarch-Exzerpt für sehr wahrscheinlich. Inhaltlich ging es dabei nicht nur um äußere Lebensdaten Platons, sondern um dessen philosophische Leistung, die Wirkung der Dialoge und die theoretische Lebensform der Schule. Philodem bewahrt damit ein Zeugnis peripatetischer Platon-Deutung, das sonst nur in verstreuten Fragmenten greifbar wäre.[108]

Gerade die Nähe vieler Exzerpte zum Wortlaut ihrer Vorlagen hat auch für die moderne Textherstellung erhebliche Bedeutung. Fleischer beschreibt die papyrologische Rekonstruktion als einen möglichen „Dominoeffekt“: Nicht schon die moderne Bildgebung allein liefert ohne Weiteres große Mengen neuen Textes, sondern bisweilen genügt ein neu gelesener Buchstabe oder ein sicher identifiziertes Wort, um eine zuvor unverständliche Umgebung mit Hilfe von Parallelüberlieferungen, sprachlichen Mustern oder metrischen Vorgaben neu zu erschließen. Weil Philodem häufig wortnah exzerpierte, können neue Lesungen mit verwandten Traditionen, etwa bei Diogenes Laertios, abgeglichen werden. Die exzerpierende Kompilation ist daher nicht nur ein antikes Arbeitsverfahren, sondern zugleich ein Grund dafür, warum die neuere Forschung den beschädigten Papyrus in manchen Partien deutlich besser rekonstruieren kann als frühere Editionen.[109]

Auch bei anderen Autoren zeigt sich, dass Philodem seine Vorlagen nicht nur als Steinbruch einzelner Anekdoten benutzte, sondern längere zusammenhängende Stoffblöcke übernahm. Für Hermipps Schrift über Philosophen, die zur Feldherrschaft oder zur Herrschaft übergegangen seien, rekonstruiert Fleischer, dass Philodem den Abschnitt über Chairon von Pellene offenbar aus erster Hand und weitgehend wörtlich zitiert habe; allenfalls habe er am Ende eine kleine eigene Bemerkung hinzugefügt. Hermipp selbst hatte seinerseits ältere Autoren wie Dikaiarch, Hypereides und Phainias ausgewertet. Philodems Text kann daher mehrere Traditionsstufen zugleich bewahren: den ursprünglichen Bericht, dessen Verarbeitung durch Hermipp und schließlich Philodems Auswahl und Einfügung in die Akademiegeschichte.[110]

Ein weiteres Beispiel ist Antigonos von Karystos, dessen biographische Angaben für Polemon, Krantor, Krates und Arkesilaos eine zentrale Rolle spielen. Fleischer lässt offen, ob Philodem die Bioi des Antigonos unmittelbar vor sich hatte oder ob er sie zunächst aus einer Zwischenquelle kannte; wahrscheinlich sei sogar eine Kombination beider Möglichkeiten. Entscheidend ist jedoch, dass Philodem in den eigentlichen Prosapassagen oft näher am ursprünglichen Antigonos zu stehen scheint als Diogenes Laertios, der die gleiche Tradition häufig stärker kürzt und mit anderem Material vermischt. Gerade hier zeigt sich der Wert der exzerpierenden Kompilation: Philodem schafft keine originelle Biographie des Arkesilaos oder Polemon, bewahrt aber ältere biographische Prosa in einer Form, die für die Rekonstruktion verlorener hellenistischer Philosophiegeschichtsschreibung unersetzlich ist.[111]

Für die zweite Hälfte des Werkes ist Apollodors Chronik besonders wichtig. In den Kolumnen zur skeptischen und späteren Akademie hat Philodem umfangreiches chronographisches Material verwendet; nach Fleischer sind im Index Academicorum mehr Verse aus Apollodor erhalten als in jedem anderen herkulanensischen Papyrus. Das Metrum der iambischen Trimeter half der modernen Rekonstruktion, weil es an beschädigten Stellen mögliche Ergänzungen begrenzt. Zugleich zeigt das Apollodor-Material, dass Philodem nicht einfach chronologische Daten notierte, sondern poetisch-chronographische Tradition in seine Schulgeschichte einbaute und mit biographischen Abschnitten verband.[112]

Die exzerpierende Arbeitsweise bedeutet jedoch nicht, dass Philodem mechanisch eine einzige ältere Geschichte der Akademie abgeschrieben hätte. Fleischer nimmt vielmehr an, dass Philodem wohl eine oder mehrere philosophiehistorische Grundquellen als Orientierungspunkt benutzte, aus ihnen Abschnitte übernahm, anderes ausließ, umstellte und später durch zusätzliche Funde ergänzte. Eine solche Grundquelle dürfte ihrerseits bereits ältere Autoren gezielt nach Nachrichten über Akademiker durchsucht haben. Die erhaltenen Zitate oder Paraphrasen scheinen häufig nahe am Wortlaut der älteren Autoren zu stehen; zugleich hat Philodem bereits früh in Struktur und teilweise auch in den Wortlaut eingegriffen. Die Grenze zwischen Zitat, Paraphrase, Kürzung und redaktioneller Verbindung ist daher nicht immer sicher zu ziehen.[113]

Das Ergebnis ist eine Kompilation mit eigener Ordnung, aber ohne starke autorielle Glättung. Philodem lässt die Verschiedenheit seiner Vorlagen oft erkennbar stehen: peripatetische Wertungen neben antiquarischen Notizen, biographische Anekdoten neben Schülerlisten, chronographische Verse neben prosaischen Zusammenfassungen. Für heutige Leser wirkt das bisweilen sprunghaft; für die antike gelehrte Praxis war es eine sachgerechte Methode, Material aus schwer zugänglichen Büchern zu sichern und in eine neue schulgeschichtliche Übersicht einzufügen. Philodems Leistung liegt daher weniger in einer originellen Philosophie der Akademie als in der Auswahl, Bewahrung und Anordnung älterer Zeugnisse. Gerade weil er exzerpiert, ist seine Geschichte der Akademie eine der wichtigsten Quellen für die verlorene Überlieferung über Platon und seine Schule.[114]

2. Redaktionelle Bearbeitung

Die erhaltene Fassung von Philodems Geschichte der Akademie zeigt das Werk nicht als abgeschlossenes Buch, sondern als Text in Bearbeitung. PHerc. 1691/1021 ist nach der neueren Forschung als Entwurfsfassung oder Arbeitsmanuskript zu verstehen, während PHerc. 164 eine spätere Endfassung desselben Werkes bezeugt. Schon Gaiser beschrieb PHerc. 1021 als Arbeitsexemplar, in dem das Buch noch in statu nascendi vorliege; Fleischer hat diesen Befund durch die Einbeziehung von PHerc. 1691, die erneute Prüfung der alten disegni und die Auswertung moderner Bildgebung wesentlich präzisiert. Der Text ist daher nicht nur Quelle für die Geschichte der Akademie, sondern zugleich ein außergewöhnliches Zeugnis dafür, wie ein antiker Autor sein Material sichtete, ergänzte, umstellte und für eine spätere Reinschrift vorbereitete.[115][116]

Die redaktionelle Bearbeitung ist im Papyrus materiell sichtbar. Fleischer nennt Verweise, Einfügungen, Randbemerkungen, Tilgungszeichen, Transpositionszeichen, Dubletten, redundante Passagen, Überarbeitungen und auf dem Verso nachgetragene Kolumnen. Besonders wichtig ist, dass es sich dabei nicht bloß um Schreiberversehen oder spätere Beschädigungen handelt. Vielmehr dokumentieren diese Merkmale den Arbeitsprozess selbst: Philodem hatte bereits einen fortlaufenden Text vor sich, griff aber immer wieder ein, um gefundene Exzerpte, Zusatzinformationen oder bessere Anordnungen in die entstehende Schulgeschichte einzubauen. Der Papyrus erlaubt dadurch einen seltenen Blick auf die Werkstatt eines antiken Gelehrten.[117]

Ein zentrales Mittel dieser Bearbeitung waren Ergänzungen oberhalb, unterhalb und zwischen den Kolumnen des Rekto. Fleischer unterscheidet dreizehn solcher Ergänzungen, die in der Edition eigens nummeriert sind. Sie sind nicht als bloße Nachträge vergessener Satzteile zu verstehen, sondern als echte Einfügungen, die in der Endfassung erscheinen sollten. Kleinere Zusätze konnten zwischen den Kolumnen oder im interlinearen Raum untergebracht werden; größere Ergänzungen verlangten andere Lösungen, etwa die Nutzung des Verso oder das Einfügen neuer Textstücke. Damit zeigt sich Philodem als Redaktor, der seine Quellen nicht nur abschreibt, sondern den überlieferten Stoff nachträglich erweitert und in eine geplante Endgestalt überführt.[118]

Besonders auffällig ist die Benutzung der Rückseite der Rolle. PHerc. 1021 ist ein Opisthograph: Auf dem Verso befinden sich Kolumnen, die nach Gaisers und Fleischers Deutung nicht einfach einen unabhängigen Text darstellen, sondern umfangreiche Nachträge zur Vorderseite enthalten. Diese Verso-Kolumnen sollten an bestimmten Stellen in den Text des Rekto eingefügt werden. Die Rückseite diente damit als Arbeitsfläche für Material, das im fortlaufenden Vorderseitentext keinen Platz mehr fand. Philodem behandelte die Rolle also nicht wie eine endgültige Buchrolle, sondern wie ein Konzeptpapier, auf dem größere redaktionelle Eingriffe noch möglich und notwendig waren. Der antike Vermerk ὀπίσω (opísō, „hinten“, „auf der Rückseite“) zeigt dabei ausdrücklich an, dass ein Nachtrag vom Verso in den Textzusammenhang einzufügen war.[119][120]

Zur redaktionellen Bearbeitung gehörten auch Umstellungen. Fleischer beschreibt die Arbeitsweise Philodems mit dem modernen Ausdruck „copy and paste“, weil einzelne Textstücke offenbar nicht nur abgeschrieben, sondern auch materiell neu angeordnet wurden. Gemeint ist damit nicht bloß ein gedankliches oder schriftliches Umstellen von Stoff, sondern eine buchtechnische Operation: Papyrusbögen, Kolumnen oder kleinere Teilrollen konnten vorbereitet, zerschnitten, umgruppiert und mit Sekundärklebungen in eine neue Reihenfolge gebracht werden. Klebungen, Sekundärklebungen und die Position bestimmter Kolumnen sprechen dafür, dass Philodem oder seine Mitarbeiter Abschnitte auf Papyrusbögen oder kleineren Teilrollen vorbereiteten und später in eine größere Entwurfsrolle integrierten. Das Verfahren erklärt, warum der Text an manchen Stellen eine unruhige Ordnung zeigt und warum einzelne Passagen doppelt oder an zunächst unerwarteter Stelle erscheinen. Die Redaktion bestand also nicht nur aus sprachlicher Korrektur, sondern auch aus einer buchtechnischen Organisation des Materials.[121]

Die Dubletten sind für diese Arbeitsweise besonders aufschlussreich. Sie zeigen, dass Philodem gelegentlich denselben Stoff in unterschiedlichen Fassungen oder an verschiedenen Stellen einfügte, ohne dass die endgültige Bereinigung bereits erfolgt war. Ein Beispiel bietet die Behandlung chronographischen Materials aus Apollodors Chronik: Einzelne Angaben wurden zunächst an einer Stelle untergebracht, sollten aber später offenbar in einen anderen Zusammenhang versetzt werden. Tilgungszeichen und Haken weisen darauf hin, dass bestimmte Passagen in der Endfassung entfallen oder verschoben werden sollten. Solche Spuren sind für die Interpretation wichtig, weil sie zwischen dem zufällig erhaltenen Zustand der Entwurfsrolle und der von Philodem beabsichtigten Werkgestalt unterscheiden helfen.[122]

Die redaktionelle Arbeit lässt auch erkennen, dass Philodem beim Schreiben nicht immer einem linearen Arbeitsgang folgte. Wahrscheinlich las er zunächst ältere Bücher, markierte oder exzerpierte einschlägige Passagen, ordnete das Material vorläufig, ließ einen ersten Entwurf herstellen und ergänzte diesen später durch weitere Funde. Fleischer rechnet mit mehreren möglichen Zwischenschritten: Exzerpte konnten auf Wachstafeln oder Papyrusbögen gesammelt, Übergänge diktiert, größere Textteile geklebt und nachträglich umgestellt werden. Sicher rekonstruieren lässt sich dieser Prozess nicht in jedem Einzelzug; der erhaltene Papyrus belegt aber, dass Philodems Akademie-Buch aus einem beweglichen Arbeitszusammenhang hervorging und nicht als einmalig niedergeschriebener Fließtext entstand.[123]

Zu diesem Werkstattcharakter passt, dass an PHerc. 1691/1021 mehrere Hände beteiligt waren. Fleischer unterscheidet neben der Haupthand weitere Hände, darunter eine Hand, die zahlreiche Ergänzungen eintrug, und eine dritte Hand, die als professioneller Korrektor oder Diorthotes verstanden werden kann. Gerade der Befund, dass der Entwurf trotz seines provisorischen Charakters verhältnismäßig wenige gewöhnliche Schreibfehler enthält, spricht für eine sorgfältige Durchsicht. Philodems Arbeitsmanuskript war also kein bloßer privater Notizzettel, sondern ein anspruchsvoll hergestellter Zwischenzustand, an dem auch spezialisierte Schreiber- und Korrekturarbeit beteiligt war.[124]

Für die Bewertung des Werkes ist dieser Befund grundlegend. Manche Unebenheiten des Textes sind nicht als Unfähigkeit des Autors zu erklären, sondern als Spuren eines noch nicht abgeschlossenen Redaktionsprozesses. Philodem wollte seine älteren Quellen offenbar nicht nur sammeln, sondern in eine geordnete Schulgeschichte einpassen. Wo neue Informationen auftauchten, wurden sie ergänzt; wo die Reihenfolge nicht passte, wurde umgestellt; wo Material doppelt stand, sollte es später bereinigt werden. Die spätere Endfassung PHerc. 164 zeigt, dass dieser Prozess tatsächlich auf eine geglättete Buchgestalt zielte, auch wenn von ihr nur geringe Reste erhalten sind. Zwischen der Entwurfsrolle PHerc. 1691/1021 und der kalligraphischen Endfassung PHerc. 164 dürfte nach Fleischer noch eine vorläufige Endfassung gestanden haben, eine Art nicht erhaltene „Druckplatte“ oder Masterkopie, die als Vorlage für die Herstellung professioneller Abschriften dienen konnte. Die Entwurfsrolle PHerc. 1691/1021 ist deshalb für die Forschung doppelt bedeutsam: Sie überliefert ältere Nachrichten zur Akademie und bewahrt zugleich die sichtbaren Spuren antiker Redaktionstechnik.[125][126]

3. Struktur und intendierte Ordnung

Die Struktur von Philodems Geschichte der Akademie ist nur dann angemessen zu verstehen, wenn man zwischen dem heute erhaltenen Zustand der Papyrusrolle und der vom Autor beabsichtigten Ordnung unterscheidet. PHerc. 1691/1021 bewahrt die Entwurfsfassung, also ein Arbeitsmanuskript, in dem der Text noch ergänzt, verschoben und bereinigt werden sollte. PHerc. 164 bezeugt demgegenüber eine spätere Endfassung desselben Werkes, ist aber nur in kleinen Resten erhalten. Die Rekonstruktion der intendierten Ordnung beruht daher nicht allein auf dem fortlaufenden Text der Vorderseite, sondern auf dem Zusammenspiel von Rekto, Verso-Kolumnen, Randzusätzen, Klebungen, alten Abzeichnungen, moderner Bildgebung und bibliometrischer Rollenrekonstruktion.[127]

Gaiser hatte bereits gegen die ältere Auffassung betont, dass die überlieferte Reihenfolge der Textstücke nicht einfach mit der von Philodem geplanten Werkgestalt gleichgesetzt werden darf. Für seine Teilausgabe der ersten Werkhälfte formulierte er ausdrücklich das Ziel, über die bloße Dokumentation des Papyrustextes hinaus die von Philodem intendierte Fassung des Akademie-Buches zu erschließen. Dazu mussten nicht nur die Papyrusreste gelesen und ergänzt, sondern auch die kleineren Fragmente von PHerc. 164, die auf dem Verso stehenden Nachträge und die in PHerc. 1021 sichtbaren Verweise in eine sinnvolle Abfolge gebracht werden. Gerade diese Frage der Anordnung war für Gaiser eine der zentralen methodischen Aufgaben der Edition.[128]

Die Grundordnung des Werkes folgt dem Muster einer Schulgeschichte. Philodem stellt die Akademie nicht als abstraktes Lehrsystem dar, sondern als Abfolge von Personen, Lehrer-Schüler-Beziehungen und Schulleitungen. Der erhaltene Text beginnt nach erheblichen Verlusten mit Material zu Platon, behandelt sodann Speusipp, Xenokrates und weitere Vertreter der Alten Akademie, führt über Polemon, Krantor von Soloi, Krates und Arkesilaos zur skeptischen Akademie und reicht schließlich bis in Philodems eigene Gegenwart. Die späten Abschnitte enthalten Nachrichten zu Karneades, Kleitomachos, Philio von Larissa, Antiochos von Askalon und weiteren Akademikern des 2. und 1. Jahrhunderts v. Chr. Damit ist das Werk nicht bloß eine Platon-Biographie, sondern eine diachrone Darstellung der Akademie als Institution.[129]

Diese Ordnung ist jedoch nicht einfach chronologisch glatt. Philodem ordnet sein Material überwiegend nach biographischen Einheiten, Schülerlisten und Quellenblöcken. Dadurch können einzelne Abschnitte thematisch oder quellenbedingt leicht aus der strengen Zeitfolge treten. Fleischer weist etwa darauf hin, dass Listen am Ende des Werkes teils nachgetragen wurden und nicht immer völlig in die chronologische Abfolge eingebettet sind. Solche Verschiebungen zeigen nicht notwendig Unordnung, sondern die Spannung zwischen zwei Ordnungsprinzipien: Einerseits soll die Geschichte der Akademie als Sukzession von Schulhäuptern und Schülerkreisen erzählt werden, andererseits bringt Philodem längere Exzerpte aus älteren Quellen ein, deren innere Struktur nicht beliebig auflösbar war.[130]

Besonders wichtig für die intendierte Ordnung sind die Verso-Kolumnen. PHerc. 1691/1021 ist kein gewöhnlicher Opisthograph, bei dem die Rückseite einfach einen zweiten Text oder eine Fortsetzung enthält. Vielmehr wurden auf dem Verso größere Nachträge eingetragen, die an bestimmten Stellen in den Text des Rekto eingefügt werden sollten. Fleischer verweist darauf, dass im Rekto ausdrücklich mit dem Vermerk ὀπίσω (opísō, „hinten“ oder „auf der Rückseite“) auf solche Verso-Passagen verwiesen wird. Die Rückseite ist daher Teil der geplanten Werkstruktur: Sie bewahrt Textstücke, die im Entwurf räumlich ausgelagert, in der Endfassung aber in die fortlaufende Darstellung aufgenommen werden sollten.[131]

Auch die Klebungen und die bibliometrische Analyse der Rolle verändern das Bild der Textordnung erheblich. Frühere Editionen gingen weitgehend davon aus, dass die sichtbaren Kolumnen des Rekto ohne größere Lücken aufeinanderfolgten. Fleischer konnte dagegen zeigen, dass an mehreren Stellen ganze Kolumnen verloren sind. Dadurch erklären sich manche scheinbar abrupten Übergänge nicht mehr aus schlechter „Zettelwirtschaft“, sondern aus modernen Verlusten beim Aufwickeln und Erhalten der Rolle. Zugleich zeigte sich, dass bestimmte Abschnitte, darunter Kolumne 8*, in der älteren Forschung falsch platziert waren. Die intendierte Ordnung lässt sich daher nur durch die Verbindung von philologischer Interpretation und materieller Rollenrekonstruktion bestimmen.[132]

Die Frage der Ordnung betrifft nicht nur die Abfolge einzelner Kolumnen, sondern auch die buchtechnische Herstellung des Werkes. Die Entwurfsrolle war offenbar nicht als endgültige Leseabschrift gedacht, sondern als Vorstufe eines weiter bereinigten Textes. Zwischen PHerc. 1691/1021 und der kalligraphischen Endfassung PHerc. 164 dürfte nach Fleischer noch eine nicht erhaltene, vorläufige Endfassung gestanden haben, die er mit dem modernen Ausdruck einer „Druckplatte“ beschreibt. Gemeint ist damit keine Druckform im neuzeitlichen Sinn, sondern eine Masterkopie oder verbindliche Vorlage, in der die Nachträge, Umstellungen und Korrekturen des Arbeitsmanuskripts bereits eingearbeitet waren und von der aus professionelle Abschriften hergestellt werden konnten.[133]

Die spätere Endfassung PHerc. 164 bestätigt, dass Philodem auf eine geglättete und fortlaufende Buchgestalt hinarbeitete. Ihre Fragmente sind zwar klein, doch zeigen sie, dass die Entwurfsfassung nicht der letzte Zustand des Werkes war. In der Endfassung sollten die Zusätze, Verso-Kolumnen und umgestellten Abschnitte offenbar in eine lesbare Gesamtfolge gebracht werden. Für die Forschung ist PHerc. 164 deshalb weniger wegen seines Textumfangs wichtig als wegen seiner Funktion: Es belegt, dass die Unruhe des Arbeitsmanuskripts nicht mit Philodems endgültigem literarischem Plan verwechselt werden darf.[134][135]

Die intendierte Gesamtordnung reicht zudem über das Akademie-Buch selbst hinaus. Philodems Geschichte der Akademie gehörte zur größeren Σύνταξις τῶν φιλοσόφων (Sýntaxis tōn philosóphōn, „Zusammenstellung der Philosophen“), in der auch andere Schulen behandelt wurden. Fleischer hat gezeigt, dass das neue Ende des Index Academicorum nicht, wie früher angenommen, bloß mit einem Rückblick schließt, sondern eine Vorschau auf die Behandlung der Megariker und Kyniker enthält. Damit ist das Akademie-Buch zugleich ein in sich gegliedertes Werk und ein Teil einer umfassenderen Philosophiegeschichte. Seine Ordnung ist also doppelt angelegt: intern als Geschichte der Akademie von Platon bis ins 1. Jahrhundert v. Chr., extern als Abschnitt einer größeren Darstellung philosophischer Schulen.[136]

Die Struktur des Werkes ist damit selbst ein Schlüssel zu Philodems Arbeitsweise. Er wollte keine freie, rhetorisch geschlossene Erzählung verfassen, sondern eine schulgeschichtliche Übersicht, die ältere Quellen in eine nachvollziehbare Sukzession bringt. Die sichtbaren Brüche, Nachträge und Umstellungen des Arbeitsmanuskripts sind nicht bloß Störungen, sondern Spuren dieses Ordnungsprozesses. Philodems Leistung besteht darin, verschiedenartige ältere Zeugnisse so zu arrangieren, dass aus ihnen eine Geschichte der Akademie als einer über Generationen fortbestehenden philosophischen Institution wird.[137][138]

V. Die Quellen Philodems

1. Methodische Grundlagen der Quellenanalyse

Die Quellenanalyse von Philodems Geschichte der Akademie hat eine doppelte Aufgabe. Sie muss einerseits bestimmen, welche älteren Autoren Philodem benutzt hat, und andererseits klären, an welchen Stellen Philodem selbst spricht, zusammenfasst, überleitet oder sein Material redaktionell verändert. Das ist methodisch besonders anspruchsvoll, weil PHerc. 1691/1021 keine glatte Abschrift einer fertigen Schrift, sondern die Entwurfsfassung eines noch bearbeiteten Buches ist. Die Quellenfrage lässt sich daher nicht vom papyrologischen Befund trennen: Textverluste, falsche Lagen, Klebungen, Randzusätze, Verso-Kolumnen und spätere Ergänzungen gehören selbst zu den Indizien, mit denen die Entstehung des Werkes rekonstruiert wird.[139]

Bereits Konrad Gaiser stellte die Quellenanalyse ins Zentrum seiner Untersuchung. Für ihn bestand die Aufgabe darin, die von Philodem zitierten oder referierten Autoren zu ermitteln und längere Fremdberichte von den meist kürzeren Zwischentexten Philodems abzugrenzen. Dabei betonte er, dass Textherstellung, Anordnung der Kolumnen und Quellenanalyse wechselseitig voneinander abhängen: Eine richtige Quellenzuweisung kann die Ordnung des Textes erhellen, eine verbesserte Anordnung kann umgekehrt die Identifikation der Quelle ermöglichen. Gaiser ging noch davon aus, dass Philodem in der ersten Buchhälfte keine einheitliche Hauptvorlage benutzte, sondern ältere Texte selbständig exzerpierte und zusammenstellte.[140]

Die Neuedition Kilian Fleischers hat dieses Bild differenziert. Fleischer hält zwar ebenfalls nicht für wahrscheinlich, dass Philodem einer einzigen Vorlage mechanisch gefolgt sei. Zugleich erscheint es ihm aber unwahrscheinlich, dass Philodem alle Nachrichten des Haupttextes erstmals selbst aus Einzelquellen zusammensuchte und daraus eigenständig ein chronologisches Gesamtgerüst der Akademiegeschichte bildete. Wahrscheinlicher ist, dass Philodem eine oder mehrere philosophiehistorische Grundquellen als Orientierungspunkt benutzte, aus ihnen Passagen übernahm, andere Stücke ausließ, Material umstellte und später durch zusätzliche Exzerpte ergänzte. Die „Grundquelle“ ist daher kein sicher identifizierbares Werk, sondern ein heuristischer Begriff für eine oder mehrere ältere philosophiegeschichtliche Vorlagen, die im erhaltenen Text nicht ausdrücklich genannt werden.[141]

Für diese mögliche Grundquelle lassen sich nur vorsichtige Aussagen treffen. Fleischer datiert sie, jedenfalls in ihrer jüngeren Gestalt, wahrscheinlich in die Zeit zwischen 84/83 und 57 v. Chr.; ein Hinweis ist die Dublette zum Tod Philios von Larissa mit der Archon-Angabe Niketes. Die langen Schülerlisten der skeptischen und späten Akademie könnten auf ein akademienahes Milieu der Vorlage deuten. Zugleich bleibt offen, ob diese Quelle die ganze Geschichte der Akademie oder nur einzelne Abschnitte behandelte. Wichtig ist vor allem, dass Philodem seine Grundquelle im erhaltenen Text nicht zitiert. Quellenkritisch muss daher zwischen ausdrücklich genannten Autoren, erschlossenen Einzelquellen und einer nur indirekt fassbaren Vorlagenschicht unterschieden werden.[142]

Philodem ist dabei nicht nur als Kompilator älterer Quellen zu behandeln. Besonders am Ende des Werkes, wo die Darstellung bis in seine eigene Zeit reicht, tritt er selbst als Zeitzeuge hervor. Er konnte einzelne Vertreter der späten Akademie oder ihres Umfeldes persönlich kennen und nennt Freunde und Gesprächspartner wie Ariston oder Dion von Alexandria. Dadurch entsteht neben den älteren literarischen Vorlagen eine eigene, autoptische Quellenschicht: Philodem überliefert nicht nur Gelesenes, sondern teilweise auch zeitgenössische Erfahrung und persönliche Erinnerung. Gerade für die Phase von Philio von Larissa und Antiochos von Askalon erhöht dies den historischen Wert des Werkes erheblich.[143]

Die Kriterien der Quellenzuweisung sind entsprechend vielfältig. Sichere oder besonders wahrscheinliche Zuweisungen ergeben sich dort, wo im Papyrus ein Autor genannt wird oder wo eine Passage durch Inhalt, Wortwahl und Parallelüberlieferung mit einer bekannten Quelle übereinstimmt. So lassen sich Abschnitte über Platon und die Alte Akademie mit Dikaiarchos, Philochoros, Neanthes, Hermippos von Smyrna oder Antigonos von Karystos verbinden; für die spätere Akademie spielt Apollodor von Athen mit seinen Chronica eine herausragende Rolle. Daneben gibt es Abschnitte, deren Quelle unbekannt bleibt oder nur allgemein als „unbekannt“, „Philodem“ oder „Grundquelle“ beschrieben werden kann. Die Übersicht der Neuedition zeigt daher nicht eine einfache Kette von Autorennamen, sondern ein Geflecht aus sicher genannten Quellen, plausiblen Zuweisungen, anonymen Vorlagen und Eigenanteilen Philodems.[144]

Ein besonderes Gewicht haben sprachliche und stilistische Indizien. Gaiser wies etwa darauf hin, dass Philodem seine Vorlagen häufig ziemlich wörtlich wiedergibt; deshalb können Eigenheiten wie Hiatgebrauch, Satzfügung, wiederkehrende Formeln oder charakteristische Vokabeln Hinweise auf verschiedene Quellenschichten geben. Solche Kriterien sind jedoch nie isoliert beweiskräftig. Sie müssen mit der äußeren Überlieferung, der Kolumnenfolge, den Spuren im Papyrus, der Paralleltradition bei Diogenes Laertios, Plutarch oder anderen Autoren und der inhaltlichen Logik der Darstellung zusammengeführt werden. Quellenanalyse ist bei Philodem deshalb keine bloße Namenssuche, sondern eine Verbindung von Philologie, Papyrologie und antiker Philosophiegeschichte.[145]

Die materielle Beschaffenheit der herkulanensischen Papyri verschärft diese methodischen Anforderungen. Die Tinte ist auf dem karbonisierten Papyrus oft kaum vom dunklen Untergrund zu unterscheiden; zudem sind Buchstaben durch Falten, Brüche, Verdrehungen und Oberflächenreflexe schwer zu beurteilen. Fleischers Neuedition beruht deshalb auf Originalautopsie, Multispektral- und Hyperspektralbildern, den Oxforder und Neapolitanischen disegni sowie bibliometrischen Verfahren zur Rollenrekonstruktion. Die alten Abzeichnungen dürfen dabei nicht wie selbständige Handschriften behandelt werden, aus denen sich ein Urtext mechanisch ableiten ließe. Sie sind vielmehr unvollkommene, aber oft unersetzliche Zeugnisse eines früher besser erhaltenen Papyruszustandes und müssen mit den modernen Bildern und dem Originalbefund zusammen ausgewertet werden.[146]

Der erhebliche Textzuwachs der Neuedition erklärt sich daher nicht allein dadurch, dass moderne Bilder mehr Tintenspuren sichtbar machen. Fleischer beschreibt vielmehr einen rekonstruktiven „Domino-Effekt“: Ein neu erkannter Buchstabe, ein sicherer Name oder eine verbesserte Kolumnenordnung kann in stark fragmentierten Passagen weitere Ergänzungen ermöglichen und so ganze Satz- oder Sinnzusammenhänge erschließen. Die moderne Quellenanalyse ist deshalb nicht nur eine technische Verbesserung der Lesbarkeit, sondern ein dynamischer Prozess, in dem papyrologische Beobachtung, Sprachkenntnis und historische Kontextualisierung einander wechselseitig stützen.[147]

Methodisch wichtig ist schließlich der unfertige Charakter des erhaltenen Textes. Philodem arbeitete offenbar mit Exzerpten, Nachträgen und Umstellungen; einige größere Zusätze stehen auf dem Verso, andere oberhalb oder unterhalb der Kolumnen. Dadurch können spätere Ergänzungen neben älteren Vorlagenschichten treten. Besonders deutlich wird dies bei der Frage, ob Philodem bestimmte Autoren direkt vor sich hatte oder nur über seine Grundquelle kannte. Bei Antigonos von Karystos etwa bleibt nach Fleischer offen, ob Philodem zunächst nur antigonisches Material aus einer Grundquelle übernahm und später das Original oder weitere Zwischenquellen heranzog. Solche Fälle zeigen, dass die Quellenanalyse nicht immer zu eindeutigen Stammbaumverhältnissen führt. Häufig lässt sich nur ein Wahrscheinlichkeitsurteil formulieren, das den Befund besser erklärt als konkurrierende Annahmen.[148]

Die Quellen Philodems sind daher auf drei Ebenen zu untersuchen: auf der Ebene der materiellen Überlieferung, auf der Ebene der literarischen Vorlagen und auf der Ebene der redaktionellen Arbeit Philodems. Erst aus dem Zusammenspiel dieser Ebenen wird erkennbar, was der Papyrus für die Geschichte der Akademie leistet. Er bewahrt nicht nur einzelne Nachrichten über Platon und seine Nachfolger, sondern zeigt auch, wie ein hellenistischer Gelehrter ältere Philosophiegeschichtsschreibung exzerpierte, ordnete, ergänzte und in ein neues Schulgeschichtswerk einfügte.[149]

2. Die Hauptquellen der ersten Buchhälfte

Dikaiarch

Am Anfang der erhaltenen Darstellung steht Dikaiarch von Messene, ein Schüler des Aristoteles. Philodem hat für die frühe Platon-Darstellung wahrscheinlich einen Abschnitt aus Dikaiarchs Schrift Περὶ βίων (Peri biōn, „Über Lebensformen“) benutzt. Dieser Abschnitt reichte nach der Rekonstruktion vom stark beschädigten Beginn der erhaltenen Kolumnen über die Vorderseite bis in eine auf dem Verso nachgetragene Kolumne und endete erst in Kolumne 2. Dikaiarch behandelte Platon dabei nicht nur als biographische Figur, sondern als Beispiel einer bestimmten philosophischen Lebensform. Der erhaltene Bericht berührt Platons Erziehung, seine Verbindung sokratischer und pythagoreischer Anregungen, seine Leistung als Erneuerer der Philosophie, die Wirkung seiner Dialoge und das gemeinsame Forschen in der Schule.[150]

Der besondere Wert dieses Exzerpts liegt darin, dass mit Dikaiarch ein Autor der aristotelischen Schule zu Wort kommt, der Platon und die frühe Akademie zeitlich noch vergleichsweise nahe stand. Seine Darstellung ist nicht bloß anekdotisch, sondern fragt nach der Gestalt des philosophischen Lebens. Dikaiarch würdigt die protreptische Wirkung der Dialoge, also ihre Kraft, Leser zur Philosophie hinzuführen, sieht aber zugleich die Gefahr oberflächlicher Nachahmung. Ebenso wird Platon als Anreger mathematischer Forschung beschrieben: Er habe, gleichsam als „Architekt“, Probleme gestellt, deren Lösung die Mathematiker suchten. Gerade diese Verbindung von Biographie, Schulwirklichkeit und philosophischer Lebensform macht Dikaiarch für die Rekonstruktion des platonischen Schulmilieus besonders wichtig.[151]

Fleischer bestätigt die hohe Wahrscheinlichkeit der Zuweisung an Dikaiarch, differenziert aber den Umfang des Exzerpts neu. Eine wichtige Voraussetzung dafür war die 2012 erfolgte Identifizierung von PHerc. 1691 als Teil derselben Entwurfsrolle wie PHerc. 1021. Erst dadurch wurde deutlicher, dass dem bisher bekannten Anfang der Platon-Vita mehrere Kolumnen vorausgingen, die Platons Erziehung, seine frühe philosophische Orientierung und sein Verhältnis zu früheren Denkern, insbesondere zu den Pythagoreern, betroffen haben dürften. Die Zuweisung dieser Kolumnen an Dikaiarch bleibt im Einzelnen papyrologisch anspruchsvoll, doch sprechen inhaltliche Nähe, sprachliche Einzelbeobachtungen und die abschließende Quellenmarkierung in Kolumne 2 dafür, dass Philodem hier einen längeren, relativ geschlossenen Platon-Bios aus peripatetischer Perspektive auswertete.[152]

Philochoros

Philochoros von Athen ist die wichtigste antiquarisch-lokalhistorische Quelle der frühen Abschnitte. Er war der letzte bedeutende Atthidograph, also Verfasser einer Atthis, einer annalistisch geordneten Geschichte Athens. Philodem benutzt ihn zunächst in Kolumne 2 für Angaben zu Platon, zur Akademie und zu topographischen Einzelheiten: genannt werden unter anderem Büsten, der Peripatos, der Garten, das Museion, Platons Demos, sein Alter und sein Todesjahr. Der Auszug stammt aus dem sechsten Buch der Atthis und stand offenbar im Zusammenhang mit der Nachricht vom Tod Platons.[153]

Philochoros ist für Philodem besonders wertvoll, weil seine Darstellung nicht aus später philosophischer Systematisierung hervorgeht, sondern aus der attischen Lokalgeschichtsschreibung. Er bietet Nachrichten zu Orten, Statuen, Inschriften und öffentlichen Zusammenhängen, die für eine rein philosophische Überlieferung leicht nebensächlich gewesen wären. Philodem gewinnt aus ihm daher nicht nur chronologische Daten, sondern auch ein Bild der Akademie als konkreten Ort in Athen. Gaiser hatte bereits die Bedeutung der philochoreischen Angaben zu Platon, zu den Statuen und zu Platons Vermögensverhältnissen herausgestellt; Fleischer konnte durch neue Lesungen und eine verbesserte Rekonstruktion zeigen, dass ältere Annahmen über mehrere eng nebeneinanderstehende Exzerpte in Kolumne 2 teilweise zu korrigieren sind.[154]

Auch für die Zeit nach Platon tritt Philochoros mehrfach hervor. Philodem zieht ihn für Speusippos heran, insbesondere für das Weihegeschenk der Chariten im Museion und für Angaben zu Krankheit und Tod. Wahrscheinlich spielte Philochoros auch bei der Xenokrates-Vita eine Rolle, etwa bei der Nachfolge Speusipps, bei der athenischen Einordnung des Xenokrates und bei der Todesnachricht. Die Neulesung des Namens Philochoros in Kolumne 8* hat zudem die frühere Annahme korrigiert, die Xenokrates-Vita ende dort lediglich mit einer Schülerliste; vielmehr scheint anschließend eine Todesangabe aus Philochoros gefolgt zu sein.[155]

Neanthes

Neanthes von Kyzikos ist die wichtigste biographische Quelle für mehrere erzählerische Abschnitte über Platon. Philodem benutzt ihn für Nachrichten zu Platons Namen, zu Platons Verkauf in die Sklaverei auf Ägina und zu Platons letzter Nacht. Dabei ist Neanthes nicht nur als Autor wichtig, sondern auch wegen der Gewährsmänner, auf die er sich beruft. Für den Bericht über Platons Namen und den Verkauf auf Ägina erscheint Philiskos von Ägina als Zeuge; für die Erzählung von Platons letzter Nacht wird Philipp von Opus herangezogen, der als Schüler und Sekretär Platons galt und mit der Herausgabe der Nomoi verbunden wurde.[156]

Die Bedeutung des Neanthes liegt gerade darin, dass seine Berichte nicht einfach als spätere romanhafte Ausschmückung behandelt werden dürfen. Die neuere Forschung hebt hervor, dass Neanthes offenbar ältere Gewährsleute befragte oder auswertete und in einzelnen Fällen ausdrücklich zwischen verschiedenen Traditionen unterschied. Fleischer betont im Anschluss an Walter Burkert und Stefan Schorn, dass sich aus den erhaltenen Fragmenten eher das Bild eines detailfreudigen, quellenbewussten Autors ergibt als das eines bloßen Anekdotensammlers. Für Philodem war Neanthes daher geeignet, biographische Einzelheiten über Platon mit dem Anspruch älterer, möglichst naher Überlieferung zu verbinden.[157]

Unsicher bleibt, wie weit der Neanthes-Auszug reichte. Fleischer erwägt, dass auch die anschließende Liste der Platon-Schüler in Kolumne 5/6 aus Neanthes stammen könnte; zwingend ist dies jedoch nicht. Auffällig wäre dann, dass Philipp von Opus in der Liste fehlt, weil er unmittelbar zuvor bereits als Zeuge für Platons Todesnacht genannt war. Auch andere Urheber der Liste bleiben möglich. Die Quellenlage zeigt hier exemplarisch, dass Philodem zwar mit älteren biographischen Autoritäten arbeitet, die genaue Schichtung von Exzerpt, Zwischenquelle und eigener Ergänzung aber nicht immer eindeutig zu trennen ist.[158]

Hermippos

Hermippos von Smyrna, der im 3. Jahrhundert v. Chr. wirkte, ist bei Philodem vor allem für die Darstellung Chairons von Pellene wichtig. Chairon erscheint als eine Randfigur der Akademiegeschichte: Er soll bei Platon und Xenokrates gehört haben, wandte sich dann aber vom philosophischen Leben ab, wurde als Ringer und Krieger bekannt und stieg schließlich zum Tyrannen seiner Heimatstadt Pellene auf. Philodem schöpft hier aus Hermipps Schrift Περὶ τῶν ἀπὸ φιλοσοφίας εἰς στρατηγίας καὶ δυναστείας μεθεστηκότων (Peri tōn apo philosophias eis stratēgias kai dynasteias methestēkotōn, „Über diejenigen, die von der Philosophie zu Feldherrnämtern und Machtherrschaften übergegangen sind“).[159]

Der Abschnitt ist quellenkritisch besonders aufschlussreich, weil Hermipp seinerseits mehrere ältere Quellen verarbeitet. Genannt oder erschließbar sind Dikaiarch, der Redner Hypereides mit einer sonst nicht erhaltenen Rede gegen die Gesandten des Antipatros und Phainias von Eresos, wohl mit einer Schrift über Tyrannenmorde aus Rache. Die neue Rekonstruktion zeigt dadurch eine klare Abfolge: Chairon beginnt im philosophischen Milieu, entfernt sich über sportliche und militärische Betätigung von diesem Ursprung und endet als machtpolitische Negativfigur. Fleischers Deutung hebt hervor, dass der erhaltene Bericht geradezu den Titel von Hermipps Werk spiegelt: Er beschreibt den Übergang von der Philosophie zur Strategie und zur Herrschaft.[160]

Für Philodems Darstellung der Akademie erfüllt der Chairon-Abschnitt eine besondere Funktion. Während die Akademie in anderen Zusammenhängen auch mit tyrannenfeindlichen Gestalten verbunden wird, zeigt Chairon die Möglichkeit eines gegenteiligen Lebenswegs. Philodem übernimmt damit nicht einfach eine Kuriosität, sondern integriert ein moralisch und politisch belastetes Beispiel in seine Schulgeschichte. Ob darin auch ein epikureischer Seitenhieb gegen die Akademie liegt, bleibt unsicher; wahrscheinlicher ist, dass Philodem durch seine Lektüre des Demochares auf Chairon aufmerksam wurde und dann bei Hermipp eine ausführlichere, weniger bloß polemische Darstellung fand.[161]

Antigonos von Karystos

Antigonos von Karystos ist die umfangreichste erkennbare Quelle der ersten Buchhälfte. Philodem benutzt ihn vor allem für die Schulgeschichte nach Xenokrates: für Polemon, Krantor, wahrscheinlich Krates und Adeimantos sowie für die Anfänge des Arkesilaos. Nach Fleischer folgt Philodem von der Mitte der Kolumne 8* bis mindestens Kolumne 19 in weiten Teilen Antigonos; auch mehrere heute verlorene Kolumnen dürften noch zu diesem antigonischen Block gehört haben. Damit ist Antigonos, soweit der erhaltene Text erkennen lässt, der am ausführlichsten ausgewertete Autor in Philodems Akademie-Buch.[162]

Antigonos schrieb biographisch, aber nicht bloß äußerlich. Seine Berichte über Polemon von Athen verbinden Herkunft, Jugend, Bekehrung zur Philosophie, Charakter, Lebensführung und öffentliche Wahrnehmung. Polemon erscheint als Beispiel einer radikalen Umkehr: Aus einem ausschweifenden jungen Mann wird ein Philosoph, dessen Würde, Selbstbeherrschung und ethische Haltung die Akademie prägen. Bei Krantor überliefert Antigonos Nachrichten zu Leben, Werk, Tod und Wirkung; bei Arkesilaos bietet er Material zur Ausbildung, zur Übernahme der Schulleitung und zur Wende der Akademie in eine skeptisch-aporetische Richtung. Damit trägt Antigonos wesentlich dazu bei, dass Philodems Werk nicht nur eine Folge von Namen, sondern eine innere Entwicklung der Schule erkennen lässt.[163]

Gerade der antigonische Block zeigt zugleich die Nähe und die Grenze von Philodems Exzerpttechnik. Die übernommenen Passagen scheinen dem Wortlaut der Vorlage oft relativ nahe zu stehen, doch ist nicht immer sicher, ob Philodem Antigonos unmittelbar las oder antigonisches Material teilweise über eine Grundquelle erhielt. Auch Diogenes Laertios schöpfte für die entsprechenden Abschnitte über Polemon, Krantor, Krates und Arkesilaos direkt oder indirekt aus Antigonos, verband dieses Material jedoch mit weiteren Quellen. Der Vergleich zeigt, dass Philodems Akademiegeschichte nicht isoliert steht, sondern ein besonders früher und oft genauer Zeuge derselben hellenistischen biographischen Tradition ist.[164]

3. Apollodor von Athen als Hauptquelle der zweiten Hälfte

Für die zweite Hälfte von Philodems Geschichte der Akademie gewinnt Apollodor von Athen eine herausragende Bedeutung. Während die erste Buchhälfte vor allem durch biographische und philosophiegeschichtliche Exzerpte aus Autoren wie Dikaiarch, Philochoros, Neanthes, Hermippos und Antigonos von Karystos geprägt ist, tritt für die spätere Akademie Apollodors chronographisches Werk in den Vordergrund. Philodem benutzt die Chronica nicht nur für einzelne Jahresangaben, sondern in längeren zusammenhängenden Abschnitten. Dadurch erhält die Darstellung der Akademie von Lakydes über Karneades, Kleitomachos, Polemarch, Krates und Metrodor von Stratonikeia bis zu Philio von Larissa ein deutlich chronographisches Gepräge.[165]

Apollodor war für Philodem besonders geeignet, weil seine Chronica eine universalgeschichtliche Darstellung vom Fall Troias bis in die eigene Gegenwart boten und dabei nicht nur politische Ereignisse, sondern auch die Lebensdaten bedeutender Gelehrter, Dichter und Philosophen berücksichtigten. Das Werk war in iambischen Trimetern abgefasst; es verband also chronologische Gelehrsamkeit mit einer Versform, die sich für Namen, Archontenangaben und Zahlen besser eignete als der Hexameter. Apollodor datierte im Original offenbar nicht nach Olympiaden, sondern nach athenischen Archonten. Gerade diese Archontendaten sind für Philodems Akademiegeschichte wertvoll, weil sie die Abfolge der Scholarchen und Schülergruppen in einen festen historischen Rahmen stellen.[166]

Schon Konrad Gaiser sah in den Apollodor-Partien der zweiten Buchhälfte einen Schlüssel zum Verständnis des unfertigen Zustands von PHerc. 1021. In den Kolumnen 27 bis 32 standen längere wörtliche Auszüge aus Apollodors Chronica, die offenbar nicht als endgültige Form des Textes gedacht waren, sondern als Rohmaterial für eine spätere prosaische Umarbeitung. Die Prosakolumnen M, N und O auf dem Verso sowie entsprechende Passagen des Rekto zeigen, dass Philodem begonnen hatte, die metrischen Chronikverse in eine fortlaufende Darstellung zu überführen. Dabei entstanden Dubletten, Wiederholungen und Unstimmigkeiten, die weniger als inhaltliche Nachlässigkeit denn als Spuren eines noch nicht abgeschlossenen Arbeitsprozesses zu verstehen sind.[167]

Fleischer hat dieses Modell weiter präzisiert. Danach reicht der apollodorische Einfluss in der zweiten Hälfte deutlich weiter, als eine bloße Betrachtung der ausdrücklich versförmigen Kolumnen erkennen lässt. Die Schülerliste des Karneades enthält bereits am Ende eine Prosafassung apollodorischer Verse, die später noch einmal im originalen Wortlaut überliefert sind. Die Kleitomachos-Vita zeigt durch Zahlen, Archonten und chronologische Formulierungen ebenfalls starken Bezug auf Apollodor, wurde aber wohl durch anderes Material ergänzt. Ähnliches gilt für die Abschnitte über Polemarch, Krates und Metrodor von Stratonikeia, in denen prosaische und versförmige Apollodor-Tradition nebeneinanderstehen.[168]

Besonders deutlich wird die Arbeitsweise Philodems im Bereich der Lakydes-Schüler. Die Kolumnen 26 bis 28 enthalten Material zum Tod des Lakydes, zu Telekles, Euandros und weiteren Akademikern; nach Fleischer ist hier vor allem das dritte Buch der Chronica auszuwerten. Die Verso-Kolumnen M, N und O behandeln denselben Themenbereich in prosaischer Form. Dadurch entstehen zwei redaktionelle Gestalten desselben Stoffes: die metrische Vorlage aus Apollodor und eine von Philodem oder einer Zwischenquelle angelegte Prosafassung. Die prosaische Fassung ist nicht einfach zuverlässiger oder ursprünglicher; vielmehr spricht die größere Genauigkeit einzelner Datierungen in den Chronica dafür, dass die Versfassung Apollodors die Grundlage bildete und nicht umgekehrt.[169]

