Plattformkapitalismus

Geschäftsmodell digitaler Ökonomie From Wikipedia, the free encyclopedia

Plattformkapitalismus (auch Plattformökonomie) ist ein sozialwissenschaftlicher Begriff, der einen neuen Typus des Kapitalismus kennzeichnet, in dem Plattform-Unternehmen dominante Wirtschaftsakteure sind. Zu diesen Plattformen werden Google, Facebook, Amazon, Uber oder Airbnb gerechnet.[1] Mit dem Akronym GAFA (auch GAFAM) werden die Tech-Giganten Google, Apple, Facebook, Amazon (und Microsoft) zusammengefasst. Die drei dominierenden chinesischen Plattformen Baidu, Alibaba und Tencent sind entsprechend als BAT bezeichnet worden.[2] Der Plattformkapitalismus bezeichnet eine neue Wirtschaftsordnung, in der Plattformen als Mittelsmänner („Intermediäre“) Angebot und Nachfrage am Markt zusammenführen. Sie kontrollieren den Zugang zu Gütern und die Prozesse des jeweiligen Geschäftsmodells. Die erste theoretische Beschreibung hatte Nick Srnicek mit Platform Capitalism 2016 vorgelegt.

Die Begriffe Digitaler Kapitalismus oder Digitale Ökonomie werden meist synonym zu Plattformkapitalismus bzw. Plattformökonomie verwendet; sie fokussieren jedoch nicht nur die intermediären Plattformen als Träger dieser Wirtschaftsform, sondern auch die digitalen Güter, die auf diesen Plattformen gehandelt werden, und die entsprechenden Transaktionsformen (z. B. Kryptowährungen, Versteigerungen). Der Begriff der Plattformökonomie schließt hingegen nicht aus, dass überwiegend materielle Güter oder nicht-digitale Dienstleistungen auf Plattformen gehandelt werden. Solche nicht-digitalen Plattformen (z. B. Warenbörsen, Auktionshäuser, öffentliche Ausschreibungen) mit einer allerdings durch die damals verfügbaren Kommunikationsmedien begrenzten Reichweite gab es bereits vor dem Zeitalter des Internet. Erst dieses ermöglichte es jedoch, tendenziell globale Märkte auch für sehr spezielle Güter zu organisieren.

Offen ist die Frage, ob auch eine nicht-kapitalistische Plattformökonomie vorstellbar ist. Dann wären die Begriffe Digitaler Kapitalismus und Digitale Ökonomie keine Synonyme (siehe unten: Plattformen und Planwirtschaft).

Dem Blogger und Medienberater Sascha Lobo zufolge, der den Begriff des Plattformkapitalismus im deutschsprachigen Raum im Jahr 2014 bekannt gemacht hatte, streben die Plattformen nach Macht, um durch Marktbeherrschung „Branchenstandards zu setzen und zu kontrollieren“ und „jede wirtschaftliche Transaktion als Auktion zu inszenieren – auch der Kosten für Arbeit.“[3]

Mit Shoshana Zuboff kann man sagen, dass das Verhalten der Akteure auf den Plattformen (und in den sozialen Netzwerken) zugleich ein wichtiger Input für deren fortwährende Optimierung und quasi ein Rohstoff für ihr Geschäftsmodell ist: Sie kontrollieren das Verhalten der Akteure nicht, sondern kalkulieren seine Wahrscheinlichkeit und machen es so vorhersagbar.[4] Beim Deutschen Verbrauchertag 2015 wies Harald Welzer in einem Vortrag auf die negativen Folgen des Plattformkapitalismus hin, der durch die Analyse des Verhaltens der Akteure deren soziale Intelligenz und eingeübte soziale Praktiken monetarisiert, selbst aber kaum Arbeitsplätze schafft.[5]

