Physiotherapie
Heilbehandlung durch manuelle Therapie, medizinische Trainingstherapie und physikalische Therapie
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Physiotherapie (altgriechisch φύσις phýsis, deutsch ‚Natur‘, ‚Körper’ und θεραπεία therapeía, deutsch ‚Dienen‘, ‚Pflege‘, ‚Heilung‘, somit in etwa ‚das Wiederherstellen der natürlichen Funktion‘), früher auch Krankengymnastik (KG[1]), ist eine Form der Behandlung durch manuelle Therapie, medizinische Trainingstherapie und der äußerlichen Anwendung von Heilmitteln, mit der vor allem die Bewegungs- und Funktionsfähigkeit des menschlichen Bewegungsapparats wiederhergestellt, verbessert oder erhalten werden soll. Sie darf ausschließlich durch Physiotherapeuten ausgeübt werden.


Synonyme und verwandte Bereiche
Physiotherapie lässt sich mit „Naturheilkunde“ übersetzen. Alternativ wird von „Physiatrie“ oder von „Physikalische Medizin“ bzw. „Physikalische Therapie“ gesprochen, wobei unter diesen Termini in Deutschland eine fachärztliche Weiterbildung bzw. Zusatzausbildung verstanden wird.[2]
Die englische Bezeichnung physical therapy ist nicht zu verwechseln mit dem Begriff „Physikalische Therapie“ im Deutschen. Physiotherapie und Physikalische Therapie werden teilweise als Synonyme bzw. gemeinsames Fachgebiet betrachtet; auch wird die Physiotherapie als Unterbereich der Physikalischen Therapie angesehen. Mit Blick auf finanzielle Abrechnungsmodalitäten sollen „auf Intervention verschiedener Fachgruppen […] die Bereiche Physiotherapie und physikalische Therapie im nächsten Entwurf (der Diagnosis Related Groups) wieder getrennt [werden], damit auch z. B. eine physiotherapeutische Behandlung und eine Wärmeanwendung einzeln gezählt werden können.“[3]
Geschichte
Altertum bis zur Neuzeit
Bei vielen Verfahren der Physiotherapie liegt der Ursprung weit zurück. Archäologische Funde zeigen, dass Thermal- und Mineralquellen bereits in frühgeschichtlicher Zeit genutzt wurden. Verschiedene Formen der Massage und von medizinischen Bädern kannte man bereits vor ca. 4000 Jahren in China.
Aus der Antike sind gezielte gymnastische und diätetische Erziehungsideale überliefert. Die Athleten der antiken Olympischen Spiele hatten speziell ausgebildete Trainer, die über die so genannte Körperhygiene ihrer Schützlinge wachten.
Auch der griechische Arzt Hippokrates vertrat verschiedene medizinische Auffassungen, die sich heutzutage in der Physiotherapie wiederfinden. Er verstand den lebendigen Leib als Organismus, Gesundheit als Gleichgewicht und Krankheit als gestörten physischen und psychischen Gesamtzustand. Seine Überzeugung war, dass die Natur eine Heilkraft besitzt. Hippokrates und sein späteres römisches Pendant Galen hoben die gesundheitliche Wirkung aller „Leibesübungen“ hervor.
Das uralte Yoga lässt sich ebenfalls hier einstufen, mit seinen präzisen Asanas wie als passive Massage. In China findet sich das Qigong als Übungsmethode zur Selbstregulation und die Tuina-Anmo Therapie als manuelle Behandlungsmethode.
Schon früh nutzte man die positiven Beobachtungen zur Gesundheitsberatung der Bevölkerung. Man empfahl regelmäßige Bewegung in Form von Spaziergängen, Schwimmen, Laufen, Reiten, Spielen und Tanzen. Auch die erholsame und heilende Wirkung von Massagen und Heilbädern ist seit der Antike bekannt. Die Diätetik bezog sich nicht nur auf eine gesunde Ernährung. Ebenso wurde auf ein ausgewogenes Verhältnis von Wachen und Schlafen geachtet.
Bis ins hohe Mittelalter hinein änderte sich daran wenig, die „Rezepte“ blieben die gleichen. Eher war es so, dass durch den kirchlichen Einfluss das Wissen über den Körper in Vergessenheit geriet; u. a. hätten gottesfürchtige Geschöpfe das Leben und Leiden als schicksalhaft zu betrachten.[4] Dies änderte sich erst mit der Renaissance, in der die antiken Ideale wiederentdeckt wurden.