Die Bedeutung Apollodors liegt nicht nur in der Lieferung von Daten. Seine Chronik ordnet die Akademiegeschichte in eine weitere Kultur- und Gelehrtengeschichte ein. In Philodems zweiter Buchhälfte erscheinen daher nicht bloß Scholarchen, sondern auch Schüler, Nachfolger, konkurrierende Lehrer, Aufenthaltsorte, Lebensalter, Todesjahre und gelegentlich politische oder kulturelle Bezugspunkte. Für die Zeit nach Karneades ist diese Überlieferung besonders wichtig, weil viele der genannten Akademiker außerhalb Philodems nur spärlich oder gar nicht bezeugt sind. Apollodor ermöglichte Philodem also, eine späte Phase der Akademie mit einer Dichte chronologischer Angaben darzustellen, die in der übrigen antiken Überlieferung selten erreicht wird.[170]

Gleichwohl ist Apollodor nicht als alleinige Quelle der gesamten zweiten Hälfte zu verstehen. Philodem oder bereits seine Grundquelle ergänzte die apollodorischen Angaben durch anderes Material. Das gilt besonders dort, wo Schülerlisten über die bloße chronologische Reihe hinausgehen, wo persönliche Erinnerungen Philodems anklingen oder wo Ereignisse bis nahe an Philodems eigene Lebenszeit heranreichen. So verbindet die Philio-Vita apollodorisches Material mit späteren, wohl nicht mehr aus Apollodor stammenden Informationen; bei Antiochos von Askalon und dessen Schülerkreis tritt Philodem selbst stärker hervor. Der Befund zeigt, dass Apollodor das chronologische Rückgrat der zweiten Hälfte bildet, aber nicht die gesamte Darstellung allein trägt.[171]

Für die moderne Forschung sind die Apollodor-Abschnitte auch deshalb von großer Bedeutung, weil sie einen seltenen Einblick in die ursprüngliche Form der Chronica geben. Viele spätere Fragmente Apollodors sind nur in Prosaumformungen erhalten; Philodem bewahrt dagegen zahlreiche Verse oder Versreste im originalen iambischen Maß. Fleischer weist darauf hin, dass ein großer Teil der gut erhaltenen Apollodor-Verse überhaupt aus dem Index Academicorum stammt. Der Papyrus ist damit nicht nur eine Quelle für die Geschichte der Akademie, sondern auch ein Hauptzeuge für Apollodors chronographische Technik, seine Datierung nach Archonten und seine Verbindung von gelehrter Genauigkeit und dichterischer Form.[172]

Insgesamt verändert Apollodor den Charakter der zweiten Buchhälfte. Die frühere Darstellung der Alten Akademie ist stärker durch biographische Profile und charakterologische Erzählungen geprägt; die spätere Akademie erscheint dagegen in einem dichter geknüpften chronologischen Netz. Gerade dadurch wird die Entwicklung von der mittleren und skeptischen Akademie bis in das 1. Jahrhundert v. Chr. historisch greifbar. Philodems Leistung besteht darin, diese chronographische Tradition nicht unverändert stehen zu lassen, sondern sie in eine Schulgeschichte einzubauen, die Namen, Lebensdaten, Lehrer-Schüler-Beziehungen und institutionelle Nachfolge miteinander verbindet.[173]

4. Kriterien der Quellenzuweisung

Die Zuweisung einzelner Abschnitte von Philodems Geschichte der Akademie an ältere Quellen beruht nicht auf einem einzigen Beweistyp, sondern auf dem Zusammenwirken mehrerer Kriterien. Am sichersten ist eine Quellenbestimmung dort, wo im Papyrus selbst der Name eines Autors oder eines Werkes erhalten ist. Solche ausdrücklichen Nennungen sind jedoch selten und häufig beschädigt. Deshalb muss die Quellenanalyse zusätzlich auf sprachliche, stilistische, sachliche, strukturelle und papyrologische Indizien zurückgreifen. Die Identifikation einer Quelle ist in vielen Fällen daher kein einfacher Nachweis, sondern ein Wahrscheinlichkeitsurteil, das erklären muss, warum eine bestimmte Zuweisung den erhaltenen Text besser verständlich macht als konkurrierende Möglichkeiten.[174]

Ein erstes Kriterium ist die ausdrückliche Autorennennung. Wenn Philodem etwa Dikaiarch, Philochoros oder Apollodor von Athen nennt, bildet diese Nennung den stärksten Ausgangspunkt für die Quellenanalyse. Auch hier bleibt aber zu prüfen, wie weit ein solcher Auszug reicht. Der Name eines Autors kann nur den Beginn eines Exzerpts, dessen Ende oder eine einzelne Angabe markieren; er beweist nicht von selbst, dass auch die vorhergehenden oder folgenden Kolumnen derselben Quelle entstammen. Deshalb werden Autorennennungen mit Übergangsformeln, Themenwechseln, Kolumnengrenzen und dem Aufbau des betreffenden Abschnitts verglichen. Gerade bei Dikaiarch und Philochoros zeigt sich, dass die Abgrenzung des Exzerpts nur durch die Verbindung von Namensnennung, inhaltlicher Geschlossenheit und sprachlichen Beobachtungen möglich ist.[175]

Ein zweites Kriterium ist die Parallelüberlieferung. Viele Nachrichten, die Philodem bietet, lassen sich mit Diogenes Laertios, Plutarch, Cicero, Proklos oder anderen antiken Autoren vergleichen. Stimmen eine besondere Angabe, eine Abfolge von Motiven oder sogar einzelne Formulierungen mit einer anderweitig bekannten Tradition überein, kann dies auf eine gemeinsame Quelle oder auf eine direkte Benutzung derselben älteren Schrift hinweisen. Die Parallelüberlieferung erlaubt zugleich, beschädigte Stellen vorsichtig zu ergänzen und die Reichweite eines Exzerpts zu bestimmen. Sie ist aber mit Vorsicht zu verwenden: Eine Übereinstimmung beweist nicht automatisch direkte Abhängigkeit, weil spätere Autoren auch über Zwischenquellen oder gemeinsame Kompilationen auf dasselbe Material zugreifen konnten.[176]

Ein drittes Kriterium bilden Inhalt und Gattung der jeweiligen Quelle. Dikaiarchs Abschnitte lassen sich an ihrer peripatetischen Fragestellung nach philosophischen Lebensformen erkennen; Philochoros bietet lokalhistorische und antiquarische Angaben zu Athen, zur Akademie, zu Statuen, Inschriften und Archonten; Neanthes liefert biographische Einzeltraditionen über Platons Namen, Verkauf und Tod; Hermippos verbindet Philosophenbiographie mit politisch-moralischer Deutung; Antigonos von Karystos bietet charakterzeichnende Schulbiographien; Apollodor liefert chronologische Angaben in Form der Chronica. Eine Quellenzuweisung wird umso plausibler, je besser Inhalt, Darstellungsinteresse und Gattung eines Abschnitts zu demjenigen Profil passen, das aus anderen Fragmenten des betreffenden Autors bekannt ist.[177]

Ein viertes Kriterium ist die Sprache. Wiederkehrende Wörter, charakteristische Formeln, auffällige Satzfügungen oder besondere Ausdrücke können auf eine bestimmte Vorlage hindeuten. Solche sprachlichen Beobachtungen sind allerdings nur dann belastbar, wenn sie nicht isoliert verwendet werden. Ein einzelnes geläufiges Wort beweist kaum etwas; mehrere zusammenpassende sprachliche Eigenheiten, die zugleich inhaltlich und strukturell zu einer bestimmten Quelle passen, können dagegen eine Zuweisung stützen. Fleischer argumentiert etwa bei den vorausgehenden Kolumnen von PHerc. 1691 für Dikaiarch auch mit der Häufung bestimmter Ausdrücke, die im gesichert dikaiarchischen Abschnitt wiederkehren, ohne solche Indizien allein für entscheidend zu erklären.[178]

Ein fünftes Kriterium betrifft die Form des Textes. Besonders klar ist dies bei Apollodor, dessen Chronica in iambischen Trimetern abgefasst waren. Wo Philodem Versreste oder prosaische Umformungen solcher Verse bietet, lässt sich die apollodorische Herkunft oft sicherer bestimmen als bei gewöhnlicher Prosa. Zugleich zeigen gerade die Apollodor-Partien, dass Philodem nicht nur abschrieb, sondern seine Quelle in einem weiteren Arbeitsschritt in Prosa übertragen wollte. Die Unterscheidung zwischen wörtlichem Versauszug, prosaischer Paraphrase und redaktioneller Einfügung ist deshalb ein zentrales Kriterium für die zweite Buchhälfte.[179]

Ein sechstes Kriterium ist die materielle Gestalt des Papyrus. PHerc. 1691/1021 ist eine Entwurfsfassung, in der ursprüngliche Exzerpte, Einschübe, Randzusätze, Verso-Kolumnen und spätere Korrekturen nebeneinanderstehen. Die Quellenanalyse muss daher immer fragen, ob ein Abschnitt zum ursprünglichen Haupttext gehört, später eingeklebt wurde, als Nachtrag auf dem Verso steht oder durch Zeichen mit einer bestimmten Stelle des Rekto verbunden war. Die Stellung eines Textstücks auf Vorder- oder Rückseite, Klebungen, Markierungen und die spätere Endfassung PHerc. 164 liefern objektive Hinweise auf die intendierte Ordnung und damit auch auf die Abgrenzung einzelner Quellenblöcke.[180]

Ein siebtes Kriterium ist die redaktionelle Kohärenz. Ein Quellenblock ist wahrscheinlicher, wenn er einen inneren Zusammenhang besitzt: ein gemeinsames Thema, eine nachvollziehbare Erzählfolge, eine einheitliche Bewertung oder eine erkennbare chronologische Struktur. So gewinnt die Zuweisung längerer Abschnitte an Antigonos dadurch Gewicht, dass die Darstellung von Polemon, Krantor, Krates und Arkesilaos durchgehend biographisch und charakterologisch organisiert ist. Umgekehrt können abrupte Themenwechsel, Dubletten oder widersprüchliche Angaben auf spätere Ergänzungen, auf die Kombination verschiedener Vorlagen oder auf einen noch nicht bereinigten Arbeitszustand hinweisen.[181]

Ein achtes Kriterium ergibt sich aus dem Fortschritt der modernen Entzifferung. Der erhebliche Textzuwachs der Neuedition erklärt sich nicht allein dadurch, dass Multispektral- und Hyperspektralbilder zusätzliche Tintenspuren sichtbar machen. Fleischer beschreibt vielmehr einen rekonstruktiven „Domino-Effekt“: Ein neu erkannter Buchstabe, ein sicher identifizierter Name oder eine verbesserte Kolumnenordnung kann in stark fragmentierten Passagen weitere Ergänzungen ermöglichen und so ganze Satz- oder Sinnzusammenhänge erschließen. Für die Quellenzuweisung bedeutet dies, dass neue Lesungen nicht nur einzelne Wörter verbessern, sondern die Abgrenzung ganzer Exzerpte und die Identifikation ihrer Vorlagen verändern können.[182]

Ein neuntes Kriterium ist Philodems eigene Zeugenschaft. Für die früheren Abschnitte steht meist die Frage im Vordergrund, welche älteren Autoren Philodem exzerpiert. Am Ende des Werkes, besonders im Umfeld von Philio von Larissa und Antiochos von Askalon, tritt jedoch Philodem selbst stärker als unmittelbarer Zeitzeuge hervor. Persönliche Beziehungen zu Akademikern und zu Personen ihres Umfelds, etwa zu Ariston oder Dion von Alexandria, können daher eine eigene Quellenschicht bilden. Quellenzuweisung bedeutet hier nicht nur die Suche nach literarischen Vorlagen, sondern auch die Unterscheidung zwischen abgeschriebener Tradition, zeitgenössischer Mitteilung und persönlicher Erinnerung.[183]

Schließlich ist auch die historische Plausibilität ein wichtiges Kriterium. Eine Quelle kann nur dann als Vorlage Philodems gelten, wenn sie zeitlich, sachlich und überlieferungsgeschichtlich in Frage kommt. Fleischer weist etwa die ältere Annahme zurück, Diokles von Magnesia sei im ersten Teil des Index Academicorum eine Grundquelle Philodems gewesen: Der Name Diokles steht nicht im Papyrus, Diogenes Laertios zitiert ihn nicht für die Akademie, und möglicherweise schrieb Diokles erst nach Philodem. Solche Gegenargumente zeigen, dass Quellenzuweisung nicht nur positive Ähnlichkeiten sammelt, sondern auch falsche oder zu weit gehende Hypothesen ausschließen muss.[184]

Die Quellenanalyse führt daher selten zu absoluter Sicherheit, aber oft zu gut begründeten Abstufungen: ausdrücklich bezeugt, sehr wahrscheinlich, möglich, unsicher oder abzulehnen. Diese Abstufung ist für die Benutzung des Werkes entscheidend. Philodems Akademiegeschichte ist keine neutrale Abschrift älterer Bücher, sondern ein Arbeitsmanuskript, in dem ältere Philosophiegeschichtsschreibung, eigene Auswahl, redaktionelle Bearbeitung, persönliche Zeugenschaft und spätere Ergänzung ineinandergreifen. Eine tragfähige Quellenzuweisung muss deshalb immer zugleich den literarischen Charakter der Vorlage, den Zustand des Papyrus und Philodems Arbeitsweise berücksichtigen.[185]

VI. Dikaiarch und das Bild Platons

1. Das Werk „Über Lebensformen“

Dikaiarch von Messene gehörte als Schüler des Aristoteles zum frühen Peripatos und schrieb ein Werk mit dem griechischen Titel Περὶ βίων (Peri biōn, „Über Lebensformen“). Der Titel bezeichnet nicht einfach eine Sammlung äußerer Lebensdaten, sondern verweist auf eine für die peripatetische Philosophie zentrale Frage: Welche Gestalt des Lebens ist dem Menschen angemessen? Dikaiarch behandelte in diesem Werk offenbar verschiedene philosophische Lebensmodelle. Sicher oder wahrscheinlich bezeugt sind Abschnitte über die Sieben Weisen, Pythagoras, Sokrates und Platon; möglicherweise wurde auch Heraklit behandelt. Das Werk bestand aus mindestens zwei Büchern, doch ist seine Gesamtanlage nur bruchstückhaft zu erschließen.[186]

Für Philodems Geschichte der Akademie ist Dikaiarch vor allem deshalb wichtig, weil Philodem im Anfangsteil seiner Platon-Darstellung einen größeren Abschnitt aus diesem Werk übernommen hat. Gaiser wies die Kolumnen 1*–1–Y–2,5 von PHerc. 1021 dem Platon-Bios Dikaiarchs zu und sah darin ein zusammenhängendes Exzerpt aus dem ersten Buch von Περὶ βίων. Fleischer bestätigt die Zuweisung im Grundsatz, präzisiert sie jedoch durch die Einbeziehung von PHerc. 1691: Schon die Kolumnen a–c dieses Papyrus dürften mit hoher Wahrscheinlichkeit zu demselben Dikaiarch-Exzerpt gehören. Danach hätte Philodem einen erheblich längeren Abschnitt aus Dikaiarch benutzt, als in der älteren Forschung sicher greifbar war.[187][188]

Die Zuweisung an Dikaiarch beruht nicht nur auf einer allgemeinen inhaltlichen Ähnlichkeit. In Kolumne 2,4–5 wird Dikaiarch als Quelle des vorangehenden Abschnitts genannt. Hinzu kommen sprachliche und sachliche Indizien: einzelne Wörter und Wortstämme begegnen sowohl in den sicher Dikaiarch zugewiesenen Partien als auch in den neu herangezogenen Kolumnen; außerdem passt die Art der Darstellung zu dem, was aus Dikaiarchs sonstiger Platon-Überlieferung bekannt ist. Diogenes Laertios nennt Dikaiarch im Zusammenhang mit Platons jugendlicher Ausbildung und sportlicher Betätigung ausdrücklich und verweist dabei auf das erste Buch von Περὶ βίων. Fleischer folgert daraus, dass auch Philodems Platon-Exzerpt mit hoher Wahrscheinlichkeit aus diesem Werk stammt, auch wenn der Werktitel bei Philodem an der betreffenden Stelle nicht erhalten ist.[189]

Die Neuedition erweitert das Bild dieses Exzerpts um mehrere Einzelzüge. In PHerc. 1691, Kolumne b, könnte Dikaiarch bereits auf Platons Verhältnis zu älteren Philosophen und möglicherweise auf den Erwerb pythagoreischer Literatur eingegangen sein. Fleischer hält es für denkbar, dass in diesem Zusammenhang Philolaos oder mit Philolaos verbundene Pythagoreer genannt waren; sicher ist jedoch weder, von wem Platon das Buch oder die Bücher erwarb, noch ob die betreffende Passage tatsächlich eine konkrete Erwerbsgeschichte erzählte. Gerade diese Vorsicht ist wichtig, weil aus dem erhaltenen Text weder ein Plagiatsvorwurf noch ein sicherer Bezug auf den Timaios folgt. Gleichwohl zeigt die Passage, dass die pythagoreische Prägung Platons in Dikaiarchs Darstellung nicht nur als abstrakte Lehrabhängigkeit, sondern wahrscheinlich auch im Blick auf schriftliche Überlieferung und philosophische Aneignung verstanden werden konnte.[190]

Auch die literarische Seite des Platon-Bildes wird durch PHerc. 1691 deutlicher. Am Ende von Kolumne b zieht Fleischer eher eine Verbindung zu Sophron von Syrakus in Betracht als eine bloße Charakterisierung Platons als „besonnen“. Der Vergleich dürfte, wenn die Rekonstruktion zutrifft, auf die lebendige Zeichnung von Gesprächsfiguren in Platons Dialogen zielen: Wie die Mimen Sophrons Charaktere in bestimmten Lebenssituationen vorführen, so lassen auch Platons Dialoge Menschen mit unterschiedlichen Altersstufen, Charakteren und Lebensentwürfen auftreten. Damit hätte Dikaiarch nicht nur den philosophischen Gehalt, sondern auch die mimetische und charakterzeichnende Kunst der platonischen Dialoge beachtet.[191]

Der Begriff βίος (bios, „Leben“, „Lebensform“) ist für das Verständnis dieses Abschnitts entscheidend. Dikaiarch interessierte sich nicht nur dafür, wann Platon geboren wurde, wohin er reiste oder unter welchen Umständen er starb. Solche Daten entnahm Philodem in seiner Platon-Vita auch anderen Autoren, etwa Philochoros und Neanthes. Dikaiarchs Beitrag lag vielmehr in der Deutung von Platons Leben als Ausdruck einer bestimmten philosophischen Haltung. Im Mittelpunkt standen Erziehung, geistige Prägung, philosophische Leistung, Wirkung der Dialoge und Lebenspraxis der Schule. Fleischer beschreibt den erhaltenen Teil deshalb als eine an „Wirken, Werk und Charakter“ orientierte Darstellung, nicht als bloße „Daten-Fakten“-Biographie.[192]

Innerhalb der peripatetischen Diskussion steht Dikaiarch für eine eher praktisch-politische Auffassung des guten Lebens. Während Theophrast, im Anschluss an Aristoteles, dem betrachtenden Leben einen hohen Rang zuschrieb, vertrat Dikaiarch nach der antiken Überlieferung stärker den Vorrang des tätigen und politischen Lebens. Gerade deshalb ist seine Platon-Darstellung besonders aufschlussreich. Er beschreibt Platon als Repräsentanten eines theoretischen Lebens, das auf zweckfreie Erkenntnis und Wahrheitssuche gerichtet ist, ohne diese Lebensform grob polemisch zu verzerren. Seine Darstellung ist daher nicht die eines Platonikers, sondern die eines peripatetischen Beobachters, der Platons philosophische Leistung anerkennt und zugleich die Spannung zwischen theoretischem Rückzug und praktischer Lebensbewährung sichtbar macht.[193][194]

Diese Spannung zeigt sich bereits in der Art, wie Dikaiarch Platon philosophiegeschichtlich einordnet. Platon erscheint bei ihm als Denker, der sokratische und pythagoreische Anregungen miteinander verbindet: von Sokrates die Zuwendung zu menschlichen und ethischen Fragen, von den Pythagoreern die Hinwendung zu Mathematik, theoretischer Forschung und höherer Ordnung. Diese Verbindung wird nicht als bloße Abhängigkeit verstanden, sondern als schöpferische Aneignung. Platon fasst Vorhandenes zusammen, fügt Eigenes hinzu und erneuert dadurch die Philosophie. Zugleich konnte Dikaiarch die Wirkung der platonischen Schriften zwiespältig beurteilen: Sie führten viele zur Philosophie hin, konnten aber auch zu oberflächlicher Schwärmerei und missverstandener Nachahmung verleiten.[195]

Diese zwiespältige Beurteilung lässt sich durch Fleischers Neulesungen noch genauer fassen. In PHerc. 1691, Kolumne c, steht wahrscheinlich das Adjektiv φορτικός (phortikós, „plump“, „ordinär“, „auf äußere Wirkung bedacht“), das auch bei Diogenes Laertios in einer Dikaiarch zugeschriebenen Kritik an Platons Phaidros begegnet. Der Vorwurf zielte demnach nicht einfach auf literarische Kunst als solche, sondern auf ihre mögliche Fehlwirkung: Die glänzende Form der Dialoge konnte Leser anziehen, die den mühsamen Weg wissenschaftlicher Bildung, besonders der mathematischen Schulung, nicht wirklich mitvollzogen. Fleischer spricht in diesem Zusammenhang von einer verflachten „Vulgärphilosophie“, die durch Platons schriftstellerische Breitenwirkung begünstigt worden sei.[196]

Für Philodems Akademiegeschichte hatte dieses Exzerpt eine besondere Funktion. Es bot am Beginn der Schulgeschichte kein bloßes Porträt Platons als berühmten Einzelnen, sondern eine programmatische Deutung des Gründers der Akademie. Platon erscheint als Gestalt, an der sich die Grundfragen der späteren Akademie bündeln: das Verhältnis von Sokrates und Pythagoras, von Schrift und mündlichem Unterricht, von theoretischer Forschung und praktischer Lebensführung, von persönlichem Charakter und institutioneller Schulbildung. Die Rolle Platons als ἀρχιτέκτων (architektōn, „Baumeister“ oder „Meisterbaumeister“) der mathematischen Forschung gehört ebenfalls in diesen Zusammenhang: Platon erscheint nicht als Entdecker aller Einzelergebnisse, sondern als geistiger Leiter, der die Probleme stellte, an denen mathematisch geschulte Spezialisten weiterarbeiteten. Damit liefert Dikaiarch Philodem nicht nur biographisches Material, sondern ein Deutungsmuster, das die Akademie von ihrem Ursprung her als Lebens- und Denkform verständlich macht.[197][198]

Der Wert des Dikaiarch-Exzerpts liegt schließlich auch in seiner Nähe zur frühen Akademie. Dikaiarch schrieb als Angehöriger des Peripatos nur wenige Generationen nach Platon und konnte auf ältere schriftliche und mündliche Traditionen zurückgreifen. Gaiser hielt es für wahrscheinlich, dass Philodem den Platon-Bios Dikaiarchs in diesem Abschnitt ziemlich vollständig und eng am Wortlaut übernahm; Fleischer lässt die Möglichkeit einer indirekten Vermittlung zwar offen, betont aber ebenfalls, dass der Abschluss des Zitats in Kolumne 2,4–5 auf ein enges Exzerpt hinweisen kann. Für die moderne Forschung ist der Abschnitt deshalb eines der wichtigsten Zeugnisse dafür, wie Platon schon in der frühen hellenistischen Philosophiegeschichtsschreibung gesehen wurde: nicht nur als Autor von Dialogen, sondern als Begründer einer bestimmten, zugleich bewunderten und kritisch beobachteten Form philosophischen Lebens. Auch die Nachricht vom jugendlichen Ringkämpfer Platon gehört in diesen Zusammenhang, weil Philodem sie später im Abschnitt über Chairon von Pellene erneut aufgreift und Platons maßvolle sportliche Überlegenheit mit Chairons hochmütiger Selbstüberhebung kontrastiert.[199][200]

2. Aufbau des Platon-Bios

Der von Philodem überlieferte Platon-Bios Dikaiarchs ist nicht wie eine moderne Biographie aufgebaut, die das Leben ihres Gegenstands Schritt für Schritt von der Geburt bis zum Tod erzählt. Dikaiarch ordnet sein Material vielmehr nach sachlichen Gesichtspunkten. Im Mittelpunkt steht die Frage, welche Gestalt philosophischen Lebens Platon verkörpert. Dadurch entsteht ein Porträt, das Erziehung, philosophische Leistung, literarische Wirkung und Schulwirklichkeit miteinander verbindet. Gaiser rekonstruiert den erhaltenen Abschnitt als ein in sich gegliedertes Ganzes, dessen vier Hauptteile Platons Erziehung und philosophische Vorbildung, seine einzigartige philosophiegeschichtliche Leistung, die Wirkung seiner Dialoge und schließlich die Lebensform seiner Schule behandeln.[201]

Der erste Teil betraf Platons Erziehung und philosophische Vorbildung. Er ist im erhaltenen Papyrus am schlechtesten bezeugt, weil die betreffende Kolumne stark beschädigt ist. Dennoch lässt sich aus den Resten und aus Parallelzeugnissen erschließen, dass Dikaiarch hier die vielseitige Ausbildung Platons behandelte. Dazu gehörten vermutlich seine jugendliche Beschäftigung mit Sport, Dichtung und vielleicht auch Malerei sowie seine Hinwendung zu philosophischen Vorbildern. Diogenes Laertios nennt Dikaiarch ausdrücklich als Gewährsmann für die Nachricht, Platon habe bei den Isthmischen Spielen als Ringer gekämpft und sich auch mit Dichtung befasst. Diese Angaben passen zu einem Bios, der die Ausbildung des Philosophen nicht als bloße Anekdote erzählt, sondern als Vorbereitung einer bestimmten geistigen Haltung deutet.[202]

Entscheidend ist dabei die Verbindung zweier Traditionen. Dikaiarch stellte Platon offenbar als Denker dar, der sokratische und pythagoreische Anregungen miteinander verband. Von Sokrates übernahm Platon die dialogische, auf Ethik und menschliche Lebensführung gerichtete Gesprächsform; von Pythagoras beziehungsweise den Pythagoreern kam die Ausrichtung auf Mathematik, Ordnung und theoretische Erkenntnis hinzu. Diese Verbindung erklärt, warum Dikaiarch Platon nicht einfach als Schüler eines einzelnen Lehrers beschreibt. Platon erscheint vielmehr als jemand, der vorhandene philosophische Ansätze aufnimmt, miteinander verbindet und in eine neue Form bringt.[203]

Platons pythagoreische Prägung erscheint in der Neuedition nicht nur als allgemeine philosophische Abhängigkeit, sondern wahrscheinlich auch im Zusammenhang mit schriftlicher Überlieferung. Fleischer deutet PHerc. 1691, Kolumne b, dahin, dass Dikaiarch auf Platons Verhältnis zu älteren Philosophen und möglicherweise auf den Erwerb pythagoreischer Schriften einging. Denkbar ist ein Zusammenhang mit Philolaos oder mit Philolaos zugeschriebenen Büchern; sicher ist jedoch weder, von wem Platon die Schrift oder die Schriften erwarb, noch ob die Passage eine konkrete Erwerbsgeschichte erzählte. Für den Aufbau des Bios ist der Hinweis gleichwohl bedeutsam, weil die pythagoreische Komponente dadurch nicht nur als persönlicher Einfluss, sondern auch als Aneignung philosophischer Literatur sichtbar wird.[204]

Der zweite Hauptteil behandelt Platons einzigartige philosophiegeschichtliche Leistung. Dikaiarch beschreibt Platon hier als Erneuerer der gesamten Philosophie. Er habe frühere Ansätze nicht bloß wiederholt, sondern die vorgefundenen Voraussetzungen neu geordnet, verschiedene Wissensbereiche miteinander verbunden und der Philosophie eine neue Darstellungsform gegeben. Gaiser versteht diesen Abschnitt als dreistufige Würdigung: Platon erneuerte die Philosophie aus den vorhandenen Voraussetzungen heraus, fügte Eigenes hinzu und führte sie dadurch zu einer bis dahin nicht erreichten Vollendung. Gerade weil Dikaiarch als Angehöriger des Peripatos schrieb, ist diese hohe Anerkennung bemerkenswert; sie zeigt, dass seine Darstellung trotz peripatetischer Distanz nicht auf eine Herabsetzung Platons angelegt war.[205]

Der dritte Teil widmet sich der Wirkung der platonischen Dialoge. Dikaiarch beurteilt sie nicht einseitig. Einerseits hebt er ihre protreptische Kraft hervor: Die Dialoge konnten Leser zur Philosophie hinführen, zum Fragen ermutigen und ein ernsthaftes Interesse an wissenschaftlicher Bildung wecken. Andererseits sah er auch eine problematische Seite. Die literarische Anziehungskraft der Dialoge konnte Leser dazu verleiten, sich mit einer oberflächlichen Nachahmung platonischer Redeformen zu begnügen. Besonders die mitreißende Sprache, der Eros-Diskurs und die kunstvolle Mischung aus Gespräch, Mythos und Ermahnung konnten nach Dikaiarchs Einschätzung nicht nur zur Philosophie führen, sondern auch bloße Schwärmerei erzeugen. In diesem doppelten Urteil zeigt sich ein charakteristisch peripatetischer Blick: Platon wird als wirkungsmächtiger Schriftsteller anerkannt, seine literarische Wirkung aber zugleich kritisch beobachtet.[206]

Fleischers Neulesungen präzisieren diese literarische Beurteilung. Am Ende von PHerc. 1691, Kolumne b, zieht Fleischer einen Vergleich mit Sophron von Syrakus in Betracht. Dieser dürfte sich, wenn die Rekonstruktion zutrifft, auf die lebendige Darstellung unterschiedlicher Charaktere beziehen. Platons Dialoge erscheinen dann nicht nur als philosophische Lehr- und Suchbewegungen, sondern auch als Texte, in denen Personen mit verschiedenen Altersstufen, Temperamenten und Lebensweisen sprachlich sichtbar werden. In PHerc. 1691, Kolumne c, steht wahrscheinlich außerdem das Adjektiv φορτικός (phortikós, „plump“, „ordinär“, „auf äußere Wirkung bedacht“), das auch bei Diogenes Laertios in einer Dikaiarch zugeschriebenen Kritik an Platons Phaidros begegnet. Dikaiarchs Stilkritik zielte demnach nicht auf literarische Form überhaupt, sondern auf eine mögliche Fehlwirkung: Die glänzende Darstellung konnte Menschen anziehen, die den anspruchsvollen wissenschaftlichen Weg der Philosophie, besonders die mathematische Schulung, nicht wirklich mitvollzogen.[207]

Der vierte Teil betrifft Platons Schule. Hier verlagert sich die Darstellung von den Schriften auf den Unterricht und das gemeinsame Leben in der Akademie. Dikaiarch beschreibt zunächst den Fortschritt der mathematischen Wissenschaften unter Platons Einfluss. Platon erscheint dabei nicht als Fachmathematiker im engeren Sinn, sondern als ἀρχιτέκτων (architektōn, „Baumeister“ oder „Meisterbaumeister“) der Forschung: Er stellte Probleme und lenkte die Untersuchung in bestimmte Richtungen, während mathematisch geschulte Spezialisten die Lösungen ausarbeiteten. Besonders die Geometrie, die Lehre von den Proportionen, die Analysis und verwandte Gebiete erhielten dadurch einen entscheidenden Anstoß. Gaiser sieht darin ein wichtiges Zeugnis für die Vorstellung einer „platonischen Reform“ der Mathematik, deren Ergebnisse später in der griechischen Wissenschaftstradition weiterwirkten.[208][209]

An die Mathematik schließt sich bei Dikaiarch die Darstellung des theoretischen Lebensideals an. Die Akademie erscheint als Gemeinschaft, in der die Suche nach Wahrheit um ihrer selbst willen betrieben wurde. Diese Lebensform unterscheidet sich vom bloß nützlichen oder praktischen Wissen. Für Dikaiarch, der selbst eher den praktischen und politischen Bios bevorzugte, war dies kein unproblematisches Ideal. Dennoch beschreibt er die platonische Schule nicht polemisch, sondern mit deutlicher Sachlichkeit. Gerade dadurch wird die Spannung sichtbar, die den ganzen Platon-Bios prägt: Platon ist für Dikaiarch einerseits der große Vollender der Philosophie, andererseits der Begründer einer Lebensform, die sich vom unmittelbaren politischen Nutzen entfernt.[210]

Den Abschluss bildet die Darstellung von Platons Umgang mit seinen Schülern. Dikaiarch hebt hervor, dass Platons Wirkung nicht auf die unmittelbar Anwesenden beschränkt blieb, weil seine Schriften auch Abwesende erreichten. Zugleich wird die soziale Gestalt der Schule sichtbar: Frauen wie Axiothea konnten zur Akademie gehören, Platon nahm nach der Überlieferung kein Schulgeld, und der Umgang innerhalb der Schule wurde durch Freigebigkeit und eine gewisse Gleichheit unter den philosophisch Gleichgesinnten geprägt. Damit endet der Bios nicht mit Platons Tod, sondern mit dem Bild einer philosophischen Gemeinschaft. Dikaiarchs Platon ist nicht nur ein Autor und Lehrer, sondern der Stifter einer Lebensform, in der Forschung, Gespräch, Charakterbildung und gemeinsames Leben zusammengehören.[211]

Fleischers Neuedition bestätigt die Grundrichtung dieser Deutung, verschiebt aber einzelne Akzente. Durch die Einbeziehung von PHerc. 1691 wird wahrscheinlich, dass schon vor den von Gaiser behandelten Kolumnen weiteres Material aus Dikaiarchs Platon-Bios stand. Fleischer weist die Kolumnen a–c mit hoher Wahrscheinlichkeit Dikaiarch zu und charakterisiert den Abschnitt als Darstellung von Platons Verhältnis zu früheren Philosophen, vom Büchererwerb und von unterschiedlichen Charakteren. Damit wird der Platon-Bios noch stärker als breit angelegte Charakter- und Wirkungsbeschreibung erkennbar. Zugleich ist bei der Einordnung der Verso-Kolumne Y Vorsicht geboten: Fleischer hält es für möglich, dass sie nicht direkt Kolumne 1 fortsetzte, sondern als späterer Nachtrag hinter dem Dikaiarch-Abschnitt positioniert wurde. Der sachliche Zusammenhang mit Dikaiarch bleibt dennoch naheliegend, weil auch diese Kolumne Mathematik, Nutzen, Schulideal und Axiothea behandelt.[212]

Der Aufbau des Platon-Bios zeigt somit, worin Dikaiarchs besondere Leistung als Quelle Philodems besteht. Er liefert keine bloße Sammlung biographischer Einzelheiten, sondern eine Deutung Platons als philosophischer Gestalt. Die Reihenfolge der Themen führt von der persönlichen Bildung über die Erneuerung der Philosophie und die Wirkung der Dialoge zur institutionellen und geistigen Form der Akademie. Dabei ist auch Platons sportliche Ausbildung nicht nur eine isolierte Anekdote. Philodem greift die Nachricht vom jugendlichen Ringkämpfer Platon später im Zusammenhang mit Chairon von Pellene erneut auf und kann dadurch Platons maßvolle körperliche Überlegenheit mit Chairons sportlich-politischem Hochmut kontrastieren. Für Philodems Geschichte der Akademie war dieser Aufbau besonders geeignet, weil er Platon nicht isoliert, sondern bereits als Ursprung einer Schule darstellt. Der Gründer erscheint von Anfang an im Horizont dessen, was aus seinem Denken und seiner Lebensform hervorging: die Akademie als Ort theoretischer Forschung, literarischer Wirkung und gemeinschaftlich gelebter Philosophie.[213]

3. Philosophie als Lebensform

Dikaiarchs Platon-Bios ist besonders wichtig, weil er Philosophie nicht nur als Lehre, sondern als Lebensform beschreibt. Der griechische Begriff βίος (bios) meint hier nicht bloß den äußeren Lebenslauf, sondern die Weise, in der ein Mensch sein Leben ordnet, worauf er es ausrichtet und welche Haltung darin sichtbar wird. In diesem Sinn gehört Platons Leben bei Dikaiarch in die peripatetische Diskussion über den Vorrang verschiedener Lebensformen. Der Peripatos unterschied vor allem zwischen dem praktischen oder politischen Leben und dem theoretischen Leben, das auf Erkenntnis und Wahrheitssuche gerichtet ist. Dikaiarch selbst galt dabei eher als Vertreter des praktischen Lebens, während Theophrast, im Anschluss an Aristoteles, dem betrachtenden Leben einen besonders hohen Rang zusprach.[214]

Gerade vor diesem Hintergrund ist Dikaiarchs Darstellung Platons bemerkenswert. Er beschreibt Platon nicht als bloßen Verfasser philosophischer Dialoge und auch nicht vorrangig als politische Gestalt, sondern als Repräsentanten einer theoretischen Lebensform. Damit ist eine Lebensweise gemeint, in der die Suche nach Wahrheit, die mathematische Forschung, die begriffliche Klärung und die geistige Bildung um ihrer selbst willen betrieben werden. Dikaiarch schildert dieses Ideal nicht aus der Innenperspektive eines Platonikers, sondern aus der Distanz eines Peripatetikers. Seine Darstellung ist daher zugleich anerkennend und kritisch: Sie würdigt Platons Leistung, lässt aber auch erkennen, dass der Rückzug in theoretische Muße aus peripatetischer Sicht nicht unproblematisch war.[215]

Die Spannung zwischen theoretischem und praktischem Leben durchzieht den ganzen Abschnitt. Einerseits erscheint Platon als der Denker, der frühere philosophische Ansätze zusammenführte, Eigenes hinzufügte und die Philosophie erneuerte. Andererseits sah Dikaiarch offenbar auch eine Gefahr darin, dass Worte, Theorien und literarische Wirkung an die Stelle praktischer Lebensbewährung treten konnten. Gaiser verweist darauf, dass Dikaiarch in seiner Geschichtsdeutung Fortschritt und Verschlechterung zugleich denken konnte: Wissenschaft und Kultur schreiten voran, doch kann dieser Fortschritt mit einem Verlust unmittelbarer praktischer Orientierung verbunden sein. Auf Platon übertragen bedeutet dies: Seine Philosophie vollendet vieles, eröffnet aber zugleich eine Lebensform, die sich vom tätigen, politischen Leben entfernt.[216]

Diese Ambivalenz zeigt sich besonders in der Beurteilung der platonischen Dialoge. Dikaiarch erkannte ihre protreptische Wirkung an: Sie konnten Menschen zur Philosophie hinführen, zum Nachdenken bewegen und ein Interesse an ernsthafter wissenschaftlicher Bildung wecken. Zugleich beobachtete er aber, dass die literarische Anziehungskraft der Dialoge auch missverstanden werden konnte. Wer nur die glänzende Form, die erotische Sprache oder die dialogische Beweglichkeit nachahmte, ohne die schwierigen wissenschaftlichen Voraussetzungen zu erwerben, konnte sich für einen Philosophen halten, ohne wirklich philosophisch gebildet zu sein. Fleischer deutet diesen Abschnitt als Kritik an einer verflachten „Vulgärphilosophie“, die durch Platons Breitenwirkung begünstigt worden sei.[217][218]

Diese Kritik lässt sich durch Fleischers Neulesungen noch genauer fassen. In PHerc. 1691, Kolumne c, steht wahrscheinlich das Adjektiv φορτικός (phortikós, „plump“, „ordinär“, „auf äußere Wirkung bedacht“), das auch bei Diogenes Laertios in einer Dikaiarch zugeschriebenen Kritik an Platons Phaidros begegnet. Der Ausdruck bezeichnet keine bloße Ablehnung literarischer Kunst, sondern eine Kritik an deren möglicher Fehlwirkung: Eine wirkungsvolle, sinnlich anziehende und rhetorisch glänzende Darstellung konnte Menschen für Philosophie begeistern, ohne sie zugleich zu der mathematischen und begrifflichen Schulung zu führen, die Dikaiarch als Voraussetzung wirklicher philosophischer Bildung ansah.[219]

Für Dikaiarch gehört echte Philosophie deshalb nicht zur bloßen Rede über Philosophie, sondern zu einer geordneten Lebenspraxis. Diese Praxis kann theoretisch sein, wenn sie ernsthaft, methodisch und auf Wahrheit ausgerichtet ist. Sie wird aber fragwürdig, wenn sie zur Pose wird. In der Darstellung Platons ist daher ein Gegensatz zwischen den wirklich Forschenden und den nur scheinbar Philosophierenden erkennbar. Die einen nehmen die Mühen der mathematischen und begrifflichen Schulung auf sich; die anderen übernehmen die äußeren Zeichen philosophischer Rede, ohne deren Voraussetzungen zu besitzen. Dikaiarchs Kritik richtet sich somit weniger gegen Platon selbst als gegen eine Wirkungsgeschichte, in der platonische Bildung zu einem Stil, einer Mode oder einer Selbstinszenierung herabsinken konnte.[220]

Zu dieser Wirkungsgeschichte gehört auch die literarische Eigenart der Dialoge. Nach Fleischers Rekonstruktion könnte Dikaiarch Platon mit Sophron von Syrakus verglichen haben, dem Verfasser prosaischer Mimen. Der Vergleich dürfte auf die lebendige Darstellung unterschiedlicher Charaktere zielen. Platons Dialoge erscheinen dann nicht nur als philosophische Lehr- und Suchbewegungen, sondern auch als Texte, in denen Gesprächspartner mit verschiedenen Altersstufen, Temperamenten und Lebensweisen anschaulich hervortreten. Gerade dadurch wird Philosophie bei Platon als gelebte Haltung sichtbar: Sie ereignet sich nicht in abstrakten Lehrsätzen allein, sondern in Redeweisen, Charakteren, Reaktionen, Irrtümern und Formen des gemeinsamen Suchens.[221]

Ein Gegenbild zu dieser Oberflächlichkeit bietet die Akademie als Forschungsgemeinschaft. In der Verso-Kolumne Y, die Gaiser Dikaiarch zuwies und die Fleischer mit vorsichtigerer Bewertung ebenfalls mit Dikaiarch in Verbindung bringt, erscheint Platon als geistiger Leiter mathematischer Forschung. Er gibt Probleme vor, während Mathematiker sie mit Eifer bearbeiten. Besonders die Geometrie, die Analysis, die Lehre von den Proportionen sowie optische und mechanische Fragen werden als Felder genannt, auf denen unter Platons Einfluss Fortschritte erzielt wurden. Platon ist hier nicht nur Lehrer einzelner Schüler, sondern ἀρχιτέκτων (architektōn, „Baumeister“ oder „Meisterbaumeister“) eines wissenschaftlichen Arbeitszusammenhangs: Er formuliert die leitenden Probleme, während mathematisch geschulte Spezialisten sie im Einzelnen ausarbeiten. Die Akademie wird dadurch als Ort sichtbar, an dem theoretisches Leben institutionelle Gestalt gewinnt.[222][223]

Zur Lebensform der Akademie gehört auch die Abgrenzung vom bloß Nützlichen. Dikaiarch berichtet, dass diejenigen, die nur auf das unmittelbar Brauchbare achten, aus platonischer Sicht den eigentlichen Sinn der Philosophie verfehlen. Das bedeutet nicht, dass die Akademie jedes praktische Handeln geringgeschätzt hätte. Es zeigt vielmehr, dass sie eine andere Rangordnung setzte: Wahrheit, Erkenntnis und geistige Formung standen höher als unmittelbarer Nutzen. Für Dikaiarch, der selbst stärker dem praktischen Bios zuneigte, war dies gerade der entscheidende Punkt. Er konnte Platons theoretisches Ideal genau und sachlich darstellen, ohne es vollständig zu übernehmen.[224]

Die pythagoreische Komponente dieses Lebensideals erhält durch PHerc. 1691 zusätzliches Gewicht. Fleischer deutet Kolumne b dahin, dass Dikaiarch möglicherweise auf Platons Erwerb pythagoreischer Schriften einging, vielleicht im Zusammenhang mit Philolaos oder mit Philolaos zugeschriebenen Büchern. Die Rekonstruktion bleibt unsicher und erlaubt keinen sicheren Schluss auf eine bestimmte Erwerbsgeschichte. Für das Bild Platons als Lebensform ist der Hinweis dennoch bedeutsam: Die Hinwendung zum Pythagoreismus erscheint nicht nur als Begegnung mit einer mündlichen Schultradition, sondern auch als Aneignung schriftlicher philosophischer Überlieferung, aus der Platon seine eigene theoretische Lebensform mitgestaltete.[225]

Am Ende dieses Bildes steht die Schule als Lebensgemeinschaft. Platon wirkt durch seine Schriften über den Kreis der Anwesenden hinaus, zugleich aber prägt er den Umgang mit den Schülern unmittelbar. Die Nachrichten über Axiothea, über das Fehlen von Schulgeld und über Freigebigkeit innerhalb der Schule zeigen, dass Philosophie bei Dikaiarch nicht nur Unterricht, sondern gemeinsames Leben meint. In dieser Gemeinschaft gehören Erkenntnissuche, persönliche Haltung und soziale Ordnung zusammen. Die Akademie erscheint damit als ein Raum, in dem philosophische Theorie nicht von der Lebensführung getrennt ist, sondern eine eigene Form des Zusammenlebens hervorbringt.[226]

Philodem konnte dieses Dikaiarch-Exzerpt deshalb besonders gut an den Anfang seiner Akademiegeschichte stellen. Es erklärte nicht nur, wer Platon war, sondern warum aus seinem Denken eine Schule entstehen konnte. Dikaiarchs Platon ist der Begründer einer Lebensform, die Bewunderung und Kritik zugleich herausfordert: bewundert wegen ihrer geistigen Kraft, ihrer wissenschaftlichen Fruchtbarkeit und ihrer prägenden Wirkung; kritisch betrachtet wegen ihrer Entfernung vom politischen und unmittelbar praktischen Leben sowie wegen der Gefahr oberflächlicher Nachahmung. Selbst die Nachricht vom jugendlichen Ringkämpfer Platon fügt sich in dieses Bild ein, weil Philodem sie später im Abschnitt über Chairon von Pellene erneut aufgreift und Platons maßvolle körperliche Überlegenheit mit Chairons sportlich-politischem Hochmut kontrastieren kann. Gerade diese doppelte Perspektive macht den Abschnitt für die Geschichte der Akademie wertvoll. Er zeigt Platon nicht als Denkmal aus Marmor, sondern als Ursprung einer lebendigen, spannungsreichen Tradition.[227][228]

4. Historischer Wert

Der historische Wert des von Philodem überlieferten Dikaiarch-Exzerpts liegt zunächst in seiner zeitlichen Nähe zu Platon und zur frühen Akademie. Dikaiarch von Messene gehörte als Schüler des Aristoteles zur ersten Generation des Peripatos und schrieb damit nur wenige Jahrzehnte nach Platons Tod. Er stand der Akademie nicht als später Sammler entfernter Anekdoten gegenüber, sondern bewegte sich in einem philosophischen Milieu, in dem Erinnerungen an Platon, an seine Schüler und an die Arbeitsweise der frühen Akademie noch lebendig gewesen sein konnten. Gaiser hebt deshalb hervor, dass der bei Philodem fassbare Dikaiarch-Text eine besonders wertvolle Quelle für den Philosophen Platon und seine Schule darstellt, weil Dikaiarch weniger äußere Lebensdaten als Platons philosophische Leistung und die theoretische Lebensform der Akademie beschreibt.[229]

Besonders wichtig ist, dass Philodem offenbar einen längeren, zusammenhängenden Abschnitt aus Dikaiarch übernahm. Gaiser ging davon aus, dass Philodem den Platon-Bios Dikaiarchs in den Kolumnen 1*–1–Y–2,5 im Wesentlichen wörtlich und ohne erkennbare Kürzung wiedergegeben habe. Dadurch sei ein in sich geschlossener Dikaiarch-Text erhalten, der umfangreicher ist als jedes andere bekannte Dikaiarch-Zitat. Auch wenn die erste Kolumne stark beschädigt ist und einzelne Rekonstruktionen unsicher bleiben, bietet der erhaltene Abschnitt ein zusammenhängendes Bild: Platons Erziehung, seine Verbindung sokratischer und pythagoreischer Anregungen, seine Erneuerung der Philosophie, die Wirkung seiner Dialoge und die Lebensform der Schule werden als aufeinander bezogene Themen dargestellt.[230]