Plattformen und Marktmacht

Philipp Staab spricht bei den Plattformen von einer neuen Konzentration ökonomischer Macht und davon, dass diese zu entscheidenden Herrschaftsstrukturen geworden sind.[6] Im Gegensatz zu ihrem gern verbreiteten Eigen-Narrativ vom Garagentüftler sei ihr Aufstieg eng mit der Politik des Staates gegen existierende Informations- und Kommunikationsmonopole verknüpft, z. B. mit der Zerschlagung von AT&T und nach Paul Windolf mit den Finanzquellen des Finanzmarkt-Kapitalismus.[7] Nach Staab verwandelt der Plattformkapitalismus den Neoliberalismus in rauchende Trümmer. Für den Neoliberalismus sei der freie neutrale Markt konstitutiv und Kernstück. Die Plattformen hingegen sind proprietäre Märkte, sie sind der Markt selbst.[8] Aus diesem Besitz beziehen sie Renten; ihr Ziel ist die Kapitalisierung eigentlich unknapper Güter, sie sind geradezu Instrumente zur künstlichen Verknappung unknapper Güter.[9] In einer ersten Phase bilden die Plattformen lokale Monopole oder besetzen zumindest starke Marktpositionen, in einer zweiten Phase betreiben sie die Sicherung und Abschließung ihrer soziotechnischen Ökosysteme. Dazu verwenden sie von Ulrich Dolata beschriebene „Lock-in Strategien“ der Kundenbindung, bei denen „switching necessities“ verringert und „switching costs“ erhöht werden.[10] Mit Cloud Computing, Künstlicher Intelligenz und eigenen Bezahlsystemen binden sie die User an sich.[11] Um sich von den Netzbetreibern unabhängig zu machen, kaufen sie Glasfaserkabel und Unterseekabel.[12] Sie treten jedoch zunehmend in Konkurrenz zueinander, so dass von einer oligopolistischen Marktstruktur gesprochen werden kann.[13] Den Staat betrachtet Staab dabei als großen Verlierer des digitalen Kapitalismus, es gäbe keinen Stamokap 2.0.[14] Den Einwand, dass es sich um „kreative Monopole“ handele, da sie jederzeit durch Disruptive Technologien vom Markt gefegt werden können, lässt Staab nicht gelten, da die „Lock-in-Kosten“ zu hoch sind und gerade dort, wo sich die Wirtschaftstheorie neue Wettbewerber erhofft, in der Start-up-Welt, die Plattformen mit ihrer finanziellen Schlagkraft einwirken.[15]

Plattformen und KI

Henry Kissinger, Eric Schmidt und Daniel P. Huttenlocher schreiben in ihrem 2021 erschienenen Buch The Age of AI and our Human Future, dass die KI-gestützten Netzwerk-Plattformen („AI-enabled network platforms“), deren Nutzerbasen die Bevölkerung der meisten Nationen oder sogar von Kontinenten übertreffen, einen gewaltigen Einfluss auf das tägliche Leben, den politischen Diskurs, den Konsum, die Wirtschaftsorganisation und Regierungsmaßnahmen eines Landes haben. Vor allem die KI, von der keiner genau weiß, warum sie eine bestimmte Nachricht, ein Produkt oder eine Route vorschlägt, hat einen riesigen sozialen, ökonomischen, politischen und geopolitischen Einfluss. Nutzer vertrauen den Plattformen Informationen an, welche sie einem Freund oder der Regierung nur zögerlich anvertrauen würden. Entwickelt von praktisch denkenden Ingenieuren, sind diese Plattformen plötzlich in der Lage, Regeln, Parameter und Grenzen festzulegen. Community-Standards würden dadurch so einflussreich wie nationale Gesetze. Die Plattformen sind geopolitisch signifikante Akteure geworden, mit Einflussmöglichkeiten auf Konflikte zwischen Regierungen und auf die internationale Diplomatie. Sie können die industrielle, politische und kulturelle Entwicklung einer konkurrierenden Gesellschaft oder Ökonomie signifikant beeinflussen. In Krisensituationen können Plattformen zu Waffen werden, falls ihr Dienst eingestellt wird. Demzufolge müssen dringend neue Formen der Verständigung und Regeln zwischen Regionen, Regierungen und den Betreibern der Plattformen gefunden werden.[16]

