Pittsburgh Platform

From Wikipedia, the free encyclopedia

Die Pittsburgh Platform (Pittsburgher Programm) von 1885 ist eines der bekanntesten und einflussreichsten Dokumente des nordamerikanischen Reformjudentums und definierte die Glaubensgrundsätze der Bewegung für die Zeit des „klassischen Reformjudentums“ in Amerika bis zur folgenden Columbus Platform von 1937, obwohl sie nie von einer der Institutionen der Bewegung offiziell angenommen wurde.

Historischer Kontext

Das amerikanische Reformjudentum, das sich seit den 1840er Jahren in Nordamerika etabliert hatte und beinahe die Gesamtheit der US-amerikanischen Juden unter sich vereinte, war in den 1870er und 1880er Jahren von verschiedenen Seiten – „von links“ und „von rechts“[1] – in Kritik geraten. Ein einflussreicher Kritiker „von links“ war Felix Adler und die von ihm 1876/77 gegründete Society for Ethical Culture, bzw. die Ethische Bewegung. Nach seiner rabbinischen Ausbildung in Berlin kritisierte Adler das Reformjudentum als bloßen Zwischenschritt zwischen traditionellem Judentum und völliger Befreiung von religiöser Autorität; zugleich erkannte er die reformorientierten Juden durch ihre Entfernung von der jüdischen Tradition nicht mehr als Juden an.[2] Starke Kritik „von rechts“ kam durch den aus Ungarn stammenden Rabbiner Alexander Kohut. Kurz nach seiner Ankunft in den USA 1885 hielt Kohut auf Deutsch eine Reihe von Predigten über das Judentum in seiner New Yorker Synagogengemeinde. Das Judentum, das vom Reformjudentum ohne mosaisch-rabbinische Tradition propagiert werde, bezeichnete Kohut als eine Deformität, ein Skelett des Judentums ohne Fleisch und Sehnen, ohne Geist und Herz.[3]

Der Reformrabbiner in der New Yorker Synagoge Temple Beth-El, Kaufmann Kohler, setzte sich intellektuell sowohl mit Felix Adlers als auch mit Alexander Kohuts Kritik auseinander. Als Antwort auf die Predigten Kohuts hielt Kaufmann selbst fünf Predigten unter dem Titel Rückwärts oder Vorwärts (Backward or Forward?), in denen er die Reformbewegung verteidigte.[4] In der Auseinandersetzung zwischen Kohler und Kohut bildeten sich hinter Kohler und Kohut zwei Lager heraus. Für Kohler wurde dadurch klar, so schreibt der Historiker Michael A. Meyer, dass der von Kohut vertretene konservative Flügel der Bewegung nicht länger auf Linie mit dem Reformjudentum in der Tradition David Einhorns (gest. 1879, Schwiegervater Kohlers), der einer der prägenden Figuren des amerikanischen Reformjudentums im 19. Jahrhundert gewesen war, zu halten war. Für eine Abgrenzung vom Lager Kohuts wurde eine Definition der Reformbewegung notwendig.[5] Als weiteren historischen Kontext für die Pittsburgh Platform machte Jonathan D. Sarna eine sich ausbreitende religiöse Gleichgültigkeit unter den Juden aus. Kohler habe gehofft, mit der Konferenz ein Mittel gegen Assimilation, Abfall vom Glauben oder Konversion zu anderen Religionen, und die Lethargie der Masse zu finden. Noch Jahre später habe Kaufmann Agnostizismus und eine indifferente, wenn nicht feindliche Einstellung gegenüber Synagogen als die größten Gefahren für das amerikanische Judentum angesehen.[6]

Concordia Club, Versammlungsort der Konferenz, heute ein Teil der University of Pittsburgh.

Kohler besprach sich mit Isaac Mayer Wise und Samuel Hirsch, zwei weiteren einflussreichen Reformrabbinern und lud „all jene amerikanischen Rabbiner, die Reform und Fortshritt befürworteten und ein gemeinsames Vorgehen in allen Punkten wünschten, die zur Aufrechterhaltung des Wohlergehens des amerikanischen Judetums beitragen“[7] (all such American rabbis as advocate reform and progress and are in favor of united action in all matters pertaining to the welfare of American Judaism)[8] zu einer Konferenz ein. Dem Aufruf Kohlers folgend versammelten sich zwischen dem 16. und 18. November 1885 in der Concordia Hall in Allenghy City (heute ein Teil von Pittsburgh) bis zu 19 reformorientierte Rabbiner zu einer Konferenz, in deren Verlauf die Pittsburgh Platform verabschiedet wurde.[9] Die 19 Rabbiner der Konferenz verabschiedeten die Platform, die im Wesentlichen dem von Rabbiner Kohlmann ausgearbeiteten Entwurf entsprach, einstimmig.[10]

