Pnin
Roman von Vladimir Nabokov
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Timofey Pnin, die Hauptfigur dieses Romans, ist ein ältlicher, liebenswerter Collegeprofessor in den USA, der in der Romanhandlung Mitte der 1950er Jahre eine Kette von Niederlagen erlebt. Er stammt aus Russland, war zunächst in Frankreich und dann in Amerika im Exil und ist ein tragikomischer, zum Unglück neigender Antiheld.
Pnin ist der vierte in englischer Sprache verfasste Roman von Vladimir Nabokov, der ihn auf Englisch 1953 begann und 1955 beendete. Das Buch wurde 1957 in den USA veröffentlicht und schon 1958 in die Shortlist des National Book Award aufgenommen. Die erste deutsche Übersetzung erschien 1960, eine zweite 1994.
Handlung
Seit 1945 arbeitet Pnin in der unsicheren und schlecht bezahlten Stellung eines Assistenzprofessors mit kleinem Gehalt am College in Waindell, einer fiktiven Kleinstadt und den Andeutungen nach ein „Intrigennest“ irgendwo im Norden des Staates New York.[1] Bis Ende 1954 ist das sein Unterschlupf und Zufluchtsort in Amerika. Professor Pnin gilt am provinziellen College als rührend altmodischer Gelehrter, akademisches Original, europäisches Kleinod oder als unmöglicher Kauz. In seinen kaum besuchten Kursen lehrt er russische Literatur und Russisch, seine im Amerika des Kalten Krieges nutzlose Muttersprache.
Pnins Leben ist von Verlusten gekennzeichnet. Er verliert als Jugendlicher kurz hintereinander seine Eltern, bald darauf seine Heimat an die Bolschewiki, seine große Jugendliebe an die Mörderhände der SS im Holocaust, seine neuen Zufluchten Prag und Paris an die einmarschierende Wehrmacht und die Liebe seiner Frau Lisa schließlich auf dem Schiff nach Amerika an einen anderen Mann.
Mit der amerikanischen Kultur, oder, wie er es begreift, dem gänzlichen Fehlen von Kultur, kommt er nur mühsam zurecht. Er erlernt kaum die englische Sprache und spricht sie so gebrochen, dass er auch nach Jahren für die Formulierung seiner Vorlesungen und Vorträge die Hilfe eines Assistenten benötigt.

Pnin ist auf vielfältige Art entwurzelt und bleibt in Amerika ein Fremdkörper, obwohl er nach vielen Jahren mit einem Nansen-Pass die neue Staatsbürgerschaft stolz und freudig annimmt. Er wechselt seine gemieteten Zimmer fast jedes Semester und als er schließlich ein Häuschen mietet, scheitert er wieder daran, sich in Amerika niederzulassen: Auf der Einweihungsparty erfährt er, dass seine Stelle nicht verlängert und der neue Leiter des Lehrstuhls ausgerechnet der Erzähler N. werden soll, mit dem Pnin jede Zusammenarbeit ablehnt – Pnin bleibt heimatlos und flieht in eine ungewisse Zukunft.
Entstehung und Titel
Der Herausgeber von Nabokovs Gesammelten Werken, Dieter E. Zimmer, notierte, dass Nabokov „Pnin im Juni oder Juli 1953, ein halbes Jahr vor der Beendigung der Lolita“ begonnen und im August 1955 beendet hat. Der Roman war anfangs auf zehn Kapitel geplant, von denen dann sieben realisiert wurden. Entscheidend für die Konzeption war die Hauptfigur als Opfer der Umstände: Das Manuskript „trug den provisorischen Titel Mein armer Pnin“ und sollte mit Pnins Tod enden, „obwohl alles unabgeschlossen und unbeendet ist.“[2] Das Kapitel 1 erschien am 28. November 1953 im New Yorker, ebenfalls dort die Kapitel 3, 4 und 6 im Laufe des Jahres 1955.