Humanismus und Aufklärung
Vom Humanismus beeinflusst rückten jetzt auch Frauen, Kinder und behinderte Menschen mit ihren besonderen Bedürfnissen und Erkrankungen in den Mittelpunkt medizinischer Betrachtung. Im 18. Jahrhundert begründete der französische Arzt Nicolas Andry die Orthopädie (frei: „Erziehung zur aufrechten Haltung“). Er beobachtete systematisch die häufigen Haltungsschwächen und Deformitäten bei Kindern. Er verschrieb spezielle gymnastische Übungen zur Therapie und Prophylaxe. Der Schweizer Arzt Jean-André Venel (1740–1791) eröffnete 1780 die erste orthopädische Klinik der Welt in Orbe/Kanton Waadt.
Johann Christoph Friedrich Guts Muths begründete die pädagogische Gymnastik in Deutschland und Franz Nachtegall (1777–1847) 1798 in Kopenhagen die „Gymnastische Gesellschaft“. Aus deren Leibesübungen entwickelte der Schwede Pehr Henrik Ling eine gezielte therapeutische Gymnastik, wie noch an den „Gebrauchsbewegungen des Alltags“ angelehnt. Er kombinierte seine Behandlungen mit Massagen für spezielle Muskelgruppen.[5]
Im 18. Jahrhundert fanden erste Medikamente zwar Anklang, brachten allerdings auch Gefahren mit sich. Mancher Arzt propagierte die Anwendung von Mineralwässern, Heilbädern und der Hydrotherapie. Dies setzte sich im 19. Jahrhundert weiter fort, die Beliebtheit der Hydrotherapie stieg an.
Vor allem in Deutschland erlebte die Hydrotherapie einen wahren Boom: Der Urvater der Hydrotherapie, Sebastian Kneipp, entwickelte eine einfache Lebensregelung, kombinierte sie mit der Anwendung pflanzlicher Medikamente und einer Gesundheitserziehung.
Industrialisierung und Moderne

Der Berliner Arzt Albert C. Neumann brachte die „schwedische Heilgymnastik“ nach Deutschland. Er definierte als Erster den Beruf des „Gymnasten“ und setzte sich für die berufliche Emanzipation der Frauen ein. 1853 eröffnete er die erste Gymnastenschule für Damen. Der Schwede Gustav Zander entwickelte ab ca. 1865 ein System von Gymnastik- und Massageapparaten, die medico-mechanische Therapie. In Deutschland wurden die Geräte in „Zander-Instituten“ als Trainingsgeräte in Vorsorge und Therapie eingesetzt, später kamen Weiterentwicklungen, Plagiate und einfachere Bewegungsgeräte hinzu.
Zudem wuchs der Bedarf an Behandlungen durch die Kriege (1870/71, 1914–18 und 1939–45) und infolge der steigenden Zahlen an Arbeits- und Verkehrsunfällen. Johann Hermann Lubinus gründete die von vielen Fachärzten angesehenen „Lubinus-Schulen“. Nun machte die Krankengymnastik erstmals verstärkt mit Patienten aus der Chirurgie und Neurologie Bekanntschaft (die Kinderlähmung nahm weltweit ein hohes Ausmaß an). Für die Behandlung von Herz- und Lungenerkrankungen sowie in der Rheumatologie fand eine Rückbesinnung zu Heilbädern und der Kneipp-Lehre statt. Im Jahr 1941 wurde Wolfgang Kohlrausch zum ersten Ordinarius für Bewegungstherapie an die nationalsozialistische Reichsuniversität Straßburg berufen.
Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden in der DDR Lehrstühle in Berlin und in Jena eingerichtet.[6]
In Westdeutschland kam es nach der Währungsreform 1948 im Gesundheitswesen zu Sparmaßnahmen, die zu einem deutlichen Stellenabbau führten. Erst mit der Gründung von Landesverbänden konnte sich der Berufsstand wieder besser etablieren und ausbauen. Verträge mit Krankenkassen und eine Vereinheitlichung der Ausbildung machten krankengymnastische Einrichtungen wieder rentabel. In den 1950er Jahren bildete sich der ZVK (Zentralverband der Krankengymnasten), bis heute der größte aller deutschen Verbände. Durch seine Arbeit gelang 1959 eine bundesgesetzliche Abgrenzung des „Krankengymnasten“ zu anderen ärztlichen Hilfsberufen.