Die Zuweisung an Dikaiarch ist vergleichsweise gut gesichert. In Kolumne 2,4–5 wird Dikaiarch ausdrücklich als Autor des Vorangehenden genannt. Gaiser sah darin den entscheidenden Beleg dafür, dass Philodem hier den Platon-Bios aus Dikaiarchs Περὶ βίων (Peri biōn, „Über Lebensformen“) benutzt. Fleischers Neuedition bestätigt diese Grundzuweisung und erweitert sie wahrscheinlich auf die neu einbezogenen Kolumnen a–c von PHerc. 1691. Dafür sprechen neben der ausdrücklichen Quellenangabe auch sprachliche Parallelen, sachliche Zusammenhänge und die Übereinstimmung mit sonstigen Nachrichten über Dikaiarchs Platon-Biographie. Damit gehört der Abschnitt zu den am besten bestimmbaren Quellenlagen im Anfangsteil von Philodems Akademiegeschichte.[231][232]

Der Wert dieser Quelle besteht weniger in der Überlieferung einzelner äußerer Fakten als in der Deutung Platons als philosophischer Gestalt. Für Angaben zu Platons Tod, zu einzelnen Reisen oder zur Erzählung vom Verkauf in die Sklaverei griff Philodem auf andere Autoren zurück, insbesondere auf Philochoros und Neanthes. Dikaiarch dagegen bot eine Darstellung von Platons Wirken, Werk und Charakter. Fleischer betont deshalb, der gesicherte Teil des Exzerpts spreche nicht für eine bloße „Daten-Fakten“-Darstellung, sondern für eine Abhandlung über Lebensführung, geistige Wirkung und Charakter. Für die moderne Forschung ist gerade diese Perspektive bedeutsam, weil sie zeigt, wie ein früher Peripatetiker Platons philosophisches Leben und die akademische Schulform deutete.[233]

Durch PHerc. 1691 gewinnt dieser Befund zusätzliches Gewicht, weil dort wahrscheinlich weitere Bestandteile des Dikaiarch-Exzerpts greifbar werden. Fleischer deutet Kolumne b als Abschnitt über Platons Verhältnis zu früheren Philosophen, über Büchererwerb und über unterschiedliche Charaktere. Besonders wichtig ist der mögliche Hinweis auf pythagoreische Schriften, vielleicht im Zusammenhang mit Philolaos oder mit Philolaos zugeschriebenen Büchern. Die Rekonstruktion bleibt vorsichtig zu behandeln, weil weder eine bestimmte Erwerbsgeschichte noch ein sicherer Bezug auf den Timaios nachweisbar ist. Für den historischen Wert des Exzerpts ist sie dennoch bedeutsam: Platons pythagoreische Prägung erscheint hier nicht nur als allgemeine Lehrabhängigkeit, sondern möglicherweise als konkrete Aneignung schriftlicher philosophischer Überlieferung.[234]

Dikaiarchs peripatetischer Standort erhöht den Quellenwert zusätzlich, weil er eine gewisse Distanz zur platonischen Tradition schafft. Er war kein Angehöriger der Akademie und hatte keinen Grund, Platon unkritisch zu idealisieren. Zugleich ist seine Darstellung nach Gaiser nicht tendenziös verzerrt. Dikaiarch erkennt Platons philosophische Leistung ausdrücklich an, beschreibt aber auch die problematischen Wirkungen der platonischen Dialoge und den Rückzug der Schule in ein theoretisches Lebensideal. Gerade diese Verbindung von Anerkennung und kritischer Beobachtung macht den Abschnitt historisch interessant: Platon erscheint weder als unantastbarer Schulgründer noch als Ziel peripatetischer Polemik, sondern als wirkmächtiger Denker, dessen Leistung und Wirkung zugleich bewundert und geprüft werden.[235]

Zu den wichtigsten historischen Informationen gehört Dikaiarchs Blick auf die Wirkung der platonischen Schriften. Die Dialoge erscheinen bei ihm einerseits als protreptische Schriften, die Leser zur Philosophie hinführen konnten. Andererseits beobachtet Dikaiarch, dass dieselben Schriften auch oberflächlich verstanden werden konnten. Fleischer deutet die betreffende Passage als Kritik an Menschen, die sich ohne ernsthafte wissenschaftliche Ausbildung für Philosophen hielten und besonders das anspruchsvolle Studium der mathematischen Wissenschaften mieden. Damit bezeugt Dikaiarch nicht nur Platons literarischen Einfluss, sondern auch frühe Formen einer platonischen Wirkungsgeschichte, in der echte philosophische Bildung und bloße Nachahmung auseinandertraten.[236][237]

Fleischers Neulesungen präzisieren diese literarische Beurteilung. In PHerc. 1691, Kolumne c, steht wahrscheinlich das Adjektiv φορτικός (phortikós, „plump“, „ordinär“, „auf äußere Wirkung bedacht“), das auch bei Diogenes Laertios in einer Dikaiarch zugeschriebenen Kritik an Platons Phaidros begegnet. Der Ausdruck ist historisch aufschlussreich, weil er Dikaiarchs Kritik nicht als pauschale Ablehnung platonischer Literatur zeigt. Gemeint ist vielmehr die mögliche Fehlwirkung einer glänzenden, sinnlich anziehenden und rhetorisch wirksamen Form, die Leser für Philosophie begeistern konnte, ohne sie notwendig zur mathematischen und begrifflichen Schulung zu führen. Am Ende von PHerc. 1691, Kolumne b, erwägt Fleischer außerdem einen Vergleich Platons mit Sophron von Syrakus. Wenn diese Rekonstruktion zutrifft, bezeugt sie Dikaiarchs Interesse an der lebendigen Charakterzeichnung der Dialoge und damit an ihrer literarischen Eigenart als Darstellung philosophischer Lebensformen.[238]

Ebenso bedeutsam ist das Bild der Akademie als Forschungsgemeinschaft. Dikaiarch berichtet, dass unter Platons Leitung die mathematischen Wissenschaften große Fortschritte machten. Platon erscheint dabei nicht einfach als einzelner Mathematiker, sondern als ἀρχιτέκτων (architektōn, „Baumeister“ oder „Meisterbaumeister“) der Forschung: Er stellte Probleme, eröffnete Forschungsrichtungen und gab damit den geistigen Bauplan vor, während mathematisch geschulte Spezialisten die Lösungen ausarbeiteten. Gaiser sah darin ein wichtiges Zeugnis für Platons Rolle in der Entwicklung der griechischen Mathematik: Die Akademie wird als Ort sichtbar, an dem wissenschaftliche Arbeit nicht zufällig neben der Philosophie stand, sondern zur theoretischen Lebensform der Schule gehörte. Auch wenn Fleischer die Stellung der Verso-Kolumne Y vorsichtiger beurteilt als Gaiser, bleibt der sachliche Zusammenhang mit Dikaiarchs Platonbild naheliegend.[239][240]

Auch die Nachricht vom jugendlichen Ringkämpfer Platon ist für die historische Bewertung nicht nebensächlich. Diogenes Laertios nennt Dikaiarch ausdrücklich als Gewährsmann für Platons sportliche Betätigung bei den Isthmischen Spielen. Gaiser nimmt an, dass diese Nachricht in den Anfangsteil des Dikaiarchischen Platon-Bios gehörte und Platons vielseitige Erziehung veranschaulichte. Philodem greift das Motiv später im Abschnitt über Chairon von Pellene erneut auf; dadurch konnte Platons maßvolle körperliche Überlegenheit als Kontrastfolie zu Chairons sportlich-politischem Hochmut dienen. Der Befund zeigt zugleich, dass Philodem einzelne Motive seiner Quellen nicht bloß mechanisch abschrieb, sondern innerhalb seiner Akademiegeschichte redaktionell miteinander vernetzte.[241]

Der historische Wert des Exzerpts hat jedoch Grenzen. Der Text ist nur in einem beschädigten herkulanensischen Papyrus erhalten, und die Rekonstruktion einzelner Wörter, Zeilen und Kolumnenzusammenhänge bleibt unsicher. Zudem ist nicht in jedem Fall sicher zu entscheiden, ob Philodem Dikaiarch unmittelbar oder über eine Zwischenquelle benutzt hat. Fleischer hält eine indirekte Vermittlung für möglich, weist aber darauf hin, dass der Abschluss des Zitats in Kolumne 2,4–5 auch für ein enges Exzerpt aus dem Original sprechen kann. Außerdem ist zu berücksichtigen, dass Dikaiarch als Peripatetiker aus einer eigenen philosophischen Perspektive schrieb; sein Urteil über theoretisches und praktisches Leben ist daher nicht neutral im modernen Sinn.[242]

Trotz dieser Einschränkungen gehört das Dikaiarch-Exzerpt zu den wichtigsten Zeugnissen für das frühe Bild Platons außerhalb der Akademie. Es bewahrt nicht nur Nachrichten über einzelne Motive der Platon-Biographie, sondern lässt erkennen, welche Fragen ein früher Philosophiehistoriker für entscheidend hielt: Wie wird aus einer persönlichen Erziehung eine philosophische Lebensform? Wie verbindet Platon sokratische und pythagoreische Elemente? Wie wirken seine Schriften auf Leser? Und wie entsteht aus seinem Unterricht eine Schule mit eigener wissenschaftlicher und sozialer Gestalt? Für Philodems Geschichte der Akademie bildet Dikaiarch damit eine besonders gehaltvolle Anfangsquelle, weil er Platon bereits im Zusammenhang der späteren Akademie sichtbar macht.[243]

VII. Weitere Quellen zur Alten Akademie

1. Philochoros

Eine weitere zentrale Quelle Philodems für die frühe Geschichte der Akademie ist der attische Lokalhistoriker Philochoros. Er lebte im späten 4. und frühen 3. Jahrhundert v. Chr. und verfasste eine Atthis, also eine annalistisch aufgebaute Geschichte Athens. Für Philodem war Philochoros deshalb besonders wichtig, weil er nicht in erster Linie eine philosophische Deutung Platons und seiner Nachfolger bot, sondern historisch-antiquarische Nachrichten über Orte, Denkmäler, Inschriften, Todesdaten und öffentliche Ereignisse bewahrte. Seine Angaben ergänzen daher die stärker philosophisch-biographischen Berichte Dikaiarchs um eine lokalgeschichtliche Perspektive auf die Akademie als konkreten Ort im Athen des 4. Jahrhunderts v. Chr.[244]

Philodem benutzt Philochoros zunächst in dem Abschnitt über Platon selbst. In Kolumne 2 des Index Academicorum werden Nachrichten über Büsten, den Peripatos, den Garten, das Museion, Platons Demoszugehörigkeit, sein Alter und sein Todesjahr auf Philochoros’ Atthis zurückgeführt. Fleischer weist darauf hin, dass die einleitenden Worte dieses Abschnitts auf ein Exzerpt aus dem sechsten Buch der Atthis führen. Da dieses Buch den Zeitraum von Platons spätem Leben und Tod umfasste, erklärt sich, weshalb Philochoros im Zusammenhang mit Platons Tod auch Orte und Weihungen der Akademie beschreibt. Der Wert dieser Überlieferung liegt darin, dass Philochoros als Athener Lokalhistoriker topographische und epigraphische Details festhielt, die in rein philosophischen Schulgeschichten leicht übergangen wurden.[245]

Besonders aufschlussreich sind die Angaben zu Bildnissen und Inschriften in der Akademie. Philochoros beschreibt offenbar Büsten oder Hermen, die im Umfeld von Platons Schule standen, und überliefert dabei auch Inschriften. Fleischer hebt hervor, dass Philochoros an Gebäuden, Kunstwerken und Widmungen ein besonderes Interesse zeigte und dass seine Angaben zur Akademie daher nicht bloß beiläufige Anekdoten darstellen. Sie machen sichtbar, dass die Akademie nicht nur als philosophische Lehrgemeinschaft, sondern auch als räumlich und kultisch geprägter Ort wahrgenommen wurde. Dazu gehören der Garten Platons, der Peripatos als Bereich der schulischen Tätigkeit und das Museion als Heiligtum der Musen innerhalb des Akademie-Areals.[246]

Auch bei Speusipp, Platons Neffen und erstem Nachfolger in der Schulleitung, spielt Philochoros eine wichtige Rolle. Philodem berichtet in Kolumne 6, dass Speusipp im Museion der Akademie Statuen der Chariten weihte; dazu wird ein Epigramm überliefert. Konrad Gaiser betonte bereits, dass diese Nachricht gut zu den antiquarischen Interessen des Philochoros passe, der auch ein Werk über attische Inschriften verfasste. Fleischer bestätigt die Zuweisung an Philochoros und weist darauf hin, dass die Überlieferung des Epigramms wahrscheinlich gerade durch den epigraphischen Charakter der Nachricht bedingt ist. Die Stelle ist deshalb nicht nur für die Geschichte Speusipps wichtig, sondern auch für die Verbindung von Philosophie, Kult und literarischer Selbstdarstellung in der frühen Akademie.[247][248]

Die Neuedition Fleischers hat gerade an dieser Stelle einen wichtigen Fortschritt gebracht. Frühere Rekonstruktionen verstanden die beschädigten Zeilen anders und bezogen sie teilweise auf eine Besitz- oder Leitungsfunktion der Chariten im Museion. Durch Neulesungen, besonders in Kolumne 6,32–34, konnte Fleischer zeigen, dass Speusipp die Chariten den Musen als Gegengabe für deren Gaben weihte. Die ältere Deutung, die Chariten hätten im Museion gleichsam eine leitende Funktion gehabt, ist damit nicht mehr haltbar. Dadurch gewinnt das Epigramm eine klarere poetische Struktur und einen besseren Sinn: Speusipp erscheint nicht nur als Schulvorsteher, sondern auch als Stifter innerhalb des musischen Selbstverständnisses der Akademie. Die Nachricht ist damit zugleich ein kleines, aber aussagekräftiges Zeugnis für die religiös-symbolische Umgebung der platonischen Schule.[249]

Philochoros ist ferner für die Xenokrates-Vita von Bedeutung. Nach der Übersicht Fleischers stammen die Angaben über die Wahl des Xenokrates zum Nachfolger Speusipps und die Reaktionen darauf wahrscheinlich ebenfalls aus dem sechsten Buch der Atthis. Auch der Bericht über Xenokrates’ Gesandtschaft zu Antipatros von Makedonien und seine demokratische Gesinnung kann auf Philochoros oder eine verwandte Quelle zurückgehen. Fleischer hält es für wahrscheinlich, dass Philochoros im Zusammenhang mit Speusipps Tod und Xenokrates’ Amtsantritt eine kurze Darstellung über Charakter und öffentliche Haltung des Xenokrates einschob. Gerade hier zeigt sich, dass Philochoros für Philodem nicht nur Denkmäler und Daten lieferte, sondern auch Nachrichten über das Verhältnis der Akademie zur athenischen Polis.[250]

Die erneute Nennung des Philochoros am Ende der Xenokrates-Vita ist für die Quellenanalyse besonders wichtig. Erst die Neulesung des Namens Philochoros in Kolumne 8* durch Fleischer zeigte, dass Philodem den Tod des Xenokrates nicht einfach aus derselben biographischen Tradition wie die vorangehende Schülerliste übernahm, sondern nochmals gezielt auf Philochoros zurückgriff. Da Xenokrates 314/13 v. Chr. starb, gehört diese Nachricht wahrscheinlich nicht mehr zum sechsten, sondern zum siebten Buch der Atthis. Philochoros bot Philodem damit nicht nur Informationen über Platon und Speusipp, sondern auch einen chronologischen Rahmen für die frühe Nachfolgegeschichte der Akademie. Zugleich wird an dieser Einzelstelle sichtbar, wie kleinteilig und quellenkritisch ambitioniert Philodem seine älteren Gewährsmänner auswertete.[251]

Für die Beurteilung Philodems ist Philochoros ein besonders gutes Beispiel dafür, wie vielschichtig seine Quellenarbeit war. Philodem übernimmt nicht einfach eine fortlaufende philosophische Schulgeschichte, sondern verbindet philosophische Biographie, Lokalgeschichte, Chronographie und Inschriftenüberlieferung. Philochoros steht in diesem Gefüge für die historische und antiquarische Erdung der Akademiegeschichte. Durch ihn erscheint die Alte Akademie nicht nur als Reihe von Lehrern und Schülern, sondern als konkrete athenische Institution mit Orten, Denkmälern, Stiftungen, öffentlichen Beziehungen und erinnerungskultureller Präsenz.[252]

2. Neanthes

Zu den wichtigsten biographischen Quellen Philodems über Platon gehört Neanthes von Kyzikos. Philodem zog ihn vor allem für solche Nachrichten heran, die nicht die Lehre der Akademie, sondern einzelne, teils anekdotisch zugespitzte Episoden aus Platons Leben betrafen. In der Quellenübersicht der Neuedition werden zwei zusammenhängende Abschnitte auf Neanthes zurückgeführt: zunächst die Angaben zu Platons Namen und zu seinem Verkauf in die Sklaverei, danach der Bericht über einen Chaldäer, Platons Fieber, eine thrakische Dienerin und die letzte Nacht des Philosophen. Beide Abschnitte zeigen, dass Philodem nicht nur allgemeine Schulgeschichten, sondern auch ältere biographische Sammelwerke auswertete.[253]

Die Identifikation dieses Neanthes ist quellenkritisch bedeutsam. Gaiser schloss sich der schon von Rudolf Laqueur vertretenen Auffassung an, dass es sich nicht um einen jüngeren Autor des 2. Jahrhunderts v. Chr., sondern um den älteren Neanthes von Kyzikos handelt, der um 300 v. Chr. anzusetzen ist. Entscheidend ist dabei die bei Philodem erkennbare Berufung auf Philiskos von Ägina. Wenn Neanthes einen Gewährsmann heranzog, dem man noch unmittelbare oder wenigstens zeitnahe Kenntnis über Platon zutrauen konnte, muss er deutlich früher gelebt haben als der von der älteren Forschung teilweise angenommene spätere Neanthes. Fleischer bestätigt diese Einordnung und weist darauf hin, dass der Philodem-Text zusammen mit den Verweisen auf Philiskos und Philippos von Opus die Zuweisung der philosophiegeschichtlichen Fragmente an den älteren Neanthes stützt.[254][255]

Wahrscheinlich entnahm Philodem diese Nachrichten einem Werk des Neanthes mit dem Titel Περὶ ἐνδόξων ἀνδρῶν (Perì endóxōn andrōn, „Über berühmte Männer“). Dieses Werk gehörte zu einer biographischen Literatur, die bekannte Persönlichkeiten nicht in systematischen Lehrdarstellungen, sondern anhand charakteristischer Lebensumstände, Aussprüche und Erinnerungen behandelte. Gerade deshalb ist Neanthes für Philodems Akademiegeschichte ambivalent: Er liefert keine eigentliche Geschichte der Institution Akademie, aber er bewahrt ältere biographische Traditionen über Platon, die für das antike Bild des Schulgründers wichtig waren. Auch Diogenes Laertios beruft sich in seiner Platon-Vita mehrfach auf Neanthes, was zeigt, dass dessen Platon-Überlieferung in der späteren biographischen Tradition weiterwirkte.[256]

Der erste bei Philodem erhaltene Neanthes-Abschnitt betrifft Platons Namen. Philodem berichtet nach Neanthes unter Berufung auf Philiskos von Ägina, Platon habe seinen Namen wegen der Breite seiner Stirn erhalten. Diese Erklärung ist eine typische antike Namensätiologie, also eine nachträgliche Deutung eines Namens aus einem auffälligen körperlichen oder charakterlichen Merkmal. Fleischer beurteilt sie trotz des angeführten Gewährsmanns vorsichtig und hält sie eher für eine phantasievolle Erklärung als für eine gesicherte historische Nachricht. Dennoch ist gerade der Quellenaufbau aufschlussreich: Neanthes nennt nicht bloß eine Anekdote, sondern stützt sie auf einen älteren Informanten, den Philodem noch erkennen lässt.[257]

Noch wichtiger ist der anschließende Bericht über Platons Verkauf in die Sklaverei auf Ägina. Die spätere Tradition verbindet diese Episode häufig mit Platons Reise nach Sizilien und mit einem Konflikt mit Dionysios I. von Syrakus. Der bei Philodem fassbare Neanthes-Bericht scheint diese Verbindung jedoch noch nicht zu kennen. Platon wird dort auf Ägina im Zusammenhang mit spartanischer Gewalt und äginetisch-athenischen Feindschaften erfasst und verkauft; Dionysios und der aus anderen Quellen bekannte Spartaner Pollis treten in dieser Version nicht in den Vordergrund. Gaiser sah darin einen Hinweis darauf, dass die Verbindung der Ägina-Episode mit der Feindseligkeit des Dionysios eine spätere Kombination sein könnte. Fleischer geht noch weiter und erwägt, dass Platons Verkauf früher zu datieren und ursprünglich nicht mit der sizilischen Reise des Jahres 387 v. Chr. verbunden gewesen sein könnte.[258][259]

Für die Bewertung dieser Episode ist entscheidend, dass Philodem mit Neanthes eine sehr frühe Quelle bewahrt. Philiskos von Ägina konnte als Einheimischer für eine auf Ägina lokalisierte Tradition besonders geeignet erscheinen. Zugleich bleibt der Bericht nicht unproblematisch: Die Erzählung von einem Philosophen, der verkauft und wieder befreit wird, besitzt anekdotisches Potential und konnte literarisch ausgeschmückt werden. Fleischer betont deshalb sowohl die Chancen als auch die Grenzen der Überlieferung. Der nüchterne Stil des bei Philodem erhaltenen Textes spricht eher für eine ernsthafte Wiedergabe des Gehörten; trotzdem lässt sich nicht sicher entscheiden, ob Philiskos eine zuverlässige lokale Erinnerung oder bereits eine legendarisch geformte Version weitergab.[260]

Der zweite größere Neanthes-Abschnitt betrifft Platons letzte Tage. Neanthes beruft sich hier wahrscheinlich auf Philipp von Opus, den Schüler und Sekretär Platons, der auch mit der Herausgabe der Nomoi in Verbindung gebracht wird. Der Papyrus berichtet von einem Chaldäer, den der alte Platon als Gast aufgenommen habe, von Platons Fieber und von einer thrakischen Dienerin, deren unregelmäßiger Rhythmus beim Gesang oder bei einer musikalischen Handlung Platon noch auf dem Krankenlager bemerkt haben soll. Die Einzelheiten sind schwer zu rekonstruieren, doch der Bericht lässt erkennen, dass Neanthes Platons Tod nicht nur als biographisches Datum, sondern als Szene philosophischer Charakterzeichnung überlieferte: Selbst im Sterben erscheint Platon als jemand, der Ordnung, Maß und musikalische Richtigkeit wahrnimmt.[261][262]

Der historische Wert des Neanthes liegt daher weniger in einer lückenlosen Lebensbeschreibung Platons als in der Nähe zu älteren Erinnerungsbeständen. Fleischer hebt hervor, dass Neanthes nach neueren Untersuchungen nicht einfach als romanhafter Anekdotensammler abzutun ist, sondern als Autor, der Quellen prüfte, ältere Gewährsleute heranzog und detailreich berichtete. Gerade der Index Academicorum zeigt ihn als Sammler mündlicher Nachrichten, der Philiskos von Ägina und Philipp von Opus als Zeugen für verschiedene Abschnitte von Platons Leben einführte. Für Philodem war Neanthes damit eine Quelle, die den Übergang von persönlicher Erinnerung zur literarischen Platon-Biographie greifbar machte.[263]

In Philodems Darstellung steht Neanthes zwischen antiquarischer Lokalgeschichte und philosophischer Schulgeschichte. Anders als Philochoros liefert er keine topographisch-chronologische Einbettung der Akademie, und anders als Dikaiarch bietet er keine systematische Deutung von Platons philosophischer Lebensform. Seine Bedeutung besteht vielmehr darin, dass er frühe biographische Überlieferung über Platon in einer Form bewahrt, die bei Philodem noch quellenkritisch sichtbar bleibt. Für die moderne Forschung ist das besonders wertvoll, weil sich an Neanthes zeigen lässt, wie Platons Leben bereits wenige Generationen nach seinem Tod in Erzählungen, Gewährsmannketten und Deutungsmustern geordnet wurde.[264]

3. Hermippos

Eine weitere Quelle Philodems für die Alte Akademie ist Hermippos von Smyrna, ein alexandrinischer Gelehrter und Biograph des 3. Jahrhunderts v. Chr. Für Philodems Geschichte der Akademie ist er vor allem durch den Abschnitt über Chairon von Pellene wichtig. Philodem nennt Hermippos dort ausdrücklich als Gewährsmann und gibt auch den Werktitel an: Περὶ τῶν ἀπὸ φιλοσοφίας εἰς στρατηγίας καὶ δυναστείας μεθεστηκότων (Perì tōn apò philosophías eis stratēgías kaì dynasteías methestēkótōn, „Über diejenigen, die von der Philosophie zu Feldherrnämtern und Machtstellungen übergegangen sind“). Fleischer konnte damit eine ältere Lesung korrigieren: Im Papyrus steht nicht ἀριστείας („Heldentaten“), sondern δυναστείας („Machtherrschaften“). Diese Neulesung passt wesentlich besser zu Chairons Entwicklung vom Philosophiehörer über militärische Betätigung zum Tyrannen und zeigt bereits das leitende Interesse des Werkes: Hermippos sammelte Beispiele von Männern, die aus einem philosophischen Umfeld kamen, sich dann aber militärischer oder politischer Macht zuwandten.[265]

Der von Philodem übernommene Hermippos-Abschnitt steht nach dem Bericht über Herakleides Pontikos und der anschließenden Bemerkung Philodems, dass er Dion von Syrakus nicht behandle. Chairon war in der großen Schülerliste Platons nicht regulär vertreten, sondern erscheint als nachgetragene und problematische Gestalt am Rand der akademischen Tradition. Nach Hermippos hielt er sich in der Akademie bei Platon und Xenokrates auf, wurde aber später nicht durch philosophische Leistung, sondern durch sportliche, militärische und politische Tätigkeit bekannt. Damit dient er Philodem als Gegenbild zu jenen Platonschülern, die als Tyrannenmörder oder politische Befreier positiv erinnert wurden.[266]

Auch materiell nimmt der Chairon-Bericht eine Sonderstellung ein. Die Kolumnen über Herakleides und Chairon gehörten nicht einfach zum ursprünglichen fortlaufenden Haupttext, sondern wurden nachträglich in die Rolle eingefügt. Fleischer erklärt dies durch Sekundärklebungen nach Kolumne 8* und nach Kolumne 12. Der Chairon-Abschnitt ist dadurch nicht nur inhaltlich ein Zusatz zur Akademiegeschichte, sondern auch papyrologisch als spätere Erweiterung des Arbeitsmanuskripts erkennbar. Gerade an dieser Stelle zeigt sich besonders anschaulich der Charakter des Index Academicorum als „Work in Progress“, an dem Philodem noch ordnete, ergänzte und korrigierte.[267]

Die Darstellung Chairons ist bei Hermippos deutlich moralisch geformt. Der Bericht beginnt mit seiner Zugehörigkeit zur Akademie, führt dann seine Siege im Ringkampf an und schildert anschließend seine Beteiligung an kriegerischen Unternehmungen. Schließlich erscheint Chairon als Tyrann seiner Heimatstadt Pellene, der sich von der philosophischen Lebensform entfernt und in eine gewaltsame Machtpolitik hineinbewegt. Fleischer hebt hervor, dass der Ablauf des Exzerpts nahezu den Titel des hermippischen Werkes spiegelt: von der Philosophie über militärische Betätigung zur Machtausübung. Der Abschnitt beschreibt also keine zufällige biographische Kuriosität, sondern eine Degeneration, in der der philosophische Anfang durch Ehrgeiz, körperliche Ruhmsucht und Herrschaftsstreben verdrängt wird.[268]

Philodem übernimmt Hermippos offenbar nicht nur summarisch, sondern in größerer Nähe zum Wortlaut. Bereits Konrad Gaiser erkannte, dass der Chairon-Abschnitt zu den deutlich identifizierbaren Quellenexzerpten des Werkes gehört. Die ausdrückliche Quellenangabe, der Werktitel und die innere Geschlossenheit der Erzählung sprechen dafür, dass Philodem hier nicht aus einer anonymen Schulgeschichte schöpfte, sondern eine konkrete biographisch-antiquarische Schrift verwendete. Die Stelle ist deshalb auch für Hermippos selbst wertvoll, weil sie einen seltenen Einblick in ein sonst verlorenes Werk bietet und dessen Interesse an Grenzfiguren zwischen Philosophie, Politik und Macht sichtbar macht.[269]

Hermippos stützte sich seinerseits auf ältere Quellen. In Philodems Exzerpt werden Dikaiarch, Hypereides und Phainias von Eresos greifbar. Dikaiarch wird für Chairons militärische Leistung im sogenannten Hyperasischen Krieg herangezogen. Hypereides, vermutlich in einer Rede gegen die Gesandten des Antipatros, lieferte Informationen über Chairons politische Rolle im makedonischen Machtzusammenhang. Phainias von Eresos, ein Peripatetiker des späten 4. Jahrhunderts v. Chr., dürfte von Hermippos für die spätere Tyrannenepisode oder für Chairons Ende benutzt worden sein. Dadurch ist der Abschnitt nicht bloß späte alexandrinische Gelehrsamkeit, sondern verarbeitet Quellen, die den Ereignissen zeitlich deutlich näher standen.[270]

Für die Quellenkritik ist wichtig, dass Hermippos nicht mit dem unmittelbar vorausgehenden Bericht über Herakleides Pontikos verwechselt werden darf. Eine ältere Forschung hatte Hermippos auch für die Erzählung von Herakleides’ angeblicher Bestechung des delphischen Orakels als Quelle Philodems vermutet, weil Diogenes Laertios eine ähnliche Geschichte nach Hermippos überliefert. Gaiser zeigte jedoch, dass die Fassungen bei Philodem und Diogenes Laertios in mehreren Einzelheiten voneinander abweichen. Für Philodems Herakleides-Abschnitt ist daher eher Demochares als Quelle anzusetzen, während Hermippos sicher erst für die Chairon-Vita ausdrücklich genannt wird.[271][272]

Der historische Wert des Hermippos-Exzerpts liegt weniger darin, dass es ein neutrales Bild Chairons böte. Schon die Auswahl des Stoffes und der Werktitel zeigen eine moralisch-politische Deutung: Ein Philosophieschüler verlässt den Weg der Bildung und strebt nach Macht. Gleichwohl ist der Bericht nicht einfach als frei erfundene Polemik abzutun. Die Übereinstimmung mit Demochares, die Berufung auf Dikaiarch und Phainias sowie die Einbindung in konkrete politische Ereignisse sprechen dafür, dass Chairon tatsächlich mit der Akademie verbunden war, als erfolgreicher Ringer hervortrat und später in Pellene eine gewaltsame Herrschaft ausübte. Die Bewertung ist parteiisch, der historische Kern aber wahrscheinlich.[273]

Für Philodems Darstellung der Alten Akademie erfüllt Hermippos damit eine besondere Funktion. Dikaiarch beschreibt Platon und seine Schule unter dem Gesichtspunkt philosophischer Lebensform; Philochoros liefert topographische und chronologische Angaben; Neanthes bewahrt biographische Erinnerungen an Platon. Hermippos hingegen bringt eine Gegenperspektive ein: Er zeigt, dass nicht jede Verbindung mit der Akademie zu philosophischer Lebensführung führte. In der Figur Chairons wird die Frage sichtbar, ob philosophische Bildung Charakter formt oder ob sie von Ehrgeiz, Gewalt und politischem Nutzenstreben überlagert werden kann. Gerade deshalb ist Hermippos für Philodem nützlich: Er erweitert die Akademiegeschichte um eine problematische Randfigur, an der sich das Verhältnis von philosophischem Anspruch und politischer Wirklichkeit besonders scharf zeigt.[274]

4. Antigonos von Karystos

Die wichtigste zusammenhängende Quelle Philodems für die spätere Alte Akademie ist Antigonos von Karystos. Er schrieb im 3. Jahrhundert v. Chr. biographische Darstellungen von Philosophen und Künstlern und stand zeitlich bereits deutlich näher an Polemon, Krantor, Krates und Arkesilaos als Philodem selbst. Für die Akademiegeschichte ist er deshalb besonders wertvoll, weil er nicht nur einzelne Daten überliefert, sondern ein lebendiges Bild der Persönlichkeiten, ihres Lebensstils und ihrer Stellung innerhalb der Schule gibt. Schon Ulrich von Wilamowitz-Moellendorff erkannte, dass die entsprechenden Abschnitte bei Philodem und im vierten Buch des Diogenes Laertios auf Antigonos zurückgehen; Gaiser und Fleischer haben diese Zuweisung auf breiterer papyrologischer Grundlage bestätigt und präzisiert.[275][276]

Bei Philodem umfasst das Antigonos-Exzerpt vor allem die Abschnitte über Polemon, Krantor, Krates und Arkesilaos. Für Polemon reicht der Bericht von seiner Herkunft und seiner ausschweifenden Jugend über seine Bekehrung durch Xenokrates bis zu seiner ethischen Haltung, seinem zurückgezogenen Leben in der Akademie und seiner Wirkung auf die jüngeren Akademiker. Für Krantor bietet Antigonos Nachrichten über Herkunft, dichterische und philosophische Begabung, Werkumfang, Krankheit, Tod und Schülerkreis. Auch die nur fragmentarisch erhaltenen Notizen zu Adeimantos und Krates sowie die umfangreichen Angaben zu Arkesilaos beruhen ganz oder überwiegend auf Antigonos. Damit bildet sein Werk das Rückgrat der Darstellung jener Phase, in der die Akademie von der unmittelbaren Nachfolge Platons zur skeptischen Wende des Arkesilaos übergeht.[277][278]

Die Quellenzuweisung ist bei Antigonos ungewöhnlich gut abgesichert. In der Polemon-Vita erscheint sein Name ausdrücklich; in der Krates-Kolumne steht die Formulierung, Antigonos schreibe dies. Auch für Krantor und Adeimantos sprechen sprachliche und strukturelle Indizien für dieselbe Vorlage. Gaiser betont, dass Philodem Antigonos wahrscheinlich ausführlicher und getreuer exzerpierte als Diogenes Laertios, der stärker kürzte und sein Material mit anderen Quellen verband. Fleischer kommt ebenfalls zu dem Ergebnis, dass bei Philodem ein großer zusammenhängender Antigonos-Komplex vorliegt, auch wenn einzelne Schülerlisten oder verbindende Sätze nicht notwendig aus Antigonos stammen müssen.[279][280]

Das besondere Profil des Antigonos liegt in der Verbindung von biographischer Anschaulichkeit und philosophischer Charakterdeutung. Polemon erscheint nicht als bloßer Träger eines Schulamts, sondern als Beispiel einer radikalen ethischen Umformung. Seine Jugend wird als ungeordnet und genussverfallen geschildert; seine Begegnung mit Xenokrates führt zur inneren Umkehr. Danach verkörpert er Würde, Selbstbeherrschung und Gleichmaß. Antigonos interessiert sich dabei weniger für abstrakte Lehrsätze als für das sichtbare Verhalten: Stimme, Gang, Mimik, Umgang mit anderen Menschen, Verhältnis zur Öffentlichkeit und Fähigkeit zur Affektbeherrschung werden zu Zeichen philosophischer Bildung. Gerade dadurch wird Polemon zur paradigmatischen Figur einer Akademie, in der Philosophie als Lebensform verstanden wird.[281][282]

Auch Krantor wird bei Antigonos nicht nur als Schulmitglied, sondern als eigenständige Gestalt der Akademie sichtbar. Er stammt aus Soloi, wird in Athen zunächst Hörer des Xenokrates und dann des Polemon, verfasst eine bedeutende Zahl von Schriften und bleibt zugleich mit dichterischer Bildung verbunden. Der Bericht über seine Krankheit, seine Bestattungswünsche und sein Verhältnis zu Arkesilaos zeigt, wie eng persönliche Bindungen, literarische Tätigkeit und Schulleben miteinander verflochten waren. Dass Krantor sein Vermögen Arkesilaos hinterließ, macht zudem die innere Kontinuität zwischen der letzten Phase der Alten Akademie und dem späteren skeptischen Schulhaupt sichtbar.[283][284]

Für Arkesilaos ist Antigonos besonders wichtig, weil hier der Übergang zur skeptischen Akademie biographisch greifbar wird. Philodem berichtet nach Antigonos über Arkesilaos’ Herkunft, seine Studien, seine Hinwendung zur Akademie, sein Verhältnis zu Krates und seine Abkehr von der dogmatischen Tradition der Alten Akademie. Gaiser weist darauf hin, dass Antigonos selbst die später übliche Unterscheidung zwischen Alter, Mittlerer und Neuer Akademie noch nicht in terminologischer Schärfe gekannt haben dürfte; dennoch beschreibt sein Bericht genau jenen Einschnitt, den die spätere Tradition mit Arkesilaos verband. Die skeptisch-aporetische Haltung erscheint bei Philodem daher nicht als abstrakter Systemwechsel, sondern als Ergebnis einer konkreten Schulgeschichte und persönlicher Lehrer-Schüler-Beziehungen.[285][286]

Ein wichtiger Forschungsfortschritt der Neuedition Fleischers betrifft die Reichweite des Antigonos-Materials. Durch die bibliometrische Rekonstruktion der Papyrusrolle, insbesondere durch die Messung der Wicklungen, ist erkennbar geworden, dass im Bereich der Arkesilaos-Vita nicht nur einzelne Wörter oder Zeilen, sondern etliche Kolumnen mechanisch verloren gegangen sind. Fleischer folgert, dass ein erheblicher Teil dieser verlorenen Kolumnen ebenfalls auf Antigonos zurückging. Dadurch erweitert sich nicht nur der Umfang der bei Philodem anzunehmenden Antigonos-Exzerpte, sondern auch die Bedeutung dieses Autors für die Rekonstruktion der Akademiegeschichte. Der erhaltene Text vermittelt daher nur einen Ausschnitt des ursprünglichen Antigonos-Exzerpts; Philodems Darstellung der akademischen Entwicklung von Polemon über Krantor und Krates bis Arkesilaos dürfte ursprünglich deutlich ausführlicher gewesen sein, als der heutige Papyruszustand erkennen lässt.[287]

Der Vergleich mit Diogenes Laertios zeigt zugleich, wie unterschiedlich dieselbe ältere Quelle verarbeitet werden konnte. Beide Autoren schöpfen für Polemon, Krantor, Krates und Arkesilaos aus antigonischem Material, doch Philodem bewahrt oft die ausführlichere und quellenkritisch wertvollere Fassung, während Diogenes Laertios stärker auswählt, umordnet und zusätzliche Traditionen einarbeitet. Umgekehrt können bei Diogenes einzelne Angaben erhalten sein, die Philodem ausgelassen hat oder die im Papyrus verloren sind. Für die moderne Forschung entsteht daraus ein kontrollierbarer Vergleich zweier Überlieferungswege, in dem Philodem häufig näher an der hellenistischen Vorlage steht.[288][289]

In Philodems Quellengefüge nimmt Antigonos daher eine Schlüsselstellung ein. Während Philochoros die Akademie als athenischen Ort mit Denkmälern und Chronologie sichtbar macht, Neanthes frühe biographische Erinnerungen an Platon bewahrt und Hermippos problematische Randfiguren behandelt, bietet Antigonos die dichteste Darstellung des inneren Lebens der Schule nach Xenokrates. Durch ihn erscheinen Polemon, Krantor, Krates und Arkesilaos nicht nur als Namen in einer Nachfolgeordnung, sondern als handelnde Personen mit charakteristischen Lebensformen, Freundschaften, Konflikten und philosophischen Haltungen. Antigonos ist damit für Philodem die zentrale Quelle für den Übergang von der Alten Akademie zur skeptischen Phase der platonischen Schule.[290]

VIII. Die Darstellung der Akademie bei Philodem (Gesamtentwicklung)

1. Die Alte Akademie

Philodems Darstellung der Alten Akademie setzt nicht erst mit der Nachfolge Speusipps ein, sondern wird durch das vorausgehende Bild Platons vorbereitet. Besonders wichtig ist dabei der aus Dikaiarchos geschöpfte Platon-Bios. Dikaiarchos würdigte zwar Platons philosophische Leistung und die Förderung der mathematischen Forschung in der Akademie, sah aber zugleich eine problematische Wirkung der Dialoge. Durch ihre literarische Anziehungskraft konnten sie Leser gewinnen, die sich ohne mathematische und philosophische Schulung bereits für Philosophen hielten. In diesem Zusammenhang steht auch die Kritik am Stil als φορτικός (phortikós, „derb“, „aufdringlich“ oder „reißerisch“), die Dikaiarchos nach der Parallelüberlieferung auf die Schreibweise Platons bezog. Der Vergleich mit dem Mimendichter Sophron zielte auf die lebendige Charakterzeichnung der Dialoge, konnte aber zugleich die Nähe zur dramatisch-mimetischen Wirkung der Literatur markieren.[291][292]

a) Speusipp

Mit Speusipp beginnt bei Philodem die Geschichte der Akademie nach Platon. Seine Darstellung ist knapp, aber für das Verständnis der Schule von besonderer Bedeutung, weil sie den Übergang von der charismatischen Gründerfigur Platon zu einer dauerhaften philosophischen Institution sichtbar macht. Speusipp erscheint nicht nur als einzelner Philosoph, sondern als erster Nachfolger in der Leitung der Schule. Philodem nennt ihn in dem Zusammenhang, in dem die Akademie nach Platons Tod als fortbestehende Gemeinschaft mit Schülern, Erinnerungsorten, Nachfolgeregelung und inneren Spannungen greifbar wird.[293]

Der Bericht über Speusipp steht bei Philodem nach der Liste der Platonschüler. Diese Liste umfasst nach der Rekonstruktion Fleischers neunzehn Namen, zumeist mit Herkunftsangaben und teilweise mit kurzen Zusatzinformationen. Speusipp steht darin an erster Stelle. Schon diese Stellung macht deutlich, dass Philodem die Geschichte der Alten Akademie nicht als lose Folge einzelner Biographien erzählt, sondern als Schulgeschichte, die von Platon über seine Schüler und Nachfolger weitergeführt wird. Die Speusipp-Vita selbst umfasst im erhaltenen Rekto vor allem seine Nachfolge, sein Weihgeschenk im Bereich der Akademie, seine Krankheit und seinen Tod; als Hauptquelle für diesen Abschnitt nennt Fleischer Philochoros, genauer das sechste Buch der Atthis.[294]

Speusipp war Platons Neffe und übernahm nach dessen Tod die Leitung der Akademie. Die Chronologie, die sich aus Philodem und der Parallelüberlieferung ergibt, setzt sein Scholarchat gewöhnlich von 348/47 bis 340/39 v. Chr. an. Philodem berichtet damit nicht nur eine genealogische Nähe zu Platon, sondern auch eine schulgeschichtliche Kontinuität: Die Akademie bleibt nach dem Tod ihres Gründers bestehen und erhält eine erkennbare Leitung. Diese Kontinuität ist philosophiehistorisch wichtig, weil sie zeigt, dass die Akademie bereits in der ersten Generation nach Platon nicht bloß ein Kreis von Freunden oder Schülern war, sondern als institutionalisierte Lehrgemeinschaft weiterbestand.[295]

Ein besonders aufschlussreiches Detail ist die bei Philodem überlieferte Weihung von Chariten-Statuen durch Speusipp im Museion der Akademie. Philochoros, der als Atthidograph ein besonderes Interesse an topographischen, kultischen und inschriftlichen Zeugnissen hatte, dürfte diese Angabe wegen der damit verbundenen Inschrift bewahrt haben. Philodem überliefert in diesem Zusammenhang auch das zugehörige Epigramm; es ist die einzige erhaltene Probe von Speusipps dichterischer Produktion. Die Nachricht zeigt die Akademie nicht nur als Ort theoretischer Forschung, sondern auch als räumlich und religiös markierte Gemeinschaft: Musenheiligtum, Weihgeschenk und Inschrift verbinden philosophische Schule, Gedächtniskultur und öffentliche Sichtbarkeit.[296]

Die Neuedition Fleischers hat diese Passage gegenüber der älteren Rekonstruktion wesentlich präzisiert. Während man früher den Zusammenhang der Chariten-Weihung bereits im Grundsatz erkannte, zeigte die neue Lesung, dass Speusipp ausdrücklich als Neffe Platons bezeichnet wurde und dass das Epigramm sprachlich feiner gestaltet war, als ältere Ergänzungen erkennen ließen. Die verbesserte Lesung des Wortes δώρων („Geschenke“) macht den Sinn des Epigramms klarer: Speusipp dankt den göttlichen Musen für ihre Gaben mit einem Gegengeschenk. Gerade an dieser Stelle zeigt sich, wie eng papyrologische Detailarbeit und philosophiehistorische Interpretation miteinander verbunden sind; ein paar besser gelesene Buchstaben verändern nicht die ganze Geschichte der Akademie, aber sie lassen ihren Ton vernehmlicher werden.[297]

Speusipp ist bei Philodem jedoch nicht nur Gegenstand der Darstellung, sondern auch selbst eine Quelle für die Erinnerung an Platon. In nachträglichen Ergänzungen wird auf Speusipps Schrift Πλάτωνος περίδειπνον (Plátōnos perídeipnon, „Totenmahl Platons“) zurückgegriffen. Aus ihr stammen wahrscheinlich eine alternative Angabe zu Platons Tod und zusätzliche Namen von Platonschülern. Gaiser deutete diese Zusätze als Zeichen dafür, dass Philodem Speusipps Schrift erst im Verlauf weiterer Lektüre auswertete; sicher ist dabei nicht, ob Philodem das Werk unmittelbar vorliegen hatte oder über eine Zwischenquelle kannte. Für die Geschichte der Akademie ist der Befund dennoch wichtig: Speusipp war nicht nur Nachfolger Platons, sondern gehörte auch zu den frühen Gestaltern der Platon-Erinnerung.[298]

Die Speusipp-Überlieferung bei Philodem besitzt daher mehrere Schichten. Auf dem Rekto steht der knappe Bericht über den Nachfolger Platons; hinzu kommen Ergänzungen aus oder über Speusipps eigene Platon-Schrift sowie ein Verso-Nachtrag aus Diodor, einem Schüler Speusipps. Dieser Diodor ist nicht mit dem sizilischen Historiker Diodor zu verwechseln, sondern offenbar ein Angehöriger des akademischen Umfelds, der Erinnerungen an Speusipp festhielt. Nach Fleischer zeichnet Diodor ein zumindest teilweise positives Bild: Speusipp wird mit ausgeprägtem Arbeitseifer und breitem Wissen verbunden. Diese Notiz ist besonders wertvoll, weil sie das Bild ausgleicht, das andere Traditionen durch Hinweise auf Krankheit, körperlichen Verfall oder moralische Schwächen belasten.[299]

Die Schattenseite der Speusipp-Darstellung liegt in den Nachrichten über seine Krankheit und über die Reaktion der Schule nach seinem Tod. Philodem fügte offenbar eine kurze Angabe zu Speusipps Erkrankung nachträglich in den Text ein. In der anschließenden Darstellung der Nachfolge wird Xenokrates von den jüngeren Mitgliedern der Akademie gewählt. Die Wahl wird ausdrücklich damit verbunden, dass Xenokrates’ Selbstbeherrschung als Gegensatz zu den störenden Lastern Speusipps erschien. Damit tritt erstmals ein innerakademischer Bewertungsmaßstab hervor: Nicht Abstammung, bloße Nähe zu Platon oder intellektuelle Leistung allein entscheiden über die Leitung, sondern auch die persönliche Lebensführung des Scholarchen.[300]

Gerade in dieser Spannung liegt der besondere Wert von Philodems Speusipp-Bild. Speusipp erscheint weder als bloßer Verwalter des platonischen Erbes noch als abschreckende Gegenfigur. Er steht vielmehr an einer Übergangsstelle: Er bewahrt die unmittelbare Nähe zu Platon, verfasst selbst Erinnerungen an ihn, führt die Schule als erster Nachfolger weiter, prägt ihre kultisch-räumliche Selbstdarstellung durch ein Weihgeschenk im Museion und bleibt zugleich eine umstrittene Gestalt, deren Krankheit und Charakter in der späteren Akademiegeschichtsschreibung nicht verschwiegen wurden. Philodem zeigt dadurch, dass die Alte Akademie von Anfang an nicht nur eine Lehrtradition, sondern auch eine soziale Institution war, in der Autorität, Erinnerung, Lebensform und Nachfolge miteinander ausgehandelt wurden.[301]

b) Xenokrates

Xenokrates nimmt in Philodems Darstellung der Alten Akademie weit mehr Raum ein als Speusipp. Dadurch wird er nicht nur als zweiter Nachfolger Platons sichtbar, sondern als eine Gestalt, an der Philodem mehrere Grundfragen der frühen Akademiegeschichte bündelt: die Ordnung der Schulnachfolge, den Charakter des Scholarchen, das Verhältnis der Akademie zur athenischen Politik, die Fortführung platonischer Methoden und die Ausbildung einer neuen Schülergeneration. Nach der Übersicht der Neuedition behandelt Philodem Xenokrates in mehreren Abschnitten: zunächst die Wahl zum Nachfolger Speusipps, dann seine Gesandtschaft zu Antipatros und seine demokratische Haltung, anschließend eine aus Timaios von Tauromenion stammende Episode aus Syrakus sowie schließlich eine Schülerliste und den Tod des Philosophen.[302]