Schon im Namen der Hauptfigur steckt für den Herausgeber ein erste Hinweis auf den Bedeutungskern der Erzählung: In der russischen Literaturgeschichte gebe es nur einen Namensvorläufer, ein uneheliches Kind des Fürsten N. P. Repnin, der ihm nur die zweite Hälfte seines Namens vermacht habe: „Julian W. Connolly […] ist der Meinung, der Name solle andeuten, dass auch Timofey Pnin einer der Enterbten sei.“ Die Figur des traurigen Helden weist daher schon mit ihrem Namen auf das Schicksal der Enterbung der russischen Exilanten infolge der politischen Entwicklungen in Russland. Dieser erste Hinweis kann durch eine zweite Assoziation mit Bezug auf die englische Aussprache von „Pnin“ verstärkt werden: Der Name der Hauptfigur werde im Englischen wie pain ausgesprochen, einen Lebensschmerz ausdrückend, den Pnin in der Erzählung personifiziere.[3]
Struktur
„Der erste Verlagslektor, dem Nabokov Pnin zeigte, bezeichnete den Roman als eine ´Sammlung von Skizzen´ und nahm damit ein Urteil vorweg, das die Kritik später noch des öfteren äußerte.“[4] Entgegen Nabokovs Beteuerungen wirkt „das kleine Buch“[5] wie eine Nummernrevue des Scheiterns in Variationen: Dieter E. Zimmer stimmt einer Figur des Romans (Joan Clements) zu, die sagt, N’s Romane „drückten vor allem die fortwährende Wiederkehr bestimmter absurder Situationen aus.“[6]
Die in der Handlung voneinander weitgehend unabhängigen sieben Kapitel werden durch eine Vielzahl von Themen, Leitmotiven, Symbolen und ironischen Volten miteinander verbunden und so in einem „Geflecht von Beziehungen“ verklammert, in denen das geheimnisvolle Grauhörnchen[7] und die Verdoppelungen von Situationen, Bildern, Gesichtern und Namen immer wieder Anspielungen vermitteln.[8] Über diese Details hinaus werden wesentliche Handlungen um die Achse des vierten Kapitels gespiegelt: Das erste und siebte Kapitel thematisieren Pnins Vortrag in Cremona, im zweiten Kapitel bezieht Pnin ein neues Zimmer und im sechsten ein kleines Haus, das dritte schildert einen Arbeitstag und das fünfte seine Ferien, sodass die Kapitel „einer Gesamtstruktur“, einer „Symmetrie“ unterworfen sind.[9]
„Pnins ganzes Leben [ist] eine Serie von gerade noch einmal abgewendeten kleinen und großen Katastrophen.“[10] Er scheint sich aber trotz der Häufung seiner Misserfolge nicht erkennbar an Lebenskompetenz zu gewinnen. Der erste Unterabschnitt des ersten Kapitels der Erzählung fasst daher viermal das Dilemma von Pnins Lebensreise in einem Leitmotiv zusammen: dass er sich „im falschen Zug befand“, der ihn vom Start seiner Reise entfernt und doch dem Ziel nicht näherbringt. Da es keinen Lernfortschritt gibt, kann der Erzähler seinen Bericht über Pnins erste neun Jahre in den USA mit der Parodie der ersten Szene seiner Erzählung enden lassen, in welcher es Pnin gerade noch gelingt, rechtzeitig zu seinem Vortrag zu kommen – ein Kreis schließt sich und am Ende ist Pnin noch nicht viel weiter als am Anfang: „Der Aufbau des Ganzen ist zirkulär, genau genommen bleibt offen, ob es sich um einen Kreis oder eine Spirale handelt.“[11]
Russland: Land voller Unrecht
Pnin ist ein „realistischer Zeitroman“ des Zwanzigsten Jahrhunderts mit einem enormen „historischen Hallraum“, in dem nach Umfang, Häufigkeit und als Quelle der Motive die Erinnerungen an die Katastrophe der Russischen Revolution von 1917 das Zentrum bilden:[12] Pnins Exil ist vor allem Flucht vor den siegreichen Bolschewiki in Russland 1917 und der folgenden Niederlage der „Weißen Armee“ im Bürgerkrieg. Die Welt nahezu aller exilrussischen Figuren wird durch den Verlust der Heimat und das Exil bestimmt. Nabokov riskierte sogar die Ablehnung seines Textes beim New Yorker, weil er sich weigerte, etwas von dieser Textur des Grauens zu streichen – ihm unwichtigere Änderungswünsche „in erklecklicher Zahl“ akzeptierte er dagegen oft.[13]