Abgrenzung als eigenständiger Berufsstand
Im Zuge der Wiedervereinigung und der Anpassung an den internationalen Sprachgebrauch wurden 1994 die Berufsgesetze (siehe MPhG) novelliert. Von nun an heißen die Krankengymnasten einheitlich „Physiotherapeuten“.
Die in der DDR etablierte Facharzt-Weiterbildung wurde in den Facharzt für Physikalische und Rehabilitative Medizin überführt.[6]
Heutiges Berufsbild
In Ländern wie Österreich ist Physiotherapie versorgungsrechtlich der ärztlichen Behandlung gleichgesetzt und damit Teil der medizinischen Basisversorgung.[7] Daher gründen etwa die Hälfte der Physiotherapeuten nach der Absolvierung des Grundstudiums und einer mindestens zweijährigen Praxiszeit (in Reha- oder Krankenanstalten) langfristig im niedergelassenen Bereich mit oder ohne Kassenvertrag eine freiberufliche Praxis, manche gründen ein Therapiezentrum. Eine weitere Form der niedergelassenen Tätigkeit stellt die selbstständige Zusammenarbeit mit Ärzten oder/und Therapeuten in Ordinationen oder mitarbeitend in Therapiezentren dar. Nach absolvierter Praxiszeit arbeitet statistisch betrachtet die andere Hälfte der Physiotherapeuten weiter in Krankenhäusern, Kliniken und Rehabilitationsanstalten oder in physiotherapeutischen Lehranstalten, Kur- und Erholungseinrichtungen, medizinischen Trainingseinrichtungen, sozialen Einrichtungen (Altenheim, Pflegeheim, mobile therapeutische Dienste) und Sportvereinen.
Bei der Berufsausübung sind Teamarbeit unter den Physiotherapeuten, aber auch die gute Zusammenarbeit und Kommunikation mit Ärzten wichtig, denn die beiden medizinischen Tätigkeitsfelder ergänzen und unterstützen einander gegenseitig. Nach der ärztlichen Verordnung werden anhand eines physiotherapeutischen Befundes eigenverantwortliche Behandlungspläne aufgestellt und durchgeführt. Dabei steht in der Physiotherapie nicht die Symptombehandlung im Fokus, sondern die Reduktion der Symptome aufgrund einer Ursachenverbesserung. Physiotherapeuten analysieren und interpretieren Schmerzzustände, sensomotorische Funktions- und Entwicklungsstörungen (z. B. die Hyper- oder Hypomobilität eines Gelenks), um sie mit spezifischen manuellen und anderen physiotherapeutischen Techniken zu beeinflussen, und die positiven Auswirkungen durch eine individuell maßgeschneiderte Trainingstherapie langfristig aufrechtzuerhalten. Primärer Ansatzpunkt ist das Bewegungssystem und das Bewegungsverhalten; Ziel ist, Schmerzfreiheit und ökonomisches Bewegungsverhalten im Alltag zu erreichen bzw. – im Falle von irreversiblen Funktionsstörungen – Kompensationsmöglichkeiten zu schaffen.
Physiotherapeuten beeinflussen auch Funktionsstörungen innerer Organe, verbessern die Eigen- und Fremdwahrnehmung sowie die Sozialkompetenz und können ebenfalls auf die psychische Leistungsfähigkeit einwirken.
Ziele der Physiotherapie sind darüber hinaus, Eigenständigkeit und Selbstständigkeit des Patienten zu fördern und die Selbstheilungskräfte des Organismus zu aktivieren; wo Selbständigkeit des Patienten nicht zu erreichen ist, gehört zu den physiotherapeutischen Aufgaben das Anleiten von Angehörigen (z. B. in der Pädiatrie, Geriatrie oder bei schweren neurologischen Störungen).
Ziel
Die Physiotherapie orientiert sich bei der Behandlung an den Beschwerden und den Funktions-, Bewegungs- bzw. Aktivitätseinschränkungen des Patienten, die bei der physiotherapeutischen Untersuchung festgestellt werden. Sie nutzt sowohl diagnostische und auf clinical reasoning basierende, wie pädagogische und manuelle Kompetenzen des Therapeuten. Gegebenenfalls wird sie ergänzt durch natürliche physikalische Reize (z. B. Wärme, Kälte, Druck, Strahlung, Elektrizität) und fördert die Eigenaktivität (koordinierte Bewegung sowie die bewusste Wahrnehmung) des Patienten. Die Behandlung ist an die anatomischen und physiologischen, motivationalen und kognitiven Gegebenheiten des Patienten angepasst. Dabei zielt die Behandlung einerseits auf natürliche, physiologische Reaktionen des Organismus (z. B. motorisches Lernen, Muskelaufbau und Stoffwechselanregung), andererseits auf ein verbessertes Verständnis der Funktionsweise des Organismus (Dysfunktionen/Ressourcen) und auf eigenverantwortlichen Umgang mit dem eigenen Körper ab. Das Ziel ist die Wiederherstellung, Erhaltung oder Förderung der Gesundheit und dabei sehr häufig die Schmerzfreiheit bzw. -reduktion.