Der Beginn der Xenokrates-Vita ist besonders aufschlussreich, weil Philodem hier eine innerakademische Wahl überliefert. Nach dem Tod Speusipps wählten die jüngeren Mitglieder der Akademie Xenokrates zum neuen Schulhaupt. Damit erscheint die Akademie nicht als bloßes Eigentum einer Familie oder als Kreis, in dem der Vorgänger seinen Nachfolger verbindlich bestimmte, sondern als Gemeinschaft, in der eine Entscheidung der Schulangehörigen eine Rolle spielte. Die Wahl ist zugleich ein Gegenbild zur Nachfolge Speusipps, der als Neffe Platons in die Leitung gelangt war. Fleischer betont, dass die bei Philodem erhaltenen Einzelheiten zur Wahl in dieser Form ohne direkte Parallele sind und dass die Erwähnung der jungen Akademiker vermutlich nicht bedeutet, ältere Mitglieder seien formal ausgeschlossen gewesen; eher dürfte die jüngere Mehrheit faktisch das Ergebnis bestimmt haben.[303]

Xenokrates setzte sich gegen Herakleides Pontikos und Menedemos von Pyrrha durch. Aristoteles wird im Zusammenhang der Wahl zwar erwähnt, war aber abwesend und kam deshalb offenbar nicht als Kandidat in Betracht. Diese Nachricht ist auch deshalb wichtig, weil Aristoteles zu diesem Zeitpunkt noch als Angehöriger des akademischen Umfelds erscheint. Die Wahl zeigt außerdem, dass es mehrere ernsthafte Kandidaten für die Leitung gab. Herakleides kehrte nach seiner Niederlage in seine Heimat zurück, während Menedemos nach Philodem im Akademieareal eine eigene Unterrichtsstätte eröffnete. Die Akademie erscheint damit nicht als monolithische Organisation, sondern als lebendige philosophische Gemeinschaft, in der Nähe, Konkurrenz und Abspaltung nebeneinander vorkamen.[304]

Das entscheidende Motiv für die Wahl des Xenokrates ist bei Philodem sein Charakter. Seine σωφροσύνη (sōphrosýnē, „Besonnenheit“ oder „Selbstbeherrschung“) bildet den deutlichen Gegensatz zu den als störend empfundenen Lastern Speusipps. Damit wird die Schulnachfolge nicht nur institutionell, sondern ethisch begründet. Die Leitung der Akademie hängt bei Philodem nicht allein an Herkunft, Gelehrsamkeit oder Nähe zu Platon, sondern an einer glaubwürdigen Lebensform. In dieser Akzentuierung entspricht die Xenokrates-Darstellung einem Grundmotiv der antiken Philosophenbiographie: Das Leben eines Philosophen soll zeigen, wofür seine Lehre steht.[305]

Ein zweiter großer Komplex betrifft Xenokrates’ politische Haltung. Philodem berichtet, dass Xenokrates nach dem Lamischen Krieg an einer athenischen Gesandtschaft zu Antipatros teilnahm. Dieser hielt sich auf der Kadmeia in Theben auf und soll Xenokrates zunächst brüskiert oder übergangen haben. Als Antipatros ihn nach seiner Meinung zu den Friedensbedingungen fragte, antwortete Xenokrates sinngemäß, sie seien für Sklaven erträglich, für Freie aber hart. Philodem bewahrt hier eine Tradition, in der Xenokrates als freiheitlich gesinnter Vertreter Athens erscheint, der sich durch die Machtlage nicht zu gefälliger Zustimmung bewegen lässt.[306]

Diese demokratische und patriotische Haltung wird bei Philodem durch zwei weitere Nachrichten unterstrichen. Xenokrates ließ beim Einzug der makedonischen Garnison in Athen das sonst übliche Opfer für die Musen ausfallen; damit machte er den Tag symbolisch zu einem Trauertag. Außerdem lehnte er später das athenische Bürgerrecht ab, das ihm von Demades angetragen wurde. Diese Ablehnung ist nicht als Geringschätzung Athens zu verstehen, sondern als Zeichen dafür, dass Xenokrates das Bürgerrecht nicht aus der Hand eines Politikers annehmen wollte, der mit der makedonischen Neuordnung verbunden war. Philodem bietet damit ein Bild des Philosophen, der als Metöke außerhalb der vollen Bürgerschaft steht und dennoch den Freiheitsverlust der Stadt ernster nimmt als manche Bürger selbst.[307]

Philodems Bericht ist jedoch nicht einseitig hagiographisch. Er bewahrt auch eine kritische Überlieferung über die Gesandtschaft. Danach habe Xenokrates in Gegenwart der makedonischen Seite in der ihm aus der Akademie vertrauten Weise philosophische Einteilungen vorgenommen. Gemeint ist die διαίρεσις (diaíresis, „Einteilung“), eine für die platonische Schule charakteristische Methode der begrifflichen Unterscheidung. In der politischen Verhandlungssituation wirkte diese philosophische Gewohnheit offenbar unpassend oder wirkungslos. Gerade diese Ambivalenz macht die Darstellung wertvoll: Xenokrates erscheint als integerer Philosoph, aber nicht unbedingt als geschickter Diplomat. Die Akademie tritt damit zugleich als moralische Autorität und als eine Institution hervor, deren theoretische Arbeitsform nicht ohne Weiteres in politische Praxis übertragbar war.[308]

Ein weiterer Abschnitt führt Xenokrates nach Syrakus. Philodem schöpft hier aus Timaios von Tauromenion und bietet die ausführlichste bekannte Fassung einer Episode, nach der Xenokrates während Platons dritter Sizilienreise an einem Trinkwettbewerb teilnahm. Der Schauplatz ist wahrscheinlich Syrakus; Dionysios der Jüngere tritt als Herrscher im Hintergrund auf. Xenokrates gewinnt den Wettkampf, verzichtet aber auf den kostbaren Siegespreis. Die Erzählung passt in das Charakterbild des Philosophen: Seine Selbstbeherrschung zeigt sich nicht im Rückzug aus jeder Prüfung, sondern darin, dass er selbst in einer Situation äußerer Ausschweifung die Herrschaft über sich behält und den materiellen Gewinn nicht sucht.[309]

Für die Quellenfrage ist diese Passage besonders interessant. Fleischer sieht im Philodem-Text wahrscheinlich einen Auszug, der dem Wortlaut des Timaios näher steht als die bekannten Parallelfassungen. Timaios hatte als sizilischer Historiker ein naheliegendes Interesse an den Ereignissen in Syrakus; zugleich ist denkbar, dass er über akademische Kreise oder über mündliche Traditionen nähere Kenntnis von der Episode erhielt. Philodem oder bereits seine Vorlage dürfte den Timaios-Auszug in die Xenokrates-Vita eingefügt haben, um die sittliche Gestalt des Scholarchen durch eine erzählbare Szene zu veranschaulichen. Die Anekdote ist also nicht bloßer Schmuck, sondern dient der biographischen Deutung: Xenokrates verkörpert die akademische Tugend der Selbstbeherrschung.[310]

Am Ende der Xenokrates-Vita steht eine Schülerliste. Sie ist für die Geschichte der Akademie wichtig, weil sie den Übergang von der zweiten zur dritten Generation der Schule sichtbar macht. Genannt werden unter anderem ein gleichnamiger Verwandter des Scholarchen, wahrscheinlich weitere sonst kaum bekannte Schüler, Krates von Athen und Polemon. Dass mehrere Namen außerhalb Philodems fast keine Spuren hinterlassen haben, zeigt den besonderen Quellenwert des Papyrus: Philodem bewahrt nicht nur die großen Linien der Schulgeschichte, sondern auch Namen aus dem weiteren akademischen Milieu, die in der späteren literarischen Überlieferung weitgehend verschwunden sind.[311]

Die Neulesung der Kolumne 8* hat außerdem gezeigt, dass die Xenokrates-Vita nicht, wie früher angenommen, einfach mit der Schülerliste endete. Auf die Liste folgten noch Angaben zu seinem Tod, wobei erneut Philochoros als Quelle erscheint. Damit erhält der Abschnitt eine klare biographische Rahmung: Wahl und Charakter, politisches Auftreten, exemplarische Anekdote, Schülerkreis und Tod. Philodem stellt Xenokrates so als den eigentlichen Stabilisator der frühen Akademie nach Speusipp dar. In ihm verbinden sich systematische Schultradition, persönliche Strenge, politische Loyalität gegenüber Athen und die Ausbildung jener Schülergeneration, aus der mit Polemon die nächste große Gestalt der Alten Akademie hervorging.[312]

c) Polemon und Krantor

Mit Polemon und Krantor erreicht Philodems Darstellung der Alten Akademie einen Abschnitt, in dem die Schule weniger durch institutionelle Daten als durch Lebensform, Charakter und Wirkung einzelner Lehrer sichtbar wird. Für beide Philosophen ist nach Fleischer im Wesentlichen Antigonos von Karystos die maßgebliche Quelle. Dadurch erhält der Bericht einen anderen Ton als die früheren Abschnitte zu Speusipp und Xenokrates: Im Vordergrund stehen nicht mehr vor allem Nachfolge, Topographie oder politische Ereignisse, sondern biographische Szenen, charakterliche Urteile und die Frage, wie sich Philosophie im Leben eines Akademikers ausdrückt.[313]

Polemon erscheint bei Philodem als Nachfolger des Xenokrates und als diejenige Gestalt, an der die Alte Akademie besonders deutlich als Schule praktischer Lebensform hervortritt. Sein Scholarchat wird gewöhnlich von 314/13 bis etwa 275/70 v. Chr. angesetzt. Die Polemon-Vita umfasst bei Philodem mehrere thematische Einheiten: Herkunft und Jugend, die Bekehrung zur Philosophie, die Ausbildung eines festen Charakters, ethische Grundsätze, den Rückzug aus öffentlicher Betriebsamkeit, seine Stellung innerhalb der Akademie und die Beziehung zu Krates und Arkesilaos. Schon diese Anlage zeigt, dass Philodem Polemon nicht nur als Glied einer Nachfolgerkette behandelt, sondern als exemplarischen Vertreter eines philosophischen Lebensideals.[314]

Das berühmteste Motiv der Polemon-Überlieferung ist seine Bekehrung zur Philosophie. Antigonos erzählte, Polemon sei als junger Mann durch ein ausschweifendes Leben aufgefallen und dann in die Schule des Xenokrates geraten. Dort habe die Begegnung mit dem Unterricht eine innere Wendung ausgelöst. Philodem bewahrt diese Tradition in einer Form, die Polemon nicht als von Anfang an mustergültigen Weisen erscheinen lässt, sondern als jemanden, dessen Charakter durch philosophische Übung umgestaltet wurde. Gerade dadurch wird Polemon für die Akademiegeschichte bedeutsam: Seine Vita zeigt Philosophie nicht nur als Lehre, sondern als Kraft zur Formung des Lebens.[315]

Zu diesem Bild gehört Philodems ausführliche Darstellung von Polemons innerer Festigkeit. Die Erzählung vom Hundebiss, die Philodem breiter bewahrt als Diogenes Laertios, dient nicht bloß als Anekdote, sondern als Charakterbeweis: Polemon bleibt auch unter körperlichem Schmerz gefasst. Gaiser hebt hervor, dass Philodem in diesem Zusammenhang außerdem einen Ausspruch über Wahrhaftigkeit überliefert, der bei Diogenes Laertios fehlt. Die Polemon-Vita zeigt also jene Mischung aus erzählter Szene und ethischer Auswertung, die für Antigonos typisch ist: Der Charakter des Philosophen wird nicht abstrakt beschrieben, sondern an Verhaltensweisen sichtbar gemacht.[316]

In Polemons Ethik tritt die praktische Seite des Philosophierens besonders stark hervor. Der bei Diogenes Laertios erhaltene und mit Philodems Darstellung zusammengehörige Gedanke, man müsse sich in den Dingen selbst und nicht nur in dialektischen Lehrsätzen üben, passt zu dem Bild, das Philodem zeichnet. Polemon verkörpert eine akademische Richtung, in der die Frage nach der richtigen Lebenshaltung stärker hervortritt als spekulative Theorie. Die Alte Akademie erscheint dadurch nicht als bloßer Ort begrifflicher Schulphilosophie, sondern als Gemeinschaft der Einübung in einen bestimmten Habitus.[317]

Philodem zeigt Polemon zugleich als eine Gestalt von öffentlicher Anerkennung und zurückgezogener Haltung. Er war in der Polis geachtet, suchte aber nicht den politischen Auftritt. Das ist für die Gesamtentwicklung der Akademie wichtig, weil sich hier ein anderes Modell als bei Xenokrates zeigt. Xenokrates war als Gesandter und politisch deutbarer Repräsentant Athens hervorgetreten; Polemon steht stärker für eine Philosophie, die ihre Autorität aus der gelebten Haltung und aus der Schule selbst bezieht. Die Akademie wird damit als Ort einer Lebenspraxis sichtbar, die politisch nicht gleichgültig sein muss, aber ihre eigentliche Bewährung im Charakter findet.[318]

Krantor erscheint bei Philodem nicht als Scholarch, sondern als bedeutender Akademiker im Umfeld Polemons. Er stammte aus Soloi und kam nach Athen, obwohl er in seiner Heimat offenbar Ansehen, Wohlstand oder eine günstige gesellschaftliche Stellung besaß. Nach Fleischers Rekonstruktion hörte er zuerst Xenokrates und verbrachte später seine Studienzeit bei Polemon. Damit gehört Krantor zur Generation, die die Lehre der Akademie noch von Xenokrates her empfing, aber in der Schule Polemons ihre eigentliche Prägung erhielt.[319]

Für die Geschichte der Akademie ist Krantor vor allem als Schriftsteller und als Lehrer des Arkesilaos wichtig. Philodem berichtet, dass er ein umfangreiches Werk hinterließ; einige Schriften wurden offenbar später Arkesilaos zugeschrieben. Besonders berühmt war in der antiken Überlieferung sein Werk Über die Trauer, das in der späteren Trostliteratur große Wirkung hatte. Bei Philodem steht Krantor damit an einer Übergangsstelle: Er gehört noch zur Alten Akademie, wirkt aber auf Arkesilaos, mit dem die skeptische Wende der Schule verbunden ist.[320]

Der Bericht über Krantors Tod gehört zu den eindrucksvollsten Partien dieses Abschnitts. Philodem überliefert ausführlicher als Diogenes Laertios das Gespräch, in dem Arkesilaos und Polemon den sterbenden Krantor nach seinem Bestattungswunsch fragen. Krantor soll zunächst durch einen tragischen Vers die Sehnsucht nach der Bestattung in der Heimat angedeutet haben, sich dann aber auf Polemons Drängen mit einer Bestattung in Athen einverstanden erklärt haben. Die Szene verbindet persönliche Nähe, Schulbindung und Herkunftsbewusstsein: Krantor bleibt Solier, wird aber zugleich in die Erinnerungsgemeinschaft der Akademie aufgenommen.[321]

Am Ende der Krantor-Vita stand wahrscheinlich eine Schülerliste, die nach Gaisers Deutung eher Krantor als Krates zuzuweisen ist. Fleischer hält diese Zuweisung weiterhin für überzeugend, weist aber darauf hin, dass die Liste vermutlich nicht aus Antigonos selbst stammt, sondern eher aus Philodems Grundquelle oder einer anderen prosopographischen Tradition. Gerade solche Listen zeigen den besonderen Wert des Index Academicorum: Er bietet nicht nur literarisch ausgeformte Lebensbilder, sondern bewahrt auch Spuren des weiteren akademischen Milieus, das in der späteren Überlieferung oft fast ganz verschwindet.[322]

Polemon und Krantor zeigen bei Philodem zwei Seiten derselben Schulphase. Polemon steht für die ethische Gestalt der Alten Akademie: Selbstbeherrschung, Würde, Wahrhaftigkeit und praktische Übung werden an ihm vorgeführt. Krantor steht stärker für literarische Wirkung, Schülerbildung und den Übergang zur nächsten Generation. Beide zusammen machen deutlich, dass die Akademie nach Xenokrates nicht einfach eine Verwaltung platonischer Lehren war. Sie war eine lebendige Gemeinschaft, in der philosophische Autorität durch Lebensführung, literarische Arbeit, persönliche Bindungen und die Weitergabe an Schüler entstand.[323]

d) Arkesilaos

Mit Arkesilaos endet bei Philodem die Darstellung der Alten Akademie im engeren Sinn und beginnt zugleich der Übergang zu jener Richtung, die in der späteren Überlieferung als Mittlere oder Neue Akademie bezeichnet wurde. Gerade deshalb ist seine Stellung doppeldeutig: Er gehört biographisch noch in die Reihe von Polemon, Krates und Krantor, verändert aber nach Philodems Bericht die Art des akademischen Philosophierens so stark, dass mit ihm eine neue Phase der Schulgeschichte einsetzt. Philodem folgt für die erhaltenen Partien der Arkesilaos-Vita im Wesentlichen Antigonos von Karystos; dieser war zeitlich noch relativ nahe an Arkesilaos und bietet daher eine frühe, nicht erst aus späterer Systematik entstandene Wahrnehmung der Wende in der Akademie.[324]

Der erhaltene Bericht setzt erst nach mehreren verlorenen Kolumnen ein. In ihnen standen wahrscheinlich Herkunft, Heimat und weitere Angaben zu Arkesilaos, bevor Philodem im erhaltenen Text von dessen Jugend und Ausbildung berichtet. Arkesilaos stammte aus Pitane und stand zunächst unter der Vormundschaft eines Halbbruders; mit Hilfe eines anderen Halbbruders gelangte er nach Athen, wo er seinen philosophischen Neigungen folgen konnte. Noch in seiner Heimat hatte er den Mathematiker Autolykos von Pitane gehört. In Athen trat er zunächst mit verschiedenen Lehrern und Richtungen in Berührung, darunter mit dem Musiker Xanthos und mit Theophrastos von Eresos, bevor er sich durch Krantor der Akademie anschloss.[325]

Diese Vorgeschichte ist für Philodems Gesamtbild der Akademie wichtig. Arkesilaos erscheint nicht als bloßer Schulbeamter, der innerhalb einer festen Nachfolgekette aufrückt, sondern als begabter junger Mann, der zwischen verschiedenen Bildungswegen und philosophischen Milieus steht. Seine Nähe zum Peripatos und sein anschließender Wechsel zur Akademie werden erzählerisch so gestaltet, dass die Anziehungskraft des Kreises um Polemon und Krantor sichtbar wird. Philodem bewahrt damit eine Tradition, in der die Akademie nicht nur durch Lehren, sondern auch durch persönliche Ausstrahlung und Lebensform wirkt. Der Wechsel des Arkesilaos ist daher mehr als eine biographische Episode; er zeigt, wie die Alte Akademie noch unmittelbar vor ihrer skeptischen Wende als Ort philosophischer Faszination wahrgenommen wurde.[326]

Die Nachfolge des Arkesilaos in der Schulleitung wird bei Philodem über Polemon und Krates vermittelt. Nach dem Tod Polemons und des Krates sowie nach dem Rückzug eines Sokratides wurde Arkesilaos Scholarch. Die Überlieferung ist an dieser Stelle stark beschädigt, doch lässt sich erkennen, dass Philodem den Übergang nicht als einfachen Amtsantritt beschreibt, sondern als Ergebnis einer komplexeren Situation innerhalb der Schule. Arkesilaos steht damit am Ende der personalen Kontinuität der Alten Akademie: Über Krantor und Polemon ist er eng mit der vorhergehenden Generation verbunden, zugleich aber setzt er eine neue Weise des Philosophierens durch.[327]

Der entscheidende Einschnitt liegt in der Veränderung der Lehrweise. Philodem berichtet, Arkesilaos habe nach einiger Zeit andere Wege eingeschlagen als seine Vorgänger von Platon bis Polemon. Damit wird ausdrücklich festgehalten, dass die neue Richtung nicht erst eine Konstruktion späterer Philosophiehistoriker ist, sondern bereits in einer frühen biographischen Tradition als Zäsur wahrgenommen wurde. Die Akademie wird bei Arkesilaos stärker aporetisch und skeptisch: Sie behauptet nicht mehr feste Lehrsätze, sondern prüft Behauptungen, widerlegt Gegengründe und führt Gesprächspartner auf Schwierigkeiten ihres eigenen Standpunkts zurück.[328]

Philodem überliefert in diesem Zusammenhang, dass Arkesilaos kein Dogma und keine feste Schulmeinung aufstellte. Diese Nachricht ist für die Geschichte der Akademie von grundlegender Bedeutung. Während die frühere Akademie bei Philodem trotz innerer Unterschiede noch als Gemeinschaft bestimmter Lebens- und Lehrtraditionen erscheint, wird bei Arkesilaos das Nichtbehaupten selbst zu einem kennzeichnenden Zug der Schule. Seine Schüler vertraten entsprechend keine positiven Lehrsätze, sondern übernahmen eine Haltung der Prüfung und Zurückhaltung. Die später so genannte ἐποχή (epochḗ, „Zurückhaltung des Urteils“) wird bei Philodem damit nicht als abstrakter Lehrsatz vorgeführt, sondern als Veränderung der akademischen Praxis.[329]

Die Neuedition Fleischers macht zugleich deutlicher, dass Antigonos diese Wende nicht einfach als Verrat an Platon darstellte. Im Gegenteil: In Kolumne 19 mutmaßt Antigonos, Arkesilaos hätte Platon von allen Akademikern besonders gefallen. Das ist eine bemerkenswerte Bewertung, weil sie die skeptische Wendung nicht als Abfall von der Akademie, sondern als mögliche Rückkehr zu einem sokratisch-platonischen Grundzug deutet. Arkesilaos besaß demnach Platons Schriften und bewunderte ihn. Seine Neuerung bestand also nicht darin, Platon aufzugeben, sondern bestimmte destruktiv-aporetische und dialogische Seiten des platonischen Philosophierens zuzuspitzen.[330]

Diese Deutung wird durch die bei Philodem erhaltenen Hinweise auf andere philosophische Einflüsse ergänzt. Arkesilaos wurde mit Pyrrhon von Elis und Diodoros Kronos in Verbindung gebracht; der bekannte Spottvers, er sei vorn Platon, hinten Pyrrhon und in der Mitte Diodoros, ist bei Philodem in neuer Lesung greifbar. Die Formel ist polemisch, aber sachlich aufschlussreich: Sie zeigt, dass Zeitgenossen an Arkesilaos sowohl platonische, pyrrhonische als auch megarisch-dialektische Züge wahrnahmen. Philodem bewahrt damit eine frühe Beschreibung der intellektuellen Mischlage, aus der die skeptische Akademie hervorging.[331]

Besonders charakteristisch ist schließlich die argumentative Methode des Arkesilaos. Philodem beschreibt ihn als einen Philosophen, der selbst nichts positiv behauptete, sondern andere Schulen anhand ihrer eigenen Aussagen widerlegte. Damit erscheint Arkesilaos nicht als bloßer Zweifler im modernen Sinn, sondern als dialektischer Prüfer fremder Ansprüche auf Wissen. Seine Skepsis richtet sich gegen den Anspruch, sichere Erkenntnis bereits zu besitzen. Darin liegt der historische Grund, warum Philodems Darstellung der Akademie mit Arkesilaos eine Schwelle erreicht: Die Schule bleibt Akademie, aber sie verändert ihren Schwerpunkt von der Bewahrung und Ausarbeitung platonischer Lehre zur methodischen Prüfung von Wahrheitsansprüchen.[332]

Arkesilaos bildet bei Philodem daher nicht einfach den letzten Vertreter der Alten Akademie, sondern die Gelenkfigur zwischen zwei Gestalten derselben Institution. Aus der älteren Tradition übernimmt er die Nähe zu Platon, die persönliche Bindung an Polemon, Krates und Krantor sowie die Orientierung an philosophischer Lebensform. Zugleich führt er eine neue Gesprächspraxis ein, die auf Nichtbehaupten, Prüfung und Widerlegung beruht. Philodems Bericht ist gerade deshalb wertvoll, weil er diesen Wandel nicht schematisch glättet. Arkesilaos erscheint weder als bloßer Zerstörer der platonischen Tradition noch als unveränderter Fortsetzer der Alten Akademie, sondern als ein Platoniker, der durch die Radikalisierung sokratischer und aporetischer Motive eine neue Epoche der Akademie eröffnet.[333]

2. Die Skeptische (Neue) Akademie

a) Lakydes

Mit Lakydes setzt Philodem die Geschichte der skeptischen Akademie nach Arkesilaos fort. Der Übergang ist für die Gesamtentwicklung der Schule bedeutsam, weil Lakydes nicht als eigentlicher Begründer der skeptischen Wende erscheint, sondern als deren erster Stabilisator. Arkesilaos hatte die Akademie durch die aporetische Gesprächsführung und die Zurückhaltung gegenüber positiven Lehrsätzen neu ausgerichtet; Lakydes übernahm diese Richtung und führte sie als Scholarch weiter. Nach der chronologischen Rekonstruktion Fleischers begann sein Scholarchat 241/40 v. Chr.; die ältere Forschung hatte die Abfolge zwar im Grundsatz erkannt, doch hat die Neuedition die Chronologie und die Rolle seiner Nachfolger erheblich präzisiert.[334]

Philodems Bericht über Lakydes ist im erhaltenen Text fragmentarisch und zugleich besonders aufschlussreich. Zwischen der Schülerliste des Arkesilaos und der eigentlichen Lakydes-Vita ist eine Kolumne verloren; dort standen wahrscheinlich noch weitere Angaben aus der Schülerliste und der Beginn des Lebensberichts. In der erhaltenen Kolumne 21 wird Lakydes dann als Scholarch fassbar. Fleischer weist darauf hin, dass die Neulesung gerade des Anfangs dieser Vita erstmals zeigt, dass Philodem näher auf die ärmlichen Lebensverhältnisse des Lakydes einging. Die skeptische Akademie tritt damit nicht nur als Lehre oder Methode hervor, sondern wiederum in der für Philodem typischen Form einer biographisch erzählten Schulgeschichte.[335]

Die Quellenlage ist dabei schwieriger als bei Polemon, Krantor und Arkesilaos. Für die frühere Alte Akademie lässt sich Antigonos von Karystos häufig als Quelle bestimmen; für Lakydes bleibt dies unsicher. Fleischer hält es für möglich, dass die anekdotisch geprägten Teile der Lakydes-Vita noch auf Antigonos zurückgehen, da dessen Βίοι (Bíoi, „Lebensbeschreibungen“) zu einer Zeit entstanden, als Lakydes bereits seit einigen Jahren der Akademie vorstand und noch lebte. Gegen eine einfache Zuweisung an Antigonos spricht jedoch die Formulierung „man sagt“, die im erhaltenen Antigonos-Exzerpt des Index Academicorum nicht begegnet. Wahrscheinlich ist daher mit einer gemischten Überlieferung zu rechnen: ältere biographische Nachrichten, vielleicht noch aus der Nähe des Antigonos, wurden mit späteren schulgeschichtlichen Einordnungen verbunden.[336]

Gerade diese spätere Einordnung ist für die Geschichte der Akademie wichtig. In Kolumne 21 scheint Philodem oder seine Vorlage terminologisch bereits zwischen verschiedenen Phasen der Akademie zu unterscheiden. Fleischer betont, dass die Terminologie der Zeilen 35–41 wohl schon den Bruch des Antiochos von Askalon mit Philio von Larissa voraussetzt. Das bedeutet: Die Quelle, aus der Philodem hier schöpfte, blickte wahrscheinlich aus der Perspektive des 1. Jahrhunderts v. Chr. auf die innere Geschichte der skeptischen Akademie zurück. Lakydes wird so nicht nur als Person dargestellt, sondern als Markierung einer Schulphase zwischen Arkesilaos und Karneades.[337]

Für Lakydes selbst ist besonders die Verbindung von persönlicher Biographie und institutioneller Stabilisierung hervorzuheben. Die spätere Überlieferung hat ihm nur verhältnismäßig wenig Aufmerksamkeit geschenkt; Diogenes Laertios widmet ihm lediglich einen kurzen Abschnitt. Philodem ist deshalb von besonderem Wert, weil er Lakydes nicht nur als Namen in einer Nachfolgerliste behandelt, sondern ihn in ein Netz von Schülern, Nachfolgern und chronologischen Angaben einordnet. In diesem Punkt ist Philodems Bericht deutlich reicher als die Darstellung bei Diogenes Laertios: Für die Neue Akademie zwischen Lakydes und Karneades bietet Philodem zahlreiche Namen und Daten, die sonst fehlen.[338]

Ein markantes Detail ist das sogenannte Lakydeion. Nach der antiken Überlieferung stiftete Attalos I. im Bereich der Akademie einen nach Lakydes benannten Garten. Diese Nachricht zeigt, dass die Akademie unter Lakydes weiterhin ein erkennbarer Ort mit eigener topographischer und sozialer Gestalt war. Der Name des Gartens verbindet die Person des Scholarchen mit dem Raum der Schule und zugleich mit der hellenistischen Herrscherwelt, in der Pergamon als Förderer griechischer Kultur hervortrat. Philodems Darstellung der Akademie ist daher auch hier mehr als eine Ideengeschichte: Sie bewahrt Spuren der materiellen und institutionellen Existenz der Schule.[339]

Chronologisch wird Lakydes bei Philodem besonders durch die späteren Apollodor-Exzerpte greifbar. Zwischen Kolumne 26 und 28 übernahm Philodem umfangreiche Verse aus den Chronica des Apollodor von Athen, die sich auf Lakydes, seine Schüler und die nachfolgende Generation beziehen. Nach Fleischers Rekonstruktion begann Lakydes 241/40 v. Chr. mit der Leitung der Akademie, zog sich etwa 216 v. Chr. krankheitsbedingt zurück und übergab die Schule noch zu Lebzeiten an Telekles und Euander. Er starb wohl 207/06 oder 206/05 v. Chr., also ungefähr zehn Jahre nach dieser Übergabe. Damit ergibt sich ein wesentlich differenzierteres Bild als eine einfache Abfolge „Arkesilaos – Lakydes – Karneades“ vermuten ließe.[340]

Die Übergabe der Schulleitung zu Lebzeiten ist ein zentrales Motiv. Diogenes Laertios berichtet, Lakydes habe als einziger die Schule noch lebend an Telekles und Euander übergeben. Philodem bestätigt und präzisiert diesen Vorgang durch die Verbindung mit dem Apollodor-Exzerpt. Die Neulesungen zeigen, dass in Kolumne 27 offenbar zum ersten Mal die Übergabe der Leitung an Telekles und Euander angesprochen wird. Zugleich wird deutlich, dass Euander Telekles überlebte und dass die spätere Überlieferung die komplizierten Leitungsverhältnisse der Akademie nach Lakydes wahrscheinlich stark vereinfacht hat.[341]

Für die Geschichte der skeptischen Akademie bedeutet dies, dass die Zeit nach Lakydes nicht als leerer Zwischenraum vor Karneades verstanden werden darf. Philodem bewahrt eine differenzierte Übergangsphase mit mehreren Schülern, Leitungsfunktionen und lokalen Schulzusammenhängen. Neben Telekles und Euander erscheinen weitere Namen wie Paseas, Thrasys, Aristipp, Moschion, Agamestor und zwei Akademiker namens Eubulos; einige von ihnen sind sonst kaum oder gar nicht bezeugt. Gerade hier liegt einer der großen Vorzüge des Index Academicorum: Er überliefert nicht nur die berühmten Schulhäupter, sondern auch die breitere prosopographische Struktur der Akademie.[342]

Lakydes erscheint bei Philodem somit als eine eher stille, aber schulgeschichtlich entscheidende Gestalt. Er führte die von Arkesilaos geprägte skeptische Richtung weiter, stand einer weiterhin räumlich und sozial verankerten Akademie vor, wurde durch das Lakydeion auch topographisch mit der Schule verbunden und sorgte am Ende seines Lebens für eine geregelte Übergabe der Leitung. Philodems Bericht korrigiert damit das vereinfachende Bild einer Akademiegeschichte, die von Arkesilaos unmittelbar zu Karneades springt. Zwischen beiden steht mit Lakydes eine Phase der Konsolidierung, in der die skeptische Akademie ihre institutionelle Form bewahrte und zugleich die Voraussetzungen für die spätere Blüte unter Karneades schuf.[343]

b) Karneades

Mit Karneades erreicht die skeptische Akademie bei Philodem ihren wirkungsgeschichtlichen Höhepunkt. Während Arkesilaos die aporetische Wendung der Schule eingeleitet und Lakydes sie institutionell fortgeführt hatte, erscheint Karneades als diejenige Gestalt, unter der die Akademie im 2. Jahrhundert v. Chr. erneut über Athen hinaus große Ausstrahlung gewann. Philodem behandelt ihn nicht nur als Scholarchen, sondern als Mittelpunkt einer weit verzweigten Schülergemeinschaft. Die Übersicht der Neuedition weist für Karneades zunächst einen biographisch-philosophischen Abschnitt über seine Schriftlosigkeit, seine Auseinandersetzung mit Chrysipp, seine Beziehung zu Diogenes und die Philosophengesandtschaft nach Rom aus; daran schließt sich eine ungewöhnlich umfangreiche Schülerliste an.[344]

Karneades von Kyrene lebte nach Fleischers Rekonstruktion von 214/13 bis 129/28 v. Chr. und stand der Akademie ungefähr von der Mitte des 2. Jahrhunderts bis 137/36 v. Chr. vor. Er gilt häufig nicht Lakydes, sondern Karneades als Begründer der „Neuen Akademie“, sofern man die Geschichte der Akademie schematisch in Alte, Mittlere und Neue Akademie gliedert. Philodem zeichnet ihn jedoch nicht als Bruchfigur, die die skeptische Richtung neu erfunden hätte. Vielmehr bleibt Karneades im Kern der erkenntniskritischen Linie des Arkesilaos verpflichtet, arbeitet sie aber genauer aus und macht sie durch seine außerordentliche dialektische und rhetorische Begabung zu einer intellektuellen Macht ersten Ranges.[345]

Ein zentrales Kennzeichen der Karneades-Darstellung ist seine Schriftlosigkeit. Philodem berichtet, Karneades habe seinen Verzicht auf eigene Schriften damit begründet, dass er nicht vom Unterricht seiner Schüler abgehalten werden wolle und dass die Alten im Grunde bereits alles gesagt hätten. Diese Begründung passt zu einer philosophischen Praxis, die weniger auf dogmatische Lehrbücher als auf mündliche Prüfung, Gegenargumentation und dialektische Beweglichkeit ausgerichtet war. Zugleich entstand dadurch ein Überlieferungsproblem: Karneades selbst hinterließ keine Werke; seine Lehre wurde durch Schüler, Mitschriften, Auslegungen und spätere akademische Debatten fassbar.[346]

Inhaltlich ist Karneades bei Philodem vor allem als Gegner der Stoa greifbar. Er setzte sich intensiv mit den Lehren Chrysipps auseinander und trieb die akademische Kritik an stoischen Erkenntnisansprüchen auf einen neuen Höhepunkt. Die spätere Debatte drehte sich unter anderem darum, ob Karneades selbst eine positive skeptische Lehre vertreten habe oder ob seine Argumente lediglich gegen die Voraussetzungen seiner Gegner gerichtet waren. Besonders wichtig wurde sein Begriff des πιθανόν (pithanón, „das Überzeugende“ oder „das Wahrscheinliche“), der als praktisches Handlungskriterium dienen konnte, ohne den skeptischen Vorbehalt gegenüber sicherer Erkenntnis aufzugeben.[347]

Zu den auffälligen Einzelheiten gehört eine Begegnung oder Auseinandersetzung mit dem Stoiker Diogenes von Seleukia, der auch Diogenes von Babylon genannt wird. Philodem erwähnt ein philosophisch-erkenntnistheoretisches Wortspiel des Diogenes, auf das Karneades offenbar schlagfertig antwortete. Die Stelle ist fragmentarisch, zeigt aber, wie Philodem die philosophische Kontroverse nicht nur abstrakt beschreibt, sondern in zugespitzten Gesprächsszenen sichtbar macht. Karneades erscheint dadurch als Dialektiker, dessen Stärke nicht in der schriftlichen Systembildung, sondern im unmittelbaren argumentativen Zugriff lag.[348]

Die berühmteste politische Episode ist die Philosophengesandtschaft nach Rom im Jahr 155 v. Chr. Karneades reiste gemeinsam mit dem Stoiker Diogenes von Seleukia und dem Peripatetiker Kritolaos nach Rom, um für Athen in einer Strafsache einzutreten. Hintergrund war der Streit um Oropos; die Athener sollten eine hohe Geldstrafe zahlen, die durch die Gesandtschaft offenbar erheblich reduziert wurde. Philodems Text ist hier besonders wertvoll, weil er Einzelheiten bewahrt, die nur teilweise durch Parallelquellen bestätigt werden: Die Reduktion der Strafe von 500 auf 100 Talente teilt er nur mit Pausanias, während die Erwähnung des Nichterscheinens der Athener im ursprünglichen Verfahren eine Parallele bei Plutarch hat.[349]

Die römische Gesandtschaft besitzt in Philodems Gesamtbild der Akademie eine doppelte Bedeutung. Einerseits zeigt sie, dass die Akademie unter Karneades nicht nur eine innere athenische Schule war, sondern in der griechisch-römischen Welt öffentlich wahrgenommen wurde. Andererseits verbindet sie Philosophie, Rhetorik und Politik. Karneades’ Auftreten in Rom wurde in der antiken Tradition beinahe legendär, weil er die Kraft skeptischer Argumentation vor einem nichtgriechischen Machtzentrum vorführte. Die Akademie erscheint damit als Schule, deren Einfluss nicht mehr allein in Athen, sondern im gesamten Mittelmeerraum spürbar war.[350]

Noch deutlicher wird diese Ausstrahlung in der Schülerliste. Philodem überliefert für Karneades eine Liste von etwa vierzig Namen, während Diogenes Laertios keine vergleichbar umfangreiche Aufstellung bietet. Viele dieser Schüler sind außerhalb des Index Academicorum gar nicht oder nur sehr schwach bezeugt. Genannt werden unter anderem Zenon von Alexandria, Zenodor von Tyros, Hagnon von Tarsos, Charmadas von Alexandria, Melanthios von Rhodos, Metrodor von Stratonikeia und Kleitomachos von Karthago. Die geographische Streuung der Namen zeigt, dass Karneades’ Akademie Schüler aus vielen Teilen der οἰκουμένη (oikouménē, „bewohnte Welt“) anzog.[351]

Besonders aufschlussreich ist die Verbindung von mündlicher Lehre und Schüleraufzeichnung. Philodem berichtet, dass Schüler des Karneades Vorlesungen mitschrieben und dass Karneades solche Aufzeichnungen offenbar kannte und beurteilte. Zenon von Alexandria wurde scharf kritisiert, Hagnon von Tarsos dagegen positiv hervorgehoben. Damit erhält man einen seltenen Einblick in die Arbeitsweise einer Schule, deren Hauptlehrer selbst nichts schrieb: Die Lehrtradition beruhte auf Mitschriften, Diskussion, Korrektur und nachträglicher Auslegung. Gerade dadurch wurde Karneades’ Philosophie produktiv, aber auch umstritten, weil spätere Schüler darüber streiten konnten, was er wirklich vertreten hatte.[352]

Eine besondere Rolle spielt Kleitomachos, der wichtigste Vermittler der karneadeischen Lehre. Er kam nach Philodems Angaben um 163/62 v. Chr. nach Athen, wurde nach einer Übergangszeit Schüler des Karneades und eröffnete 140/39 v. Chr. eine eigene Schule im Palladion, bevor er 129/28 v. Chr. die Leitung der Akademie übernahm. Dass er trotz eigener Schulgründung der maßgebliche Erbe des Karneades wurde, zeigt die innere Differenziertheit der späten skeptischen Akademie. Sie bestand nicht nur aus einer einzigen Unterrichtsstätte, sondern aus Kreisen, Lehrverhältnissen und konkurrierenden Autoritäten, die dennoch auf Karneades als gemeinsamen Bezugspunkt zurückverwiesen.[353]

Die Neuedition korrigiert zugleich ein lange tradiertes Bild der Schulnachfolge nach Karneades. Fleischer konnte zeigen, dass der in der älteren Forschung angenommene „Karneades der Jüngere“ als zweiter Träger dieses Namens nicht existierte. Der vermeintliche Nachfolger war vielmehr Polemarch von Nikomedien, der nach dem Rückzug des altersschwachen Karneades die Leitung übernahm und noch zu dessen Lebzeiten starb. Ihm folgte Krates von Tarsos, bevor Kleitomachos nach dem Tod des Karneades beziehungsweise Krates in die Akademie zurückkehrte und die Führung übernahm. Damit wird die spätere Scholarchenliste nicht nur um einen falschen Namen bereinigt, sondern die Übergangsphase zwischen Karneades und Kleitomachos erheblich genauer fassbar.[354]

Philodem hatte möglicherweise auch ein persönliches Interesse an Karneades. Sein epikureischer Lehrer Zenon von Sidon hatte Karneades in seiner Jugend noch gehört, und Metrodor von Stratonikeia, ein später wichtiger Akademiker, war nach der Überlieferung aus dem epikureischen Garten in den Kreis des Karneades gewechselt. Fleischer erwägt deshalb, dass Philodem in seinen Studienjahren noch mündliche Erinnerungen an den „alten Karneades“ gehört haben könnte. Das bleibt naturgemäß unsicher, macht aber verständlich, warum die Karneades-Tradition bei Philodem besonders lebendig und prosopographisch reich erscheint.[355]

Karneades bildet bei Philodem somit den Höhepunkt der skeptischen Akademie in ihrer klassischen Gestalt. Er schreibt nicht, aber er prägt Schüler; er behauptet kein dogmatisches System, aber er entwickelt ein praktisches Kriterium des Überzeugenden; er bleibt akademischer Skeptiker, aber seine Wirkung reicht bis nach Rom. Philodems Darstellung zeigt daher eine Schule, die ihre Identität nicht durch feste Lehrsätze, sondern durch Methode, Gespräch, Schülerbindung und öffentliche intellektuelle Autorität gewinnt. In Karneades wird die Akademie endgültig zu einer hellenistischen Institution von internationalem Rang.[356]

c) Kleitomachos

Kleitomachos bildet bei Philodem die wichtigste Vermittlergestalt zwischen Karneades und der letzten Phase der skeptischen Akademie. Seine Bedeutung liegt weniger darin, dass er selbst eine neue Richtung begründet hätte, sondern darin, dass er die schwer greifbare, wesentlich mündliche Philosophie des Karneades schriftlich auslegte, verteidigte und an die nächste Generation weitergab. Da Karneades keine eigenen Schriften verfasste, hing das spätere Verständnis seiner Lehre in hohem Maß von Schülern wie Kleitomachos ab. Philodem zeigt ihn daher nicht nur als Nachfolger in der Schulleitung, sondern als den entscheidenden Tradenten einer skeptischen Lehrform, die gerade durch ihre Schriftlosigkeit besonders auslegungsbedürftig war.[357]

Kleitomachos stammte aus Karthago und hieß nach der antiken Überlieferung ursprünglich Hasdrubal. Philodem bietet zu seinem Werdegang genauere chronologische Angaben als die meisten Parallelquellen. Nach Fleischers Rekonstruktion wurde er etwa 187/86 v. Chr. geboren, kam um 163/62 v. Chr. nach Athen und wurde ab 159/58 Schüler des Karneades. Auffällig ist die von Philodem überlieferte Zwischenzeit von etwa vier Jahren zwischen seiner Ankunft in Athen und dem eigentlichen Beginn der Schülerschaft bei Karneades. Fleischer hält es für möglich, dass Kleitomachos in diesen Jahren griechische Bildung nachholte, vielleicht sogar die griechische Sprache erst gründlich erlernte, oder zunächst andere Philosophen hörte.[358]

Die Herkunft aus Karthago ist für die Akademiegeschichte nicht nebensächlich. Sie zeigt, wie weit die Ausstrahlung der Schule unter Karneades reichte. Kleitomachos war kein athenischer oder griechischer Provinzschüler, sondern kam aus einer punischen Großstadt nach Athen und wurde dort zu einem der führenden Vertreter der Akademie. Die spätere Nachricht, Karneades habe sich seiner besonders angenommen und ihn in elementaren Dingen unterrichtet, mag anekdotisch ausgeschmückt sein; sie bewahrt aber den zutreffenden Kern, dass Kleitomachos in Athen eine intensive Hellenisierung und philosophische Ausbildung durchlief. Philodem lässt damit erkennen, dass die Neue Akademie im 2. Jahrhundert v. Chr. eine internationale Schule war, deren Wirkung über den traditionellen griechischen Raum hinausreichte.[359]

Nach neunzehn Jahren als Schüler des Karneades eröffnete Kleitomachos 140/39 v. Chr. eine eigene Schule im Palladion. Diese Nachricht ist nur im Index Academicorum überliefert und gehört zu den wichtigsten Ergänzungen, die Philodem gegenüber der späteren, stärker vereinfachenden Tradition bietet. Das Palladion war ein öffentlicher Gebäudekomplex in Athen, der mit dem Kultbild der Athene verbunden war und vor allem als Gerichtsort bekannt ist. Dass Kleitomachos dort unterrichtete, zeigt, dass akademische Lehre nicht ausschließlich im eigentlichen Akademiebezirk stattfand. Die Schule des Karneades bildete vielmehr ein Geflecht aus Lehrorten, Schülerkreisen und persönlichen Autoritäten.[360]

Die eigene Schuleröffnung ist quellenkritisch heikel, weil sie auf mögliche Spannungen zwischen Kleitomachos und Karneades oder zwischen Kleitomachos und anderen Nachfolgern des Karneades hinweisen könnte. Fleischer mahnt jedoch zur Vorsicht: Harte Belege für ein Zerwürfnis fehlen. Die Gründung im Palladion fiel in eine Zeit, in der Karneades noch als Scholarch galt; sie muss daher nicht als offene Gegenreaktion auf eine Zurücksetzung verstanden werden. Möglich ist vielmehr, dass Kleitomachos innerhalb des weiteren akademischen Milieus einen eigenen Unterrichtskreis bildete, ohne sich vollständig von Karneades zu lösen.[361]

Die Nachfolge des Karneades stellt Philodem wesentlich differenzierter dar als die spätere Kurzüberlieferung. Karneades zog sich schon vor seinem Tod alters- oder krankheitsbedingt aus der aktiven Leitung zurück. Zunächst übernahm Polemarch von Nikomedien, danach Krates von Tarsos eine führende Rolle. Kleitomachos wurde demnach nicht einfach unmittelbar von Karneades eingesetzt. Nach Philodems Darstellung nutzte er vielmehr nach dem Tod des Karneades die Gelegenheit, von seiner Schule im Palladion in die Akademie zurückzukehren und dort die Führung zu übernehmen. Die Formulierungen des Papyrus deuten auf ein energisches Vorgehen, müssen aber nicht als Bericht über tatsächliche Gewalttätigkeit verstanden werden.[362]

Für die Chronologie ist die Neuedition besonders wichtig. Kleitomachos übernahm die Leitung der Akademie 129/28 v. Chr.; sein Tod wird bei Philodem entweder 110/09 oder 107/06 v. Chr. angesetzt. Die Angabe einer neunzehnjährigen Leitung passt zum Zeitraum von 129/28 bis 110/09 v. Chr., während ein alternatives Todesdatum durch die beschädigte Überlieferung nicht völlig ausgeschlossen ist. Damit wird Kleitomachos als langjähriger Scholarch greifbar, der die Akademie nach den Übergangslösungen unter Polemarch und Krates wieder stärker prägte.[363]

Seine philosophische Hauptleistung bestand in der Auslegung des Karneades. Nach der antiken Überlieferung verfasste Kleitomachos über vierhundert Schriften, von denen nur wenige Fragmente erhalten sind. Philodem ist hier besonders wichtig, weil er die institutionelle Seite dieser Vermittlungsleistung erkennen lässt. Die Schüler des Karneades stritten offenbar schon früh darüber, was ihr Lehrer wirklich gemeint habe. Karneades selbst hatte keine dogmatische Lehre schriftlich fixiert und konnte durch seine dialektische Methode leicht missverstanden werden. Kleitomachos versuchte, die karneadeische Skepsis möglichst streng zu bewahren; zugleich bekannte er nach Ciceros Zeugnis, er habe nie ganz verstehen können, was Karneades selbst billigte. Gerade diese Spannung macht ihn zur Schlüsselfigur der skeptischen Akademie: Er bewahrt eine Lehre, deren Kern in der Verweigerung eindeutiger dogmatischer Festlegung liegt.[364]

