Polybos (Mediziner)

griechischer Arzt From Wikipedia, the free encyclopedia

Polybos (altgriechisch Πόλυβος Pólybos, auch Polybios, latinisiert Polybus) war ein griechischer Arzt, der im 5. und vielleicht noch im frühen 4. Jahrhundert v. Chr. tätig war. Antike Quellen nennen ihn als Autor der hippokratischen Schrift Über die Natur des Menschen. Er wird in späteren Viten und Legenden zu Hippokrates von Kos als dessen Schüler, Nachfolger und Schwiegersohn bezeichnet.

Leben und Überlieferung

Eine Biographie zu Polybos ist nicht überliefert. Aristoteles und der Anonymus Londiniensis nennen ihn als Autor, aber sagen nichts zu seiner Herkunft oder Verwandtschaft. Die Brüsseler Vita Hippocratis listet ihn unter den Schülern des Hippokrates, im Presbeutikos logos ist er zusätzlich dessen Schwiegersohn. Galenos erwähnt Polybos mehrfach als Schüler und einmal als Schwiegersohn.[1] Sein Vater soll ein Apollonios gewesen sein.[1][2] Vivian Nutton hält es für wenig überzeugend, Polybos habe Hippokrates sieben Bücher über ägyptische Medizin aus Memphis verschafft, wie es die Brüsseler Vita berichtet.[2] Widersprüchlich ist, dass Polybos laut Galenos auf Kos blieb, während der Presbeutikos logos ihn als wandernden Arzt beschreibt.[3]

Carolin Oser-Grote erklärt die Einordnung in die Familie des Hippokrates als nachträgliche Autorisierung,[4] und David Leith geht von einer hellenistischen Erfindung aus, um die Schrift Über die Natur des Menschen, bei Aristoteles dem Polybos zugeschrieben und später ins Corpus Hippocraticum aufgenommen, in die Nähe von Hippokrates zu rücken.[5] Schon Jacques Jouanna hielt ein Lehrer-Schüler-Verhältnis für wahrscheinlicher als eine familiäre Beziehung.[3]

Zugeschriebene Schriften

Zwei antike Zeugnisse peripatetischer Herkunft nennen Polybos als Verfasser von Über die Natur des Menschen. Aristoteles zitiert in der Historia animalium nahezu wörtlich aus der Darstellung der Blutgefäße in Kapitel 11 und nennt ihn als Autor. Der Anonymus Londiniensis greift unter Erwähnung von Polybos die Kapitel 3 und 4 auf. Die moderne Forschung diskutiert deshalb vor allem die Einheit der Schrift. Carl Fredrich trennte 1899 das Kapitel 11 von den Kapiteln 1–8 und lehnte damit die Zuschreibung der ganzen Schrift an Polybos ab, Karl Deichgräber widersprach dem 1933. Hermann Grensemann nahm 1968 Deichgräbers Gegenposition auf. Jacques Jouanna stimmte Grensemann im Ergebnis zu, hielt aber fest, dass für die Einheit der Schrift keine neuen Argumente vorgelegt wurden.[3] Auch David Leith nimmt Polybos als Autor an, datiert Über die Natur des Menschen jedoch etwa 50 Jahre früher in die Mitte des 5. Jahrhunderts v. Chr. und begründet dies mit der Erwähnung von Melissos, Diogenes von Apollonia, Hippon, Thrasymachos von Sardeis und Empedokles, die der Text als damals noch tätige Denker voraussetzt. Über die Natur des Menschen enthält die kanonische Lehre von den vier Körpersäften, die für die Humoralpathologie grundlegend wurde.[5]

Grensemann schrieb Polybos neben Über die Natur des Menschen und dem damit verbundenen De salubri diaeta auch De octimestri partu zu.[1] Jouanna hält die späten Zeugnisse bei Clemens von Alexandria und Aëtios von Amida nicht für ausreichend, um Polybos als Autor zu sichern. Er nimmt lediglich eine Herkunft aus dem koischen Umfeld an. Der Autor von De octimestri partu berücksichtigt Tage, Monate, Zeiträume von vierzig Tagen und das Jahr, übergeht aber die Jahreszeiten, die in Über die Natur des Menschen den biologischen Zyklus und die Krankheitsdauer bestimmen. Hinzu kommen abweichende Zahlensystematik, unterschiedliche Beweisformeln und verschiedene Bezeichnungen der Säfte.[3] Eustace Dockray Phillips hielt die Datierung kurz nach 400 v. Chr. und die Zuschreibung beider Schriften an Polybos dagegen für stimmig.[6] Leith lässt die Zuschreibung von De octimestri partu an Polybos ausdrücklich offen.[5]

Die antike Überlieferung nennt Polybos außerdem im Zusammenhang mit De natura pueri und De affectionibus.[1][2] Jouanna folgt Grensemanns Ausschluss dieser beiden Zuschreibungen, De affectionibus sei knidisch, De natura pueri stehe der knidischen Schule zumindest nahe.[3]

Im Codex Bambergensis L. III. 8 wird hinter Thessalus, Draccus und Hippocrates iunior der verderbte Name Poliemmius gelistet, den Heinrich von Staden 1976 als Polybus deutete, das ältere Ptolemaeus verwarf er. In der Stelle werden Verwandte des Hippokrates als mögliche Verfasser hippokratischer Schriften genannt.[7]

Literatur

Einzelnachweise

Related Articles

Wikiwand AI