Piemontesische Literatur

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Die piemontesische Literatur umfasst das Korpus an Texten, die seit dem Mittelalter in piemontesischer Sprache verfasst wurden. Die literarische Produktion im Piemont stellt ein autonomes System innerhalb der Romania dar, das sich über acht Jahrhunderte hinweg von den mittelalterlichen Sermoni subalpini bis zur zeitgenössischen Lyrik und Dramatik entwickelt hat.

Frontispiz der Ausgabe Briolo der Komödie „'L Cont Piolèt“ von Giovanni Battista Tana (ca. 1784), ein Meisterwerk der piemontesischen Aufklärungsliteratur.

Geschichte

Mittelalterliche Ursprünge

Die Anfänge der piemontesischen Volkssprache (Vulgärsprache) sind eng mit Sakralbauten verknüpft. Ein Bodenmosaik in der Kirche Santa Maria Maggiore in Vercelli (ca. 1040) und Inschriften in Sant’Evasio in Casale Monferrato gelten als früheste Zeugnisse.

Seite 101 des Codex von Novara (12.–13. Jh.) mit dem „Detto del Re e della Regina“ und den „Proverbi di frate Columba“, den ältesten bekannten literarischen Zeugnissen in piemontesischer Sprache.

Das bedeutendste frühe Dokument sind die Sermoni subalpini (Subalpine Predigten) aus dem 12. Jahrhundert. Diese Sammlung von 22 Predigten stellt eines der wichtigsten Zeugnisse der frühen romanischen Literatur dar und wird heute in der Nationalbibliothek Turin aufbewahrt.[1] Parallel dazu brachten Troubadoure an den Höfen von Saluzzo und Montferrat die Einflüsse der okzitanischen Lyrik ein.

Frühe Neuzeit, Barock und Aufklärung

Mit dem Humanismus trat Giovan Giorgio Alione (1460–1529) hervor, dessen „Opera Iocunda“ den Übergang von volkstümlichen Possen zur literarischen Komödie markiert. Im 17. Jahrhundert begründete Giovanni Battista Tana mit der Komödie Ël Cont Piolèt das moderne piemontesische Theater. In dieser Zeit entwickelte sich zudem eine reiche mystische Literatur, unter anderem durch die Schriften von Maria degli Angeli Fontanella.

Das 18. Jahrhundert markiert die Konsolidierung. 1783 veröffentlichte Maurizio Pipino die erste systematische Grammatik.

19. Jahrhundert

Zu den prägenden Gestalten des 19. Jahrhunderts gehören der Dichter und Politiker Angelo Brofferio sowie Vittorio Bersezio, dessen Drama Le miserie ’d Monsù Travet weit über die Region hinaus bekannt wurde.

Interessant für die Philologie sind die lexikalischen Berührungspunkte zum Deutschen, die bereits früh dokumentiert wurden. Der Sprachforscher Maggiore Dal Pozzo listete in seinem Glossario Etimologico Piemontese (1888) zahlreiche Germanismen auf:

  • Anbòss (umgestülpt): Bezug zu „Am Hause“ (im Sinne von auf dem Bauch liegend).
  • A randa (nahebei): vom deutschen „Rand“.
  • Bioit (nackt/bloß): verwandt mit „blut“ (wie in blutjung/blutarm).

20. Jahrhundert und Gegenwart

Im 20. Jahrhundert erlebte die Literatur durch Autoren wie Nino Costa und Pinin Pacòt eine lyrische Blüte. Die 1927 gegründete Vereinigung Companìa dij Brandé setzte sich gezielt für die Standardisierung und Modernisierung der Sprache ein.

Ausgaben der monatlichen Kulturzeitschrift „Piemontèis Ancheuj“, die seit 1982 ein zentrales Organ für die Bewahrung und Förderung der piemontesischen Sprache und Literatur darstellt.

Ein Beispiel für die Lyrik des 20. Jahrhunderts ist Vincenzo Buronzo (1891–1976). In seinem Werk verbindet er lokale Tradition mit moderner Bildsprache:

“Drera ’l müràji dëł counvent j’è ’n angel / ch’ al soun-a ’l flaut…”

„Hinter den Mauern des Klosters ist ein Engel, / der die Flöte spielt…“

Deutsche Romanistik und Forschung

Die piemontesische Literatur und Sprache wurde auch im deutschsprachigen Raum wissenschaftlich rezipiert. Besonders zwei Gelehrte trugen zur Anerkennung als eigenständiges Sprachsystem bei:

  • Georg Bossong: Der Romanist untersuchte in seinen Arbeiten (u. a. Écrire dans une langue regionale, 2000)[2] die soziolinguistische Situation und die literarische Würde regionaler Sprachen.
  • Karl Gebhardt: Er gilt als Spezialist für die galloromanischen Einflüsse im Piemontesischen. In seinen Studien (z. B. zur Palatalisierung u > ü) legte er die typologischen Unterschiede zum Standarditalienischen dar und stärkte damit die philologische Basis der literarischen Analyse.

Literatur

  • Georg Bossong: Die romanischen Sprachen. Eine vergleichende Einführung. Buske, Hamburg 2008, ISBN 978-3-87548-518-9.
  • Camillo Brero: Storia della letteratura piemontese. 3 Bände. Turin 1981–1983.
  • Gianrenzo P. Clivio: Profilo di storia della letteratura in piemontese. Centro Studi Piemontesi, Turin 2002.
  • Renzo Gandolfo: La letteratura in piemontese: dalle origini al Settecento. Centro Studi Piemontesi, Turin 1972.
  • Karl Gebhardt: Die Palatalisierung von u > ü im Piemontesischen. In: Vox Romanica, Band 33, 1974.
  • Sergio Gilardino: I persi d’antica stirpe. Analisi e riflessioni sulla letteratura in lingua piemontese. Turin 2021.
  • Giuseppe Pacotto (Pinin Pacòt): La letteratura piemontese dalle origini ai nostri giorni. Turin 1967.

Einzelnachweise

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