Philodem ordnet Kleitomachos außerdem in ein Netz von Schülern und Nachfolgern ein. Zu seinen Schülern gehörten Philio von Larissa, Antiochos von Askalon und Herakleitos von Tyros. Damit führt von ihm eine direkte Linie zu den beiden Figuren, an denen die spätere Krise der Akademie sichtbar wird: Philio entwickelte die skeptische Tradition weiter, während Antiochos sich später von ihr abwandte und eine Rückkehr zu dogmatischen Positionen beanspruchte. Kleitomachos steht daher nicht nur am Höhepunkt der karneadeischen Orthodoxie, sondern auch am Beginn jener Entwicklung, die im 1. Jahrhundert v. Chr. zur Aufspaltung der Akademie führte.[365]

Die Neulesungen der Kolumne 25 zeigen zudem, dass Philio und Antiochos bereits in der Schülerliste des Kleitomachos gemeinsam erscheinen. Damit wird der spätere Gegensatz zwischen beiden nicht als Begegnung zweier voneinander unabhängiger Schulrichtungen verständlich, sondern als innerakademischer Konflikt zweier Männer, die zunächst derselben karneadeisch-kleitomacheischen Tradition angehörten. Der spätere Bruch des Antiochos mit Philio gewinnt dadurch zusätzliches Gewicht: Er war nicht nur eine Abkehr von einem einzelnen Lehrer, sondern eine Neuinterpretation einer gemeinsamen akademischen Herkunft.[366]

Die Darstellung Kleitomachos’ bei Philodem zeigt die Neue Akademie somit als eine Schule, deren Kontinuität nicht selbstverständlich war. Sie musste nach außen durch neue Lehrorte, nach innen durch Schülerbindung und nach der Lehre durch Interpretation gesichert werden. Kleitomachos verbindet diese drei Ebenen: Er kommt als Fremder nach Athen, wird zum wichtigsten Schüler des Karneades, gründet einen eigenen Unterrichtskreis, übernimmt schließlich die Akademie und macht die mündliche Skepsis seines Lehrers durch umfangreiche Schriften für spätere Leser zugänglich. In ihm wird die skeptische Akademie zugleich institutionell gefestigt und hermeneutisch problematisch: Was sie bewahrt, ist gerade eine Philosophie, die sich nicht leicht in feste Lehrsätze übersetzen lässt.[367]

3. Die späte Akademie

a) Philio von Larissa

Philio von Larissa steht bei Philodem an der Schwelle zwischen der skeptischen Akademie des Karneades und der dogmatisch gewendeten Schule des Antiochos von Askalon. In der älteren Forschung und in der modernen Sekundärliteratur erscheint er meist unter der Namensform Philon; die Neulesungen des Papyrus sprechen jedoch nach Fleischer für die Form Philio. Diese Namensform ist nicht nur eine orthographische Einzelheit, sondern ein Beispiel dafür, wie die Neuedition des Index Academicorum auch scheinbar feststehende prosopographische Angaben der Akademiegeschichte korrigiert. Philio ist der letzte bekannte Scholarch der skeptischen Akademie; mit ihm endet die Linie, die von Arkesilaos über Karneades und Kleitomachos zur späten, noch nicht antiochisch-dogmatischen Akademie führt.[368]

Die Sicherung der Namensform Philio ist methodisch besonders aufschlussreich. Fleischer betont, dass der Name im Index Academicorum nicht als bloße Schreibvariante oder Verschreibung zu verstehen ist, sondern als eigenständiger, wenn auch seltener Personenname. Bestätigt wird die Form durch einen weiteren herkulanensischen Papyrus, in dem Demetrios Lakon in erkenntnistheoretischem Zusammenhang einen Philio nennt, sowie durch die Überlieferung bei Eusebius und durch eine spätantike Scholarchenliste aus dem sogenannten Duke-Papyrus. Philodems Text wirkt hier als Korrektiv einer später vereinheitlichenden Überlieferung, in der die geläufigere Namensform Philon dominierte.[369]

Philodems Angaben zu Philios Ausbildung sind außergewöhnlich genau. Nach der Rekonstruktion Fleischers wurde Philio 159/58 v. Chr. in Larissa geboren. Er studierte zunächst acht Jahre in seiner Heimatstadt bei Kallikles, dann vierzehn Jahre in Athen bei Kleitomachos, anschließend zwei Jahre bei dem Grammatiker Apollodor von Athen und schließlich sieben Jahre bei dem Stoiker Mnesarch. Im Jahr 110/09 v. Chr. wurde er Nachfolger des Kleitomachos in der Leitung der Akademie. Diese Abfolge zeigt, dass Philio nicht als bloßer Erbe einer isolierten Schultradition zu verstehen ist. Seine Bildung verbindet lokale thessalische Anfänge, karneadeisch-kleitomacheische Skepsis, grammatisch-philologische Schulung und stoische Theoriekenntnis.[370]

Besonders wichtig ist Philios Verhältnis zu Apollodor. Die Neulesung, dass Philio um 120–118 v. Chr. den Grammatiker Apollodor hörte, erklärt nach Fleischer auch die auffallend exakten Zahlenangaben in der Philio-Vita. Apollodor konnte als Lehrer Philios zuverlässige persönliche Nachrichten über dessen Ausbildung besitzen; zugleich dürften Teile der Philio-Vita bei Philodem auf eine Prosafassung oder prosaische Verarbeitung von Apollodors Chronica zurückgehen. Dass Philodem hier wohl nicht einfach selbständig erzählte, sondern chronographisches Material in eine Schulgeschichte einbaute, macht den Abschnitt für die Quellenanalyse besonders wertvoll.[371]

Philosophiegeschichtlich ist Philio vor allem als Vertreter einer späten, abgeschwächten Form akademischer Skepsis bedeutsam. Die Quellen legen nahe, dass er zunächst die strengere karneadeisch-kleitomacheische Richtung vertrat, diese später aber modifizierte. In der Forschung wird diese Entwicklung verschieden beschrieben; Fleischer verweist auf die Deutung einer abgeschwächten oder gemäßigten Skepsis. Entscheidend ist, dass Philio den skeptischen Grundrahmen der Akademie offenbar nicht preisgab. Anders als Antiochos, der sich später von ihm trennte und eine Rückkehr zur „Alten Akademie“ sowie zu dogmatischen Positionen beanspruchte, blieb Philio innerhalb der skeptischen Tradition, auch wenn er sie inhaltlich verschob.[372]

Die Spannungen dieser späten Akademie werden bei Philodem nur knapp, aber deutlich sichtbar. Antiochos von Askalon war Philios berühmtester Schüler und hörte ihn nach der antiken Überlieferung besonders lange. Gerade aus diesem Schülerverhältnis erwuchs später der schärfste Bruch innerhalb der Akademie: Antiochos wandte sich von Philio ab, hörte den Stoiker Mnesarch und entwickelte eine Lehre, die er als Rückkehr zur Alten Akademie verstand. Damit wird Philio in Philodems Darstellung zur Gegenfigur des Antiochos: Er steht für die letzte Phase der akademischen Skepsis, während Antiochos den Übergang zu einer dogmatisch verstandenen platonischen Tradition markiert.[373]

Die Neulesungen der Kolumne 25 zeigen zudem, dass Philio und Antiochos bereits in der Schülerliste des Kleitomachos gemeinsam erscheinen. Damit wird der spätere Gegensatz zwischen beiden nicht als Begegnung zweier voneinander unabhängiger Schulrichtungen verständlich, sondern als innerakademischer Konflikt zweier Männer, die zunächst derselben karneadeisch-kleitomacheischen Tradition angehörten. Der spätere Bruch des Antiochos mit Philio gewinnt dadurch zusätzliches Gewicht: Er war nicht nur eine Abkehr von einem einzelnen Lehrer, sondern eine Neuinterpretation einer gemeinsamen akademischen Herkunft.[374]

Philios Wirkung reichte über die innere Akademiegeschichte hinaus. Nach dem Ausbruch des Ersten Mithridatischen Krieges floh er um 88 v. Chr. aus Athen nach Rom. Dort hörte ihn der junge Cicero, der durch Philio nachhaltig mit der akademisch-skeptischen Denkweise vertraut wurde. Philodems Bericht gewinnt dadurch besonderes Gewicht: Er verbindet die Geschichte der hellenistischen Akademie mit der römischen Rezeption griechischer Philosophie. Philio war in Rom nicht nur ein geflohener Scholarch, sondern ein Lehrer, durch den die skeptische Akademie in die lateinische philosophische Literatur hineinwirkte.[375]

Philodem überliefert auch Philios Tod mit bemerkenswerter Nähe zur Zeitgeschichte. Philio starb 84/83 v. Chr. in Italien während einer Katarrh- oder Influenzawelle. Fleischer nimmt an, dass Philodem die genaue Angabe zu Italien und zur Epidemie möglicherweise aus eigener Kenntnis oder aus mündlicher Überlieferung ergänzte. Die Grundquelle Philodems dürfte den Tod Philios unter dem Archon Niketes verzeichnet haben; Philodem fügte dann wohl den konkreteren Zusammenhang hinzu. Der Abschnitt ist deshalb ein gutes Beispiel dafür, dass Philodem in der späten Akademiegeschichte nicht mehr nur entfernter Kompilator älterer Autoren war, sondern gelegentlich selbst als zeitnaher Zeuge oder als Sammler aktueller Nachrichten erscheint.[376]

Nach Philios Tod übernahm in Athen ein Akademiker die Leitung, dessen Name im Papyrus nicht erhalten ist. Diese Notiz ist für die institutionelle Geschichte der Akademie wichtig, weil sie zeigt, dass Philios Tod in Italien nicht einfach das sofortige Ende akademischer Schulorganisation in Athen bedeutete. Zugleich wird deutlich, wie prekär die Überlieferung gerade für diese letzte Phase ist: Die Leitung besteht fort, aber der Name des Nachfolgers ist verloren. Philodem bewahrt hier also den Umriss einer Kontinuität, deren konkrete Personengeschichte wegen des beschädigten Papyrus nur noch teilweise fassbar ist.[377]

An die Vita schließt Philodem eine Schülerliste an. Genannt werden nach Fleischers Rekonstruktion Iolaos von Sardis, Menekrates von Mytilene, Mnaseas von Tyros, Melanthios, Lysimachos, Pausanias und Antiochos von Askalon. Einige dieser Namen sind außerhalb des Index Academicorum kaum bekannt. Die Liste zeigt, dass Philio keineswegs nur als letzter Ausläufer einer erschöpften Schultradition gelten darf. Seine Akademie besaß weiterhin eine überregionale Anziehungskraft: Schüler aus Kleinasien, Phönizien und anderen Regionen gehören zu seinem Kreis. Der Papyrus erhält damit ein Stück akademischer Prosopographie, das in der späteren literarischen Überlieferung fast ganz verschwunden ist.[378]

Die Quellenlage der Philio-Liste ist unsicher, aber gerade diese Unsicherheit ist aufschlussreich. Fleischer hält es für möglich, dass die Schülerliste teilweise aus einer Grundquelle stammt, die etwa zehn bis zwanzig Jahre vor Philodems Index Academicorum entstand, vielleicht aber durch eigenes oder mündlich vermitteltes Wissen Philodems ergänzt wurde. Anders als die Schülerliste des Antiochos, die offenbar vor allem persönliche Bekannte Philodems nennt, besitzt die Philio-Liste noch die Form älterer prosopographischer Akademikerlisten. Sie steht damit zwischen schriftlicher Schultradition und zeitnaher persönlicher Information.[379]

Philio erscheint bei Philodem somit als Übergangsfigur in dreifachem Sinn. Er ist der letzte Scholarch der skeptischen Akademie, der Lehrer Ciceros und der Lehrer des Antiochos, der sich gegen ihn wandte. In seiner Person kreuzen sich die Endphase der hellenistischen Schulgeschichte, die römische Aufnahme akademischer Skepsis und der innere Bruch, aus dem die antiochische „Alte Akademie“ hervorging. Philodems Darstellung ist deshalb für Philio besonders wertvoll: Sie bewahrt nicht nur Daten, sondern macht sichtbar, wie aus der skeptischen Akademie des Karneades und Kleitomachos eine letzte, bewegliche und umstrittene Schulform entstand, bevor Antiochos den Anspruch erhob, zur dogmatischen Tradition Platons zurückzukehren.[380]

b) Antiochos von Askalon

Antiochos von Askalon bildet bei Philodem den Abschluss der Akademiegeschichte. Mit ihm endet nicht nur die überlieferte Darstellung der Schulentwicklung von Platon bis in das 1. Jahrhundert v. Chr.; an ihm wird auch der innere Bruch sichtbar, durch den die skeptische Akademie in eine neue, dogmatisch verstandene Form des Platonismus überging. Antiochos war zunächst Schüler Philios von Larissa, hörte danach aber den Stoiker Mnesarch und wandte sich von der skeptischen Lehre seines früheren Lehrers ab. In der späteren Terminologie beanspruchte er, zur „Alten Akademie“ zurückzukehren; gemeint war damit nicht eine einfache Wiederherstellung der Schule Platons, sondern eine neue dogmatische Deutung der platonischen Tradition, die platonische, aristotelische und stoische Elemente miteinander verband.[381]

Philodems Bericht über Antiochos ist quellenkritisch besonders wichtig, weil er hier nicht mehr nur als Exzerptor älterer Literatur erscheint. Für die frühe Akademie schöpfte Philodem weithin aus Dikaiarchos, Philochoros, Antigonos von Karystos oder Apollodor. Bei Antiochos dagegen tritt Philodem als Zeitgenosse und teilweise als persönlicher Gewährsmann hervor. Fleischer nimmt an, dass die Antiochos-Vita im Index Academicorum primär von Philodem selbst formuliert wurde, auch wenn einzelne Angaben über Antiochos’ Wirken in den 90er und 80er Jahren v. Chr. noch aus einer Grundquelle stammen könnten. Dafür sprechen das Fehlen genauer Archontendatierungen, der Stil der gut lesbaren Schlusszeilen und die ausdrücklichen Selbstbezüge Philodems.[382]

Die biographischen Angaben stellen Antiochos zunächst in die Entwicklung nach Philio. Er gehört zu den Schülern Philios, doch führte gerade seine weitere Ausbildung bei Mnesarch zur Distanzierung von der skeptischen Akademie. Der Bruch war nicht nur ein persönlicher Lehrerwechsel, sondern ein philosophiegeschichtlicher Einschnitt. Während Philio eine gemäßigte, aber weiterhin skeptische Linie vertrat, suchte Antiochos nach einer positiven Lehre, die er als Rückgewinnung der älteren akademischen Tradition verstand. Die Bezeichnung „Alte Akademie“ erhält in diesem Zusammenhang eine polemische und programmatische Funktion: Sie dient der Abgrenzung von der Skepsis des Karneades und Philios und zugleich der Legitimation einer dogmatischen Neuorientierung.[383]

Philodem berichtet außerdem, dass Antiochos häufig als Gesandter Athens unterwegs war. Diese Nachricht lässt nach Fleischer darauf schließen, dass Antiochos das athenische Bürgerrecht erhalten hatte, wie es im 2. und 1. Jahrhundert v. Chr. mehreren Akademikern verliehen wurde. Antiochos erscheint dadurch nicht nur als Schulphilosoph, sondern auch als politisch einflussreicher Vermittler zwischen Athen und der römischen Führungsschicht. Seine Tätigkeit fällt in eine Zeit, in der Athen nach der Eroberung und Plünderung durch Sulla neue politische Beziehungen aufbauen musste. Für die späte Akademie ist dies ein wichtiger Befund: Ihre führenden Vertreter waren nicht nur Lehrer in Athen, sondern bewegten sich in einem Netz aus städtischer Diplomatie, römischer Aristokratie und philosophischer Patronage.[384]

Besonders eng war Antiochos mit Lucullus verbunden. Philodem berichtet, Antiochos sei in Mesopotamien gestorben, wohin er seinen Patron begleitet hatte. Diese Angabe ist nur im Index Academicorum erhalten. Da Antiochos im Oktober 69 v. Chr. noch am Leben gewesen sein muss, weil er über die Schlacht bei Tigranokerta schrieb, und Lucullus sich anschließend in Gordyene aufhielt, datiert Fleischer seinen Tod wahrscheinlich auf etwa 68 v. Chr. Die Nachricht zeigt, wie sehr die Akademiegeschichte am Ende des Werkes bereits in die römische Weltgeschichte hineingezogen ist: Der letzte große Akademiker Philodems stirbt nicht mehr im Schulbezirk Athens, sondern im Umfeld eines römischen Feldherrn im Osten.[385]

Für Philodems eigene Biographie sind die Antiochos-Kolumnen von hohem Wert. Neulesungen haben gezeigt, dass Philodem Antiochos persönlich kannte und schätzte. Er sagt, Antiochos sei von vielen bewundert worden, auch von ihm selbst; zugleich habe Antiochos Philodem Zuneigung entgegengebracht. Eine solche direkte freundschaftliche Beziehung war vor der neueren Lesung des Papyrus nicht bekannt. Beide könnten sich bereits in Alexandria begegnet sein, wo Philodem vor seiner Übersiedlung nach Athen weilte; auch ein späteres Treffen in Athen, Rom oder Italien ist denkbar. Der Abschnitt zeigt jedenfalls, dass Philodem, obwohl Epikureer, mit führenden Vertretern der antiochischen „Alten Akademie“ in persönlichem Austausch stand.[386]

Die Schülerliste des Antiochos bestätigt diesen zeitnahen Charakter der Darstellung. Philodem nennt nicht eine umfassende prosopographische Liste, wie sie bei Karneades oder Philio begegnet, sondern vor allem Personen aus seinem eigenen Bekanntenkreis. An erster Stelle steht Aristos von Askalon, der Bruder und Schüler des Antiochos. Er übernahm nach dessen Tod wohl die Schule und blieb der Lehre seines Bruders treu, galt aber als philosophisch weniger bedeutend. Aristos wurde später Lehrer und Freund des Marcus Iunius Brutus und stand auch mit Cicero in Verbindung. Dass Philodem seinen Tod nicht nennt, passt zur Abfassungszeit des Index Academicorum, da Aristos erst 46/45 v. Chr. starb.[387]

Neben Aristos nennt Philodem Ariston und Dion von Alexandria sowie Kratippos von Pergamon. Diese Auswahl ist auffällig, weil sie keine vollständige Schülerliste des Antiochos sein will, sondern offenbar Philodems persönliche akademische Kontakte spiegelt. Fleischer schließt daraus, dass die Liste ohne schriftliche Vorlage und frei formuliert wurde. Besonders bei Dion von Alexandria scheint Philodem aktuelle Nachrichten in seine Darstellung aufgenommen zu haben. Damit gewinnt der Schluss des Werkes den Charakter einer Zeitgeschichte: Philodem schreibt nicht mehr nur über vergangene Scholarchen, sondern über ein Milieu, das er selbst kannte.[388]

Die Notiz zu Dion von Alexandria ist zugleich für die Datierung des Werkes wichtig. Philodem berichtet, er habe erst jüngst Nachrichten von Dion aus Alexandria erhalten. Da Dion im Jahr 57 v. Chr. im Zusammenhang mit der alexandrinischen Gesandtschaft gegen Ptolemaios XII. in Italien ermordet wurde, ergibt sich für diesen Teil des Arbeitsmanuskripts ein terminus ante quem. Die Stelle zeigt damit nicht nur Philodems Nähe zu akademischen Kreisen in Alexandria, sondern erlaubt auch eine ungewöhnlich präzise zeitliche Einordnung der letzten Redaktion dieses Abschnitts.[389]

In der Gesamtentwicklung der Akademie ist Antiochos daher eine Schlüsselfigur. Er beendet die Linie der skeptischen Akademie nicht äußerlich, sondern durch eine programmatische Umdeutung ihres Erbes. Seine „Alte Akademie“ ist weder einfach identisch mit der Akademie Platons noch eine bloße Fortsetzung des Karneades; sie ist der Versuch, nach Jahrhunderten skeptischer Dialektik wieder eine positive, lehrbare Philosophie zu formulieren. Philodems Darstellung ist gerade deshalb einzigartig, weil sie diesen Übergang aus unmittelbarer Nähe festhält. Der Epikureer Philodem begegnet dem dogmatischen Platoniker Antiochos nicht als Gegner in polemischer Verzerrung, sondern als sachkundiger Zeitgenosse, der dessen Bedeutung, Kontakte, Schüler und Tod in die letzte Phase der Akademiegeschichte einordnet.[390]

4. Die Akademie bis in Philodems Zeit

Philodems Geschichte der Akademie reicht nicht nur bis zu den großen Gestalten der Alten und Skeptischen Akademie, sondern führt die Schulgeschichte bis in seine eigene Gegenwart des 1. Jahrhunderts v. Chr. fort. Gerade darin liegt ein besonderer Wert des Werkes. Für die ältere Akademie konnte Philodem vielfach auf etablierte biographische und chronographische Autoren zurückgreifen; für die letzten Jahrzehnte vor der Abfassung des Werkes stand er dagegen selbst in der Nähe der behandelten Personen. Die Darstellung wird damit am Ende von einer aus älteren Quellen exzerpierten Schulgeschichte zu einer zeitnahen, teilweise sogar persönlichen Zeugenschaft.[391]

Die späte Akademie erscheint bei Philodem als eine Schule im Übergang. Nach Karneades und Kleitomachos war die skeptische Richtung keineswegs erloschen, aber sie wurde innerlich beweglicher und umstrittener. Philio von Larissa, in der älteren Literatur meist Philon genannt, führte die skeptische Tradition weiter, während Antiochos von Askalon sich von ihr abwandte und eine dogmatische Rückkehr zur Alten Akademie beanspruchte. Philodem beschreibt dadurch nicht einfach eine lineare Nachfolge von Schulhäuptern, sondern eine Krise der akademischen Identität. Die Frage, was „akademisch“ heiße, wurde im 1. Jahrhundert v. Chr. selbst zum Streitpunkt.[392]

Die Namensform Philio ist dabei ein methodisch aufschlussreiches Beispiel für den Wert der Neuedition. Fleischer deutet sie nicht als bloße Verschreibung, sondern als eigenständigen Personennamen, der im Index Academicorum bewahrt ist und durch weitere Zeugnisse gestützt wird. Dazu gehören ein weiterer herkulanensischer Papyrus mit einer Erwähnung bei Demetrios Lakon, die Überlieferung bei Eusebius sowie eine spätantike Scholarchenliste aus dem sogenannten Duke-Papyrus. Philodems Text wirkt hier als Korrektiv einer später vereinheitlichenden handschriftlichen Tradition, in der sich die geläufigere Namensform Philon durchsetzte.[393]

Diese Krise ist auch institutionell fassbar. Philio verließ Athen während der Mithridatischen Kriege und gelangte nach Rom, wo ihn Cicero hörte. Damit verlagerte sich ein Teil der akademischen Wirkung in die römische Welt. Zugleich bestand die Akademie in Athen offenbar weiter, denn Philodem erwähnt nach Philios Tod in Italien einen Nachfolger in Athen, dessen Name im beschädigten Papyrus nicht erhalten ist. Der Befund ist wichtig, weil er zeigt, dass Philios Flucht und Tod nicht einfach das sofortige Ende akademischer Schulorganisation bedeuteten. Vielmehr bestand die Institution weiter, auch wenn ihre personellen Konturen für uns nur noch lückenhaft erkennbar sind.[394]

Antiochos von Askalon steht bei Philodem für die andere Entwicklungslinie der späten Akademie. Er war zunächst Schüler Philios, hörte dann aber den Stoiker Mnesarch und wandte sich von der skeptischen Lehrform ab. Seine eigene Philosophie verstand er als Wiederherstellung der Alten Akademie, verband dabei jedoch platonische, aristotelische und stoische Elemente zu einer neuen dogmatischen Synthese. Philodem zeigt dadurch, dass die Akademie seiner Zeit nicht mehr durch eine einheitliche Schulmeinung zusammengehalten wurde. Sie bestand aus konkurrierenden Deutungen des platonischen Erbes: einer philionischen, weiterhin skeptischen Linie und einer antiochischen, dogmatisch orientierten Linie.[395]

Die spätere Gegnerschaft zwischen Philio und Antiochos wird durch die Neulesungen der Kolumne 25 zusätzlich geschärft. Beide erscheinen bereits gemeinsam in der Schülerliste des Kleitomachos. Der Konflikt zwischen ihnen war daher nicht einfach die Begegnung zweier voneinander unabhängiger Schulrichtungen, sondern ein innerakademischer Streit zwischen Männern, die zunächst derselben karneadeisch-kleitomacheischen Tradition angehört hatten. Der Bruch des Antiochos mit Philio bedeutete somit auch eine Neuinterpretation einer gemeinsamen akademischen Herkunft.[396]

Die letzten Abschnitte des Index Academicorum unterscheiden sich auch in der Art ihrer Quellen von den früheren Teilen. Für Philio nahm Fleischer eine jüngere Grundquelle an, die etwa zwischen 84/83 und 57 v. Chr. entstanden sein dürfte und bereits sehr aktuelle Angaben enthielt. Philodem ergänzte sie vermutlich durch eigenes Wissen oder mündliche Nachrichten, etwa bei der Angabe, dass Philio in Italien während einer Katarrh- oder Influenzawelle starb. Bei Antiochos ist die Nähe noch deutlicher: Die Vita wurde nach Fleischer wahrscheinlich im Wesentlichen von Philodem selbst formuliert. Dafür sprechen die Selbstbezüge Philodems, die persönlichen Wertungen und die Art der Schülerliste, die weniger wie eine ältere prosopographische Liste als wie eine Aufzählung eigener Bekannter wirkt.[397]

Philodem begegnet der Akademie seiner Gegenwart nicht mit scharfer epikureischer Polemik. Obwohl er selbst Epikureer und Schüler Zenons von Sidon war, zeichnet er Philio, Antiochos und deren Kreise in einem sachlichen, teilweise anerkennenden Ton. Besonders bemerkenswert ist seine Aussage, Antiochos sei von vielen bewundert worden, auch von ihm selbst, und habe Philodem Zuneigung entgegengebracht. Damit zeigt der Schluss der Akademiegeschichte ein philosophisches Milieu, in dem Schulgegensätze real waren, persönliche Kontakte aber dennoch möglich blieben. Philodem war kein neutraler moderner Historiker, aber er war auch kein bloßer Parteischriftsteller.[398]

Auch geographisch weitet sich die Darstellung am Ende stark aus. Die Akademie ist nicht mehr nur im Hain des Akademos oder in Athen verankert. Ihre Vertreter begegnen in Alexandria, Rom, Italien, Mesopotamien und im Umfeld römischer Feldherren. Philio wirkt in Rom auf Cicero; Antiochos begleitet Lucullus in den Osten und stirbt nach Philodems einzigartiger Nachricht in Mesopotamien. Schüler und Anhänger stammen aus Askalon, Alexandria, Pergamon, Tyros, Sardis und anderen Städten. Die Akademie des 1. Jahrhunderts v. Chr. ist damit nicht mehr ausschließlich eine athenische Schule, sondern ein weit verzweigtes intellektuelles Netzwerk der späthellenistischen und früh-römischen Welt.[399]

Die Schülerlisten der letzten Akademiker sind für diese Entwicklung besonders aufschlussreich. Bei Philio nennt Philodem unter anderem Iolaos von Sardis, Menekrates von Mytilene, Mnaseas von Tyros, Melanthios, Lysimachos, Pausanias und Antiochos von Askalon. Bei Antiochos treten Aristos von Askalon, Ariston und Dion von Alexandria sowie Kratippos von Pergamon hervor. Diese Listen bewahren Namen, die in der späteren literarischen Überlieferung oft kaum noch vorkommen. Sie zeigen, dass die Akademie auch in ihrer späten Phase nicht nur aus einigen bekannten Schulhäuptern bestand, sondern aus einem weitverzweigten Kreis von Schülern, Lehrern und persönlichen Verbindungen.[400]

Besonders die Notiz zu Dion von Alexandria erlaubt eine ungewöhnlich genaue zeitliche Einordnung des letzten Teils von Philodems Darstellung. Philodem berichtet, er habe erst jüngst Nachrichten von Dion aus Alexandria erhalten. Da Dion im Jahr 57 v. Chr. im Zusammenhang mit der alexandrinischen Gesandtschaft gegen Ptolemaios XII. in Italien ermordet wurde, ergibt sich für diesen Teil des Arbeitsmanuskripts ein terminus ante quem. Die Stelle zeigt damit nicht nur Philodems Nähe zu akademischen Kreisen in Alexandria, sondern auch, wie unmittelbar die spätesten Partien des Werkes an die Gegenwart des Autors heranreichen.[401]

Besonders deutlich wird an diesem Ende des Werkes, dass Philodems Akademiegeschichte keine bloße Abfolge von Lehrsätzen ist. Die Schule wird als soziale Institution dargestellt: Sie hat Lehrer und Schüler, Nachfolgeregelungen, Schulorte, Freundschaften, Konflikte, Reisen, politische Aufgaben und Beziehungen zu Mächtigen. In der späten Akademie treten diese sozialen und historischen Bedingungen stärker hervor als je zuvor. Die Philosophie wird nicht im luftleeren Raum überliefert, sondern unter den Bedingungen römischer Expansion, athenischer Krisen, persönlicher Patronage und interschulischer Konkurrenz.[402]

Damit gewinnt der Schluss von Philodems Werk auch für die moderne Forschung besonderes Gewicht. Für Platon, Speusipp oder Xenokrates steht Philodem neben anderen, wenn auch oft späteren Quellen; für die letzte Phase der Akademie ist er vielfach ein einzigartiger oder besonders naher Zeuge. Er überliefert nicht nur Daten und Namen, sondern lässt erkennen, wie die Akademie im 1. Jahrhundert v. Chr. ihre eigene Vergangenheit deutete und um ihr Erbe stritt. Philodems Darstellung endet daher nicht mit einem klaren Abschluss, sondern mit einer offenen historischen Situation: Die skeptische Akademie ist noch wirksam, die antiochische „Alte Akademie“ erhebt bereits ihren Anspruch, und die römische Welt wird zum neuen Resonanzraum platonischer Philosophie.[403]

IX. Philodem als Zeitzeuge

1. Autopsie und persönliche Erfahrung

Am Ende von Philodems Geschichte der Akademie verändert sich der Charakter der Darstellung. Für die ältere Akademie ist Philodem vor allem Kompilator: Er sammelt, ordnet und exzerpiert ältere Autoren wie Dikaiarch, Philochoros, Neanthes, Hermippos, Apollodor und Antigonos von Karystos. In den letzten Kolumnen, die Philio von Larissa, Antiochos von Askalon und deren Schüler betreffen, tritt dagegen eine andere Art von Überlieferung hervor. Philodem schreibt hier nicht mehr nur über eine weit zurückliegende Schulgeschichte, sondern über eine philosophische Welt, die teilweise noch zu seiner eigenen Lebenszeit bestand und mit der er persönlich verbunden war.[404]

Der Begriff „Zeitzeuge“ ist dabei mit Vorsicht zu verwenden. Philodem war kein neutraler Berichterstatter im modernen Sinn, sondern ein epikureischer Philosoph, der innerhalb seiner Σύνταξις τῶν φιλοσόφων (Sýntaxis tōn philosóphōn, „Zusammenstellung der Philosophen“) die Geschichte fremder Schulen darstellte. Dennoch besaß er für die späteste Phase der Akademie eine Nähe, die ihn von den späteren philosophiegeschichtlichen Kompilatoren deutlich unterscheidet. Während Diogenes Laertios seine Darstellung der Akademie im vierten Buch im Wesentlichen mit Kleitomachos enden lässt, führt Philodem die Schulgeschichte über Philio und Antiochos bis zu Schülern und Bekannten fort, die in seinem eigenen intellektuellen Umfeld standen.[405]

Besonders wichtig ist der Abschnitt über Philio von Larissa, dessen Name nach Fleischers Neulesung im Papyrus nicht einfach als „Philon“, sondern als Philio mit zweitem Iota erscheint. Philodem berichtet, dass Philio in Italien während einer Katarrh- oder Influenza-Pandemie starb; diese Angabe gehört zu den Nachrichten, die Fleischer nicht einfach einer älteren schriftlichen Vorlage zuschreibt, sondern als Zusatz Philodems aus eigener Erfahrung oder aus mündlicher Erzählung erklärt. Gerade hier wird der Übergang von einer älteren chronographischen Tradition zu zeitnaher Information sichtbar: Die Grundquelle dürfte noch das Todesjahr mit dem Archon Niketes 84/83 v. Chr. geboten haben, während Philodem zusätzliche Nachrichten zum Tod in Italien ergänzte.[406]

Die Namensform Philio ist nicht nur eine isolierte Neulesung des Index Academicorum. Fleischer weist darauf hin, dass „Philio“ ein wirklicher, wenn auch deutlich seltenerer Personenname ist und dass Philodem den Namen an mehreren Stellen mit zweitem Iota bietet. Zusätzlich wird diese Form durch den Epikureer Demetrios Lakon, durch Numenios in der Überlieferung des Eusebius von Caesarea und durch einen spätantiken Papyrus aus dem Archiv des Ammonios Scholastikos von Panopolis bestätigt, der eine Liste akademischer Scholarchen enthält. Philodem ist damit für die Namensform nicht nur ein einzelner Zeuge, sondern einer der frühesten und wichtigsten Vertreter einer breiteren Überlieferung, die in der späteren Forschung lange durch die geläufigere Form „Philon“ verdrängt wurde.[407]

Auch die Nachricht über einen Nachfolger Philios in Athen trägt Züge persönlicher Kenntnis. Philodem bemerkt offenbar selbst, er „meine“, dass dieser Nachfolger von Keos stammte; Fleischer sieht in diesem οἶμαι („ich meine“) ein deutliches Zeichen dafür, dass Philodem hier aus eigener Erfahrung spricht. Die Unsicherheit der Herkunftsangabe ist dabei nicht ein Zeichen mangelnder Sorgfalt, sondern gerade ein Indiz für die Nähe des Berichts: Philodem kannte die Situation der Akademie nach Philios Tod offenbar aus eigener Anschauung oder aus unmittelbarer mündlicher Information, hielt aber den betreffenden Nachfolger für so unbedeutend, dass er dessen Herkunft nicht mit voller Sicherheit angeben konnte.[408]

Das von Philodem verwendete οἶμαι („ich meine“) ist dabei mehr als eine beiläufige Einschränkung. Es zeigt, dass Philodem an dieser Stelle nicht einfach eine schriftliche Quelle ausschreibt, sondern eine eigene, wenn auch nicht völlig sichere Erinnerung oder unmittelbare Kenntnis der athenischen Verhältnisse nach Philios Weggang voraussetzt. Gerade die vorsichtige Formulierung ist historiographisch aufschlussreich: Philodem markiert, wo er sich nicht mehr auf eine feste literarische Vorlage stützt, sondern auf persönliche Erfahrung oder zeitnahe mündliche Information zurückgreift.[409]

Für Philodems eigene Biographie ist in diesem Zusammenhang sein Aufenthalt in Alexandria besonders aufschlussreich. Die neuen Lesungen zeigen, dass Philodem vor seiner endgültigen Übersiedlung nach Italien nicht nur in Athen, sondern auch in Alexandria verkehrte. Dort konnte er mit Akademikern in Berührung gekommen sein, die nach der Krise der athenischen Schule in der östlichen Mittelmeerwelt weiterwirkten. Fleischer rekonstruiert für Philodem einen Weg von Gadara über Alexandria und Athen nach Italien; der alexandrinische Aufenthalt erklärt, warum Philodem gerade über die späte Akademie und ihre Schülerkreise in Alexandria ungewöhnlich gut informiert war.[410]

Die persönliche Dimension wird besonders deutlich in der Darstellung des Antiochos von Askalon. Philodem berichtet nicht nur über Antiochos als akademischen Philosophen, sondern lässt erkennen, dass zwischen beiden ein persönliches Verhältnis bestand. Antiochos erscheint im Papyrus als ein von Philodem geschätzter und ihn seinerseits schätzender Mann. Fleischer folgert daraus, dass die Antiochos-Vita im Index Academicorum zumindest in ihrem späteren Teil nicht einfach aus einer älteren schriftlichen Vorlage übernommen wurde, sondern in erheblichem Maß auf Philodems eigener Kenntnis oder auf ihm unmittelbar zugänglichen mündlichen Quellen beruht.[411]

Noch deutlicher tritt dieser persönliche Horizont in der Schülerliste des Antiochos hervor. Philodem nennt dort unter anderem Ariston von Alexandria, Dion von Alexandria und Kratippos von Pergamon und bezeichnet einzelne von ihnen als seine Vertrauten. Es handelt sich also nicht nur um eine prosopographische Liste, sondern um eine kleine Momentaufnahme eines philosophischen Netzwerkes im 1. Jahrhundert v. Chr. Zwei dieser mit Philodem verbundenen Antiochos-Schüler gingen später zum Peripatos über, während Dion der alten Akademie verbunden blieb. Dadurch wird erkennbar, dass Philodem die späte Akademie nicht aus der Ferne betrachtete, sondern ihre personellen Verzweigungen in Alexandria, Athen und Italien zumindest teilweise selbst kannte.[412]

Dion von Alexandria ist für Philodems Zeitzeugenschaft besonders wichtig. Nach Fleischers Interpretation scheint Philodem von Dion noch „letzte Neuigkeiten“ aus Alexandria in den Index Academicorum aufgenommen zu haben. Nach Fleischers Neulesung blieb Dion der Alten Akademie verbunden, während Ariston von Alexandria und Kratippos von Pergamon später zum Peripatos wechselten. Aus anderen Quellen ergibt sich, dass Dion nach Alexandria zurückkehrte und dort lehrte. Im Jahr 57 v. Chr. stand er an der Spitze einer alexandrinischen Gesandtschaft von hundert Mitgliedern, die nach Rom geschickt wurde, um die Rückkehr des vertriebenen Ptolemaios XII. Auletes zu verhindern. Ein großer Teil der Gesandtschaft wurde von Häschern des Königs getötet oder bestochen; Dion entkam zunächst, wurde aber noch 57 v. Chr. im Haus des Titus Coponius ermordet.[413]

Der Zusammenhang ist auch deshalb aufschlussreich, weil Cicero in Pro Caelio 23 im Zusammenhang mit dieser Affäre eine Alexandrinorum pulsatio Puteolana erwähnt, also einen tätlichen Angriff auf Alexandriner in Puteoli. Fleischer folgert daraus, dass Dion offenbar in Puteoli, unweit von Herculaneum und Neapel, an Land ging. Philodem könnte seinen alten Freund daher während der Gesandtschaft in Italien, vielleicht in Rom oder in dessen Umgebung, persönlich wiedergetroffen haben; ebenso bleibt möglich, dass er brieflich mit ihm in Verbindung stand. Die Formulierung im Papyrus, Philodem habe „jüngst“ von Dion gehört, erklärt jedenfalls, warum in Kolumne 35 noch sehr aktuelle Nachrichten aus Alexandria erscheinen. Da Dion 57 v. Chr. ermordet wurde, liefert diese Stelle einen terminus ante quem für den Index Academicorum; zusammen mit dem Tod des Antiochos von Askalon 68 v. Chr. ergibt sich für die Entwurfsrolle PHerc. 1021 eine außergewöhnlich enge Datierung zwischen 68 und 57 v. Chr.[414]

Diese Nähe zur eigenen Gegenwart hat auch Folgen für die Datierung des Papyrus. Nach Fleischer handelt es sich bei PHerc. 1021 nicht nur um eine Entwurfsfassung des Werkes, sondern um ein echtes Autorenmanuskript, das zwischen 68 und 57 v. Chr. geschrieben wurde. Gerade die Erwähnung aktueller Nachrichten und persönlicher Kontakte macht die Rolle zu einem außergewöhnlich genau datierbaren Objekt innerhalb der herkulanensischen Sammlung. Die Geschichte der Akademie ist hier nicht bloß ein später Reflex hellenistischer Gelehrsamkeit, sondern ein Dokument aus der Übergangszeit, in der die athenische Akademie als Institution an Bedeutung verlor, ihre Lehrer und Schüler aber in Alexandria, Rom und anderen Zentren weiterwirkten.[415]

Ein weiteres Datierungsargument ergibt sich aus Aristos von Askalon, dem Bruder und Nachfolger des Antiochos. Philodem erwähnt, dass Aristos nach dem Tod seines Bruders die Schule übernahm, berichtet aber nicht von dessen Tod. Da Aristos erst 46/45 v. Chr. starb, spricht dieses Schweigen dafür, dass Philodems Arbeitsmanuskript zu einer Zeit entstand, in der Aristos noch lebte und die von Antiochos geprägte „Alte Akademie“ weiterhin vertrat. Die Darstellung steht damit nicht am Ende einer bereits abgeschlossenen Tradition, sondern greift in eine noch laufende Schulgeschichte ein.[416]

Philodems persönliche Erfahrung ist allerdings nicht mit freier Autobiographie zu verwechseln. Auch in den letzten Kolumnen bleiben schriftliche Vorlagen, Schülerlisten und chronographische Angaben wichtig. Für ältere Listen, etwa zu Aischines, Melanthios, Charmadas und Metrodor, nimmt Fleischer weiterhin schriftliche Quellen oder zumindest eine ältere Grundquelle an. Die Eigenart des Schlusses besteht daher nicht darin, dass Philodem seine Arbeitsweise völlig ändert, sondern darin, dass er die überkommene Kompilation durch persönliche Erinnerung, mündliche Nachricht und aktuelle Beobachtung ergänzt. Gerade diese Mischung macht den besonderen Wert des Werkes aus: Es verbindet die ältere Quellenüberlieferung zur Akademie mit einer letzten, noch aus der Nähe gewonnenen Momentaufnahme ihrer späthellenistischen Ausläufer.[417]

2. Beziehungen zu zeitgenössischen Philosophen

Philodems Beziehungen zu zeitgenössischen Philosophen zeigen, dass seine Geschichte der Akademie nicht nur aus gelehrten Exzerpten älterer Bücher besteht. Gerade am Ende des Werkes wird sichtbar, dass Philodem in einem lebendigen philosophischen Netzwerk des 1. Jahrhunderts v. Chr. stand. Als Epikureer gehörte er zwar nicht zur Akademie, doch bewegte er sich in denselben Bildungszentren wie spätere Akademiker, Peripatetiker und Vertreter anderer Schulen. Alexandria, Athen und später Italien waren für ihn nicht nur geographische Stationen, sondern Orte persönlicher Begegnung, philosophischer Diskussion und gelehrter Nachrichtenübermittlung.[418]

Von besonderer Bedeutung ist Philodems Aufenthalt in Alexandria. Die Neulesungen im Index Academicorum zeigen, dass Philodem sich dort als junger Mann aufhielt, bevor er nach Athen ging. Alexandria war zu dieser Zeit ein bedeutendes Zentrum hellenistischer Gelehrsamkeit und zugleich ein Ort, an dem Akademiker, Grammatiker und andere Philosophen wirkten. Fleischer vermutet deshalb, dass Philodem dort bereits erste Kontakte in das akademische Milieu knüpfen konnte. Diese Verbindung erklärt, warum er später über einzelne Vertreter der späten Akademie und über alexandrinische Schülerkreise ungewöhnlich gut informiert war.[419]

Die wichtigste persönliche Beziehung innerhalb der späten Akademie bestand offenbar zu Antiochos von Askalon. Antiochos war Schüler Philios von Larissa, wandte sich aber von der skeptischen Richtung der Akademie ab und begründete eine Rückkehr zur sogenannten Alten Akademie. Philodem berichtet über ihn nicht nur in der distanzierten Form einer Schulchronik, sondern lässt erkennen, dass beide Männer einander kannten und schätzten. Nach Fleischer spricht der Stil der Antiochos-Vita dafür, dass Philodem hier nicht mehr bloß eine ältere Vorlage ausschreibt, sondern eigene Kenntnis und ihm zugängliche mündliche Nachrichten verarbeitet. Damit wird Antiochos in Philodems Darstellung zu einer Gestalt, die nicht mehr nur der überlieferten Akademiegeschichte angehört, sondern dem persönlichen Erfahrungsbereich des Autors nahe steht.[420]

Diese persönliche Nähe ist umso bemerkenswerter, als Antiochos philosophisch eine Position vertrat, die dem Epikureismus Philodems fernstand. Antiochos suchte platonische, peripatetische und stoische Elemente miteinander zu verbinden und stand damit am Beginn einer Entwicklung, die für den späteren Mittelplatonismus wichtig wurde. Philodem begegnet ihm jedoch nicht polemisch, sondern als einem bekannten und offenbar respektierten Philosophen. Die Stelle zeigt deshalb, dass interschulische Abgrenzung und persönlicher Umgang in der späthellenistischen Philosophie nicht einfach Gegensätze waren. Man konnte einer anderen Schule angehören und dennoch in persönlichem Kontakt, fachlicher Aufmerksamkeit und gegenseitiger Wertschätzung verbunden sein.[421]

Besonders aufschlussreich ist die kurze Liste der Schüler des Antiochos. Philodem nennt dort nach Aristos von Askalon, dem Bruder und Nachfolger des Antiochos, vor allem drei Philosophen, die er selbst kannte: Ariston von Alexandria, Dion von Alexandria und Kratippos von Pergamon. Fleischer hebt hervor, dass diese Liste offenbar keine gewöhnliche, aus einer schriftlichen Vorlage übernommene Schülerliste ist, sondern auf Philodems persönlichen Bekanntenkreis verweist. Während andere Schüler des Antiochos fehlen, treten gerade diejenigen hervor, zu denen Philodem Beziehungen hatte. Die Liste ist daher zugleich prosopographische Nachricht und persönliches Zeugnis.[422]

Aristos von Askalon ist für diese späteste Phase der Akademie auch chronologisch bedeutsam. Philodem erwähnt, dass Aristos nach dem Tod seines Bruders Antiochos die Schule übernahm, berichtet aber nicht von dessen Tod. Da Aristos erst 46/45 v. Chr. starb, spricht dieses Schweigen dafür, dass Philodems Arbeitsmanuskript zu einer Zeit entstand, in der Aristos noch lebte und die von Antiochos geprägte Richtung weiterhin vertrat. Philodems Darstellung steht damit nicht am Ende einer bereits abgeschlossenen Schultradition, sondern berührt eine noch laufende Entwicklung.[423]

Ariston von Alexandria und Kratippos von Pergamon sind auch deshalb wichtig, weil sie die Beweglichkeit der philosophischen Schulzugehörigkeiten im 1. Jahrhundert v. Chr. erkennen lassen. Beide werden von Philodem als Schüler des Antiochos genannt, gingen später aber zum Peripatos über. Für Philodem konnten sie deshalb Vermittler zwischen akademischen und peripatetischen Diskussionen gewesen sein. Kratippos wurde später in Rom und Athen bekannt, stand mit Cicero in Verbindung und wurde Lehrer von Ciceros Sohn. Die Erwähnung bei Philodem zeigt, dass diese später prominente Gestalt bereits in einem früheren Stadium innerhalb des akademischen Umfelds des Antiochos fassbar ist.[424]

Dion von Alexandria nimmt in diesem Netzwerk eine besondere Stellung ein. Nach Fleischers Neulesung blieb Dion der Alten Akademie verbunden, während Ariston und Kratippos zum Peripatos wechselten. Aus anderen Quellen ist bekannt, dass Dion später in Alexandria wirkte und im Zusammenhang mit der alexandrinischen Gesandtschaft nach Rom im Jahr 57 v. Chr. eine wichtige Rolle spielte. Philodem könnte durch ihn aktuelle Nachrichten aus Alexandria erhalten haben. Fleischer erwägt, dass Dion seinen alten Freund Philodem während dieser Gesandtschaft in Italien persönlich getroffen oder zumindest brieflich mit ihm in Verbindung gestanden haben könnte.[425]

Der historische Zusammenhang dieses Kontakts lässt sich durch die Ereignisse des Jahres 57 v. Chr. genauer bestimmen. Dion stand damals an der Spitze einer alexandrinischen Gesandtschaft von hundert Mitgliedern, die nach Rom geschickt wurde, um die Rückkehr des vertriebenen Ptolemaios XII. Auletes zu verhindern. Ein großer Teil der Gesandtschaft wurde von Häschern des Königs getötet oder bestochen; Dion entkam zunächst, wurde aber noch 57 v. Chr. im Haus des Titus Coponius ermordet. Cicero erwähnt in Pro Caelio 23 im Zusammenhang mit dieser Affäre eine Alexandrinorum pulsatio Puteolana, also einen tätlichen Angriff auf Alexandriner in Puteoli. Fleischer folgert daraus, dass Dion offenbar in Puteoli, unweit von Herculaneum und Neapel, an Land ging. Gerade diese Nähe zu Philodems italischem Wirkungsraum macht einen persönlichen Kontakt zwischen beiden besonders plausibel, auch wenn ein brieflicher Austausch nicht ausgeschlossen werden kann.[426]