Die Ereignisse im bolschewistischen Russland werden in mehr als zwanzig kurzen und längeren Bemerkungen geschildert. Erinnert wird an das „rationale Muster“ des Leben vor der Revolution und an eine heutige „alte Stadt voller Unrecht“,[14] an gefolterte, ermordete, verschwundene Familienangehörige und Freunde,[15] an die von der Revolution beendete, erste, bleibende, große Liebe Pnins zu der später von den Nazis ermordeten Jüdin Mira Bjelotschkin,[16] an zerstörte Karrieren und politische Ideale,[17] an die Trauer über das Desinteresse der exilierten russischen Kinder an Geschichten aus dem ihnen fremden Russland[18] und im Fall des Erzählers an ein verlorenes imposantes St. Petersburger Stadthaus und an Ländereien.[19]
So sehr ist dieses Schicksal Exilrussen auch in der Sicherheit Amerikas präsent, dass sogar Victor, Linas Sohn mit ihrem zweiten Ehemann, in einer Art magischer Erlebniserbschaft einen ähnlichen Flucht-vor-Gewalt-Traum träumt, wie Pnin.[20] Auch für den exilierten Erzähler ist „Unglück [...] das Normale“ und er hat für „Happy-Ends nichts übrig“, sodass der von Ärzten auf Pnins Röntgenbildern entdeckte und immer wieder erwähnte „Schatten hinterm Herzen“ eine Metapher mehr für die biografische als die biologische Konstitution der Figuren Pnin und seines Erzählers N. ist.[21]
Schicksalsgemeinschaft: Pnin und der Erzähler N.
Statt der titelgebenden Hauptperson zeigt allein der Erzähler N. eine Figurenentwicklung besonderer Art: Er scheint nach und nach als alter Bekannter Pnins aus St. Petersburg aus der Anonymität herauszutreten, obwohl Pnin die gemeinsame Geschichte für eine Erfindung hält.[22] Der Erzähler bezeichnet sich als Pnins Freund, als Karrierebegleiter, als sein Arzt, ist angeblich Helfer bei Pnins Flucht nach Amerika, erwähnt einen Insektenexperten Nabokov und nimmt schließlich eine Professur in Waindell an, die Pnin als Slawisten am College überflüssig macht.[23]
Der Autor schwankt in seiner Erzählperspektive zwischen einer auktorialen Erzählsituation und der Ich-Perspektive des zu einem Beteiligten aufsteigenden Erzählers N. Die in nahezu dreißig Kommentaren zunehmende Identitätsüberlappung stellt dem impliziten Leser die Doppelfrage nach dem Verhältnis zwischen einerseits Pnin und dem Erzähler N. und andererseits zwischen dem Erzähler N. und dem Autor Nabokov. Die Methode der verschoben-überlappenden Verbindung seiner Figuren hat Nabokov nach Dieter E. Zimmer in einer Untersuchung des Schweifenden Homerischen Vergleichs bei Gogol näher analysiert.[24]
Der Erzähler wird mehr und mehr zu einem Teilhaber eines in Teilen ähnlichen Schicksals: Pnin ist der Sohn eines in St. Petersburg prominenten Augenarztes, der Erzähler N. dagegen besitzt schon früh „ein schönes neues englisches Fahrrad“, einen Hauslehrer, wächst auf in einem prachtvollen „Haus aus rosa Granit in der Morskaja“ und ist Erbe von „Ländereien in der Nähe von St. Petersburg“[25] – Pnin ist Spross nur des akademischen Mittelstands, der Erzähler N. dagegen Kind einer sehr wohlhabenden bürgerlichen oder aristokratischen Familie mit umfangreichem Grundbesitz.