Plattformen und Planwirtschaft

Der in Oxford tätige Soziologe Vili Lehdonvirta sieht, dass die Plattformen die Freie Marktwirtschaft zunehmend in eine Planwirtschaft nach sowjetischen Muster verwandeln könnten und warnt vor den Folgen dieser Entwicklung. Nach einem einflussreichen Artikel aus dem Jahre 1945 von Friedrich Hayek basiert eine freie Marktwirtschaft auf freien Entscheidungen von Individuen, die mit ihrer Nachfrage über einen Preismechanismus die Ökonomie lenken. Eine einzelne zentrale Autorität könne niemals über die notwendigen Datenmengen verfügen und aus ihnen die Implikationen ableiten, um die Wirtschaft effizient zu lenken. Lehdonvirta sieht die anfänglichen Erfolge der sowjetischen Planwirtschaft auch darin, dass die sowjetische Wirtschaft anfangs nur aus wenigen tausend Betrieben bestand. Jedoch wuchs der Informationsaufwand quadratisch zum Volumen der Produktion. Für die Versuche einer computergestützten zentralen Planung, die in der Sowjetunion Kybernetik genannt wurde, waren die damaligen Rechner nicht leistungsfähig genug. Heute beeinflussen Incentives und Nudges mittels maschineller Algorithmen zunehmend die freien Entscheidungen der Individuen auf den Plattformen. Es sei eine Ironie, wenn Silicon-Valley-Liberale im Streben nach dem perfekten Markt eine Planungsmacht („Sowjetunion 2.0“) in dieser Form etabliere. Entscheidender als die Frage, ob eine solche zentrale Planung durchführbar ist oder nicht, sei aber die Frage, wer die Planung kontrolliert und in wessen Interesse sie erfolgt.[17]

Zu ähnlichen Überlegungen kommen Leigh Phillipps und Michal Rozworski[18] sowie Tino Daum und Sabine Nuss.[19][20]

Regulation

Der Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen betont, dass eine Regulation der sozialen Netzwerke nötig ist, und spricht dabei von einem sogenannten „Plattform-Rat“, der nötig sei; jedoch ohne die Meinungsfreiheit einzuschränken.[21]

Digital Services Act (DSA)

Der Digital Services Act wird seit 2022 (für sehr große Plattformen und Suchmaschinen) bzw. allgemein seit 2024 in der EU angewandt (deutsche Fassung: Gesetz über digitale Dienste, GdD). Er soll einen sichereren digitalen Raum schaffen, in dem die Grundrechte aller Nutzerinnen und Nutzer digitaler Dienste im EU-Binnenmarkt geschützt sind. Das Gesetz regelt Haftung und Sicherheit im Netz. Die Plattformen sollen dafür sorgen, dass illegale Inhalt entfernt werden, und sie müssen das Risiko minimieren, dass illegale Inhalte auf die Plattformen gelangen. Kritiker befürchten dadurch eine Einschränkung der Informationsfreiheit.

Rechtsstatus von unselbständigen Anbietern von Dienstleistungen auf digitalen Arbeitsplattformen

Gerichte in verschiedenen Staaten, u. a. das Bundesarbeitsgericht im Jahr 2021,[22] haben Personen, die Aufträge über Plattformen beziehen, als Arbeitnehmer eingestuft. Sie seien damit nicht, wie von den Plattformbetreibern interpretiert, als Selbstständige anzusehen, an die lediglich Aufträge vermittelt würden.[23] Auf nationaler Ebene gibt es vereinzelt Bestrebungen, die Plattformökonomie in Bezug auf das Arbeitsrecht zu regulieren.[24] Am 12. Juni 2026 verabschiedete die 114. Tagung der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) ein „Übereinkommen über menschenwürdige Arbeit in der Plattformökonomie“.[25]

Siehe auch

Literatur

Einzelnachweise

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