Diese Verbindung zu Dion ist für die Datierung und den Charakter des Index Academicorum besonders wichtig. Wenn Philodem in Kolumne 35 tatsächlich Nachrichten verarbeitete, die mit Dion und den Ereignissen um 57 v. Chr. zusammenhängen, dann reicht seine Darstellung bis unmittelbar in die Gegenwart der Abfassung. Die Formulierung im Papyrus, Philodem habe „jüngst“ von Dion gehört, erklärt, warum an dieser Stelle noch sehr aktuelle Nachrichten über alexandrinische Aktivitäten und über nach Alexandria kommende Stoiker erscheinen. Fleischer folgert daraus, dass nicht nur das Werk, sondern auch die konkrete Entwurfsrolle PHerc. 1021 zwischen 68 und 57 v. Chr. geschrieben wurde. Die persönlichen Beziehungen Philodems werden damit zu einem historischen Anhaltspunkt für die Entstehung des Papyrus selbst.[427]

Auch die Schüler Philios von Larissa gehören zu diesem weiteren Beziehungsfeld. Philodem nennt unter anderem Menekrates von Mytilene, Mnaseas von Tyros, Lysimachos, Pausanias und Antiochos von Askalon. Nicht bei allen ist ein persönlicher Kontakt mit Philodem anzunehmen. Doch die Art der Begleitinformationen zeigt, dass Philodem oder seine unmittelbare Umgebung über die spätesten akademischen Lehrer und Schüler noch verhältnismäßig genaue Nachrichten besaß. Bei Menekrates von Mytilene ist sogar ein möglicher Bezug zu Sizilien erkennbar, der vor dem Hintergrund von Philodems eigener Biographie auffällt und vielleicht auf eine gemeinsame oder zumindest überschneidende Erfahrungswelt verweist.[428]

Die Namensform Philio ist für dieses Beziehungsfeld ebenfalls aufschlussreich. Fleischer zeigt, dass Philodem den Namen des Akademikers nicht bloß als „Philon“, sondern mit zweitem Iota überliefert. Diese Form wird auch durch den Epikureer Demetrios Lakon, durch Numenios in der Überlieferung des Eusebius von Caesarea und durch einen spätantiken Papyrus aus dem Archiv des Ammonios Scholastikos von Panopolis bestätigt, der eine Liste akademischer Scholarchen enthält. Philodem bewahrt damit nicht nur eine persönliche oder zeitnahe Nachricht über Philios Tod und Nachfolge, sondern auch eine Namensform, die in der späteren handschriftlichen Tradition weitgehend durch die geläufigere Form „Philon“ verdrängt wurde.[429]

Philodems Verhältnis zu zeitgenössischen Philosophen ist daher nicht als zufällige Randnotiz zu verstehen. Es gehört zum besonderen Quellenwert seines Werkes. Für die ältere Akademie hängt Philodem von Autoren ab, die er exzerpiert; für die späte Akademie steht er dagegen in einem Netz persönlicher Beziehungen. Dieses Netz umfasst Akademiker, ehemalige Akademiker, Peripatetiker, alexandrinische Gelehrte und römisch verbundene Philosophen. Dadurch wird die Geschichte der Akademie am Ende zu einem Zeugnis für die Umbruchszeit, in der die athenische Akademie als feste Institution an Gewicht verlor, ihre Schüler und Lehrer aber in Alexandria, Athen, Rom und Italien weiterwirkten.[430]

3. Bedeutung für die Historiographie

Philodems Geschichte der Akademie ist für die antike Philosophiegeschichtsschreibung in doppelter Hinsicht bedeutsam. Einerseits steht das Werk in der Tradition hellenistischer Schulgeschichten, die philosophische Schulen vor allem über Gründer, Nachfolger, Schülerlisten, Lebensdaten und charakteristische Episoden erschließen. Andererseits ist es durch seinen erhaltenen materiellen Zustand ungewöhnlich gut geeignet, den Arbeitsprozess eines antiken Philosophiehistorikers sichtbar zu machen. PHerc. 1691/1021 bewahrt nicht einfach eine glatte Buchfassung, sondern ein Arbeitsmanuskript mit Ergänzungen, Umstellungen, Tilgungen, Nachträgen und Rückseitenkolumnen. Dadurch lässt sich beobachten, wie Philodem seine Quellen nicht nur abschrieb, sondern ordnete, nachträglich erweiterte und in eine zusammenhängende Geschichte der Akademie einfügte.[431]

Für die Historiographie ist besonders wichtig, dass Philodem zwischen älterer Überlieferung und eigener Gegenwart vermittelt. In den Abschnitten über Platon und die Alte Akademie beruht seine Darstellung weitgehend auf älteren Autoren, darunter Dikaiarch, Philochoros, Neanthes, Hermippos, Antigonos von Karystos und Apollodor von Athen. Diese Autoren sind oft nur fragmentarisch oder gar nicht selbständig erhalten. Philodems Werk wird dadurch zu einem Überlieferungsträger zweiter Ordnung: Es ist nicht nur eine Geschichte der Akademie, sondern zugleich ein Archiv verlorener hellenistischer Philosophiegeschichtsschreibung.[432]

Gerade die Mischung aus Exzerpt, Redaktion und eigener Ergänzung macht den historischen Wert des Werkes aus. Philodem scheint zwar vielfach eng am Wortlaut seiner Vorlagen zu bleiben, doch folgt er ihnen nicht mechanisch. Fleischer nimmt für große Teile des Rekto eine ältere akademiehistorische Grundquelle oder mehrere Grundquellen an, betont aber zugleich, dass Philodem früh in Aufbau und Wortlaut eingegriffen, Abschnitte ausgelassen, Material ergänzt und später weitere Quellen eingearbeitet haben dürfte. Die Geschichte der Akademie ist daher weder ein selbständiges Geschichtswerk im modernen Sinn noch eine bloße Abschrift. Sie ist ein gelehrtes Kompilationswerk, in dem ältere Quellen, chronologische Ordnung und redaktionelle Entscheidung miteinander verbunden sind.[433]

Im Vergleich zu Diogenes Laertios zeigt sich die Eigenart Philodems besonders deutlich. Beide Autoren stehen in der Tradition antiker Philosophenbiographie, doch unterscheiden sich Anlage und Auswahl erheblich. Diogenes bietet in seinen Büchern über Platon und die Akademie Werklisten, Anekdoten, Lehrmeinungen und biographische Traditionen in anderer Ordnung. Philodem verzichtet dagegen weithin auf Werklisten und Homonymenlisten, bewahrt aber umfangreiche Schülerlisten und zahlreiche Angaben zur Schulfolge, die bei Diogenes fehlen. Für die Neue und späte Akademie ist Philodem deshalb häufig die ausführlichere und teilweise einzige Quelle.[434]

Diese Eigenständigkeit betrifft vor allem die zweite Hälfte der Schulgeschichte. Für Xenokrates, Arkesilaos und Karneades bietet Philodem Schülerlisten, die bei Diogenes Laertios nicht vorhanden sind. Für die Akademie zwischen Lakydes und Karneades sowie für die spätere Entwicklung nach Karneades nennt er Philosophen, Daten und Schulzusammenhänge, über die Diogenes schweigt. Dazu gehören Polemarch von Nikomedeia, Krates von Tarsos, Charmadas von Alexandria, Melanthios von Rhodos, Metrodor von Stratonikeia, Aischines von Neapolis und deren Schüler. Der Papyrus ist daher nicht nur eine Ergänzung zu Diogenes, sondern in vielen Fällen die Grundlage jeder modernen Rekonstruktion der akademischen Schulgeschichte.[435]

Für die späteste Phase der Akademie kommt eine weitere Ebene hinzu. Philodem schreibt hier nicht mehr allein als Exzerptor älterer Literatur, sondern teilweise als Zeitgenosse. Angaben zu Philio von Larissa, zu dessen Tod in Italien, zu einem Nachfolger in Athen, zu Antiochos von Askalon und zu dessen Schülern zeigen, dass Philodem auf eigene Erfahrung, persönliche Kontakte oder unmittelbare mündliche Nachrichten zurückgreifen konnte. Damit wird das Werk am Ende zu einer zeitnahen Quelle für den Übergang von der skeptischen Akademie zu den dogmatischeren Positionen des Antiochos und für die Verlagerung akademischer Traditionen nach Alexandria, Italien und Rom.[436]

Die Namensform Philio zeigt exemplarisch, wie Philodems Nähe zur späten Akademie auch für die Korrektur späterer Überlieferung wichtig wird. Fleischer weist darauf hin, dass Philodem den Namen des Akademikers nicht bloß als „Philon“, sondern mit zweitem Iota bietet. Diese Form wird auch durch den Epikureer Demetrios Lakon, durch Numenios in der Überlieferung des Eusebius von Caesarea und durch einen spätantiken Papyrus aus dem Archiv des Ammonios Scholastikos von Panopolis bestätigt, der eine Liste akademischer Scholarchen enthält. Philodem bewahrt damit eine Namensform, die in der späteren handschriftlichen Tradition weitgehend durch die geläufigere Form „Philon“ verdrängt wurde; seine Darstellung ist hier also nicht nur Ergänzung, sondern auch Korrektiv der übrigen Tradition.[437]

Auch einzelne Formulierungen des Papyrus haben historiographisches Gewicht. Wenn Philodem bei einem Nachfolger Philios in Athen οἶμαι („ich meine“) schreibt, markiert er damit offenbar einen Übergang von schriftlicher Überlieferung zu persönlicher Erinnerung oder zeitnaher mündlicher Information. Das Wort ist nicht bloß eine stilistische Vorsichtsformel, sondern ein methodisch wichtiges Signal: Philodem zeigt, dass er an dieser Stelle nicht einfach eine feste Vorlage ausschreibt, sondern über eine ihm bekannte, aber nicht mehr vollständig gesicherte Situation der athenischen Akademie nach Philios Weggang berichtet. Gerade die Unsicherheit macht den Bericht wertvoll, weil sie den Autor bei der Arbeit mit eigener Erinnerung sichtbar werden lässt.[438]

Besonders deutlich tritt die zeitgeschichtliche Nähe bei Dion von Alexandria hervor. Dion gehörte zu den Schülern des Antiochos, blieb nach Fleischers Neulesung der Alten Akademie verbunden und wurde für Philodem zu einem aktuellen Gewährsmann. Im Jahr 57 v. Chr. stand er an der Spitze einer alexandrinischen Gesandtschaft von hundert Mitgliedern, die nach Rom geschickt wurde, um die Rückkehr des vertriebenen Ptolemaios XII. Auletes zu verhindern. Cicero erwähnt in Pro Caelio 23 im Zusammenhang mit dieser Affäre eine Alexandrinorum pulsatio Puteolana, also einen tätlichen Angriff auf Alexandriner in Puteoli. Fleischer folgert daraus, dass Dion offenbar in Puteoli, unweit von Herculaneum und Neapel, an Land ging. Damit wird verständlich, wie Philodem im italischen Raum noch „jüngste“ Nachrichten von Dion erhalten konnte, sei es durch ein persönliches Treffen, sei es durch brieflichen oder mündlichen Kontakt.[439]

Diese Verbindung ist auch für die Datierung des Werkes von großer Bedeutung. Wenn Philodem in Kolumne 35 Nachrichten verarbeitet, die mit Dion und der alexandrinischen Gesandtschaft von 57 v. Chr. zusammenhängen, reicht seine Darstellung bis unmittelbar in die Gegenwart der Abfassung. Da Dion noch 57 v. Chr. in Rom ermordet wurde, ergibt sich daraus ein terminus ante quem. Ein weiteres Datierungsargument bietet Aristos von Askalon, der Bruder und Nachfolger des Antiochos: Philodem erwähnt, dass Aristos nach dem Tod seines Bruders die Schule übernahm, berichtet aber nicht von dessen Tod. Da Aristos erst 46/45 v. Chr. starb, spricht dieses Schweigen dafür, dass Philodems Arbeitsmanuskript zu einer Zeit entstand, in der Aristos noch lebte und die von Antiochos geprägte Richtung weiterhin vertrat. Zusammen mit dem Tod des Antiochos 68 v. Chr. ergibt sich für PHerc. 1021 eine außergewöhnlich enge Datierung zwischen 68 und 57 v. Chr.[440]

Historiographisch bedeutsam ist auch Philodems vergleichsweise sachliche Haltung gegenüber der Akademie. Als Epikureer hätte er Anlass zu schulpolemischer Zuspitzung gehabt, doch tritt eine solche Tendenz im erhaltenen Text kaum hervor. Fleischer deutet das Werk deshalb als eine enzyklopädische Grundlage für philosophische Orientierung und Diskussion: Philodem wollte offenbar wissen und festhalten, wer in der Geschichte der Akademie zu wem gehörte, wer wessen Schüler war, wann einzelne Philosophen lebten und wie die Schultradition weitergegeben wurde. Die Darstellung dient damit nicht nur der Erinnerung an eine fremde Schule, sondern auch der Ordnung philosophischer Bildung in einer Zeit, in der die klassische hellenistische Schulwelt bereits im Wandel begriffen war.[441]

Der historiographische Rang des Werkes liegt schließlich darin, dass es die Akademie nicht als bloße Abfolge abstrakter Lehren beschreibt. Philodem interessiert sich für Personen, Lehrer-Schüler-Verhältnisse, Orte, Reisen, politische Verflechtungen, institutionelle Kontinuitäten und Brüche. Die Geschichte der Philosophie erscheint bei ihm deshalb als Geschichte sozialer und intellektueller Gemeinschaften. Philosophie wird nicht nur durch Lehrsätze überliefert, sondern durch Schulen, Gespräche, persönliche Bindungen, Nachfolgeentscheidungen und Erinnerungen. In dieser Perspektive bewahrt Philodem ein Bild der Akademie, das von Platon bis in die späthellenistische Gegenwart reicht und die platonische Tradition als lebendige, aber auch fragile geschichtliche Institution erkennen lässt.[442]

Für die moderne Forschung ist Philodems Werk deshalb mehr als eine Sammlung einzelner Nachrichten. Es erlaubt zugleich die Rekonstruktion verlorener Quellen, den Vergleich verschiedener antiker Schulgeschichten, die Korrektur späterer Traditionen und den Einblick in die Arbeitsweise eines antiken Autors. Seine besondere Stellung besteht darin, dass es am Beginn auf ältere Quellen zurückgreift, in der Mitte umfangreiche biographische und chronographische Traditionen bewahrt und am Ende in die Nähe zeitgenössischer Zeugenschaft rückt. Gerade diese Verbindung von Archiv, Kompilation und persönlicher Gegenwartsnähe macht die Geschichte der Akademie zu einer der wichtigsten Quellen für die Historiographie der platonischen Schule.[443]

X. Leitmotive der Darstellung

1. Philosophie als Lebensform

Ein durchgehendes Leitmotiv von Philodems Geschichte der Akademie ist die Auffassung, dass Philosophie nicht nur in Lehrsätzen, Argumenten und Schriften besteht, sondern in einer bestimmten Lebensform sichtbar wird. Das Werk ist deshalb nicht als reine Doxographie angelegt. Philodem berichtet zwar über Lehrtraditionen, Schulrichtungen und Schülerfolgen, doch er ordnet diese Informationen in biographische Darstellungen ein. Die Geschichte der Akademie erscheint dadurch als Abfolge von Personen, deren Denken, Charakter, Lebensweise, Umgang mit Schülern und Stellung in der Stadt zusammengehören. Diese Anlage entspricht der hellenistischen Philosophiegeschichtsschreibung, in der die Geschichte einer Schule häufig über Gründer, Nachfolger, Schülerkreise, charakteristische Episoden und exemplarische Lebenshaltungen erzählt wurde.[444]

Besonders deutlich wird dieses Leitmotiv im Dikaiarch-Exzerpt über Platon. Dikaiarch von Messene, ein Schüler des Aristoteles, behandelte Platon wahrscheinlich im ersten Buch seiner Schrift Über Lebensformen. Für ihn war Platon nicht nur der Autor philosophischer Dialoge, sondern vor allem der Begründer einer bestimmten Weise des Philosophierens. Gaiser hebt hervor, dass Dikaiarch in seinem Platon-Bios weniger eine äußere Lebensgeschichte Platons als dessen philosophische Leistung und die theoretische Lebensform der Akademie beschreibt. Der Abschnitt bei Philodem ist daher für das Verständnis der frühen Akademie besonders wichtig, weil er zeigt, wie ein Vertreter des Peripatos Platons Schule wenige Generationen nach ihrer Gründung wahrnahm.[445]

Dikaiarch deutet Platon als Gestalt, in der unterschiedliche philosophische Impulse zusammenlaufen. Platon verbindet nach dieser Darstellung sokratische Gesprächsführung mit pythagoreischer Erhabenheit und führt die Philosophie dadurch zu einer neuen Form. Seine Leistung besteht nicht nur darin, frühere Ansätze aufzunehmen, sondern sie in einer eigenen geistigen Gestalt zusammenzuführen. Die Philosophie wird dabei als eine umfassende Bildung verstanden: Sie betrifft die Art des Fragens, die literarische Form, die mathematische Forschung, den Umgang mit Schülern und die Distanz zu bloß nützlichen oder zweckgebundenen Tätigkeiten.[446]

Zugleich zeigt Dikaiarchs Darstellung, dass diese Lebensform ambivalent wahrgenommen werden konnte. Platons Dialoge werden einerseits als protreptisch beschrieben: Sie führen Leser zur Philosophie hin, wecken Interesse an Bildung und leiten zu ernsthafter wissenschaftlicher Arbeit an. Andererseits können sie auch oberflächlich missverstanden werden, etwa wenn die literarische Schönheit oder die Eros-Thematik der Dialoge nur zu schwärmerischer Nachahmung führt, ohne dass daraus wirkliche philosophische Anstrengung entsteht. Philosophie als Lebensform verlangt daher mehr als Bewunderung für Platon oder eine kultivierte Sprache; sie verlangt Übung, Forschung, Selbstdisziplin und die Einbindung in eine philosophische Gemeinschaft.[447]

Die peripatetische Kritik an Platons literarischer Wirkung reicht dabei bis in die Stilkritik hinein. Dikaiarch beanstandete nach der bei Diogenes Laertios bewahrten Tradition den Stil Platons als φορτικός (phortikós, „reißerisch“, „auf äußere Wirkung bedacht“). Gaiser deutet diese Kritik nicht als bloße Einzelbemerkung zum Phaidros, sondern als Ausdruck einer allgemeineren Sorge: Die literarische Kraft der Dialoge könne Leser zu einem oberflächlichen Philosophieren verleiten, wenn sie bei sprachlicher Bewunderung, erotischer Schwärmerei oder scheinbarer Bildung stehen bleiben und nicht zur eigentlichen wissenschaftlichen Arbeit, besonders zur mathematisch geschulten Forschung, fortschreiten. Damit wird auch der Stil eines philosophischen Werkes Teil der Lebensform: Er kann zur Philosophie hinführen, aber auch eine bloße Scheinphilosophie begünstigen.[448]

Ein besonders aussagekräftiges Beispiel ist die Rolle der Mathematik in Platons Schule. In der von Philodem überlieferten Darstellung erscheint Platon als eine Art Architekt der mathematischen Wissenschaften: Er gibt Probleme vor, die von den Mathematikern mit Eifer bearbeitet werden. Damit wird die Akademie nicht nur als Ort der Lehre, sondern als Forschungsgemeinschaft sichtbar. Die theoretische Lebensform besteht hier nicht im Rückzug in bloße Spekulation, sondern in gemeinsamer, methodisch anspruchsvoller Arbeit an Fragen, die um ihrer selbst willen verfolgt werden. Gerade darin liegt für Dikaiarch zugleich die Größe und die Eigenart der platonischen Schule.[449]

Auch in den späteren Abschnitten über die Alte Akademie bleibt dieses Motiv leitend. Bei Antigonos von Karystos, den Philodem für Polemon, Krantor, Krates und Arkesilaos ausführlich auswertet, steht nicht ein abstraktes Lehrsystem im Vordergrund, sondern der im Leben erkennbare Charakter des Philosophen. Gaiser beschreibt dies als eigentliches Thema der Lebensbeschreibungen des Antigonos: Am persönlichen Verhalten, am Stil, an der Selbstbeherrschung, an literarischen Vorlieben und an der Art des Umgangs mit anderen soll sichtbar werden, welche Erkenntnisse und Überzeugungen den Philosophen prägen. Philodem übernimmt damit eine biographische Tradition, in der das Leben selbst als Auslegung der Philosophie gelesen wird.[450]

Für Polemon ist dieses Darstellungsprinzip besonders klar. Seine Jugend wird als unbeherrscht und ausschweifend beschrieben, seine Hinwendung zur Philosophie dagegen als Umformung des Charakters. Die später hervorgehobene Seelenruhe, Würde und Zurückgezogenheit sind nicht bloß persönliche Eigenschaften, sondern Ausdruck philosophischer Bildung. Polemons Philosophie erscheint bei Philodem daher nicht primär als System von Lehrsätzen, sondern als gelebte Ethik. Gerade der Gegensatz zwischen früherer Maßlosigkeit und späterer Selbstbeherrschung macht ihn zu einer exemplarischen Gestalt der Akademiegeschichte.[451]

Bei Krantor tritt ein anderes Moment derselben Grundauffassung hervor. Er wird bei Philodem nicht nur als Schüler Polemons und als Autor behandelt, sondern auch als Person, deren Wirkung durch Lebensführung, literarische Bildung, Tod, Begräbnis und Schülerkreis greifbar wird. Seine Bedeutung liegt deshalb nicht allein in einzelnen Schriften, sondern in der Verbindung von philosophischer Arbeit, persönlicher Ausstrahlung und schulischer Kontinuität. Die Akademie erscheint so als eine Gemeinschaft, in der Lehre, Erinnerung und Vorbildfunktion ineinandergreifen.[452]

Auch der Übergang zu Arkesilaos wird bei Philodem unter dem Gesichtspunkt der Lebensform erzählt. Arkesilaos steht für eine neue, skeptisch-aporetische Ausrichtung der Akademie, bleibt aber zugleich in der akademischen Tradition verankert. Fleischer betont, dass Antigonos deutliche Veränderungen in der Lehrweise des Arkesilaos erkennt, darin jedoch offenbar keinen Verrat an Platon sieht. Die neue Form des Philosophierens zeigt sich nicht nur in einer anderen Lehre, sondern in einer anderen Praxis des Fragens, Prüfens und Zurückhaltens. Die Geschichte der Akademie ist damit nicht einfach eine Abfolge von Dogmen, sondern eine Geschichte verschiedener Weisen, philosophisch zu leben und zu lehren.[453]

Das Motiv der Philosophie als Lebensform verbindet daher die einzelnen Teile von Philodems Darstellung. Platon erscheint als Gründer einer theoretisch ausgerichteten, forschenden Gemeinschaft; Polemon als Beispiel ethischer Umkehr und Selbstbeherrschung; Krantor als gebildeter Philosoph und schulbildende Gestalt; Arkesilaos als Erneuerer der akademischen Gesprächs- und Prüfungsform. Gerade weil Philodem vielfach ältere Quellen exzerpiert, bewahrt sein Werk unterschiedliche antike Perspektiven auf dasselbe Grundproblem: Eine philosophische Schule besteht nicht nur aus Texten und Lehrmeinungen, sondern aus Menschen, die eine bestimmte Art des Denkens, Redens, Forschens und Lebens einüben und weitergeben.[454]

2. Theorie und Praxis

Das Verhältnis von Theorie und Praxis gehört zu den Grundspannungen, durch die Philodems Geschichte der Akademie zusammengehalten wird. Die Akademie erscheint nicht nur als Ort abstrakter Lehre, sondern als Schule, in der immer wieder gefragt wird, wie sich philosophische Einsicht zum Handeln, zur politischen Öffentlichkeit und zur persönlichen Lebensführung verhält. Diese Spannung ist bereits durch die Quellenlage vorgegeben: Philodem übernimmt ältere biographische und philosophiegeschichtliche Darstellungen, in denen die Bedeutung eines Philosophen nicht allein an seinen Lehrsätzen, sondern auch an seinem Verhalten in konkreten Situationen gemessen wird.[455]

Besonders klar tritt dieses Problem im Dikaiarch-Exzerpt über Platon hervor. Dikaiarch von Messene stand als Peripatetiker in einer Debatte, in der der Vorrang des theoretischen oder des praktisch-politischen Lebens erörtert wurde. Nach Gaisers Deutung beschreibt er Platon als Prototyp eines theoretischen Lebens, das dem reinen Wahrheitsstreben und nicht dem unmittelbaren Nutzen gewidmet ist. Zugleich ist diese Darstellung nicht einfach polemisch. Dikaiarch kann die Eigenart der platonischen Schule sachlich würdigen, obwohl er selbst der praktisch-politischen Lebensform näherstand. Gerade dadurch wird die Akademie als eine Schule erkennbar, deren theoretische Ausrichtung antike Beobachter zugleich faszinieren und irritieren konnte.[456]

Die theoretische Seite der Akademie zeigt sich besonders in der Bedeutung der mathematischen Wissenschaften. In der von Philodem überlieferten Darstellung gibt Platon den Mathematikern Probleme vor und wirkt wie ein Architekt der Forschung. Die Schüler und Fachgelehrten arbeiten diese Probleme aus; die Akademie erscheint so als ein Raum gemeinsamer Untersuchung, nicht bloß als Lehranstalt im engeren Sinn. Fleischer weist darauf hin, dass die betreffende Verso-Kolumne nicht nur Mathematik behandelt, sondern auch die praktisch orientierten Nutznießer von Platons mathematischer Theorie erwähnt. Schon diese Verbindung zeigt, dass Theorie und Anwendung nicht strikt getrennt sind, sondern in einem spannungsvollen Verhältnis stehen.[457]

Für die Akademie ist Theorie daher nicht weltfremde Untätigkeit. Sie besitzt eine eigene Praxis: das Fragen, Prüfen, Rechnen, Argumentieren, Lesen, Schreiben und gemeinsame Leben in einer philosophischen Gemeinschaft. Diese Praxis unterscheidet sich allerdings von politischem Handeln und von unmittelbarem Nutzen. Der theoretische Bios der Schule richtet sich auf Wahrheit und Erkenntnis um ihrer selbst willen. Aus der Sicht eines peripatetischen Autors wie Dikaiarch konnte gerade diese Distanz zum bloß Nützlichen als Kennzeichen Platons erscheinen. Philodem bewahrt damit eine frühe Deutung, in der die Akademie als Ort des zweckfreien, aber methodisch strengen Forschens beschrieben wird.[458]

Die politische Praxis bleibt dennoch im Hintergrund ständig präsent. Platons Reisen nach Sizilien, sein Verhältnis zu Dion und Dionysios sowie die Frage, ob philosophische Einsicht politische Macht gestalten kann, gehören zu den wiederkehrenden Themen des Werkes. Philodem behandelt die sizilischen Ereignisse aber nicht als bloße politische Geschichte. Entscheidend ist für ihn, ob eine Person oder Episode für die Geschichte der Akademie philosophisch bedeutsam ist. Daher erklärt er bei Dion ausdrücklich, dass dessen Taten zwar von vielen Autoren behandelt worden seien, er selbst ihn aber wegen mangelnder philosophischer Bedeutung nicht ausführlich darstellen wolle. Die Grenze der Darstellung verläuft also nicht zwischen Theorie und Praxis schlechthin, sondern zwischen philosophisch relevanter und bloß äußerer Praxis.[459]

Ein besonders aufschlussreicher Gegenfall ist Chairon von Pellene. Er wird als Schüler Platons und Xenokrates’ bezeichnet, tritt aber später als Tyrann seiner Heimatstadt hervor. In der Überlieferung, die Philodem über Hermippos und Demochares bewahrt, wird damit die Frage sichtbar, ob akademische Bildung politisches Handeln wirklich veredelt oder auch zur Selbststilisierung missbraucht werden kann. Fleischer betont, dass Demochares Handlungen Chairons polemisch auf Platons Philosophie zurückführen wollte, ein ernsthafter Einfluss der Akademie auf die Errichtung seiner Tyrannis aber abwegig ist. Chairon bildet damit einen negativen Prüfstein für das Verhältnis von philosophischer Schulbildung und politischer Macht.[460]

Bei Polemon verschiebt sich die Spannung von der großen Politik auf die persönliche Lebensführung. In der von Antigonos von Karystos abhängigen Darstellung wird Polemon gerade dadurch ausgezeichnet, dass er Theorie nicht als bloße dialektische Kunst betreibt. Die bei Diogenes Laertios parallel überlieferte Sentenz, die Gaiser zur Erklärung des Philodem-Abschnitts heranzieht, bringt dies prägnant zum Ausdruck: Man müsse sich in den praktischen Lebensaufgaben üben, nicht in bloßen dialektischen Theoremen. Polemons Philosophie ist daher keine Absage an Theorie, sondern eine Kritik an einer Theorie, die nicht in Haltung, Charakter und Handeln übergeht.[461]

Dieses Motiv bestimmt auch Polemons öffentliche Haltung. Philodem berichtet ausführlicher als Diogenes Laertios, dass Polemon die Öffentlichkeit und große Menschenansammlungen mied, in Athen aber gerade wegen seiner Haltung, seiner Mäßigung und seiner Gesetzestreue bewundert wurde. Er erschien, wenn es nicht unbedingt nötig war, nicht vor Behörden oder Gerichten und lebte meist außerhalb der Stadt im Bereich der Akademie. Seine Zurückgezogenheit ist also nicht als Weltflucht im einfachen Sinn zu verstehen. Sie ist eine Lebenspraxis, in der philosophische Selbstbeherrschung, Distanz zur politischen Bühne und Anerkennung durch die Polis zusammenfallen.[462]

Auch die Gestalt des Arkesilaos zeigt, dass Theorie und Praxis nicht auseinanderfallen. Seine Wende zur skeptisch-aporetischen Akademie betrifft zunächst die Methode des Philosophierens: das Prüfen, Fragen und Zurückhalten des Urteils. Zugleich ist diese Methode eine praktische Haltung im Gespräch und in der Schule. Arkesilaos bricht nach Gaiser mit der altakademischen Tradition, bewahrt aber zugleich die Erinnerung an Polemon, Krates und Krantor als vorbildliche Gestalten. Die Veränderung der Lehre erscheint daher zugleich als Veränderung der philosophischen Praxis.[463]

Philodems Darstellung lässt sich deshalb nicht auf den Gegensatz von kontemplativer Theorie und tätiger Praxis verkürzen. Vielmehr zeigt sie verschiedene Formen ihrer Vermittlung. Bei Platon steht das theoretische Forschen im Mittelpunkt; bei Dion und Chairon wird die politische Praxis auf ihre philosophische Relevanz hin befragt; bei Polemon wird Theorie an Charakter und Lebensführung gemessen; bei Arkesilaos wird die Methode des Fragens selbst zur schulprägenden Praxis. In dieser Vielgestaltigkeit liegt ein wesentlicher historiographischer Wert des Werkes: Philodem bewahrt nicht nur Nachrichten über einzelne Akademiker, sondern auch antike Deutungen darüber, wie Philosophie im Leben wirksam werden soll.[464]

3. Institution „Schule“

Ein weiteres Leitmotiv von Philodems Geschichte der Akademie ist die Darstellung der Akademie als Institution. Damit ist nicht nur ein bestimmter Ort in Athen gemeint, sondern ein dauerhaftes Gefüge aus Lehrer-Schüler-Beziehungen, Nachfolgen, gemeinsamen Lebensformen, Erinnerungsorten, Texten, Schultraditionen und inneren Richtungswechseln. Philodem erzählt die Geschichte der Akademie daher nicht als lose Reihe einzelner Philosophen, sondern als Geschichte einer Schule, deren Identität über mehrere Jahrhunderte hinweg durch Zugehörigkeit, Unterricht, Leitung und Überlieferung gebildet wird. Schon die Einordnung des Akademie-Buches in Philodems umfassendere Syntaxis der Philosophen zeigt, dass die Akademie für ihn eine von mehreren philosophischen Richtungen ist, deren Geschichte nach Personen, Schulfolgen und Traditionslinien beschrieben werden kann.[465]

Die institutionelle Perspektive ist bereits in der Anlage des Werkes sichtbar. Philodem beginnt mit Platon, behandelt dann die Alte Akademie, die skeptische Akademie und die späte Akademie bis in seine eigene Zeit. Diese Ordnung entspricht nicht einfach einer modernen Periodisierung, sondern folgt dem antiken Interesse an Schulgründung, Nachfolge und Zugehörigkeit. Am Ende des Akademie-Buches kündigt Philodem ausdrücklich die Behandlung weiterer von Euklid von Megara, Phaidon von Elis und Antisthenes ausgehender Schulen und Schulfolgen an. Die dort genannten Begriffe αἱρέσεις (haireseis, „Schulen“ oder „Richtungen“) und διαδοχαί (diadochai, „Nachfolgen“) zeigen, dass die Geschichte der Philosophie für Philodem wesentlich als Geschichte institutionalisierter Traditionen gedacht ist.[466]

Für die frühe Akademie ist zunächst der konkrete Ort wichtig. Philochoros, den Philodem für topographische Angaben zu Platon heranzieht, berichtet von Statuen, Inschriften und Erinnerungsorten im Bereich der Akademie. Dadurch erscheint die Schule nicht nur als intellektuelle Gemeinschaft, sondern auch als räumlich verankerte Institution. Besonders aussagekräftig ist das von Platon gestiftete Museion, in dem Speusippos später Chariten-Statuen aufstellte. Die Akademie besitzt in dieser Überlieferung also sichtbare Zeichen ihrer Kontinuität: Heiligtum, Statuen, Inschriften und Weihungen verbinden den Gründer, seine Nachfolger und die Erinnerung der Schule miteinander.[467]

Noch stärker tritt der institutionelle Charakter in den Schülerlisten hervor. Philodem überliefert nicht nur einzelne berühmte Namen, sondern ganze Gruppen von Schülern und Anhängern. Solche Listen sind für Platon, Xenokrates, Arkesilaos, Karneades und mehrere spätere Akademiker besonders wichtig. Sie zeigen, dass die Akademie nicht nur durch eine Reihe von Schulhäuptern bestand, sondern durch ein Netzwerk von Personen, die in unterschiedlicher Nähe zur Schule standen. Fleischer hebt hervor, dass die langen Schülerlisten ein Indiz dafür sein könnten, dass Philodems Grundquelle aus dem akademischen Umfeld stammte oder wenigstens Zugang zu besonders gut informierten akademischen Traditionen hatte.[468]

Diese Listen erfüllen mehr als eine antiquarische Funktion. Sie machen sichtbar, wie philosophische Autorität weitergegeben wurde. Wer als Schüler Platons, Xenokrates’, Karneades’ oder Philios erscheint, wird in eine genealogische Ordnung der Schule eingeordnet. Dabei geht es nicht nur um Unterricht im engeren Sinn, sondern auch um Zugehörigkeit, Prägung und Erinnerung. In manchen Fällen fügt Philodem erläuternde Angaben hinzu oder ergänzt Namen nachträglich, wenn er weiteres Material gefunden hat. Die Institution „Akademie“ entsteht in seinem Werk daher auch durch redaktionelle Arbeit: Aus verstreuten Quellen, Listen, Viten und Nachträgen wird eine zusammenhängende Schulgeschichte hergestellt.[469]

Die Nachfolge der Schulhäupter bildet ein weiteres institutionelles Ordnungselement. Speusipp folgt auf Platon, Xenokrates auf Speusipp, später treten Polemon, Krates und Arkesilaos hervor. Gerade bei Arkesilaos wird deutlich, dass eine Schule institutionell weiterbestehen kann, obwohl sich ihre philosophische Ausrichtung stark verändert. Arkesilaos wendet sich von der Alten Akademie ab und prägt die skeptisch-aporetische Richtung, steht aber zugleich in der Nachfolge der akademischen Institution. Philodem kann deshalb Wandel und Kontinuität zugleich darstellen: Die Akademie bleibt dieselbe Schule, obwohl sich ihre Methode und ihr Selbstverständnis verändern.[470]

Auch die spätere Akademie wird bei Philodem über institutionelle Übergänge greifbar. Bei Kleitomachos etwa berichtet der Index Academicorum, dass er nach langer Schülerschaft bei Karneades eine eigene Schule im Palladion eröffnete und später die Akademie von Krates übernahm. Damit wird eine differenzierte Schulwirklichkeit sichtbar: Neben der Akademie im engeren Sinn konnten eigenständige Lehrorte entstehen, die dennoch in enger Beziehung zur akademischen Tradition standen. Dorandi hat sogar erwogen, dass Kleitomachos und Krates für eine Übergangszeit die Schule gemeinsam leiteten. Solche Angaben zeigen, dass Philodem nicht nur Lehrmeinungen sammelt, sondern institutionelle Prozesse wie Gründung, Leitung, Konkurrenz und Übergabe festhält.[471]

Die Neuedition präzisiert diese institutionelle Abfolge besonders für die Zeit nach Karneades. Die ältere Forschung rechnete zeitweise mit einem „Karneades dem Jüngeren“ als Nachfolger des berühmten Scholarchen. Fleischer hat diese Gestalt aus der Scholarchenliste gestrichen: An der betreffenden Stelle ist nicht ein Sohn des Karneades, sondern Polemarchos von Nikomedia zu erkennen, dem Krates von Tarsos folgte, bevor Kleitomachos die Akademie übernahm. Gerade diese Korrektur ist für das Leitmotiv der Institution wichtig, weil Philodem hier eine differenziertere Schulgeschichte bewahrt als die spätere, stärker vereinfachende Überlieferung.[472]

Die Akademie war zudem keine ausschließlich athenische Erscheinung. In der Schülerliste des Karneades erscheinen Personen aus verschiedenen Regionen der griechischen Welt. Besonders Zenodoros von Tyros ist aufschlussreich, weil er in Alexandria offenbar eine Schule leitete, die Fleischer als nicht institutionalisierte, aber faktische Außenstelle der Akademie beschreibt. Dadurch tritt die Akademie als überregionales Netzwerk hervor. Ihre institutionelle Kraft bestand nicht allein in einem Ort, sondern auch in der Fähigkeit, Schüler, Lehrer und akademische Formen des Philosophierens in andere Zentren der Mittelmeerwelt ausstrahlen zu lassen.[473]

Für Philodems eigene Gegenwart gewinnt dieses Motiv besondere Bedeutung. Am Ende des Werkes häufen sich Schülerlisten und Angaben zu persönlichen Verbindungen; einige Informationen scheinen Philodem aus eigener Kenntnis oder aus zeitnaher Mitteilung erhalten zu haben. Die Schule ist hier nicht mehr nur Gegenstand einer älteren, aus Büchern exzerpierten Tradition, sondern Teil eines lebendigen philosophischen Milieus des 1. Jahrhunderts v. Chr. Gerade die Nachrichten über Philio von Larissa, Antiochos von Askalon und deren Umfeld zeigen die Akademie als Institution im Übergang: alte skeptische Traditionen, neue dogmatische Tendenzen und persönliche Schülerverhältnisse überschneiden sich.[474]

Die institutionelle Perspektive zeigt sich nicht nur im erzählten Inhalt, sondern auch in der materiellen Gestalt der Überlieferung. PHerc. 1691/1021 ist als Entwurfsfassung ein Arbeitsmanuskript mit Nachträgen, Verso-Kolumnen, Klebungen, Dubletten und Zeichen zur Einfügung oder Umstellung von Text. Die Geschichte der Akademie wurde also nicht nur abgeschrieben, sondern in einem sichtbaren Arbeitsprozess geordnet, erweitert und redaktionell bearbeitet. Die Institution „Schule“ erscheint damit auch als philologische Aufgabe: Philodem sammelt, prüft, ergänzt und arrangiert Nachrichten über Schulfolgen, Schülerlisten und Lehrzusammenhänge, um für seine eigene Umgebung eine zusammenhängende Geschichte der Akademie herzustellen.[475]

Philodems Darstellung der Akademie als Schule ist daher mehrschichtig. Sie umfasst den Ort der Akademie in Athen, die Erinnerung an Platon, die Abfolge der Schulhäupter, Schülerlisten, ausgelagerte Lehrorte, regionale Netzwerke und die innere Veränderung der Lehre. Die Schule erscheint nicht als starres Gebäude und auch nicht als bloßes Lehrsystem, sondern als soziale und intellektuelle Institution, die durch Menschen, Texte, Räume und Nachfolgen fortbesteht. Gerade darin liegt ein besonderer Wert des Werkes: Philodem bewahrt eine antike Sicht darauf, wie philosophische Traditionen organisatorisch, biographisch, räumlich und materiell Gestalt gewinnen.[476]

4. Biographie als philosophische Deutung

Philodems Geschichte der Akademie folgt einem biographischen Grundmuster, das für die antike Philosophiegeschichtsschreibung kennzeichnend ist. Die Darstellung fragt nicht nur, welche Lehren ein Philosoph vertreten hat, sondern auch, wie seine Lebensführung, sein Charakter, seine Schülerbeziehungen, seine politischen Handlungen und sein Tod gedeutet wurden. Biographie ist hier deshalb nicht bloße Ausschmückung, sondern ein Mittel philosophischer Interpretation. Das Leben eines Philosophen wird als sichtbarer Ausdruck seiner Bildung, seiner Überzeugungen und seiner Stellung innerhalb einer Schule verstanden. Gaiser weist darauf hin, dass die antiken Philosophenbiographen, denen Philodem folgt, das Leben der Philosophen offenbar als „manifesten Ausdruck ihrer Lehre“ schildern wollten.[477]

Schon der Aufbau des Akademie-Buches zeigt diese Perspektive. Philodem bietet keine systematische Darstellung platonischer Lehrsätze und auch keine reine Chronik der Institution. Er verbindet Schulgeschichte mit Lebensbeschreibungen. Bei Platon, Speusippos, Xenokrates, Polemon, Krantor, Arkesilaos, Karneades, Philio von Larissa und Antiochos von Askalon werden Herkunft, Lehrer, Schüler, Charakterzüge, öffentliche Wirkung und philosophische Ausrichtung miteinander verschränkt. Dadurch entsteht ein Geschichtsbild, in dem die Entwicklung der Akademie an Personen sichtbar wird. Die einzelne Biographie steht nicht isoliert, sondern trägt zur Deutung der Schule als ganzer bei.[478]

Am Anfang steht Dikaiarchs Platon-Bios, den Philodem ausführlich auswertet. Dikaiarch von Messene interessiert sich weniger für eine äußere Lebensgeschichte Platons als für dessen philosophische Leistung und die Lebensform der von ihm gegründeten Schule. Die biographische Darstellung wird dadurch zur Deutung Platons als Gestalt, in der sokratische, pythagoreische und eigene Elemente zusammengeführt werden. Auch die Angaben zu Platons Dialogen, zur Wirkung seiner Schriften, zur Mathematik und zum Umgang mit Schülern sind nicht nur Nachrichten über einzelne Ereignisse. Sie zeigen, was für eine Art von Philosoph Platon gewesen sein soll und welche Lebensform die Akademie verkörperte.[479]

Besonders deutlich wird die philosophische Funktion der Biographie bei Polemon. Die Darstellung seiner Jugend und seiner späteren Hinwendung zur Philosophie folgt dem Topos der Bekehrung, bleibt aber nicht bei einer moralischen Anekdote stehen. Der Wandel vom ausschweifenden jungen Mann zum selbstbeherrschten Akademiker erklärt zugleich den Charakter seiner Philosophie. Seine Würde, seine Seelenruhe, seine Distanz zur Öffentlichkeit und seine Forderung, Ethik im Alltag zu üben, werden als Einheit von Lehre und Leben präsentiert. Polemons Biographie deutet seine Philosophie nicht von außen, sondern zeigt sie im vollzogenen Leben.[480]

Auch Krantor erscheint bei Philodem nicht nur als Autor und Schüler Polemons, sondern als Gestalt, deren philosophische Bedeutung durch Lebensende, Begräbnis, Wirkung und Schülerkreis erschlossen wird. Gerade der Vergleich mit Diogenes Laertios zeigt den Wert von Philodems ausführlicherer Überlieferung. Während Diogenes den Wunsch Krantors, in der Heimat bestattet zu werden, verkürzt überliefert, bewahrt Philodem die Fortsetzung der Episode: Polemon überredete Krantor, sich doch in Athen in einem gemeinsamen Grab bestatten zu lassen. Die biographische Einzelheit erhält dadurch schulgeschichtliche Bedeutung. Sie zeigt Nähe, Freundschaft, Zugehörigkeit zur Akademie und die symbolische Kraft des gemeinsamen Erinnerungsortes.[481]

Bei Antigonos von Karystos, der für Philodems Darstellung von Polemon, Krantor, Krates und Arkesilaos besonders wichtig ist, ist diese Form der Deutung programmatisch. Gaiser beschreibt als eigentliches Thema seiner Lebensbeschreibungen den im Bios hervortretenden persönlichen Charakter des Philosophen als lebendige Ausprägung seiner Erkenntnisse und Überzeugungen. Dazu gehören nicht nur Lehren, sondern auch literarischer Geschmack, Stil, Vorbilder, Umgangsformen, Affekte, Selbstbeherrschung und öffentliche Haltung. Der philosophische Charakter wird nicht abstrakt behauptet, sondern durch Szenen, Urteile, Episoden und Verhaltensweisen anschaulich gemacht.[482]

Arkesilaos zeigt, dass biographische Deutung auch Richtungswechsel innerhalb der Schule verständlich machen kann. Seine Abkehr von der Alten Akademie und die Hinwendung zu einer skeptisch-aporetischen Praxis werden nicht nur als Lehränderung beschrieben, sondern mit seiner Ausbildung, seinen Lehrern, seinen philosophischen Vorbildern und seinem Auftreten als Scholarch verbunden. Die berühmte Charakterisierung, die ihn mit Platon, Pyrrhon und Diodoros verbindet, deutet seine philosophische Gestalt zugleich genealogisch und typologisch. Arkesilaos wird dadurch nicht einfach als Vertreter einer These vorgestellt, sondern als eine Person, in der verschiedene Traditionen und Methoden zu einer neuen akademischen Haltung zusammentreten.[483]

Die biographische Deutung kann bei Philodem auch kritisch oder negativ ausfallen. Dies zeigt Chairon von Pellene, den Philodem über Hermippos behandelt. Chairon war mit der Akademie verbunden, wurde aber später als Tyrann seiner Heimatstadt bekannt. Seine Lebensgeschichte stellt damit die Frage, ob philosophische Bildung im politischen Handeln bewährt oder pervertiert wird. Gerade weil Philodem diese abseitige Gestalt aufnimmt, wird sichtbar, dass Zugehörigkeit zur Akademie nicht automatisch philosophische Vorbildlichkeit bedeutet. Biographie dient hier nicht der Verherrlichung, sondern der Prüfung des Verhältnisses zwischen philosophischem Anspruch und tatsächlichem Verhalten.[484]

Zugleich bleibt Philodem gegenüber seinen Quellen erkennbar auswählend und ordnend. Er übernimmt viele biographische Nachrichten, aber er integriert sie in eine Schulgeschichte und bewertet ihre Relevanz. Bei Dion von Syrakus erklärt er ausdrücklich, warum er dessen politische Geschichte nicht ausführlich behandelt: Für das im Werk verfolgte Ziel sei sie nicht in gleicher Weise einschlägig. Diese methodische Bemerkung ist wichtig, weil sie zeigt, dass Philodem biographisches Material nicht wahllos sammelt. Eine Lebensgeschichte wird für ihn dann wichtig, wenn sie zur Geschichte der Akademie, zur Charakterisierung eines Akademikers oder zur Deutung einer philosophischen Richtung beiträgt.[485]

Am Ende des Werkes verändert sich die biographische Perspektive nochmals. Philodem bleibt nicht nur Kompilator älterer Bücher, sondern tritt als Zeitzeuge hervor. Für die späte Akademie, besonders für Philio von Larissa und Antiochos von Askalon, konnte er auf zeitnahe Informationen und offenbar auch auf eigene Erfahrung zurückgreifen. Bei Antiochos bezeugen neue Lesungen, dass Philodem ihn selbst bewunderte und dass Antiochos ihm seinerseits Zuneigung entgegenbrachte; auch die Nennung von Philodems Freunden aus dem Kreis des Antiochos zeigt persönliche Nähe. Die Biographie wird hier zur lebendigen Erinnerung: Philodem beschreibt nicht mehr nur Gestalten einer vergangenen Schulgeschichte, sondern Personen aus einem Milieu, in dem er sich selbst bewegt hatte.[486]