Die von N. genannte Adresse seines Geburtshauses ist auch die der aristokratischen Familie Nabokov, die vor und nach der Entmachtung des Zaren Regierungsämter bis zur Oktoberrevolution innehatte. Dieter E. Zimmer diskutiert die Möglichkeit der Wahrheit der Äußerungen des Erzählers über Pnin und die biografischen Ähnlichkeiten zwischen N. und dem Autor Nabokov. Er kommt zu dem Ergebnis, dass N. ein „Vexierbild“ oder ein „knapp stilisierte[r] Vertreter“ des Autors ist, der manche seiner Züge ebenso N. verliehen habe wie Pnin. Indem der Autor selbst in seinem Roman auftrete, entstehe ein logischer Realitätsbruch: Diese Rekursivität durch den am Ende vor seinem Autor fliehenden Pnin sei ein Zeichen der Modernität der Komposition, die den Leser aktiviere, sich kritisch mit diesem Figurenspiel auseinanderzusetzen, und ihm einen „zweiten Roman im Hintergrund von Pnin“ eröffne.[26]
Unabhängig von der Antwort auf die Frage nach den Identitäten von Pnin und dem Erzähler verleiht die soziale Positionierung von N. in der Oberschicht des zaristischen Russlands den Rekursen auf die Oktoberrevolution und auf das folgende Exil eine enorme Fallhöhe – und erklärt so die mehrmals aufscheinende Distanz zu der auf den ersten Blick egalitären amerikanischen Gesellschaft. Denn sowohl für Pnin als auch N. sind Statusfragen eine ungewohnte Hürde des amerikanischen Alltags: Pnin war es anfangs „sehr peinlich gewesen, wie leichthin man sich in Amerika mit Vornamen bewarf“, und N. erzählt, dass Pnin sich fast in Betty verliebt hätte – leider aber eine Studentin mit „Dienstmädchengemüt“,[27] eine Bemerkung, die Bettys Gemüt sozial deklassiert und auch darauf verweist, dass Nabokov bei Frauen der Akademiker in Waindell und bei Studentinnen aufmerksam körperliche und Gefühlseigenschaften registriert („Gwenn Cockerell entpuppte sich als eine hübsche Frau Ende Dreißig mit einem Kätzchenprofil und anmutigen Gliedmaßen“), während die Männer in Waindell mehr nach ihrem Verstand sortiert werden.[28]
Amerika: imperfekter Retter
Die Nabokov-Forschung hat die „Vernetzung zwischen Nabokovs Werken und seinem wissenschaftlichen Interesse nachgewiesen“, was offenbar auch für N. gilt.[29] Für ihn erreicht die Unterschreitung akademischer Standards im Waindell-Amerika bittere Extreme, die der in unsicherer Stellung lehrende Pnin aber niemals so offenherzig zu kommentieren wagen würde: Das absurde College-Theater schleppte sich „mit Ach und Krach [...] weiter“, zum Beispiel mit Professor Blorenge, dem Leiter Französische Literatur und Sprache: „Er hatte etwas gegen Literatur, und er konnte kein Französisch“, mit der Englisch-Abteilung, einem „Horst von Hypochondern“ und der Nutzung von Plagiaten für die eigene Arbeit.[30] Weniger in den Gedanken des duldenden Pnin und mehr in den scharfen Kommentaren des Erzählers ist von „Forschungstollerei“ und „sterilen Dozenten“ die Rede, von einer verstiegenen Linguistik, einer rätselhaften Psychologie mit absurden empirischen Tests, von einer Philosophie der Gebärde und einer Studie zu den Essgewohnheiten kubanischer Fischer und Palmkletterer. Ebenso werden weitere Kollegen Pnins vom Erzähler in Sarkasmus ertränkt, wie beispielsweise Dr. Hagen, Hochwürden Hopper und Oleg Komarov.[31]