Ausbildung
Physiotherapeuten schließen in Europa meist ein Grundstudium mit dem akademischen Titel Bachelor of Science ab. In vielen Ländern erfolgen Teile des Grundstudiums in gemeinsamen Vorlesungen und Kursen mit dem Medizinstudium. Im Aufbaustudium wird mit dem akademischen Titel Master of Science abgeschlossen, in manchen Ländern ist die höchste erreichbare akademische Stufe in der Physiotherapie der Doktor (zB. Belgien). Die flächendeckende Akademisierung in Europa ist heute vorwiegend abgeschlossen. Deutschland bildet die Ausnahme, da hier noch rein die Gesundheitsberufe Arzt und Psychologe ausschließlich akademisch sind. Hier kann man zwar Physiotherapie studieren, es ist aber nach wie vor der Weg über eine nicht akademische Ausbildung möglich. Alle Länder, die ansonsten Teil des Bologna-Prozesses sind, sehen ausschließlich das Bachelor-of-Science-Studium und eine darauf folgende Praxiszeit in Kranken- und Rehabilitationsanstalten als Zugangsvoraussetzung zum Beruf vor.[8][9]
Forschung
Forschung im Bereich der Physiotherapie findet vorwiegend an Universitäten und Fachhochschulen statt, in denen das facheinschlägige Studium angeboten wird. Im englischen Sprachraum wird unter anderem die Pathokinesiologie/Kinesiopathologie als kennzeichnende Wissenschaft gesehen, der eine zentrale Rolle für die professionelle Identität der Physiotherapie[10] bzw. ihrer Abgrenzung zu anderen Berufen zukommt, welche sich im Gegensatz zu ihr nicht professionell mit dem menschlichen Bewegungssystem[11] auseinandersetzen. Publikationen forschender Physiotherapeuten werden international in medizinischen bzw. naturwissenschaftlichen Fachzeitschriften publiziert und sind dabei dem peer-review unterzogen.[12][13][14][15][16][17][18][19]
Konkrete Anwendung finden z. B. die Arbeiten einer US-amerikanischen Forschergruppe bei der Etablierung spezifischer Diagnosekategorien, zum Zweck der ursachenbezogenen und zielgerichteten Therapie von Schmerzsyndromen des menschlichen Bewegungssystems.[20]
Interessensvertretung
In Deutschland gibt es verschiedene Vereine, die die Interessen von Physiotherapeuten vertreten:
- Bundesverband selbstständiger Physiotherapeuten – IFK e. V.
- Deutscher Verband für Physiotherapie (ZVK) e. V.
- Berufs- und Wirtschaftsverband der Selbstständigen in der Physiotherapie (VDB) e. V.
- Verband für Physiotherapie – Vereinigung für die physiotherapeutischen Berufe (VPT) e. V.
In Österreich stellt Physio Austria, der Bundesverband der PhysiotherapeutInnen Österreichs, die alleinige berufliche Interessenvertretung dar.[21]
In der Schweiz werden die Interessen von Physiotherapeuten durch Physioswiss vertreten.
Weitere Methoden
- Osteopathie
- Sensomotorische Aktivierung (z. B. Eutonie, Feldenkrais-Methode, Semota, Kinästhesie, Kognitives Training nach Perfetti)
Literatur
- Wolfgang Heipertz: Geschichte der Krankengymnastik. In: August Rütt (Hrsg.): Geschichte der Orthopädie im deutschen Sprachraum. Enke, Stuttgart 1993, ISBN 3-432-25261-7, S. 87–97.
- Malte Bühring: Physiotherapie, Physikalische Therapie. In: Werner E. Gerabek, Bernhard D. Haage, Gundolf Keil, Wolfgang Wegner (Hrsg.): Enzyklopädie Medizingeschichte. Walter de Gruyter, Berlin / New York 2005, ISBN 3-11-015714-4, S. 1159–1161.
Weblinks
- Berufsbild Physiotherapeut/in Arbeitsagentur