So entsteht ein Werk, in dem Biographie, Schulgeschichte und Philosophie ineinandergreifen. Philodem bewahrt Anekdoten, Lebensdaten und Charakterbilder nicht um ihrer selbst willen, sondern weil sie zeigen, wie Philosophie in Personen Gestalt annimmt. Platon verkörpert den Ursprung der theoretischen Forschungsgemeinschaft; Polemon die Umformung des Charakters durch Ethik; Krantor die Verbindung von Bildung, Freundschaft und schulischer Erinnerung; Arkesilaos die methodische Neuprägung der Akademie; Chairon die problematische Grenze zwischen philosophischer Bildung und politischer Macht; Antiochos die Nähe zwischen überlieferter Schulgeschichte und Philodems eigener philosophischer Gegenwart. Biographie wird damit zu einer Deutungsform, in der die Geschichte der Akademie als Geschichte gelebter Philosophie erscheint.[487]

XI. Historische Zuverlässigkeit und Grenzen

1. Wert der Überlieferung

Der Wert von Philodems Geschichte der Akademie liegt zunächst darin, dass sie die älteste erhaltene zusammenhängende Darstellung der Akademie ist. Das Werk ist nicht durch die normale mittelalterliche Abschriftentradition überliefert, sondern durch die verkohlten herkulanensischen Papyri aus der Villa dei Papiri. Dadurch ist ein Text erhalten geblieben, der nicht erst durch spätantike oder byzantinische Auswahlprozesse gefiltert wurde. Obwohl der Papyrus stark beschädigt ist, bewahrt er eine ungewöhnlich breite Schulgeschichte von Platon bis in die Zeit des Antiochos von Askalon. Fleischer hebt deshalb hervor, dass der Index Academicorum glaubwürdige und zum Teil exklusive Nachrichten über Platon und zahlreiche Akademiker enthält und im Vergleich mit Diogenes Laertios die Qualität dieser Überlieferung besonders deutlich wird.[488]

Besonders wichtig ist die Schrift, weil Philodem zahlreiche ältere Autoren auswertete, deren Werke heute verloren sind oder nur in verstreuten Fragmenten greifbar bleiben. Für die frühe Akademie treten unter anderem Dikaiarchos, Philochoros, Neanthes von Kyzikos, Hermippos von Smyrna und Antigonos von Karystos hervor; für spätere Abschnitte ist vor allem Apollodor von Athen mit seinen Chronika von Bedeutung. Philodem ist daher nicht nur ein einzelner Gewährsmann, sondern zugleich ein Sammelpunkt älterer biographischer, chronographischer, lokalhistorischer und philosophiegeschichtlicher Traditionen. Die Schrift bewahrt damit Material, das ohne den Papyrus entweder gar nicht oder nur in wesentlich späterer, stärker umgeformter Gestalt zugänglich wäre.[489]

Für die Platonforschung besitzt der Anfangsteil einen besonderen Rang, weil er Nachrichten zur frühen Rezeption Platons, zur Organisation der Schule und zu Platons Wirkung als Lehrer und Schriftsteller enthält. Gaiser betont, dass Philodems Akademie-Buch einiges überliefert, was als zuverlässig gelten darf und andernorts nur ungenauer oder überhaupt nicht bezeugt ist. Gerade im Dikaiarch-Exzerpt begegnet ein relativ früher peripatetischer Blick auf Platon: Nicht einzelne Anekdoten stehen dort im Vordergrund, sondern Platons philosophische Leistung, die Wirkung seiner Dialoge, die Bedeutung der Mathematik in der Akademie und die Lebensform der Schule. Die quellenkritische Bedeutung dieser Überlieferung zeigt sich auch daran, dass Dikaiarch nicht bloß Lebensdaten sammelte, sondern offenbar auch literarisch-philosophische Urteile über Platon formulierte; Fleischer verweist in diesem Zusammenhang auf die bei Diogenes Laertios bezeugte Kritik Dikaiarchs am Stil des Phaidros als φορτικός (phortikós, etwa „auf äußere Wirkung berechnet“). Dadurch erhält die Schrift einen Wert, der über die bloße Sammlung biographischer Einzelheiten hinausgeht.[490][491]

Auch für die Geschichte der Akademie nach Platon ist Philodem vielfach unersetzlich. Die Abschnitte über Speusipp, Xenokrates, Polemon, Krantor von Soloi, Krates und Arkesilaos verbinden Schulnachfolge, Charakterbild, Schülerbeziehungen und einzelne Lehrtraditionen. Besonders die langen Schülerlisten machen sichtbar, dass die Akademie nicht nur aus den bekannten Schulhäuptern bestand, sondern ein weit verzweigtes Netzwerk von Lehrern, Schülern und intellektuellen Kontakten bildete. Fleischer weist mehrfach darauf hin, dass einzelne bei Philodem genannte Akademiker sonst unbekannt sind; so überliefert der Papyrus in der Karneades-Tradition eine Liste von 21 Akademikern, die fast alle ausschließlich hier belegt sind. Für die Prosopographie der Akademie ist das Werk daher eine Quelle ersten Ranges.[492]

Diese prosopographische Bedeutung zeigt sich auch dort, wo Philodem ältere oder moderne Fehlrekonstruktionen korrigiert. Ein besonders aufschlussreicher Fall betrifft die Nachfolge des Karneades: Was in der älteren Forschung als „Karneades der Jüngere“, ein vermeintlicher Sohn des Polemarch, galt, beruht nach Fleischers Neurekonstruktion auf Fehlrekonstruktionen und Falschlesungen. Der Nachfolger des Karneades nach dessen Rückzug hieß vielmehr Polemarch von Nikomedien; einen zweiten Karneades habe es nach dem Papyrus nicht gegeben. Gerade solche Fälle zeigen, dass Philodems Text nicht nur bekannte Schulgeschichten ergänzt, sondern die Überlieferung selbst an entscheidenden Punkten berichtigen kann.[493]

Ein weiterer Wert der Überlieferung liegt in ihrer chronologischen Dichte. Philodem bewahrt nicht nur Namen und Anekdoten, sondern auch Archontendaten, Lebensalter, Schüler-Lehrer-Verhältnisse und Angaben zu Aufenthaltsorten. Besonders die von Apollodor abhängigen Partien helfen, die spätere Akademie zeitlich genauer zu ordnen. Die Neulesung, dass Philio von Larissa bei dem Grammatiker Apollodor hörte, verbindet die Geschichte der Akademie mit der hellenistischen Gelehrsamkeit Athens und zeigt zugleich, wie eng philosophische und grammatisch-literarische Bildung im späten 2. Jahrhundert v. Chr. verflochten waren.[494] Für die späte Akademie ist Philodem zudem deswegen bedeutsam, weil er den Übergang von der skeptischen Tradition zu den dogmatischeren Positionen des Antiochos von Askalon aus einer zeitlich nahen Perspektive bezeugt.[495]

Die zeitliche Nähe des Berichts wird am Ende der Schrift besonders greifbar. Philodem berichtet nicht nur vom Tod des Antiochos, sondern auch davon, dass dessen Bruder und Schüler Aristos die Schule übernahm. Der Tod des Aristos wird hingegen nicht erwähnt; da Aristos seinen Bruder nach Fleischers Kommentar um rund 22 Jahre überlebte, passt dieses Schweigen zu einer Abfassung in einer Zeit, in der Aristos noch als lebende oder jedenfalls noch nicht historisch abgeschlossene Gestalt der akademischen Schultradition erschien. Der Papyrus bewahrt damit nicht nur eine rückblickende Kompilation, sondern an seinem Ende auch eine außergewöhnlich unmittelbare Momentaufnahme der Akademie im 1. Jahrhundert v. Chr.[496]

Die Schrift ist zugleich eine wichtige Quelle für die antike Philosophiegeschichtsschreibung selbst. Sie zeigt, wie Schulgeschichte im Hellenismus und in der späten Republik geschrieben wurde: über Gründer, Nachfolger, Schülerlisten, charakteristische Lebenszüge, politische Episoden, Todesnachrichten und chronologische Fixpunkte. Gerade weil PHerc. 1691/1021 ein Arbeitsmanuskript bewahrt, lässt sich der Prozess der Kompilation ungewöhnlich gut beobachten. Ergänzungen, Umstellungen, Rückseitenkolumnen und Klebungen zeigen, dass Philodem seine Vorlagen nicht nur mechanisch abschrieb, sondern auswählte, ordnete, nachträglich erweiterte und in eine fortlaufende Schulgeschichte einfügte.[497]

Der historische Wert der Überlieferung besteht daher nicht allein darin, dass einzelne Angaben wahr oder falsch sein können. Das Werk ist auch dort aufschlussreich, wo es literarische Gestaltung, biographische Deutung oder schulische Erinnerung überliefert. Es zeigt, welche Personen für die Geschichte der Akademie als erinnerungswürdig galten, welche Eigenschaften man einem Philosophen zuschrieb und wie spätere Autoren das Verhältnis von Lehre, Lebensführung und Schulzugehörigkeit verstanden. Philodem bietet damit nicht nur Daten zur Akademie, sondern auch ein antikes Archiv ihrer Wahrnehmung. Gerade diese Verbindung von exklusiver Information, älteren Quellen, chronologischer Struktur und sichtbarem Arbeitsprozess macht die Geschichte der Akademie zu einer der bedeutendsten Quellen für die Erforschung Platons und seiner Schule.[498]

2. Probleme der Tradition

Die historische Auswertung von Philodems Geschichte der Akademie wird durch den Zustand der Überlieferung erheblich erschwert. Der erhaltene Text beruht vor allem auf PHerc. 1691/1021, also nicht auf einer fertigen Buchabschrift, sondern auf einer Entwurfsfassung. Diese Rolle ist an vielen Stellen beschädigt, lückenhaft oder nur über alte Abzeichnungen und moderne Bildverfahren zugänglich. Hinzu kommen verlorene Kolumnen, verschobene Textstücke, Ergänzungen zwischen den Zeilen, Randzusätze und auf der Rückseite geschriebene Nachträge. Gerade weil dieses Arbeitsmanuskript den Entstehungsprozess des Werkes sichtbar macht, ist es für die Forschung besonders wertvoll; zugleich ist aber nicht immer sicher, welche Zusätze Philodem endgültig in den fortlaufenden Text aufnehmen wollte und an welcher Stelle sie stehen sollten.[499]

Ein erstes Problem liegt daher in der materiellen Fragmentarität. Zahlreiche Wörter und Satzteile sind nur teilweise erhalten, andere beruhen auf Ergänzungen aus dem Kontext. Die Edition muss zwischen sichtbaren Buchstaben, alten disegni, modernen Nahinfrarot- und Hyperspektralbildern, papyrologischer Rekonstruktion und philologischer Wahrscheinlichkeit vermitteln. Dadurch entstehen unterschiedliche Grade von Sicherheit. Manche Lesungen sind heute gegenüber älteren Ausgaben deutlich verbessert; andere bleiben hypothetisch. Fleischer betont deshalb in seiner Editionsmethode die Unterscheidung zwischen diplomatischem Transkript, literarischem Transkript, kritischem Apparat und Kommentar: Erst das Zusammenspiel dieser Ebenen macht sichtbar, was der Papyrus tatsächlich zeigt und was aus Gründen des Sinns oder der Parallelüberlieferung ergänzt wird.[500]

Die erheblichen Textgewinne der Neuedition beruhen dabei nicht darauf, dass sich auf den neuen Bildern einfach durchgehend große Textmengen unmittelbar ablesen ließen. Fleischer beschreibt vielmehr einen papyrologischen „Dominoeffekt“: Schon ein oder zwei zusätzlich erkannte Buchstaben können ausreichen, um in einer stark fragmentarischen Passage ein Wort, eine syntaktische Struktur oder sogar eine ganze Sinneinheit zu rekonstruieren. Dadurch werden zuvor sinnlos erscheinende Buchstabenfolgen in der Umgebung verständlich; zugleich bleibt aber sichtbar, dass solche Rekonstruktionen von einer Kette interdependenter philologischer Entscheidungen abhängen. Der Zugewinn an Text ist deshalb methodisch kontrolliert, aber nicht mit mechanischer Lesbarkeit zu verwechseln.[501]

Ein zweites Problem betrifft die Werkgestalt. PHerc. 1691/1021 überliefert Philodems Akademie-Buch „in statu nascendi“. Der Text enthält Verweise, Einfügungen, Tilgungen, Dubletten und Umstellungen; PHerc. 164 bezeugt demgegenüber eine spätere Endfassung, ist aber nur in kleinen Resten erhalten. Die heute lesbare Fassung ist daher weder einfach mit Philodems erstem Entwurf noch vollständig mit seiner endgültigen Redaktion gleichzusetzen. Schon Gaiser hatte darauf hingewiesen, dass die Herstellung der von Philodem intendierten Ordnung die Verbindung von Papyrusbefund, Nachträgen und späterer Fassung verlangt; Fleischer hat diese Problemlage durch die Einbeziehung von PHerc. 1691, der Verso-Kolumnen und der bibliometrischen Rollenrekonstruktion weiter präzisiert.[502][503]

Ein drittes Problem liegt in der Quellenstruktur. Philodem schrieb keine eigenständige Geschichte der Akademie im modernen Sinn, sondern arbeitete exzerpierend. Er übernahm ältere Berichte, ordnete sie um, verband verschiedene Traditionsstränge und ergänzte sie durch weitere Quellen. Für viele Kolumnen lassen sich seine Vorlagen mit großer Wahrscheinlichkeit bestimmen; dennoch bleibt die Frage nach einer möglichen „Grundquelle“ offen. Fleischer hält es für unwahrscheinlich, dass Philodem alle Quellen des Haupttextes unabhängig zusammensuchte, warnt aber zugleich davor, eine bestimmte einzelne Vorlage als Hauptquelle zu postulieren. Wahrscheinlicher ist ein lockerer Orientierungsrahmen aus einer oder mehreren philosophiegeschichtlichen Vorlagen, in den Philodem weitere Exzerpte einfügte.[504]

Diese Quellenlage begrenzt die historische Auswertung. Wenn Philodem Dikaiarchos, Philochoros, Neanthes von Kyzikos, Hermippos von Smyrna, Antigonos von Karystos oder Apollodor von Athen exzerpiert, ist oft nicht unmittelbar zu entscheiden, ob eine Aussage auf unmittelbarer Kenntnis, auf einer Zwischenquelle oder auf einer bereits geformten Schultradition beruht. Auch dort, wo der Name eines Autors genannt wird, bleibt zu fragen, ob Philodem das Werk direkt benutzte oder es aus einer späteren Zusammenfassung übernahm. Bei nicht ausdrücklich genannten Quellen können sprachliche und sachliche Indizien eine Zuweisung wahrscheinlich machen, aber selten vollständig beweisen. Deshalb ist die Quellenanalyse ein gestuftes Wahrscheinlichkeitsurteil und keine einfache Rückführung jedes Abschnitts auf einen sicher identifizierten Autor.[505]

Hinzu kommt der Charakter antiker Philosophenbiographie. Viele Nachrichten über Philosophen wurden nicht nur als nüchterne Daten überliefert, sondern als charakterisierende Episoden. Lebensführung, Tod, Schülerverhältnisse, politische Handlungen und einzelne Aussprüche dienten dazu, eine philosophische Haltung sichtbar zu machen. Solche Berichte können historische Erinnerungen bewahren, sind aber häufig literarisch zugespitzt. Gaiser verweist bereits in seiner Einführung darauf, dass die antike Literatur über Philosophen oft persönliche und kuriose Einzelheiten bevorzugt und dass diese „Kleinigkeiten“ zwar nicht ohne weiteres Platons Denken erklären, aber zeigen, wie die Nachwelt das Leben der Philosophen deuten wollte.[506]

Besonders deutlich wird diese Problematik an einzelnen biographischen Traditionen über Platon. Die Erzählung vom Verkauf Platons auf Ägina kann nach Gaiser einen historischen Kern besitzen, ist aber in der Überlieferung stufenweise ausgestaltet worden. Bei Neanthes erscheint Platon offenbar als Unbekannter, der von Spartanern gefangen genommen und verkauft wird; in anderen Versionen wird der Vorfall mit Dionysios I. von Syrakus verbunden, später mit einem Auftrag an den Spartaner Pollis. Die Überlieferung zeigt damit nicht nur ein Ereignis, sondern auch seine literarische Anreicherung. Für die historische Rekonstruktion ist daher nicht entscheidend, eine spätere Gesamtfassung unkritisch zu übernehmen, sondern die älteren und jüngeren Traditionsschichten voneinander zu unterscheiden.[507]

Auch die Tendenz einzelner Quellen ist zu beachten. Demochares etwa wird bei Philodem für die Darstellung des Herakleides Pontikos herangezogen, doch Philodem distanziert sich nach Gaisers und Fleischers Analyse an einer Stelle offenbar selbst von der zugespitzten Überlieferung. Das zeigt, dass Philodem nicht jede Anekdote kritiklos übernimmt; zugleich macht es deutlich, dass seine Quellen zum Teil polemische oder moralisch wertende Interessen verfolgten. Die Grenze der Überlieferung liegt also nicht nur im beschädigten Papyrus, sondern auch in der Absicht der älteren Autoren, aus denen Philodem schöpfte.[508][509]

Schließlich zeigt die Forschungsgeschichte selbst, wie vorsichtig die Angaben des Papyrus auszuwerten sind. Ältere Lesungen und Quellenhypothesen mussten durch neue Bilder, neue Autopsie und genauere Rekonstruktion mehrfach korrigiert werden. Ein besonders folgenreiches Beispiel ist der Name des Scholarchen Philio von Larissa, der in der älteren Forschung gewöhnlich als Philo galt, nach Fleischers Neulesung aber im Papyrus mit zusätzlichem Iota erscheint. Solche Fälle zeigen, dass selbst scheinbar feststehende prosopographische Angaben revidiert werden können, wenn der materielle Befund genauer gelesen wird.[510]

Die Grenzen der Tradition mindern daher nicht den Rang von Philodems Werk, bestimmen aber die Art seiner Benutzung. Die Geschichte der Akademie ist keine neutrale Datenbank antiker Schulgeschichte, sondern ein fragmentarisch erhaltenes Arbeitsmanuskript, das ältere, teilweise verlorene Quellen in einer bestimmten redaktionellen Ordnung zusammenführt. Historisch zuverlässig ist es vor allem dort, wo der Papyrus gut lesbar ist, die Quelle erkennbar bleibt und Parallelüberlieferungen oder chronologische Zusammenhänge die Angabe stützen. Wo der Text lückenhaft ist, die Quelle unsicher bleibt oder eine Episode erkennbar literarisch geformt wurde, muss die Aussage als Zeugnis einer Tradition, nicht ohne weiteres als unmittelbarer Tatsachenbericht behandelt werden.[511]

3. Vergleich mit Parallelquellen

Der Vergleich mit Parallelquellen ist für die historische Beurteilung von Philodems Geschichte der Akademie besonders wichtig, weil er zweierlei sichtbar macht: Einerseits bestätigt er, dass Philodem häufig auf ältere und gute Überlieferung zurückgreift; andererseits zeigt er, dass einzelne Nachrichten bereits in der Antike verschieden geformt, gekürzt oder umgedeutet wurden. Die wichtigsten Vergleichsautoren sind Diogenes Laertios, Cicero und Plutarch. Sie überliefern teilweise dieselben Personen und Ereignisse, verfolgen aber andere literarische Ziele. Diogenes bietet eine spätere philosophiegeschichtliche Sammlung mit stark biographischem und doxographischem Interesse; Cicero verwendet akademische Tradition vor allem in philosophischen und rhetorischen Zusammenhängen; Plutarch gestaltet einzelne Stoffe stärker moralisch-biographisch aus. Philodem steht demgegenüber oft näher an älteren Vorlagen und bewahrt besonders dort selbständige Informationen, wo spätere Autoren vereinfachen oder nur bekannte Schulhäupter berücksichtigen.[512]

Diogenes Laertios

Der wichtigste Vergleichspartner ist Diogenes Laertios, weil seine Leben und Meinungen berühmter Philosophen die einzige andere erhaltene antike Philosophiegeschichte größeren Umfangs darstellen. Zwischen beiden Werken bestehen sichtbare Berührungen. Beide behandeln Platon, die Akademie und die Abfolge der Schulhäupter, beide nutzen ältere biographische und chronographische Quellen, und beide greifen für einzelne Akademiker auf Traditionsstoffe zurück, die letztlich auf dieselben älteren Autoren zurückgehen können. Dennoch sind die Werke nicht einfach voneinander abhängig. Fleischer betont, dass sich Aufbau und Buchfolge der Syntaxis Philodems und des Werkes des Diogenes deutlich unterscheiden; die ältere Vermutung, Philodem habe Diogenes in der Struktur wesentlich beeinflusst, wird durch die Neulesung des Endes des Index Academicorum erheblich geschwächt.[513]

Inhaltlich zeigt der Vergleich ein wechselndes Bild. Bei Platon verwendet Diogenes teils dieselben Quellennamen wie Philodem, etwa Dikaiarchos und Neanthes von Kyzikos, aber nicht unbedingt für dieselben Informationen. Philodems erhaltene Platon-Vita ist stärker biographisch und schulgeschichtlich ausgerichtet; ein großer doxographischer Teil, wie ihn Diogenes im dritten Buch bietet, ist für den verlorenen Anfang des Index Academicorum nicht nachweisbar. Bei Speusipp und Xenokrates gibt es Parallelen, doch bewahren beide Autoren auch je eigenes Material. Im Unterschied zu Diogenes fehlen bei Philodem durchgehend Werklisten und Homonymenlisten; dafür bietet Philodem umfangreiche Schülerlisten, die bei Diogenes nicht stehen und für die Prosopographie der Akademie besonders wichtig sind.[514]

Besonders aufschlussreich ist die unterschiedliche Behandlung einzelner Personen. Philodem ordnet Herakleides Pontikos zutreffend der Akademie zu, während Diogenes ihn im fünften Buch unter die Peripatetiker stellt. Umgekehrt nimmt Diogenes den Kyniker Bion von Borysthenes in sein Buch über die Akademie auf, während Philodem ihn nicht berücksichtigt. Chairon von Pellene, eine für die Geschichte der Akademie abseitige, aber traditionsgeschichtlich wichtige Figur, erscheint bei Philodem, fehlt aber bei Diogenes. Solche Unterschiede zeigen, dass beide Autoren nicht einfach dieselbe fertige Akademiegeschichte ausschreiben, sondern verschieden auswählen und die Schulzugehörigkeit einzelner Personen unterschiedlich gewichten.[515]

Bei Polemon, Krantor von Soloi, Krates und Arkesilaos nähern sich die Darstellungen stärker an, weil beide Autoren letztlich Material aus Antigonos von Karystos benutzen. Gaiser erklärt, dass Philodem die Antigonos-Viten in der Regel ausführlicher und vorlagennäher wiedergibt, während Diogenes stärker kürzt, umstellt und mit anderem Material verbindet. Diogenes kann zuweilen Sätze oder Einzelheiten bewahren, die bei Philodem fehlen; im Ganzen aber ist Philodem für diese Abschnitte oft der näher an der älteren biographischen Tradition stehende Zeuge.[516]

Noch deutlicher wird Philodems Eigenwert in der Darstellung der Neuen Akademie. Diogenes beschränkt sich stärker auf die bekannten Schulhäupter und bricht die akademische Traditionslinie faktisch früher ab; Philodem führt die Geschichte dagegen über Kleitomachos hinaus bis in seine eigene Gegenwart fort. Für die Zeit zwischen Lakydes und Karneades sowie für die Nachfolger und Schüler des Karneades bietet Philodem zahlreiche Namen, Daten und Schulverbindungen, die bei Diogenes ganz fehlen. Dazu gehören die Kreise um Polemarch von Nikomedien, Krates von Tarsos, Charmadas von Alexandria, Melanthios von Rhodos, Metrodor von Stratonikeia und Aischines von Neapolis. Gerade hier zeigt sich, dass Philodem nicht nur eine Parallelquelle zu Diogenes ist, sondern die Überlieferung der Akademiegeschichte in entscheidenden Punkten überhaupt erst ermöglicht.[517]

Ein besonders deutliches Beispiel für den Korrekturwert Philodems betrifft die Nachfolge des Karneades. In der älteren Forschung wurde aus der späteren und teils missverstandenen Tradition ein „Karneades der Jüngere“ erschlossen, der als Sohn eines Polemarch galt und zeitweise als Nachfolger des Karneades angesetzt wurde. Nach Fleischers Neurekonstruktion beruht diese Annahme auf Fehlrekonstruktionen und Falschlesungen. Der Nachfolger des Karneades nach dessen Rückzug war vielmehr Polemarch von Nikomedien; einen zweiten Karneades habe es demnach nicht gegeben. Der Vergleich mit Diogenes zeigt hier nicht nur eine Lücke oder Abweichung, sondern einen Fall, in dem Philodem die historisch plausiblere Sukzession bewahrt und eine spätere Verzeichnung der akademischen Schulgeschichte korrigierbar macht.[518]

Cicero

Marcus Tullius Cicero ist für den Vergleich mit Philodem in anderer Weise wichtig. Er schrieb keine Philosophiegeschichte der Akademie, sondern verwendete akademische Tradition in Dialogen, Reden und Briefen. Gleichwohl ist er ein zeitnaher Zeuge für die späte Akademie und für das philosophische Milieu, in dem auch Philodem lebte. Cicero hörte während seines Athenaufenthalts 79/78 v. Chr. sowohl Antiochos von Askalon als auch Zenon von Sidon, also den späteren Lehrer Philodems. Dadurch berühren sich seine eigene philosophische Bildung und der Erfahrungsraum, aus dem Philodem am Ende des Index Academicorum berichtet. Fleischer hält es für möglich, dass Philodem und Cicero bereits im Athen dieser Zeit in denselben Kreisen verkehrten; sicherer ist, dass beide über Zenon von Sidon und über die spätere römisch-campanische Philosophenwelt miteinander verbunden sind.[519]

Ciceros Zeugnisse bestätigen und ergänzen Philodem besonders bei der Späten und Neuen Akademie. Für Karneades berichtet Cicero aus philosophischer Perspektive über dessen außerordentliche dialektische Begabung und nennt Zenon von Sidon als Gewährsmann für eine trotz Schulgegensatzes bewundernde Einschätzung des Akademikers. Philodem besitzt seinerseits ein auffälliges Interesse an Karneades, was gut damit zusammenpasst, dass sein epikureischer Lehrer Zenon den Akademiker noch gehört hatte. In dieser Konstellation wird Philodem nicht nur als Kompilator älterer Bücher, sondern als Autor greifbar, der noch über lebendige Erinnerungswege mit der spätakademischen Tradition verbunden war.[520]

Ein wichtiger Vergleichsfall ist die römische Gesandtschaft von 155 v. Chr., an der Karneades beteiligt war. Cicero machte die berühmten Reden des Karneades über die Gerechtigkeit zu einem zentralen Beispiel akademischer Argumentationskunst. Philodem beziehungsweise seine Vorlage scheint dagegen stärker den politischen Erfolg der Gesandtschaft, nämlich die Reduktion der gegen Athen verhängten Strafsumme, festgehalten zu haben; eine Bestätigung der bei Cicero überlieferten dramatischen Redepaarung ergibt sich aus dem erhaltenen Philodem-Text nicht. Fleischer weist darauf hin, dass gerade dieses Ausbleiben einer Bestätigung vorsichtig zu bewerten ist: Es kann bedeuten, dass Philodems Quelle den Auftritt in Rom weniger spektakulär darstellte, beweist aber nicht, dass Ciceros philosophisch-literarische Ausgestaltung völlig ohne historischen Kern ist.[521]

Auch bei Kleitomachos ergänzt Cicero die bei Philodem sichtbare Schulgeschichte. Cicero nutzte Kleitomachos als wichtigen Vermittler der karneadeischen Skepsis und überliefert dessen Eingeständnis, er habe nie sicher verstehen können, was Karneades selbst gebilligt habe. Philodem zeigt seinerseits die institutionelle Seite derselben Tradition: Kleitomachos kam nach Athen, hörte Karneades, leitete zeitweilig eine eigene Schule im Palladion und übernahm später die Akademie. Zusammen ergeben Cicero und Philodem daher ein vollständigeres Bild: Cicero beleuchtet die philosophische Interpretation des Karneades durch Kleitomachos, Philodem die Chronologie und institutionelle Stellung des Kleitomachos innerhalb der Akademie.[522]

Besonders aufschlussreich ist der Vergleich bei Philio von Larissa. In der späteren Überlieferung und auch in der modernen Forschung wurde der Scholarch gewöhnlich als Philo bezeichnet. Die Neuedition des Papyrus zeigt jedoch, dass Philodem den Namen mit zusätzlichem Iota als Philio überliefert. Gerade im Vergleich mit Cicero, für den der akademische Lehrer aus Larissa philosophisch wichtig war, erhält diese Namensform besonderes Gewicht: Philodem steht hier nicht nur einer späteren literarischen Tradition gegenüber, sondern bewahrt als zeitnaher Zeuge eine prosopographische Einzelheit, die den vertrauten Namen der Überlieferung korrigiert.[523]

Die zeitliche Nähe Philodems wird auch am Ende der Akademiegeschichte sichtbar. Philodem berichtet vom Tod des Antiochos und davon, dass dessen Bruder und Schüler Aristos die Schule übernahm. Den Tod des Aristos erwähnt er dagegen nicht. Da Aristos seinen Bruder nach Fleischers Kommentar um rund 22 Jahre überlebte, spricht dieses Schweigen dafür, dass Philodem die Darstellung in einer Phase verfasste, in der Aristos noch als lebende oder jedenfalls noch nicht historisch abgeschlossene Gestalt der Schultradition galt. Im Vergleich zu Cicero, der Antiochos und die spätere Akademie aus eigener philosophischer Erfahrung kannte, zeigt sich Philodem damit als Zeuge derselben Übergangszeit, aber mit einem stärker schulgeschichtlichen Interesse an Nachfolge, Leitung und institutioneller Kontinuität.[524]

Cicero ist darüber hinaus ein äußerer Zeuge für Philodem selbst. In der Rede In Pisonem zeichnet er Philodem als gebildeten Epikureer und Dichter im Umfeld des Lucius Calpurnius Piso Caesoninus; in De finibus nennt er Philodem zusammen mit Siro als gelehrte Epikureer in Kampanien. Diese Zeugnisse betreffen nicht unmittelbar die Akademiegeschichte, bestätigen aber Philodems Stellung im intellektuellen Netzwerk der römischen Oberschicht. Sie erklären zugleich, warum ein epikureischer Autor wie Philodem ein so genaues Interesse an fremden Schulen, insbesondere an der Akademie, entwickeln konnte: Er stand in einer Welt, in der philosophische Schultraditionen nicht isoliert, sondern in persönlichem Kontakt, literarischer Konkurrenz und römischer Patronage miteinander verflochten waren.[525]

Plutarch

Plutarch ist vor allem dort eine wichtige Parallelquelle, wo Philodem Episoden aus Platons sizilischen Beziehungen, Dion und Dionysios I. behandelt. Seine Vita Dionis bietet eine zusammenhängende moralisch-biographische Darstellung, während Philodem nur einzelne, teils aus älteren Quellen übernommene Partien überliefert. Der Vergleich zeigt, dass Philodem häufig eine einfachere oder weniger ausgebaute Fassung eines Stoffes bewahrt. So erscheint bei Philodem die Anekdote vom Zerwürfnis Platons mit Dionysios I. in knapper Form: Der Tyrann fragt nach dem Glücklichsten, Platon antwortet nicht in der erwarteten Weise, und der Herrscher nimmt seine Freimütigkeit übel. Gaiser weist darauf hin, dass spätere Autoren wie Plutarch, Diogenes Laertios und Olympiodor dieselbe Grundsituation ausführlicher ausgestalten und mit unterschiedlichen philosophischen Motiven verbinden.[526]

Der Vergleich mit Plutarch hilft dabei, zwischen historischem Kern und literarischer Form zu unterscheiden. Die Szene zwischen Platon und Dionysios I. folgt einem bekannten Erzählmuster: Ein Herrscher fragt einen Weisen nach Glück oder Macht und erhält eine unerwartete, den Herrscher kränkende Antwort. Gaiser vergleicht die Form mit dem Gespräch zwischen Kroisos und Solon bei Herodot. Das bedeutet nicht, dass Platons Konflikt mit Dionysios unhistorisch wäre; wohl aber ist die konkrete Gesprächsform literarisch geprägt. Philodem bietet hier offenbar eine frühe und schlichte Gestalt der Tradition, während Plutarch stärker moralisch ausdeutet und den Gegensatz zwischen Philosophie und Tyrannis plastischer gestaltet.[527]

Bei der zweiten und dritten Sizilienreise Platons stimmen Philodems Grundzüge mit den platonischen Briefen und mit Plutarchs Dion vielfach überein. Gaiser hebt hervor, dass Philodem die Ereignisse in groben Zügen so darstellt, wie sie auch aus dem siebten und dritten Brief sowie aus Plutarch bekannt sind. Neu oder besonders eigenständig ist bei Philodem ein Wortwechsel zwischen Dionysios und Platon vor dem endgültigen Bruch. Plutarch hilft hier, die politischen und persönlichen Voraussetzungen zu verstehen, während Philodem eine knappe, möglicherweise ältere Traditionsfassung bewahrt.[528]

Auch im Zusammenhang mit Dions Entschluss zum Kampf gegen Dionysios ist Plutarch eine wichtige Vergleichsquelle. Philodem berichtet relativ ausführlich über eine Begegnung Platons mit Dion in Olympia und über eine Rede Platons an den zum Kampf entschlossenen Freund. Plutarch überliefert ebenfalls die Spannung zwischen persönlicher Bindung, philosophischer Rücksicht und politischem Widerstand. Bei Philodem tritt stärker Platons Zurückhaltung gegenüber gewaltsamer Befreiung hervor; bei Plutarch wird dasselbe Motiv in eine moralische Lebensbeschreibung Dions eingebettet. Der Vergleich zeigt, dass beide Autoren nicht einfach voneinander abhängen müssen, sondern aus einer breiteren Tradition über Platons Verhältnis zu Dion schöpfen.[529]

Plutarch ist schließlich auch bei einzelnen politischen und prosopographischen Nachrichten ein Kontrollzeuge. In der Karneades-Tradition teilt der Index Academicorum mit Plutarch die Angabe, dass die Athener im ursprünglichen Strafverfahren nicht erschienen seien; mit Pausanias stimmt Philodem in der genauen Reduktion der Strafsumme überein. Solche Übereinstimmungen sind wichtig, weil sie zeigen, dass Philodems Vorlage nicht isoliert steht, sondern an eine breitere historische Überlieferung angeschlossen ist. Zugleich zeigen die Abweichungen, dass einzelne Autoren je nach Interesse andere Elemente auswählten: Philodem bewahrt chronologische und schulgeschichtliche Daten, Plutarch bevorzugt moralisch und politisch erzählbare Situationen.[530]

Der Vergleich mit Diogenes Laertios, Cicero und Plutarch bestätigt damit den hohen historischen Rang von Philodems Werk, macht aber auch seine Grenzen sichtbar. Wo Philodem mit Parallelquellen übereinstimmt, gewinnt seine Darstellung besonderes Gewicht. Wo er abweicht, ist nicht vorschnell von Irrtum auszugehen; oft bewahrt er eine ältere, knappere oder anders interessierte Traditionsschicht. Der Index Academicorum ist daher weder bloß durch Diogenes zu ergänzen noch durch Cicero oder Plutarch zu korrigieren, sondern bildet neben ihnen einen eigenständigen Überlieferungsstrang. Gerade im Zusammenspiel dieser Quellen lässt sich die Geschichte der Akademie historisch vorsichtig, aber erheblich genauer rekonstruieren.[531]

XII. Philodems Perspektive als Epikureer

1. Grundhaltung

Philodems Darstellung der Akademie ist von seiner Zugehörigkeit zum Epikureismus her zu verstehen, ohne dass sie sich darauf reduzieren lässt. Philodem war kein neutraler Antiquar, sondern ein epikureischer Philosoph, der in Athen bei Zenon von Sidon studiert hatte und in der Tradition des Kepos stand. Seine philosophische Grundbindung galt Epikur und den frühen Epikureern; zugleich bewegte er sich aber in einem Milieu, in dem die Geschichte der anderen Schulen für die eigene Orientierung wichtig war. Gerade deshalb behandelte er die Platonische Akademie nicht als bloßes Gegenbild zum Epikureismus, sondern als geschichtlich gewachsene Schule mit eigenen Lehrern, Schülerfolgen, Krisen und Wandlungen.[532]

Die Geschichte der Akademie gehörte zu Philodems größerer Syntaxis der Philosophen, also zu einer geordneten Darstellung philosophischer Schulen und Schultraditionen. Der erhaltene Akademie-Teil war demnach nicht als isolierte Schrift konzipiert, sondern als ein Buch innerhalb eines umfassenderen philosophiegeschichtlichen Unternehmens. Dass die Syntaxis wohl mindestens zehn Bücher umfasste und wahrscheinlich mit Epikur und den Epikureern endete, zeigt, dass Philodem die Geschichte der anderen Schulen aus der Perspektive eines Epikureers ordnete, der am Ende die eigene Schule als Bezugspunkt setzte. Das Akademie-Buch steht daher zwischen Gelehrsamkeit und Schulinteresse: Es sammelt historische Nachrichten über eine fremde Schule, dient aber zugleich der Selbstvergewisserung und Orientierung des epikureischen Leserkreises.[533][534]

Philodems epikureische Perspektive beruhte dabei nicht nur auf Buchgelehrsamkeit, sondern auch auf persönlicher und intellektueller Nähe zu akademischen Kreisen. Nach den Neulesungen im Index Academicorum hielt sich Philodem vor seiner Athener Studienzeit einige Zeit in Alexandria auf; Fleischer nimmt an, dass er dort bereits Kontakte in das philosophische Milieu, möglicherweise auch zu Akademikern, knüpfte. Alexandria erscheint damit als ein biographischer Schlüssel für Philodems spätere Breite: Sein Interesse an der Geschichte anderer Schulen ist nicht erst aus der Situation des römischen Italien zu erklären, sondern aus einer Sozialisation in mehreren hellenistischen Bildungszentren.[535]

Diese epikureische Grundhaltung zeigt sich nicht in grober Polemik, sondern in der Auswahl und Ordnung des Stoffes. Philodem interessiert sich besonders für Lebensformen, Schülerverhältnisse, Schulnachfolgen, persönliche Beziehungen, Charakterbilder und institutionelle Kontinuitäten. Damit folgt er dem antiken Genre der Schulgeschichte, in dem philosophische Schulen nicht nur durch Lehrsätze, sondern auch durch Gründer, Nachfolger und Schülerkreise beschrieben wurden. Für einen Epikureer war eine solche Übersicht nicht bloß antiquarisch nützlich. Sie half, die konkurrierenden Schulen in ihrer historischen Entwicklung zu verstehen, ihre maßgeblichen Autoritäten einzuordnen und philosophische Kontroversen nicht nur als Streit abstrakter Lehren, sondern als Auseinandersetzung lebendiger Schultraditionen zu begreifen.[536]

Bemerkenswert ist dabei, dass Philodem die Akademie nicht systematisch herabsetzt. Fleischer hebt ausdrücklich hervor, dass der Index Academicorum durch eine sachliche Darstellung gekennzeichnet ist; man gewinne nicht den Eindruck, dass ein Epikureer tendenziös seine eigene Weltsicht einfließen lasse, und selbst versteckte Seitenhiebe seien kaum zu erkennen. Daraus ergibt sich ein wichtiger Befund: Philodems Epikureertum bestimmt den Rahmen des Werkes, nicht aber jeden einzelnen Satz seiner Darstellung. Er schreibt als Vertreter einer Schule, aber er behandelt die Akademie in weiten Teilen als Gegenstand historischer Forschung. Seine Perspektive ist daher parteilich im Ausgangspunkt, aber häufig nüchtern in der Durchführung.[537]

Diese Nüchternheit passt zu Philodems allgemeinem philosophischem Profil. In der neueren Forschung wird er als Epikureer beschrieben, der sich stark auf Epikur, die ersten Generationen der Schule und seinen Lehrer Zenon von Sidon bezog. Seine Schriften zeigen ein Interesse an richtiger Auslegung, an Autorität innerhalb der Schule und an der Abgrenzung gegenüber rivalisierenden Deutungen des Epikureismus. Gerade deshalb ist die Beschäftigung mit der Akademie kein Widerspruch zu seiner Orthodoxie. Sie zeigt vielmehr, dass ein gebildeter Epikureer des 1. Jahrhunderts v. Chr. die gegnerischen Traditionen kennen musste, um die eigene Position historisch und argumentativ zu bestimmen.[538]

Philodem war dabei kein bloßer Abschreiber. Die Neuedition hat deutlich gemacht, dass er eine oder mehrere Grundquellen benutzte, ältere Exzerpte übernahm, Stoffe umstellte, ergänzte und nachträglich weiteres Material einfügte. Für große Teile des Rekto nimmt Fleischer eine Art akademiehistorischer Grundquelle an, die Philodem nicht mechanisch kopierte, sondern bearbeitete; daneben zog er weitere Autoren heran und ergänzte eigene oder mündlich vermittelte Kenntnisse. Die epikureische Grundhaltung des Werkes liegt daher auch in der redaktionellen Kontrolle: Philodem übernimmt fremde Überlieferung, aber er ordnet sie in ein eigenes philosophiegeschichtliches Projekt ein.[539]

Besonders aufschlussreich ist der Umgang mit zeitgenössischer oder fast zeitgenössischer Überlieferung. Wo Philodem in die Nähe seiner eigenen Lebenszeit kommt, tritt neben die ältere Kompilation teilweise eigene Kenntnis. So spricht er bei der späten Akademie über Personen und Verhältnisse, die mit seinem eigenen intellektuellen Umfeld verbunden waren. Seine Beziehungen zu Akademikern, besonders zu Antiochos von Askalon, und sein möglicher Kontakt zu akademischen Kreisen in Alexandria machen die Darstellung der letzten Akademiker nicht zu einer fernen Schulchronik, sondern zu einer zeitnahen Beobachtung philosophischer Gegenwart.[540]

Besonders wichtig ist Philodems Verhältnis zu Antiochos von Askalon. Antiochos war zwar kein Epikureer, sondern der Vertreter einer akademischen Richtung, die sich von der skeptischen Akademie abwandte und stärker dogmatische Positionen vertrat. Philodem kannte ihn jedoch persönlich oder stand ihm jedenfalls durch gemeinsame philosophische Netzwerke nahe. Neulesungen haben nach Fleischer gezeigt, dass Philodem Antiochos selbst bewunderte oder schätzte und dass Antiochos Philodem seinerseits Zuneigung entgegenbrachte. Die fast vollständige Abwesenheit polemischer Angriffe erklärt sich daher nicht allein aus literarischer Zurückhaltung, sondern auch aus realen interschulischen Beziehungen.[541]

Die Grundhaltung des Werkes lässt sich deshalb als epikureische, aber nicht eng polemische Philosophiegeschichtsschreibung bestimmen. Philodem schreibt aus der festen Bindung an die eigene Schule heraus, doch er benötigt die Geschichte der Akademie als Wissensbestand, Gesprächsgrundlage und Vergleichsfolie. Die Akademiker erscheinen nicht einfach als Irrende, sondern als Glieder einer bedeutenden philosophischen Tradition. In diesem Sinn ist die Geschichte der Akademie zugleich ein Dokument epikureischer Gelehrsamkeit und ein Zeugnis dafür, dass die hellenistischen Schulen einander nicht nur bekämpften, sondern auch historisch beobachteten, sammelten und auswerteten.[542]

2. Bemerkenswerte Sachlichkeit

Auffällig an Philodems Geschichte der Akademie ist, dass ein erklärter Epikureer die platonische Schule nicht in erster Linie als Gegnerin behandelt. Die Darstellung ist zwar aus der Perspektive eines Autors geschrieben, dessen eigene philosophische Bindung an Epikur und Zenon von Sidon feststeht, doch der erhaltene Text vermeidet weitgehend den Ton einer Schulstreitschrift. Fleischer bezeichnet die sachliche Darstellung der Akademie ausdrücklich als ein Charakteristikum des Index Academicorum und betont, man gewinne nicht den Eindruck, dass Philodem als Epikureer tendenziös seine eigene Weltsicht einfließen lasse; nicht einmal versteckte Sticheleien oder Seitenhiebe seien zu verzeichnen.[543]

Diese Sachlichkeit ist umso bemerkenswerter, als zwischen Epikureern und Akademikern sachliche Gegensätze bestanden. Die Akademie war seit Arkesilaos und besonders seit Karneades mit skeptischer Dialektik verbunden, während der Epikureismus an der Möglichkeit sicherer Erkenntnis festhielt und eine eigene Kanonik entwickelte. Philodem hätte also durchaus Anlass gehabt, die akademische Tradition als erkenntnistheoretisch oder ethisch verfehlt darzustellen. Stattdessen ordnet er die Akademiker chronologisch, nennt Lehrer- und Schülerverhältnisse, berichtet über Schulnachfolgen, Lebensdaten, Charakterzüge, Reisen, politische Verbindungen und literarische Leistungen. Die Polemik tritt, soweit der erhaltene Text erkennen lässt, hinter das Interesse an historischer Orientierung zurück.[544]

Die nüchterne Anlage hängt auch mit dem Charakter des Werkes als Schulgeschichte zusammen. Philodems Akademie-Buch ist im Wesentlichen eine biographisch strukturierte Darstellung der platonischen Schule von Platon bis in die eigene Zeit des Autors und besteht großenteils aus Exzerpten älterer Quellen. Gaiser hebt hervor, dass Philodem dabei Nachrichten verarbeitet, die teils genauer als sonst, teils sogar nur hier überliefert sind. Gerade diese quellennahe Arbeitsweise begünstigt eine gewisse Zurückhaltung: Philodem sammelt und ordnet Material, statt es fortlaufend durch epikureische Kritik zu überformen.[545]

Ein Beispiel für diese Haltung bietet der Umgang mit Platon selbst. Philodem übernimmt zu Beginn der erhaltenen Darstellung umfangreiche ältere Nachrichten, insbesondere aus Dikaiarchos, Philochoros und Neanthes von Kyzikos. Die dadurch entstehende Platon-Darstellung enthält zwar auch kritische oder ambivalente Züge, etwa im Blick auf die Wirkung der Dialoge oder auf spätere anekdotische Überlieferungen, aber sie ist nicht einfach gegen Platon gerichtet. Dikaiarchs Bild Platons bewahrt vielmehr eine peripatetische, nicht epikureische Bewertung: Platon erscheint als bedeutender Erneuerer der Philosophie, als Impulsgeber mathematischer Forschung und als Gestalt, deren Schule eine eigene Lebensform ausbildete. Dass Philodem eine solche Quelle ausführlich heranzieht, ohne sie durch epikureische Polemik zu entwerten, zeigt die Eigenständigkeit der historischen Perspektive.[546]

Auch bei späteren Akademikern überwiegt nicht die Herabsetzung, sondern die Rekonstruktion von Schulzusammenhängen. Die Schülerlisten, Nachfolgen und biographischen Notizen zur Skeptischen Akademie, zu Philio von Larissa und zu Antiochos von Askalon zeigen ein Interesse an innerakademischer Kontinuität. Fleischer nimmt für große Teile des Haupttextes eine akademiehistorische Grundquelle an, die möglicherweise aus dem Umfeld der Akademie stammte und sogar Zugang zu internen oder schwer zugänglichen Informationen hatte. Wenn diese Annahme zutrifft, bewahrt Philodem in erheblichem Umfang Material, das nicht aus epikureischer Polemik, sondern aus akademischer Selbstüberlieferung oder akademienaher Historiographie hervorgegangen sein könnte.[547]

Besonders deutlich wird Philodems Sachlichkeit dort, wo seine Quellen selbst polemisch sind. Für Herakleides Pontikos und Chairon von Pellene verarbeitet er Material aus politisch zugespitzten und philosophiekritischen Zusammenhängen. Gerade hier ist nicht immer Philodem der Urheber der scharfen Töne; er übernimmt ältere Berichte, deren Tendenz aus der jeweiligen Quelle zu erklären ist. Gaiser zeigt für den Abschnitt über Herakleides, dass Philodem sich mit einer tendenziösen Darstellung des Redners Demochares auseinandersetzt und sich nicht einfach mit ihr identifiziert. Die Darstellung enthält also auch Fälle, in denen Philodem polemisches Material überliefert, aber zugleich erkennbar zwischen Quelle, Bericht und eigener Bewertung unterscheidet.[548]

Ein weiteres Zeichen der Zurückhaltung ist der Umgang mit Karneades. Aus epikureischer Sicht hätte Karneades als Hauptvertreter der skeptischen Akademie ein naheliegendes Ziel scharfer Kritik sein können. Philodem zeigt jedoch Interesse an seinem historischen Rang, an seiner Schülerwirkung und an der Ausstrahlung seiner Schule. Fleischer spricht im Zusammenhang mit der Schülerliste des Karneades von einem eindrucksvollen Zeugnis für die Strahlkraft und das Ansehen, das die Akademie unter Karneades in der griechisch-römischen Welt genoss. Zugleich weist er darauf hin, dass Philodem selbst an Karneades auch deshalb besonderes Interesse gehabt haben könnte, weil sein Lehrer Zenon von Sidon Karneades noch gehört hatte.[549]