„Im Übrigen haben die Spekulationen über die Bedeutung des Namens ‚Waindell‘ bisher nichts Überzeugendes erbracht. Am meisten spricht wohl für den Namen, dass er in Pnins Aussprache den Kalauer engl. vandal (Vandale) ergibt“, was weniger für den duldsamen Pnin und mehr für den Erzähler N. die Substanz des Colleges treffend bezeichnet.[32]
Auch die Studenten entsprechen nicht Ns Erwartungen: Sie sind mehr bäuerlich als begabt und an Bildung nur als Vehikel zu einem gut bezahlten Job interessiert, hören immer nur Jazz und kritzeln Bücher voll mit dümmlichen Randbemerkungen. Und „man lässt zwanzig junge Deppen und zwei aufsässige Neurotiker fünfzig Minuten lang über etwas diskutieren, wovon weder sie noch ihr Lehrer irgendetwas verstehen.“[33] Offenbar ist Waindell für den Erzähler N. keine Farce, kein komisches Lustspiel, sondern ein akademisches Trauerspiel, worin ihm der Autor bei seinem Interesse an fundierter Wissenschaft zustimmen dürfte. Diese kritischen Schilderungen könnten von Nabokovs Erfahrungen während seiner akademischen Tätigkeit in Stanford, am Wellesley College, in Harvard und vor allem an der Cornell University inspiriert worden sein.[34]
Pnin: kein Schlüssel für Amerika
Pnin wurde unbehaust dort, wo er herkommt, und bleibt es dort, wohin er fliehen kann: „Pnins Leben ist eine einzige Serie von Verlusten (der Heimat, der Jugendgeliebten, der Frau, der Behausungen)“, er lebt auch in Waindell als „Nomade“ und wechselt seine gemieteten Unterkünfte fast jedes Semester.[35] Alle Versuche Pnins scheitern auch hier, sich in der Welt einzurichten, wie schon in Russland und Europa, wie schon einmal bei der Figur des Don Quijote, dem „Ritter von der traurigen Gestalt“. 1951/52 hatte Nabokov in Harvard seine Cervantes-Vorlesungen geschrieben und „nun erdachte Nabokov selber einen lachhaften Ritter von der traurigen Gestalt“,[36] was zu einem Teil auch für die Gesellschaft der Exilrussen in Europa und für die Gäste auf einem Landsitz der Familie eines Exilrussen und Managers gilt.[37]
„Kurz gesagt, Pnin erscheint komisch, weil er es nicht schafft, sich an das Leben in den USA anzupassen. [...] Bei näherer Betrachtung können wir nun verfolgen, dass Themen der Anpassung an und der Nachahmung von amerikanischer Lebensart den komödiantischen Charakter Pnins von Anfang an prägen.“[38] So versucht Pnin, sich wenigstens äußerlich seiner neuen Umgebung anzunähern, die in Moral und Kleidung deutlich von seinen bisherigen Prinzipien abweicht: Er nahm „mit Hingabe Sonnenbäder, trug [...] Sporthemden und Freizeithosen, und wenn er die Beine übereinanderschlug, stellte er sorgfältig, absichtsvoll, schamlos ein gewaltiges Stück bloßen Schienbeins zur Schau [...] (auf amerikanische Art).“ Er lässt sich ein Totalgebiss einsetzen und ist begeistert von den kleinen technischen Errungenschaften der fordistischen Industrialisierung Amerikas: „Technischem Krimskrams war er mit einer Art benommenem, abergläubischem Entzücken zugetan. Elektrische Apparaturen bezauberten ihn. Von Plastik war er ganz und gar hingerissen. Tiefe Bewunderung hegte er für den Reißverschluss.“[39]