Wise veröffentlichte den Text mehrfach in seiner Zeitung The American Israelite. Kohler gründete kurz nach der Konferenz eine eigene (kurzlebige) Zeitung mit den ebenfalls auf der Konferenz anwesenden Rabbinern Emil G. Hirsch aus Chicago und Adolph Moses aus Louisville namens The Jewish Reformer, in der er in mehreren Protokollen von der Konferenz berichtete.[11]

Inhalt

Kaufmann Kohler, Initiator der Konferenz in Pittsburgh und Hauptautor der Pittsburgh Platform

Der Text der Platform ist in acht Punkte gegliedert, in der die Verfasser in Wir-Form die Glaubensgrundsätze des Reformjudentums darlegen. Im Einzelnen formuliert der Text folgende Überzeugungen[12]:

  • Der erste Punkt erkennt in jeder Religion einen Versuch, Gott (the infinite) zu begreifen und beschreibt das Judentum als die höchste Auffassung des Gottesgedankens (the highest conception of the God-idea).
  • Im zweiten Punkt wird in der Bibel ein Bericht über die Weihung des jüdischen Volkes als Priester des einen Gottes gesehen und die Bibel als wirkungsvollstes Instrument religiöser und moralischer Unterweisung anerkannt. Gleichzeitig wird betont, dass moderne Wissenschaft den Doktrinen des Judentums nicht entgegenstehe.
  • Im dritten Punkt wird die mosaische Gesetzgebung als ein System für das jüdischen Volk in Palästina anerkannt, wobei nur die moralischen Gesetze als verbindlich akzeptiert werden. Nur solche Zeremonien werden eingehalten, die das Leben erhöhen und heiligen (elevate and sanctify our lives).
  • Der vierte Punkt besagt, dass alle mosaischen und rabbinischen Speisegesetze, Gesetze zur priesterlichen Reinheit und Kleidung aus einer völlig anderen Zeit und unter anderen Umständen als die zeitgenössischen stammen. Die Observanz dieser Gesetze und Gebote stehe einer modernen geistigen Erhebung eher entgegen, als sie zu unterstützen.
  • Im fünften Punkt bekräftigen die Unterschreiber die Überzeugung, das Judentum nicht länger als Volk (nation), sondern als Religion zu sehen, weswegen keine Rückkehr der Juden nach Palästina noch die Wiederherstellung mehr erwartet werde.
  • Der sechste Punkt beschreibt das Judentum als eine progressive Religion in Einklang mit Rationalität. Die Notwendigkeit der Beibehaltung der jüdischen Identität wird betont, eine Zusammenarbeit mit anderen Religionen (genannt werden die „Tochterreligionen“ Islam und Christentum) wird angedeutet.
  • Der siebte Punkt konstatiert die Unsterblichkeit der Seele. Als nicht im Judentum verwurzelt wird die Vorstellung von Hölle und Paradies (Gehenna and Eden) abgelehnt.
  • Im achten Punkt wird unter Nennung des mosaischen Gesetzes, das die Verhältnisse zwischen Armen und Reichen regle, die Pflicht anerkannt, die große Aufgabe der modernen Zeiten zu erfüllen, auf Basis von Gerechtigkeit und Rechtschaffenheit die Probleme der zeitgenössischen Organisation der Gesellschaft zu lösen.

Bedeutung

Obwohl die Pittsburgh Platform bereits vor Gründung der Central Conference of American Rabbis (CCAR), der nordamerikanischen reformorientierten Rabbinerkonferenz, geschrieben wurde und die CCAR die Platform nie offiziell annahm, galt sie schnell als eine Erklärung der CCAR.[13] Die Glaubensgrundsätze der Pittsburgh Platform galten als gültig bis zur nachfolgenden Rabbinerkonferenz im Columbus im Jahr 1937, die Platform selbst wird gemeinhin als das prägende Dokument des „klassischen Reformjudentums“ in Nordamerika bezeichnet.[14]

Leon A. Jick bezeichnete die Pittsburg Platform als eine kohärente Zusammenfassung der in den vorigen Jahrzehnten vonstatten gegangenen Entwicklungen im amerikanischen Judentum.[15] Ähnlich beschreibt die Platform auch der Historiker Michael A. Mayer in seinem Standardwerk zum liberalen oder Reform-Judentum Antwort auf die Moderne.[16] Nach Darstellung Lloyd P. Gartners hingegen stellten die acht Punkte ein seinerzeit radikaleres Programm dar, als es bis dahin innerhalb der Reformbewegung akzeptiert war, allerdings sei das Programm sehr schnell zum allgemein akzeptierten Credo der Bewegung geworden.[17]

Die Pittsburgh Platform war einer der Gründe, die mittelfristig zur Abspaltung des konservativen Judentums vom Reformjudentum in Nordamerika führten. Alexander Kohut gründete 1887 das Jewish Theological Seminary in New York, das zur Keimzelle des konservativen Judentums in Nordamerika wurde. Insbesondere der Traum von Isaac Mayer Wise, alle Juden der USA innerhalb einer Bewegung zu vereinen, war damit gescheitert.[18]

Fußnoten

Related Articles

Wikiwand AI