Plaudernetz

österreichweites, telefonisches Gesprächsangebot From Wikipedia, the free encyclopedia

Das Plaudernetz ist ein österreichweites, telefonisches Gesprächsangebot, das am 7. April 2020 durch die Caritas der Erzdiözese Wien in Kooperation mit Magenta Telekom gegründet wurde.[1] Ziel des Projekts ist es, Menschen, die sich einsam fühlen oder einen Gesprächspartner suchen, per Zufallsprinzip mit registrierten ehrenamtlichen Freiwilligen zu verbinden. Das Angebot ist kostenlos, anonym und täglich von 10:00 bis 22:00 Uhr unter der Rufnummer 05 1776 100 erreichbar.[2] Bis Anfang 2026 wurden über das Plaudernetz rund 70.000 Gespräche geführt.

Geschichte

Das Plaudernetz wurde am 7. April 2020 während des ersten Lockdowns der COVID-19-Pandemie in Österreich ins Leben gerufen.[3] Die Gründung erfolgte als Reaktion auf die durch Kontaktbeschränkungen verschärfte Einsamkeitsproblematik. Bereits in den ersten sechs Monaten nach dem Start verzeichnete die Initiative mehr als 7.000 Anrufe; in der Zeit des Lockdowns gingen bis zu 120 Anrufe täglich ein.[4]

Aufgrund der anhaltenden Nachfrage auch nach dem Ende der Pandemiemaßnahmen wurde das Projekt als dauerhaftes Angebot weitergeführt. Im Jahr 2023 wurde eine eigene Smartphone-App eingeführt, über die die ehrenamtlichen Gesprächspartner ihre Erreichbarkeit flexibel steuern können.[5]

Im Juni 2025 wurde das Konzept des Plaudernetzes nach Deutschland übertragen. Dort wird es von den Maltesern in Kooperation mit der Deutschen Telekom unter einer eigenen, kostenfreien Rufnummer (0800 330 1111) betrieben.[6]

Funktionsweise

Das System basiert auf einer intelligenten Telefonanlage, die von DataWay über Magenta Telekom als technischem Partner bereitgestellt wird.[7] Anrufende wählen die österreichweite Rufnummer 05 1776 100, die täglich von 10:00 bis 22:00 Uhr erreichbar ist. Der Anruf wird anonymisiert und per Zufallsprinzip an einen/eine der registrierten Freiwilligen weitergeleitet, die zu diesem Zeitpunkt ihre Bereitschaft signalisiert haben. Ungefähr zwei Drittel der Anrufenden werden sofort mit einem Gesprächspartner verbunden.[2]

Die Gespräche erfolgen beidseitig anonym. Das Plaudernetz ist ausdrücklich nicht als Krisenhotline oder psychologische Beratungsstelle konzipiert, sondern als Gesprächsangebot für den alltäglichen Austausch. Anrufende in Krisen- oder Notfallsituationen werden auf entsprechende Fachstellen verwiesen.[4]

Die ehrenamtlichen Gesprächspartner, die als „Plauderpartner“ bezeichnet werden, benötigen keine spezielle psychosoziale Ausbildung. Die Caritas bietet ihnen jedoch Schulungen, wie zum Beispiel eLearning-Module, Webinare mit Fortbildungscharakter und Austauschmöglichkeiten, darunter das sogenannte „Plaudernetz-Café“.[8] Über die Smartphone-App können die Freiwilligen ihre Erreichbarkeit ortsunabhängig und flexibel einstellen.[2]

Zielgruppen

Das Angebot richtet sich an alle Menschen, die das Bedürfnis nach einem Gespräch haben, unabhängig von Alter oder Hintergrund. Laut einer Auswertung aus dem Jahr 2026 sind rund 75 Prozent der Anrufenden älter als 50 Jahre.[9] Dennoch nutzen auch jüngere Menschen das Angebot.[4] Auf Seiten der Freiwilligen engagieren sich Personen unterschiedlicher Altersgruppen, die Zeit für Gespräche zur Verfügung stellen möchten.

Verbreitung und Kennzahlen

Seit der Gründung im April 2020 bis Anfang 2026 wurden über das Plaudernetz rund 70.000 Gespräche geführt, was einem Gesamtvolumen von 1,85 Millionen Gesprächsminuten entspricht.[1] Ein durchschnittliches Gespräch dauert etwa 28,5 Minuten.[2][10]

Im Jahr 2025 verzeichnete das Projekt mit mehr als 15.000 geführten Telefonaten und knapp 430.000 Gesprächsminuten einen Höchststand. Bis zum Jahresbeginn 2026 hatten etwa 9.300 unterschiedliche Personen das Angebot als Anrufende genutzt; auf Seiten der Ehrenamtlichen sind über 4.100 Personen als Plauderpartner registriert.[2] Besonders in den Wintermonaten ist die Nachfrage erhöht; im Jänner werden bis zu 1.800 Gespräche pro Monat geführt.[11]

Das Projekt wird unter anderem aus Mitteln des Sozialministeriums gefördert.[12] Der Fonds Gesundes Österreich (FGÖ) hat das Projekt unter der Projektnummer 3305 evaluiert und einen Endbericht veröffentlicht.[13] Außerdem fördert die deutsche Chaja Stiftung das Plaudernetz.[14]

Gesellschaftliche Bedeutung

Das Plaudernetz wird im Kontext der zunehmenden gesellschaftlichen Vereinsamung diskutiert. Laut einer vom Institut Foresight im Auftrag der Caritas Wien durchgeführten Studie fühlen sich mehr als vier von zehn Personen in Österreich zumindest manchmal einsam. Der Anteil der Personen, die aufgrund gestiegener Lebenshaltungskosten ihre sozialen Kontakte einschränken mussten, hat sich von 2023 bis 2025 beinahe verdoppelt.[11][15]

Die Studie ergab, dass zwei Drittel der Befragten der Aussage zustimmen, dass ein gutes Telefonat helfe, sich weniger einsam zu fühlen.[1] Mediziner verweisen auf die gesundheitlichen Folgen von Einsamkeit, die als Risikofaktor für chronischen Stress, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Depressionen und Demenz gilt.[12] Die Caritas fordert auf Basis dieser Erkenntnisse einen nationalen Aktionsplan gegen Einsamkeit.[1]

Das Plaudernetz wird von der Europäischen Kommission im Rahmen des Europäischen Sozialfonds Plus als Fallbeispiel für soziale Innovation geführt.[16] Auch das EU-Förderprogramm Interreg Europe listet das Plaudernetz als bewährte Praxis (Good Practice) im Bereich sozialer Innovationen.[17]

Auszeichnungen

Siehe auch

Einzelnachweise

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