Aber diese Neue Welt befremdet ihn so, weicht so von seiner aristokratisch-hierarchischen Herkunftswelt ab, dass er mit permanenter Wachsamkeit reagiert. Pnin liebt Ordnungen, er hat eine große Schwäche für Fahrpläne, Landkarten und einen regelbasierten Alltag. Vor allem „die Lässigkeit der Nation [ist es], die Pnin immer wieder verblüfft.“ Er fühlt sich immer wieder durch diese Nonkonformität herausgefordert, ist „beständig auf der Suche nach teuflischen Fallgruben, zu ängstlich auf der Hut, dass ihn seine erratische Umwelt (das unberechenbare Amerika) ja nicht zu irgendeinem furchtbaren Versehen verleite.“ „Erratisch“, undurchschaubar ist die „Doppelnatur seiner Umgebung“, in der russische Erinnerung und amerikanische Realitäten ineinander übergehen. In Pnins Worten: „das wunderbare Amerrika [sic, Pnins Aussprache!], das mich manchmal überrascht, aber von mir immer respektiert wird“, ein Land, dessen praktische Menschen „dazu neigen, eher ein Gefühl als einen Gedanken zu haben.“[40]
In immer neuen Situationen erlebt er, dass er den Schlüssel zu den Mustern dieser Neuen Welt noch immer nicht gefunden hat – und erinnert sich, als Kind vergeblich im „Zweikampf mit der Tapete“ seines Kinderzimmers das Prinzip der Abfolge der Muster zu entschlüsseln versucht zu haben.[41] Michael Maar erwähnt die der Forschung zu Nabokov aufgefallene „starke gnostische Unterströmung“ in seinem Werk, in dem die Katastrophen der Welt auf das Wirken eines bösen Demiurgen zurückgeführt werden, wodurch sich die Wichtigkeit der Suche nach den „teuflischen Fallgruben“ und dem fehlenden Schlüssel zum Verständnis der Welt erklärt.[42]
Drei Arten Humor
Nabokov hat in einem Brief an den New Yorker „Boshaftigkeit“ kombiniert mit Realismus und Pathos als Methode seiner Darstellung bezeichnet.[43] Es ist daher nicht verwunderlich, dass kein einziger der Kommentare des Erzählers Ermutigung vermittelt und er sich in allen Situationen destruktiv äußert. Dagegen in einem Humor als Denkform des Trotzdem, im Sinne eines „Wenigstens-habe-ich ...“, würde das Opfer einer Fehleinschätzung die Hoffnung auf eine Überwindung der Krise selbst formulieren. Dazu ein Beispiel, das die Jahrtausende überdauert hat: 480 v. Chr. soll Xerxes I. den Griechen bei den Thermopylen gedroht haben: „Ich habe so viele Bogenschützen, dass ihre Pfeile die Sonne verdunkeln!“ König Leonidas von Sparta lässt der Überlieferung nach antworten: „Umso besser – dann kämpfen wir im Schatten!“ Aber im Pnin betont der Erzähler immer wieder nur die Vergeblichkeit aller Versuche und die Endgültigkeit des Versagens – keine Spur von einem Humor des widerständigen Lachens. Im Humor des Erzählers zeigen sich bei genauer Beobachtung nur Ironie und Spott, wobei Pnin und seine Umgebung unterschiedlich behandelt werden: Neben der bei Pnin weniger systemischen, milderen und mehr empathischen Spur der Kommentare verläuft eine zweite Spur mit heftigem Spott über einzelne Züge des lebensrettenden Amerika.