Die Sachlichkeit der Darstellung ist daher nicht mit Gleichgültigkeit zu verwechseln. Philodem kannte die akademische Tradition nicht nur als Gegnerin des Epikureismus, sondern als eine lebendige Gesprächspartnerin. Seine Nähe zu Antiochos von Askalon und zu dessen Schülern, aber auch die Nachricht, dass Zenon von Sidon Karneades noch gehört und trotz aller sachlichen Gegensätze offenbar bewundert hatte, zeigen ein Milieu, in dem Schulgrenzen deutlich blieben, persönliche Achtung und gelehrte Neugier aber weiterhin möglich waren. Gerade diese interschulischen Beziehungen erklären, warum Philodem die Akademie nicht als bloßes Feindbild behandelt, sondern als historische Tradition, deren jüngste Vertreter ihm teilweise persönlich nahestanden.[550]

Die Sachlichkeit bedeutet allerdings nicht, dass Philodem moderne historische Neutralität anstrebt. Er schreibt als antiker Philosoph, nicht als unbeteiligter Wissenschaftler. Seine Auswahl des Stoffes, sein Interesse an Schulnachfolgen, sein Blick auf Lebensformen und seine Einordnung der Akademie in eine größere Syntaxis der Philosophen bleiben von der hellenistischen Schulphilosophie geprägt. Doch gerade innerhalb dieses Rahmens ist seine Darstellung auffallend wenig aggressiv. Die Akademiker werden nicht bloß als Irrlehrer vorgeführt, sondern als Träger einer langen und wirkmächtigen Tradition beschrieben, deren Geschichte auch für einen Epikureer wissenswert war.[551]

Darin liegt ein wesentlicher Quellenwert des Werkes. Philodems epikureische Herkunft macht seine Geschichte der Akademie nicht verdächtig im Sinn einer bloßen Gegnerschrift, sondern erhöht in gewisser Weise ihre Aussagekraft: Ein Autor außerhalb der Akademie bewahrt deren Geschichte mit beträchtlicher Sorgfalt und ohne erkennbare systematische Verzerrung. Die Schrift ist daher zugleich ein Zeugnis für interschulische Konkurrenz und für eine gelehrte Kultur, in der selbst die Geschichte einer rivalisierenden Schule gesammelt, geordnet und als gemeinsamer Wissensbestand verfügbar gemacht wurde.[552]

3. Philosophiegeschichtsschreibung als Diskursinstrument

Philodems Geschichte der Akademie ist nicht nur als Sammlung biographischer Nachrichten zu verstehen, sondern auch als Instrument philosophischer Orientierung. Das Werk gehört zur Syntaxis der Philosophen, einer größeren Darstellung der philosophischen Schulen, in der Philodem verschiedene Traditionen geordnet zusammenstellte. Der Titel Syntaxis bezeichnet dabei nicht eine frei erfundene Darstellung, sondern eine systematische Zusammenordnung älterer Materialien. Gerade diese Form machte das Werk für philosophische Diskussionen brauchbar: Wer über die Akademie, ihre Lehrer, Schüler, Schulrichtungen und Wandlungen sprechen wollte, erhielt eine chronologische und prosopographische Grundlage.[553]

Als Diskursinstrument wirkte eine solche Philosophiegeschichtsschreibung auf mehreren Ebenen. Sie gab zunächst Orientierung darüber, wer in welcher Schultradition stand, wer wessen Lehrer oder Schüler war und welche Richtung eine Schule im Lauf der Zeit einschlug. Fleischer weist darauf hin, dass Philodem mit dem Index Academicorum vermutlich für sich und andere Epikureer eine enzyklopädische Grundlage für die philosophische Auseinandersetzung mit anderen Schulen schaffen wollte. In gebildeten Kreisen war offenbar nicht mehr selbstverständlich bekannt, welcher Akademiker zu welcher Zeit lebte, wessen Zeitgenosse er war und welche Positionen er vertrat. Die Geschichte der Akademie diente daher nicht bloß der Erinnerung, sondern der Herstellung eines gemeinsamen Wissenshorizonts für aktuelle Debatten.[554]

In diesem Sinn hatte das Akademie-Buch auch eine enzyklopädische Funktion. Philodem wollte mit dem Index Academicorum offenbar eine zuverlässige Grundlage schaffen, um in der Auseinandersetzung mit anderen Schulen nicht auf vage Erinnerungen oder vereinzelte Anekdoten angewiesen zu sein. Gerade im 1. Jahrhundert v. Chr. war es für die philosophische Debatte wichtig zu wissen, welcher Philosoph wann lebte, wessen Schüler er war, welcher Richtung er angehörte und wie sich einzelne Schulzweige voneinander unterschieden. Die Geschichte der Akademie war damit eine Art faktenbasiertes Archiv der platonischen Tradition, das im epikureischen Kreis zur historischen Klärung aktueller Streitfragen dienen konnte.[555]

Diese Funktion erklärt auch die starke Aufmerksamkeit für Schulfolgen, Schülerlisten und Lebensdaten. In der antiken Philosophie waren Lehren nicht von ihren Trägern und Überlieferungswegen abgelöst. Eine Position gewann Gewicht dadurch, dass sie einer Schule, einem Lehrer, einer Tradition oder einer autoritativen Gründergestalt zugeordnet werden konnte. Philodems Werk bewegt sich damit in der Nähe der antiken Diadochai-Literatur, also der Darstellung von Sukzessionen philosophischer Lehrer. Gaiser ordnet die Syntaxis der Philosophen ausdrücklich in diesen Typus philosophiegeschichtlicher, vorwiegend biographisch angelegter Werke ein und betont, dass Philodem ältere und als zuverlässig geltende Autoren auswertete.[556]

Für einen Epikureer war diese Form der Geschichtsschreibung besonders nützlich. Die epikureische Schule verstand sich selbst als eine Tradition, die auf Epikur und seine ersten Schüler zurückging und deren Lehre gegen konkurrierende Deutungen zu sichern war. Philodem bewegte sich in einem Umfeld, in dem die genaue Kenntnis anderer Schulen zur Verteidigung der eigenen Position gehörte. Die Darstellung der Akademie konnte deshalb dazu dienen, den Gegner nicht nur sachlich, sondern historisch zu verstehen: Wer die Entwicklung von Platon über die Alte Akademie und die skeptische Akademie bis zu Philio von Larissa und Antiochos von Askalon kannte, konnte die gegenwärtigen akademischen Positionen besser einordnen.[557]

Dabei ist wichtig, dass Philodem nicht einfach eine epikureische Kampfschrift gegen die Akademie verfasst. Gerade weil seine Darstellung weitgehend sachlich bleibt, ist sie als Diskursinstrument wirksam. Polemik ersetzt keine Orientierung; Philodems Verfahren besteht vielmehr darin, historische Daten, ältere Quellen und Schultraditionen verfügbar zu machen. Die Sachlichkeit des Werkes ist deshalb nicht als Mangel an philosophischem Interesse zu verstehen, sondern als Voraussetzung seiner Brauchbarkeit. Eine zuverlässige Übersicht über die Akademie konnte im Streit der Schulen mehr leisten als bloße Herabsetzung: Sie machte sichtbar, welche Traditionen tatsächlich bestanden, wo Brüche eintraten und welche Lehrer für welche Entwicklung verantwortlich waren.[558]

Ein anschauliches Beispiel für diese Funktion bietet Metrodoros von Stratonikeia. Nach der Überlieferung war er ursprünglich Epikureer, wechselte aber zur Akademie und wurde Schüler des Karneades; Fleischer verweist darauf, dass Karneades ihn den Epikureern „abspenstig“ gemacht habe und dass er angeblich der einzige Epikureer gewesen sei, der jemals den Kepos verließ. Gerade solche Grenzgänger machten die Geschichte der rivalisierenden Schulen für Philodem besonders relevant. Sie zeigten, dass Schulzugehörigkeit in der hellenistischen Philosophie nicht nur abstrakte Lehrmeinung war, sondern auch persönliche Bindung, intellektuelle Attraktion und sozialer Wechsel zwischen konkurrierenden Kreisen bedeutete.[559]

Besonders deutlich wird diese Funktion an der Behandlung der späten Akademie. Philodem berichtet nicht nur über längst vergangene Gestalten wie Platon, Speusippos oder Xenokrates, sondern führt die Darstellung bis in seine eigene Zeit fort. Damit wird Philosophiegeschichte zur Gegenwartsanalyse. Die Akademie erscheint nicht als abgeschlossenes Denkmal, sondern als lebendige Tradition, deren jüngste Entwicklungen für Philodems eigene philosophische Welt noch unmittelbar relevant waren. Seine Kontakte zu akademischen Philosophen, besonders zu Antiochos von Askalon, zeigen, dass die Darstellung nicht in gelehrter Ferne verbleibt, sondern mit realen Begegnungen und aktuellen Schuldebatten verbunden ist.[560]

Auch die Quellenarbeit selbst hat in diesem Zusammenhang argumentative Bedeutung. Philodem übernimmt ältere Autoren nicht wahllos, sondern ordnet sie in einen historischen Zusammenhang ein. Fleischer nimmt an, dass Philodem für große Teile des Haupttextes eine oder mehrere akademiehistorische Grundquellen benutzte, sie aber nicht mechanisch abschrieb. Er übernahm Exzerpte, ließ manches aus, stellte Material um und ergänzte später weitere Informationen. Gerade dadurch entstand eine Darstellung, die nicht nur ältere Stimmen bewahrte, sondern sie für einen neuen Gebrauch aufbereitete: Die Vergangenheit der Akademie wurde in eine Form gebracht, in der sie im philosophischen Gespräch des 1. Jahrhunderts v. Chr. verwendbar war.[561]

Philosophiegeschichtsschreibung ist bei Philodem daher weder bloße Chronik noch moderne Ideengeschichte. Sie ist eine gelehrte Praxis innerhalb der Schulphilosophie. Sie sammelt Namen, Lebensläufe, Nachfolgen, Anekdoten und Lehrhinweise, weil diese Elemente in der antiken Debattenkultur Beweiskraft und Orientierungswert besitzen konnten. Wer wusste, wie eine Schule entstanden war, welche Autoritäten sie beanspruchte und wie sie sich verändert hatte, konnte ihre gegenwärtigen Ansprüche prüfen. Philodems Geschichte der Akademie macht die Akademie deshalb zugleich zum Gegenstand historischer Rekonstruktion und zum Material philosophischer Auseinandersetzung.[562]

In diesem Sinn verbindet das Werk epikureische Schulbindung mit einer breiteren gelehrten Öffentlichkeit. Es diente vermutlich der Unterweisung im Kreis Philodems, konnte aber auch für ein weiteres philosophisch interessiertes Publikum verständlich und nützlich sein. Die Akademie wurde dabei nicht als bloße Gegnerin abgefertigt, sondern als eine der großen Traditionen der griechischen Philosophie historisch erschlossen. Gerade diese Verbindung von parteilicher Ausgangsposition, quellenbezogener Sachlichkeit und praktischer Diskursfunktion macht Philodems Geschichte der Akademie zu einem wichtigen Zeugnis hellenistischer Philosophiegeschichtsschreibung.[563]

XIII. Bedeutung für die moderne Forschung

1. Rekonstruktion der gesamten Akademiegeschichte

Für die moderne Forschung liegt die besondere Bedeutung von Philodems Geschichte der Akademie darin, dass das Werk nicht nur einzelne Nachrichten über Platon und seine Schüler bewahrt, sondern einen über mehrere Jahrhunderte reichenden Zusammenhang der Geschichte der Akademie sichtbar macht. Die Darstellung führt von Platon über die Alte Akademie und die skeptische Wende bis in die Zeit des Antiochos von Askalon und damit bis an die Schwelle von Philodems eigener Gegenwart. Sie ist deshalb keine bloße Sammlung verstreuter Anekdoten, sondern eine antike Schulgeschichte, in der Personen, Nachfolgen, Schülerkreise, Ortswechsel und Richtungsänderungen miteinander verbunden werden. Gerade dieser Zusammenhang ist für die Forschung entscheidend, weil die übrige antike Überlieferung zur Akademie entweder stärker biographisch zersplittert ist oder, wie bei Diogenes Laertios, in wichtigen Punkten anders auswählt und früher abbricht.[564]

Schon Gaiser bestimmte Philodems Akademie-Buch als eine biographisch angelegte, im Wesentlichen aus Exzerpten älterer Schriften bestehende Darstellung der platonischen Schule von Platon bis in Philodems eigene Zeit. Damit ist zugleich sein doppelter Wert bezeichnet: Das Werk ist einerseits von Philodem abhängig komponiert, weil es ältere Quellen verarbeitet; andererseits bewahrt es gerade dadurch ältere philosophiegeschichtliche Literatur, die sonst verloren ist. Für Platons Leben und für die Geschichte seiner Schule bietet Philodem nach Gaiser manches genauer als andere Quellen, manches überhaupt nur hier. Auch scheinbar kleine biographische Nachrichten sind dabei nicht nebensächlich, weil sie Personen, institutionelle Verhältnisse und antike Deutungsmuster der Philosophenleben erkennen lassen.[565]

Für die Rekonstruktion der frühen Akademie ist Philodem vor allem deshalb wichtig, weil er die Geschichte der Schule nicht allein aus späteren Handbüchern, sondern aus älteren und teilweise zeitnahen Quellen erschließt. In den erhaltenen Abschnitten stehen unter anderem Dikaiarchos, Philochoros, Neanthes, Hermippos und Antigonos von Karystos hinter einzelnen Partien. Dadurch werden unterschiedliche Perspektiven greifbar: die peripatetische Deutung Platons als Philosoph und Schulgründer, antiquarische Nachrichten über Orte und Weihungen in der Akademie, biographische Traditionen über Platons Reisen und Tod sowie die lebendige Charakterzeichnung der nachplatonischen Akademiker. Die Forschung kann daher nicht nur Daten entnehmen, sondern auch prüfen, aus welchen älteren Traditionsschichten das Bild der Akademie zusammengesetzt ist.[566]

Besonders deutlich wird der Wert des Werkes beim Vergleich mit Diogenes Laertios. Während Diogenes in seinen Büchern über Platon und die Akademiker vielfach andere Interessen verfolgt und Werklisten, Anekdoten und doxographische Übersichten einfügt, bietet Philodem an wichtigen Stellen prosopographische und chronologische Nachrichten, die bei Diogenes fehlen. So enthält der Index Academicorum für Xenokrates, Arkesilaos und Karneades umfangreiche Schülerlisten, die Diogenes nicht überliefert. Außerdem behandelt Philodem Herakleides Pontikos als Akademiker, während Diogenes ihn im Buch über die Peripatetiker einordnet. Die moderne Forschung gewinnt dadurch nicht nur zusätzliche Namen, sondern auch ein genaueres Bild davon, wie durchlässig die Grenzen zwischen Akademie, Peripatos und anderen philosophischen Milieus in der antiken Überlieferung waren.[567]

Für die spätere Akademie ist Philodem noch wichtiger. Diogenes Laertios beendet seine zusammenhängende Darstellung im Wesentlichen mit Kleitomachos und lässt die weitere Entwicklung bis Philio(n) von Larissa und Antiochos von Askalon aus. Philodem setzt die Darstellung dagegen über Kleitomachos hinaus fort und führt sie bis in seine eigene Zeit. Dadurch wird die Geschichte der Akademie nicht als abgeschlossene Abfolge von Schulhäuptern der klassischen und hellenistischen Zeit sichtbar, sondern als fortdauernder Prozess, in dem die skeptische Tradition, interne Schülerkreise und die dogmatische Wende des Antiochos miteinander konkurrieren. Für zahlreiche Fakten zur Neuen Akademie nach Lakydes ist Philodem nach Fleischer der einzige Zeuge und bietet zugleich eine erheblich ausführlichere Darstellung als Diogenes, der stärker auf die Scholarchen konzentriert bleibt.[568]

Die Angaben zur Skeptischen Akademie erlauben es, die Schulgeschichte differenzierter zu rekonstruieren, als es die spätere schematische Einteilung in Alte, Mittlere und Neue Akademie nahelegt. Philodem bewahrt Nachrichten über Übergangsfiguren, Schülerlisten und zeitweilige Leitungsverhältnisse, die zeigen, dass die Geschichte der Schule nicht einfach von einem großen Namen zum nächsten verlief. So werden Polemarch von Nikomedien und Krates von Tarsos als Nachfolger des Karneades zu dessen Lebzeiten bei Philodem genannt, während andere antike Autoren sie übergehen. Auch Kleitomachos erscheint nicht nur als Nachfolger des Karneades, sondern in einem komplexeren Zusammenhang von Ausbildung, eigener Schule und späterer Übernahme der Akademie. Dadurch wird die skeptische Akademie als institutionell und personell vielschichtiger erkennbar, als es die stärker vereinfachende spätere Tradition vermuten lässt.[569]

Eine besonders folgenreiche Korrektur betrifft die ältere Annahme eines „Karneades des Jüngeren“. In der Forschung wurde lange mit einem zweiten Karneades gerechnet, der als Sohn des Polemarchos in die Schulfolge der Akademie eingeordnet wurde. Fleischers Neulesung zeigt jedoch, dass der Nachfolger des altersschwachen Karneades nicht ein jüngerer Namensvetter, sondern Polemarch von Nikomedien war. Polemarch übernahm die Leitung der Akademie noch zu Lebzeiten des Karneades und starb nach sechs Jahren; ihm folgte Krates von Tarsos, bevor Kleitomachos die Akademie übernahm. Damit wird ein seit der älteren Forschung fortgeschriebenes Phantom aus der Sukzession der Akademie entfernt.[570]

Von besonderer Bedeutung ist auch die späte Phase um Philio(n) von Larissa und Antiochos von Askalon. Philodem zeigt, dass Antiochos nicht einfach als unmittelbarer institutioneller Nachfolger Philio(n)s verstanden werden kann. Nach Fleischer lässt die betreffende Stelle vielmehr erkennen, dass Philio(n) noch einen Nachfolger in Athen hatte und dass Antiochos zwar der bedeutendste Akademiker seiner Zeit war, aber nicht ohne Weiteres die offizielle Schulnachfolge im engeren Sinn übernahm. Damit korrigiert Philodem ein zu glattes Bild der akademischen Entwicklung: Die skeptische Akademie scheint mit Philio(n) faktisch zu enden, während Antiochos eine neue, dogmatischere Richtung vertritt, die sich zwar auf die Akademie beruft, aber institutionell und philosophisch nicht einfach als bruchlose Fortsetzung erscheint.[571]

Auch für die Datierung des Werkes gewinnt die Neuedition eine ungewöhnliche Präzision. Philodem nennt den Tod des Antiochos von Askalon, der um 68 v. Chr. in Mesopotamien starb, erwähnt aber den Tod von dessen Bruder und Nachfolger Aristos nicht, der erst 46/45 v. Chr. starb. Noch wichtiger ist die neugelesene Bemerkung, Philodem habe „jüngst“ von Dion von Alexandria gehört, dass viele Stoiker nach Alexandria gekommen seien. Da Dion 57 v. Chr. im Zusammenhang der alexandrinischen Gesandtschaft nach Rom ermordet wurde, ergibt sich für PHerc. 1021 ein enger Datierungsrahmen zwischen 68 und 57 v. Chr. Fleischer hebt hervor, dass damit nicht nur das Werk, sondern die konkrete erhaltene Rolle außergewöhnlich genau datierbar ist.[572]

Die Nachricht über Dion verbindet die Akademiegeschichte zudem mit der römischen Zeitgeschichte. Dion gehörte zu den alexandrinischen Gesandten, die nach der Flucht Ptolemaios XII. Auletes’ nach Rom gegen dessen Wiedereinsetzung auftraten. Cicero erwähnt in Pro Caelio 23 die alexandrinischen Vorgänge in Puteoli und spricht unmittelbar danach auch Dion an. Fleischer erwägt daher, dass Dion auf dem Weg nach Rom in Puteoli, also in unmittelbarer Nähe von Neapel und Herculaneum, an Land ging und Philodem seine jüngsten Nachrichten persönlich oder brieflich übermittelte. Sicher ist diese Verbindung nicht, doch zeigt sie, wie eng Philodems Akademiegeschichte, römische Politik und die intellektuellen Netzwerke des östlichen Mittelmeerraums miteinander verflochten waren.[573]

Für die Gesamtgeschichte der Akademie ist schließlich wichtig, dass Philodem offenbar nicht nur eine einzige Vorlage mechanisch abschrieb. Fleischer nimmt vielmehr an, dass Philodem wahrscheinlich eine oder mehrere philosophiehistorische Grundquellen als Orientierungspunkt nutzte, einzelne Exzerpte übernahm, anderes wegließ, umordnete und später weitere Informationen einfügte. Diese Grundquelle oder jüngere Grundquelle dürfte nach Fleischer zwischen 84/83 und 57 v. Chr. entstanden sein; ihre umfangreichen Schülerlisten zur Skeptischen Akademie könnten auf ein akademisches Umfeld und möglicherweise auf interne oder zumindest schwer zugängliche Informationen hinweisen. Die moderne Rekonstruktion der Akademiegeschichte beruht daher nicht nur auf Philodem als Autor, sondern auch auf den älteren, hinter ihm stehenden Traditionsschichten, die durch seine Kompilation teilweise greifbar bleiben.[574]

Philodems Werk ist damit für die Forschung ein Bindeglied zwischen Papyrusfund, Quellenkritik und Philosophiegeschichte. Es erlaubt, die Akademie nicht nur als Reihe berühmter Schulhäupter zu betrachten, sondern als langlebige Institution mit Schülerkreisen, konkurrierenden Linien, politischen Verflechtungen, Ortswechseln und philosophischen Richtungsentscheidungen. Sein Wert liegt gerade darin, dass es zugleich fragmentarisch und zusammenhängend ist: fragmentarisch im materiellen Zustand des Papyrus, zusammenhängend aber in der historischen Spannweite von Platon bis ins 1. Jahrhundert v. Chr. Für die moderne Darstellung der Akademiegeschichte bleibt Philodem deshalb eine der wichtigsten Quellen, weil er den Übergang von der frühen platonischen Schule über die Alte und Skeptische Akademie bis zur späthellenistischen Neuorientierung in einem einzigen, wenn auch beschädigten Werk dokumentiert.[575]

2. Neue Erkenntnisse durch Fleischer (2023)

Erweiterter Textbestand

Die Neuedition Kilian Fleischers hat die Forschung zu Philodems Geschichte der Akademie auf eine neue Grundlage gestellt. Ihr Fortschritt beruht nicht allein auf einzelnen besseren Lesungen, sondern auf einer Verbindung von neuer Bildgebung, genauerer Rollenrekonstruktion, erneuter Auswertung der älteren disegni und einer konsequenten Neubewertung der materiellen Gestalt des Papyrus. Fleischer konnte zeigen, dass die heute unter den Inventarnummern PHerc. 1691 und PHerc. 1021 geführten Fragmente zu ein und derselben Papyrusrolle gehören, nämlich zur Entwurfsversion des Index Academicorum. Dadurch wurde der Textbestand nicht nur erweitert, sondern auch seine ursprüngliche Anordnung genauer bestimmbar.[576]

Ein wesentlicher Gewinn der Neuedition besteht in der Erschließung von PHerc. 1691. Die dort erhaltenen Kolumnen a–c stehen vor den bisher bekannten Kolumnen von PHerc. 1021 und gehören zum Anfangsbereich der erhaltenen Akademiegeschichte. Da vor diesen Kolumnen wiederum ein erheblicher Textverlust anzunehmen ist, wird zugleich deutlicher, dass der erhaltene Papyrus nur ein beschädigter Ausschnitt einer ursprünglich größeren Darstellung ist. Die Rekonstruktion der Rolle machte außerdem sichtbar, dass zwischen mehreren erhaltenen Kolumnengruppen weitere Kolumnen ausgefallen sind. Damit wurde die ältere Vorstellung eines relativ kontinuierlich erhaltenen Textes durch ein differenzierteres Bild ersetzt: Der Papyrus bewahrt umfangreiche Partien, aber er ist an mehreren Stellen durch größere Lücken unterbrochen.[577]

Die Neuedition hat zugleich die Bedeutung von PHerc. 1021 als Zeugnis antiker Buchproduktion erheblich geschärft. Der Papyrus ist nicht nur ein Textzeuge, sondern ein Arbeitsmanuskript, an dem sich der Entstehungsprozess eines antiken Buches ungewöhnlich genau beobachten lässt. Sekundärklebungen, Randzusätze, Verso-Kolumnen, Dubletten, Tilgungen und Verweiszeichen zeigen, dass Philodem sein Material nicht bloß linear abschrieb, sondern einzelne Abschnitte umstellte, ergänzte und nachträglich in eine geplante Endfassung überführen wollte. Besonders aufschlussreich ist die Einklebung des Abschnitts zu Herakleides Pontikos und Chairon zwischen Xenokrates und Polemon: Sie macht sichtbar, dass Philodem zusätzliche Quellenfunde in einen bereits bestehenden Textkörper einarbeitete. Fleischer beschreibt diese Arbeitsweise treffend als ein antikes „Copy-and-paste“-Verfahren.[578]

Auch die technischen Verfahren führten zu einem erheblichen Textzuwachs. Fleischer nutzte neben den älteren Oxforder und Neapler Abzeichnungen moderne Nahinfrarot- und Hyperspektralbilder sowie mikroskopische Autopsie. Der Gewinn bestand dabei nicht darin, dass die Bilder einfach große neue Textflächen sichtbar machten. Vielmehr konnten oft einzelne zusätzliche Buchstaben oder Tintenspuren gelesen werden, die dann eine größere Rekonstruktion ermöglichten. Fleischer beschreibt diesen Vorgang als eine Art Dominoeffekt: Ein neu erkannter Buchstabe kann sinnlose Buchstabengruppen in der Umgebung verständlich machen und dadurch ganze Wörter oder Satzteile sichern. Insgesamt konnte so nach Fleischers eigener Einschätzung in einzelnen Bereichen bis zu etwa dreißig Prozent mehr Text gewonnen werden.[579]

Der erweiterte Textbestand betrifft nicht nur isolierte Wörter, sondern auch die Struktur des Werkes. Am Ende des Index Academicorum konnte Fleischer zeigen, dass die früher als Rückblick oder Zusammenfassung verstandenen Zeilen vielmehr eine Vorschau auf anschließende Bücher der Syntaxis der Philosophen enthalten. Dort erscheinen nicht Platon, sondern Euklid von Megara, Phaidon und Antisthenes als Bezugspunkte weiterer philosophischer Richtungen. Dadurch wird Philodems Akademie-Buch deutlicher als Teil eines größeren philosophiegeschichtlichen Gesamtwerks erkennbar, in dem die einzelnen Schulen systematisch aneinander angeschlossen waren.[580]

Aufenthalt Philodems in Alexandria

Eine der biographisch wichtigsten neuen Erkenntnisse betrifft Philodems Aufenthalt in Alexandria. Bereits Enzo Puglia hatte aus Kolumne 34 einen Selbstbezug Philodems erschlossen; Fleischer hat diese Deutung ausgearbeitet und in den Zusammenhang von Philodems Lebensweg gestellt. Die entscheidende Passage besagt nach seiner Interpretation, dass Philodem von Alexandria nach Athen kam. Damit wird Alexandria als eigene Station zwischen Gadara und Athen wahrscheinlich. Der Aufenthalt ist nicht nur eine biographische Nebensache, sondern erklärt, warum Philodem in seinem Akademie-Buch über einzelne akademische Philosophen seiner Zeit aus persönlicher Nähe berichten konnte.[581]

Fleischer datiert diesen Aufenthalt mit Vorsicht in die Zeit um 90 bis 86/85 v. Chr. Der Mithridatische Krieg und die Belagerung Athens durch Sulla machten eine frühere Ankunft in Athen unwahrscheinlich; zugleich muss Philodem noch lange genug in Athen gewesen sein, um Zenon von Sidon über Jahre zu hören. Daraus ergibt sich ein plausibler Lebensweg: Geburt in Gadara um 110 v. Chr., Aufenthalt in Alexandria, anschließend epikureische Studien in Athen und danach der Gang nach Italien. Der Index Academicorum wird dadurch auch zu einer Quelle für Philodems eigene Biographie, nicht nur für die Geschichte der Akademie.[582]

Der alexandrinische Aufenthalt hat zugleich philosophiegeschichtliches Gewicht. In Alexandria begegnete Philodem wahrscheinlich einem Milieu, in dem Akademiker, Peripatetiker und Epikureer miteinander in Kontakt standen. Am Ende des Index Academicorum nennt Philodem mehrere zeitgenössische Akademiker und Freunde aus dem Umkreis des Antiochos von Askalon. Dazu gehören unter anderem Ariston von Alexandria, Kratippos von Pergamon und Dion von Alexandria. Dass zwei von Philodems akademischen Freunden später dem Peripatos zugerechnet wurden, zeigt zugleich, wie eng die Schulmilieus im 1. Jahrhundert v. Chr. miteinander verflochten waren. Philodem erscheint dadurch nicht nur als später Kompilator älterer Quellen, sondern als gut vernetzter Zeitzeuge der letzten Phase der Akademie.[583]

Die Nachricht über Dion verbindet diese Zeitzeugenschaft mit der römischen Zeitgeschichte. Dion gehörte zu den alexandrinischen Gesandten, die nach der Flucht Ptolemaios XII. Auletes’ nach Rom gegen dessen Wiedereinsetzung auftraten. Cicero erwähnt in Pro Caelio 23 die alexandrinischen Vorgänge in Puteoli und spricht unmittelbar danach auch Dion an. Fleischer erwägt daher, dass Dion auf dem Weg nach Rom in Puteoli, also in unmittelbarer Nähe von Neapel und Herculaneum, an Land ging und Philodem seine jüngsten Nachrichten persönlich oder brieflich übermittelte. Sicher ist diese Verbindung nicht, doch zeigt sie, wie eng Philodems Akademiegeschichte, römische Politik und die intellektuellen Netzwerke des östlichen Mittelmeerraums miteinander verflochten waren.[584]

Korrektur einzelner Namen und Chronologien

Besonders folgenreich sind Fleischers Neulesungen für die Prosopographie der späten Akademie. Die auffälligste Korrektur betrifft den Namen des letzten skeptischen Scholarchen von Larissa. Die Forschung sprach traditionell von Philo oder Philon von Larissa. Fleischer argumentiert dagegen, dass der Name im Papyrus mehrfach als Philio erscheint. In Kolumne 33 ist nach seiner Lesung Φιλίων zu transkribieren; auch in Kolumne 25 erscheint die entsprechende Namensform. Da Philodem den Philosophen noch in einem zeitnahen akademischen Umfeld gekannt haben muss oder zumindest in einem Milieu lebte, in dem sein Name geläufig war, gewinnt diese Lesung besonderes Gewicht. Fleischer betont zudem, dass Philio kein bloßer Schreibfehler ist, sondern ein seltener, aber belegter griechischer Name.[585]

Die Namenskorrektur bleibt nicht auf den Papyrus beschränkt. Fleischer weist darauf hin, dass auch in der handschriftlichen Überlieferung Ciceros mehrfach die Form Philio erscheint, besonders im Lucullus, wo der Name häufig genannt wird. Da der verbreitete Name Philo leichter als Normalisierung eines seltenen Philio erklärbar ist als umgekehrt, erhält die seltenere Form zusätzliches Gewicht. Für die moderne Forschung bedeutet dies, dass selbst ein scheinbar seit Jahrhunderten gesicherter Philosophenname durch papyrologische Neulesung und erneute Prüfung der Parallelüberlieferung korrigiert werden kann.[586]

Mit der Philio-Vita verbindet sich auch eine Korrektur der späten Akademiechronologie. Nach Fleischers Interpretation hatte Philio in Athen noch einen Nachfolger, dessen Name im Papyrus nicht sicher wiederhergestellt werden kann. Antiochos von Askalon war demnach nicht einfach der institutionelle Nachfolger Philios als Leiter der Akademie. Vielmehr scheint die skeptische Akademie mit Philio faktisch zu enden, während Antiochos zwar der bedeutendste Akademiker seiner Zeit war, aber eine dogmatischere Richtung vertrat und nicht bruchlos als offizieller Schulnachfolger verstanden werden darf. Diese Korrektur verändert das Bild vom Übergang der skeptischen Akademie zum antiochischen Platonismus erheblich.[587]

Auch für die mittlere und neue Akademie ergeben sich chronologische Präzisierungen. Bei Karneades zeigt der Index Academicorum nach Fleischers Auswertung, dass Polemarch und Krates schon zu Lebzeiten des Karneades als Nachfolger fungierten. Karneades scheint sich in seinen letzten Lebensjahren aus Alter oder Krankheit weitgehend aus der aktiven Schulleitung zurückgezogen zu haben. Die übrige antike Überlieferung lässt dagegen leichter den Eindruck entstehen, Kleitomachos sei unmittelbar der von Karneades bestimmte Nachfolger gewesen. Philodem macht hier eine komplexere Entwicklung sichtbar: Kleitomachos kehrte erst nach dem Tod des Karneades in die Akademie zurück und übernahm sie nach einer Zwischenphase.[588]

Eine besonders auffällige Korrektur betrifft die ältere Annahme eines „Karneades des Jüngeren“. In der Forschung wurde lange mit einem zweiten Karneades gerechnet, der als Sohn des Polemarchos in die Schulfolge der Akademie eingeordnet wurde. Fleischers Neulesung zeigt jedoch, dass der Nachfolger des altersschwachen Karneades nicht ein jüngerer Namensvetter, sondern Polemarch von Nikomedien war. Polemarch übernahm die Leitung der Akademie noch zu Lebzeiten des Karneades und starb nach sechs Jahren; ihm folgte Krates von Tarsos, bevor Kleitomachos die Akademie übernahm. Damit wird ein seit der älteren Forschung fortgeschriebenes Phantom aus der Sukzession der Akademie entfernt.[589]

Auch für die Datierung des Werkes gewinnt die Neuedition eine ungewöhnliche Präzision. Philodem nennt den Tod des Antiochos von Askalon, der um 68 v. Chr. in Mesopotamien starb, erwähnt aber den Tod von dessen Bruder und Nachfolger Aristos nicht, der erst 46/45 v. Chr. starb. Noch wichtiger ist die neugelesene Bemerkung, Philodem habe „jüngst“ von Dion von Alexandria gehört, dass viele Stoiker nach Alexandria gekommen seien. Da Dion 57 v. Chr. im Zusammenhang der alexandrinischen Gesandtschaft nach Rom ermordet wurde, ergibt sich für PHerc. 1021 ein enger Datierungsrahmen zwischen 68 und 57 v. Chr. Fleischer hebt hervor, dass damit nicht nur das Werk, sondern die konkrete erhaltene Rolle außergewöhnlich genau datierbar ist.[590]

Weitere Korrekturen betreffen Schülerlisten und Schulzusammenhänge. Fleischer identifizierte Charmadas als integralen Bestandteil der Schülerliste des Karneades und erkannte seine Herkunft aus Alexandria neu. Außerdem konnte er in den letzten Kolumnen erstmals die Namen des Aischines und Melanthios sichern und die Schülerliste des Charmadas verbessern. Solche Änderungen wirken auf den ersten Blick kleinteilig, sind aber für die Rekonstruktion der Akademiegeschichte wichtig: Sie zeigen, welche Personen zu welchen Lehrer-Schüler-Zusammenhängen gehörten, welche Rolle Alexandria als Ort akademischer Lehre spielte und wie weit die Akademie über Athen hinaus ausstrahlte.[591]

3. Bedeutung für die Platonforschung

Für die Platonforschung ist Philodems Geschichte der Akademie vor allem deshalb bedeutsam, weil sie einen Überlieferungsbereich erschließt, der neben den vollständig erhaltenen Dialogen Platons steht. Während die Schriften Platons selbst den philosophischen Primärtext bilden, betreffen Philodems Nachrichten den historischen Rahmen: die frühe Wahrnehmung Platons, seine Schule, seine Schüler, die Orte der Akademie, die Wirkung der Dialoge und die spätere Deutung seines Lebens. Gerade weil Philodem ältere Autoren exzerpiert, bewahrt er nicht nur eine spätere Meinung über Platon, sondern Teile einer verlorenen platonbiographischen und akademiegeschichtlichen Literatur. Gaiser hat den Index Academicorum deshalb in das Supplementum Platonicum aufgenommen, das die indirekte Platonüberlieferung zu Leben, Werk, Schule und Lehre Platons sammeln und kritisch erschließen sollte.[592]

Von besonderem Wert ist das Dikaiarch-Exzerpt über Platon. Dikaiarchos gehörte als Schüler des Aristoteles zu einer Generation, die Platon und die frühe Akademie noch in vergleichsweise geringer zeitlicher Entfernung betrachten konnte. Bei Philodem erscheint sein Platon-Bios nicht als bloße Sammlung äußerer Lebensdaten, sondern als Deutung Platons nach philosophischer Leistung, literarischer Wirkung und schulischer Lebensform. Gaiser hebt hervor, dass die bei Philodem greifbare Darstellung weniger die persönliche Lebensgeschichte als Platons philosophische Leistung und die theoretische Lebensform seiner Schule beschreibt. Damit bietet sie für die Platonforschung eine Quelle, die zwischen Biographie, Philosophiegeschichte und Schulgeschichte steht.[593]

Das Dikaiarch-Exzerpt ist besonders wichtig für die Frage, wie Platons Philosophie in der frühen Peripatetik verstanden wurde. Dikaiarch deutete Platon offenbar als Denker, der sokratische und pythagoreische Elemente miteinander verband und darüber hinaus eigene philosophische Beiträge leistete. Damit wird eine Deutung sichtbar, die bereits in der Antike Platons Stellung zwischen Sokrates, Pythagoreismus und eigener Systembildung reflektierte. Für die moderne Forschung ist dies bedeutsam, weil es zeigt, dass Platons Philosophie schon früh nicht nur aus den Dialogen heraus gelesen, sondern in eine Entwicklungsgeschichte der griechischen Philosophie eingeordnet wurde.[594]

Für die Interpretation der Dialoge ist besonders Dikaiarchs doppelte Bewertung aufschlussreich. Einerseits wird den platonischen Schriften eine starke protreptische Wirkung zugeschrieben: Sie führen Leser zur Philosophie hin und können besonders zu mathematischen Studien anregen. Andererseits kritisiert Dikaiarch, dass die literarische Kraft der Dialoge manche Leser zu einem oberflächlichen Philosophieren verführen könne. Die Dialoge erscheinen damit nicht als vollständiger Ersatz für die schulische Philosophie, sondern als Hinführung zu ihr. Gaiser weist ausdrücklich darauf hin, dass diese Sicht jenen modernen Deutungen widerspricht, die in den Dialogen eine hinreichende und vollständige Darstellung der gesamten Philosophie Platons sehen wollen.[595]

Damit berührt Philodems Überlieferung auch die Frage nach dem Verhältnis von Platons Schriften zur innerakademischen Lehre. Dikaiarch unterscheidet zwischen der literarischen Wirkung der Dialoge und dem gemeinsamen Forschen in der Schule. Die Schriften erreichen auch Abwesende und können zum philosophischen Leben ermutigen; das eigentliche wissenschaftliche Arbeiten aber erscheint im Zusammenhang der Akademie, besonders in Mathematik, Geometrie, Optik, Mechanik und theoretischer Forschung. Für die Platonforschung ist dies wichtig, weil es die Akademie nicht nur als Ort der Aufbewahrung platonischer Lehre, sondern als aktiven Forschungszusammenhang sichtbar macht.[596]

Die berühmte Nachricht, Platon habe mathematische Probleme gleichsam als ἀρχιτέκτων (architéktōn, „Meisterbaumeister“ oder „leitender Architekt“) vorgegeben, während die Mathematiker sie mit Eifer ausarbeiteten, ist für die Forschung zur Rolle Platons in der Geschichte der Mathematik besonders folgenreich. Sie zeigt Platon nicht als Fachmathematiker im engen Sinn, sondern als philosophischen Organisator und methodischen Anreger von Forschungsfragen. In diesem Zusammenhang nennt der Papyrus Fortschritte der Mathematik, der Geometrie, der Analysis und des sogenannten διόρισμός (diorismós, „Bestimmung der Lösbarkeitsbedingungen“). Die Akademie erscheint dadurch nicht als bloßer Lehrbetrieb, sondern als aktive Forschungsgemeinschaft, in der Platon Probleme stellte, deren technische Ausarbeitung spezialisierten Mathematikern zufiel.[597]

In Fleischers Edition erscheint diese mathematische Tradition in einem breiteren Kontext. Die betreffende Verso-Kolumne behandelt nicht nur mathematische Fortschritte, sondern auch den Gegensatz zwischen reiner theoretischer Forschung und praktischen Nutznießern solcher Forschung. Dadurch erhält die platonische Mathematiktradition einen sozialen und institutionellen Rahmen, der über die bloße Frage einzelner Lehrsätze hinausgeht. Für die Platonforschung ist dieser Befund besonders aufschlussreich, weil er Platons Wirkung in der Akademie als Leitung einer Forschungsrichtung beschreibt, nicht als isolierte Autorschaft einzelner mathematischer Resultate.[598]

Auch für die Topographie der Akademie liefert Philodem wertvolle Nachrichten. Das Exzerpt aus Philochoros von Athen beschreibt im Zusammenhang mit Platons Tod Orte, Bildnisse und Inschriften in der Akademie. Philochoros ist als Atthidograph eine besonders wichtige Quelle, weil er Athen, seine lokalen Traditionen und seine Denkmäler aus der Perspektive einer annalistischen Lokalgeschichte behandelte. Fleischer betont, dass Philochoros als früheste, fast zeitgenössische Quelle für topographische Informationen zur platonischen Akademie gelten kann. Für die Platonforschung bedeutet dies, dass die Akademie nicht nur als abstrakte Schule, sondern als konkreter kultischer, sozialer und räumlicher Ort fassbar wird.[599]

Für Platons Biographie sind die bei Philodem bewahrten Exzerpte zugleich hilfreich und methodisch heikel. Sie enthalten Nachrichten über Platons Namen, seine Reisen, seine Beziehung zu Dionysios I., Dion, seine angebliche Versklavung auf Ägina und seinen Tod. Diese Überlieferungen erlauben den Vergleich mit Diogenes Laertios, Plutarch, Cicero und den platonischen Briefen, sie zeigen aber auch, wie stark die Platonbiographie schon früh durch Anekdoten, moralische Deutung und schulische Erinnerung geprägt war. Fleischer hebt etwa hervor, dass Philodems Darstellung der frühen Reise nach Sizilien mit anderen Quellen und besonders mit dem Siebten Brief nicht ohne weiteres übereinstimmt; aus dem Schweigen über eine Ägyptenreise lasse sich ebenfalls kein sicherer Schluss ziehen.[600]

Ein weiterer Gewinn betrifft die Schüler Platons. Philodem bewahrt eine Übersicht über Mitglieder der Schule, die nicht nur bekannte Gestalten wie Speusippos und Xenokrates, sondern auch weniger greifbare Personen umfasst. Gaiser deutete diese Liste vorsichtig als Übernahme aus einer biographischen Quelle, möglicherweise über Diokles von Magnesia mit Rückgriff auf Timaios von Tauromenion. Für die Platonforschung ist nicht allein die Zuschreibung wichtig, sondern der Befund selbst: Platons Schule erscheint als ein Kreis mit unterschiedlichen Persönlichkeiten, politischen Erfahrungen und Lebenswegen. Dadurch wird die Akademie als Institution deutlicher, und Platons Wirkung lässt sich nicht nur über seine Schriften, sondern auch über seine Schüler und deren Nachfolge erfassen.[601]

Nicht zuletzt ist Philodems Werk für die Erforschung der indirekten Platonüberlieferung methodisch vorbildlich. Die Papyri zeigen, wie antike Philosophiegeschichte aus Exzerpten, Quellenangaben, Umstellungen, Ergänzungen und späteren Bearbeitungsschritten entstand. Gerade dadurch wird sichtbar, dass jede Nachricht über Platon doppelt geprüft werden muss: nach ihrem sachlichen Inhalt und nach ihrer Überlieferungsschicht. Fleischers Neuedition hat diese Aufgabe durch die Verbindung von Papyrusautopsie, moderner Bildgebung, Quellenanalyse und Vergleich mit Parallelüberlieferungen erheblich verfeinert. Für die Platonforschung bedeutet dies einen doppelten Gewinn: Sie erhält neue oder besser gesicherte Nachrichten über Platon und seine Schule, und sie gewinnt zugleich ein genaueres Verständnis dafür, wie antikes Wissen über Platon gesammelt, geordnet und weitergegeben wurde.[602]

Literatur

Ausgaben und Kommentare

  • Kilian Fleischer: Philodem. Geschichte der Akademie: Einführung, Ausgabe, Kommentar (= Papyri Graecae Herculanenses. Band 1). Brill, Leiden/Boston 2023, ISBN 978-90-04-54653-0.
  • Tiziano Dorandi: Filodemo. Storia dei filosofi: Platone e l’Academia (PHerc. 1021 e 164). Bibliopolis, Neapel 1991.
  • Konrad Gaiser: Philodems Academica. Die Berichte über Platon und die Alte Akademie in zwei herkulanensischen Papyri (= Supplementum Platonicum. Band 1). frommann-holzboog, Stuttgart-Bad Cannstatt 1988, ISBN 3-7728-0971-5.
  • Siegfried Mekler: Academicorum philosophorum index Herculanensis. Teubner, Berlin 1902.

Monographien und übergreifende Studien

  • Guglielmo Cavallo: Libri scritture scribi a Ercolano. Macchiaroli, Neapel 1983.
  • Paul Kalligas, Chloe Balla, Effie Baziotopoulou-Valavani, Vassilis Karasmanis (Hrsg.): Plato’s Academy. Its Workings and its History. Cambridge University Press, Cambridge 2020, ISBN 978-1-108-42644-2.
  • Kilian Fleischer: The Original Verses of Apollodorus’ Chronica. Edition, Translation and Commentary on the First Iambic Didactic Poem in the Light of New Evidence. De Gruyter, Berlin/Boston 2020, ISBN 978-3-11-070338-2.
  • Kilian Fleischer: Die Papyri Herkulaneums im Digitalen Zeitalter. Neue Texte durch neue Techniken – eine Kurzeinführung (= Hans-Lietzmann-Vorlesungen. Band 21). De Gruyter, Berlin/Boston 2021, ISBN 978-3-11-076623-3.

Spezialstudien

  • Kilian Fleischer: New readings in Philodemus’ Index Academicorum – Dio of Alexandria (PHerc. 1021, col. 34). In: Tomasz Derda u. a. (Hrsg.): Proceedings of the 27th International Congress of Papyrology 2013 (Warsaw). Warschau 2016, S. 459–470.
  • Kilian Fleischer: Dating Philodemus’ birth and early studies. In: Bulletin of the American Society of Papyrologists. Band 55, 2018, S. 119–127.
  • Kilian Fleischer: Structuring the History of Philosophy. A Comparison between Philodemus and Diogenes Laertius in the Light of New Evidence. In: The Classical Quarterly. Band 69, 2019, S. 684–699.
  • Kilian Fleischer: Carneades – The One and Only. In: The Journal of Hellenic Studies. Band 139, 2019, S. 116–124.
  • Kilian Fleischer: The Academic Philosopher Charmadas of Alexandria: Uncovering His Origins. In: Quaderni del Museo del Papiro. Band 16, 2019, S. 153–164.
  • Kilian Fleischer: Philo or Philio of Larissa?. In: The Classical Quarterly. Band 72, 2022, S. 222–232.
  • GreekSchools: Offizielle Website des durch den ERC finanzierten Forschungsprojekts zur Neuedition von Philodems Syntaxis der Philosophen unter Leitung von Graziano Ranocchia.
  • Chartes – Catalogo multimediale dei Papiri Ercolanesi: Online-Datenbank der Biblioteca Nazionale di Napoli mit detaillierten Beschreibungen, Bibliographien und Bildmaterial zu den Papyri PHerc. 1021, 164 und 1691.
  • Philodemus: Ausführlicher Artikel von David Blank in der Stanford Encyclopedia of Philosophy zur Biographie und zum Werk Philodems.
  • The Herculaneum Society: Bietet Zugang zu digitalen Fotografien der Oxforder Abzeichnungen (O disegni), die für die Rekonstruktion von PHerc. 1021 unentbehrlich sind.
  • Würzburger Zentrum für Epikureismusforschung: Enthält Ressourcen und Informationen zur Erforschung des antiken Epikureismus und der Papyri Philodems.
  • Philodemus Project: Ein von der UCLA gehostetes Projekt mit Bildern und Erläuterungen zu den Werken Philodems.

Einzelnachweise

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