Was Pnin betrifft, „bot Nabokov all seine Erzählkunst auf, dass der Leser lacht, aber gleichzeitig Mitleid mit dem Verlachten hat“, wodurch Pnin zum „wohl wärmsten und menschenfreundlichsten, zugänglichsten Roman“ Nabokovs wurde. Pnins Denken und Handeln besitzt eigentlich nur einen Größenfehler: „Die Welt war es, die zerstreut war, und es war Pnins Sache, sie wieder einzurenken.“ Das führt zu einer Vielzahl komischer Situationen, in denen der Erzähler den Widerspruch von Anspruch und Wirklichkeit ironisch vergrößernd inszeniert. Die unhaltbare Seite von Pnins Fehlversuchen wird von N. überdeutlich vorgeführt: So ist der „heldenhafte Pnin“ unterwegs zu seinem neuen amerikanischen Gebiss, er kommt eine Stunde zu früh zur Busstation, spricht auch nach Jahren kaum Englisch und wenn, dann nicht ohne die „russische Feuchtigkeitszugabe“, hat eine unsägliche Didaktik und Methodik[44] oder verwechselt Football mit Fußball usw.[45] Aber Pnins unbeholfenes Auftreten resultiert entschuldbar aus „Anpassungsschwierigkeiten des Immigranten“, aus seiner liebenswerten Prinzipienfestigkeit und damit aus den „Kulturtatsachen“ seiner Herkunft.[46]
Im Gegensatz zu Pnin hat Waindell keine Entschuldigung für seine Misere und anders als Pnin wird das College und sein Personal immer wieder durch spöttische Vergleiche ad personam, in verletzender Absicht charakterisiert: Lisa hat einen „kuhhaften Gesichtsausdruck“, Hochwürden Hopper ist eine „von Bostons Matronen bewunderte Null“, zwei Zuhörerinnen in halbdurchsichtigen Regenmänteln sehen aus wie „Kartoffeln in Zellophan“, ein Dozent einer New Yorker Universität hat „Karibuaugen“, Jack Cockerell, der begabte Pnin-Parodist, ist ein ziemlich schlaffer „mondgesichtiger“ Engländer, ein Partygast hält seine Kollegen für „ehrwürdige Schwindler“ und sieht in ihnen „Mumien“ und „Gipssäulen des Bildungswesens.“ Die Eröffnungsszene zeichnet zwar auch Pnins wenig vorteilhaftes Aussehen mit Glatze und Athletenrumpf, mit „fast femininen Füßen“ und seiner auffälligen Kleidung, aber bis auf den Hinweis auf seine lippenlose, „affenartige“ Oberlippe bleibt die Beschreibung hier und im Weiteren sachlich-realistisch.[47]
Man stelle sich einen Campus-Roman über Waindell ohne die Pnin-Figur aus der Feder seines ungebremsten Erzählers N. vor, der vermutlich nach der Veröffentlichung dieses Romans keinen Ruf mehr an irgendeine Universität in den USA bekäme. Dieses Buch wäre eine „Darbietung [...] der eigenen Hartherzigkeit“ geworden, sodass Nabokov daran arbeitete, „einen gebrochenen Effekt zu erreichen.“[48] Dieser Effekt bewirkt in einem Pnin mit Pnin, so resümiert Michael Maar, dass dieser Roman als ein „heiteres, zugängliches Nebenwerk, als eine entzückende Improvisation“ gelesen werden könne.[49] Die scharfe Kritik an den pseudowissenschaftlichen, aber für die Exilanten überlebensgünstigen Missständen in Waindell wird mehr als ausbalanciert durch die Stärken Pnins, einer Figur mit „entwaffnende[m], altmodische[m] Charme“ – „entwaffnend“ durch „seinen zarten und liebenswerten Kern“, der das wachsende Unbehagen des Lesers an der unakademischen Welt von Waindell deeskaliert.[50] Erst in der Humor-Analyse zeigt sich daher das inhaltliche Basiskonzept des ganzen Romans: Pnins oft komisches Verhalten hat die Wirkung und vielleicht auch den Zweck, der scharfen Kritik des Erzählers an der absurden Waindell-Wissenschaft die Spitze zu nehmen. Was sind mutmaßliche Fehler des Systems gegen den in so vielen Unternehmungen komisch scheiternden Pnin? Das Lachen über den Waindell-Wahnsinn wird verschoben in ein Lachen über „meinen armen Pnin“ – so ja der erste Titelentwurf.
Rezeption
Der Rezensent Charles Poore schrieb 1957 in der New York Times, Pnin gehöre zu den Büchern, in denen wie in einem Spiegelkabinett Emigranten über andere Emigranten schreiben, doch zum Glück sei es nicht für diese allein geschrieben: „Wir alle können teilhaben an seinen Aspekten der menschlichen Komödie“.[51]
Wegen seines Humors kam Pnin 1958 in den USA auf die Shortlist des National Book Award for Fiction[52] und machte ihn als Autor schneller bekannt in den USA als sein ein Jahr zuvor veröffentlichter Roman Lolita.
Für den Literaturwissenschaftler Donald E. Morton ist Pnin „genauso fein ausgearbeitet wie Lolita“. „In höchstem Maße“ beweise Nabokov hier drei seiner Talente als Schriftsteller: die Erschaffung dichter Porträts, die Integration aller Einzelelemente des Plots in die Gesamtanlage der Erzählung und schließlich „der geniale Umgang mit der Erzählperspektive“.[53]
Nach Dieter E. Zimmer verleite Pnin bei oberflächlicher Lektüre dazu, ihn für einen „lockeren, leichten, heiteren Roman“ zu halten, aber er bewege sich „über seine ganze Länge auf dem schwierigen Grat zwischen Farce und Tragödie“ und werfe mit seiner Selbstbezüglichkeit „die tiefsten Fragen zum Verhältnis zwischen Welt, Künstler und dessen Kunstwelt“ auf. Für Zimmer ist Pnin Nabokovs „zugänglichster und wärmster Roman“, der gleichwohl voller Abgründe sei.[54]
Nach Michael Maar kann das „Motivdickicht“ des Romans auf vielen Wegen durchstreift werden und seine sieben Arten der Pnin-Lektüre ließen sich ebenso gut auf neun oder zwölf erweitern: „Die Zählweise ist eine Frage der Perspektive und der Feineinstellung.“ Pnin sei neben anderen Lesarten auch ein autobiografisch gefärbter Exilroman und, sofern der Schwerpunkt auf die Zeit in Amerika gelegt werde, auch ein Campusroman – und „sicher der größte des Genres.“ Er sei aber ebenso ein Roman über Bildende Kunst und einer über die Lehre der Elemente von Feuer, Luft, Erde und Wasser ... „Wenn Martin Amis und John Updike ihn [Nabokov] zum größten Autor des 20. Jahrhunderts erklären, drücken sie eine Hochschätzung aus, die nicht nur unter Autoren mittlerweile verbreitet ist.“ Für Maar ist das Buch „ein Meisterwerk, das sich als Nebenwerk tarnt“.[55]
Die Figur Professor Pnins wird in einer Nebenrolle auch in Nabokovs Fahles Feuer von 1962 erwähnt.
Ausgaben (Auswahl)
- Pnin. Heinemann, 1957
- Pnin. Übersetzt von Curt Meyer-Clason. Rowohlt, Reinbek 1960
- Pnin. Übersetzt und Herausgegeben von Dieter E. Zimmer. Rowohlt, Reinbek 1994, Sonderausgabe 2004
- Pnin. Ulrich Matthes liest "Pnin" in der Übersetzung von Dieter E. Zimmer. Audioverlag 2002. Das Hörbuch wurde 2003 mit dem Deutschen Hörbuchpreis 2003 für Beste Unterhaltung und als Hörbuch des Jahres 2002 ausgezeichnet.
Literatur
- Dieter E. Zimmer: Anhänge zur Pnin-Ausgabe 1999: Pnins Leben. Ein Kalender; Nachwort des Herausgebers; Veröffentlichungskalender; Literaturverzeichnis, Anmerkungen.
- Michael Maar: Sieben Arten, Nabokovs Pnin zu lesen. Siemens-Stiftung, München 2003
- Galya Diment: Timofey Pnin, Vladimir Nabokov, and Marc Szeftel. In: Nabokov Studies 3 (1996), S. 53–75
- Annika M. Schadewaldt: Imitation, Mimicry and the Performance of Americaness in Nabokov’sPnin. In: European Journal of American studies 18, Heft (2023).