Polytheismus

religiöse Verehrung einer Vielzahl von Göttern oder Geistern From Wikipedia, the free encyclopedia

Polytheismus (von altgriechisch polys viel, und altgriechisch θεοί theoi, deutsch Götter) oder Vielgötterei bezeichnet die religiöse Verehrung einer Vielzahl von Göttinnen und Göttern. Es handelt sich um Religionsformen, in denen das Handeln mehrerer, persönlich vorgestellter Götter angenommen wird. Dieses Handeln wird dargestellt als aufeinander bezogen, auf die Welt gerichtet und die Menschen betreffend. Eine polytheistische Religion unterscheidet sich vom bloßen Vorhandensein mehrerer Götterkulte durch eine „Binnenstruktur“ ihres Götterapparates – durch ein in sich gegliedertes und durch ein Handlungssystem bestimmtes Pantheon.

Forschungsgeschichte

Der Begriff „Polytheismus“ wurde erstmals von Philon von Alexandria in seinem Werk De mutatione nominum (deutsch Über den Wandel der Namen) als Gegensatz zur monotheistischen jüdischen Religion verwendet.[1] Jean Bodin führte den Begriff im 16. Jahrhundert in die westliche theologische und philosophische Diskussion ein. Während der Aufklärung wurde der Begriff auf Theorien über die Ursprünge des Glaubens an das Göttliche und die religiöse Entwicklung angewendet. In diesem Zusammenhang führte Johann Gottfried Herder den Begriff „Naturreligion“ für die polytheistischen Religionen der Naturvölker ein. David Hume vertrat 1757 die These, dass Polytheismus die ursprüngliche Religion der Menschheit war und der Monotheismus erst eine spätere rationale Entwicklung darstellte.[2][3.1]

Die frühen philosophischen Diskussionen über Monotheismus und Polytheismus waren stark von Werturteilen geprägt, die von der frühen christlichen Apologetik herrühren. Der Monotheismus – im Sinne des Christentums interpretiert – wurde als eine höhere Stufe des menschlichen Bewusstseins begriffen und dem Polytheismus ethisch überlegen gegenübergestellt. In seiner frühesten Verwendung war der Begriff Monotheismus daher untrennbar mit der Überzeugung verbunden, dass dieser dem Polytheismus sowohl kulturell als auch moralisch überlegen sei.[3.1]

Wissenschaftler des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts konzipierten einen evolutionistisch linearen Fortschritt vom magischen Denken und Animismus zum Polytheismus und dann weiter zum Monotheismus. Im Kontext der liberalen christlichen Exegese ist der biblische Monotheismus die Krone der religiösen Evolution; so charakterisierte ihn etwa Julius Wellhausen als ethisch höherstehend. Eine dezidiert moralische Beurteilung des Polytheismus nahmen auch die Vertreter der Religionsgeschichtlichen Schule vor. Hermann Gunkel etwa beschrieb die polytheistischen Kulte Kanaans als ekstatisch und mit sexuellen Ausschweifungen verbunden. Die Auffassung, dass der biblische Monotheismus eine völlig eigenständige Kategorie gegenüber dem Polytheismus darstelle, findet sich in den Werken von Yehezkel Kaufmann and Gerhard von Rad, die Generationen von Wissenschaftlern beeinflussten.[3.2]

Die Altertumswissenschaften orientierten sich bis weit in das 20. Jahrhundert ebenfalls am Evolutionsmodell. Das hatte zur Folge, dass die griechischen Götter nur noch als Teil der Mythologie betrachtet und die römischen Götter fast völlig ignoriert wurden, da man der römischen Religion fälschlicherweise unterstellte, sie besäße keine Mythen.[4]

Die Entdeckung inschriftlicher Belege für die Verehrung von Aschera als Gemahlin von JHWHs in Khirbet el-Qom (Westjordanland) und Kuntillet ʿAdschrud sowie für die Kulte von El und Baal, die von Kuntillet Adschrud bezeugt sind, führte zu einer Neubewertung wissenschaftlicher Konzepte des Polytheismus. Eine wachsende Anzahl von Wissenschaftlern teilt die Meinung, dass der Gegensatz zwischen Polytheismus und Monotheismus anachronistisch sei und diese Begriffe nicht den antiken Realitäten gerecht würden. Polytheismus lässt sich demnach nicht einfach als die Verehrung einer Vielzahl spezialisierter Gottheiten im bloßen Gegensatz zum Monotheismus definieren.[3.3]

Der ausschließliche Blickwinkel monotheistischer Denktraditionen auf polytheistische Religionen hat aus der Sicht der Wissenschaftstheorie das Verständnis antiker Religionen verhindert. Als monotheistische Bewertungskategorie rückt dieser die Gottesvorstellung in den Mittelpunkt der Klassifizierung, obwohl diese für die antike Selbstbeschreibung nicht notwendigerweise zentral war.[4]

Definition und Struktur

Als Polytheismus wird eine Religionsform bezeichnet, die auf dem Wirken mehrerer persönlich vorgestellter Götter basiert. Das Wirken der Götter findet auf drei Ebenen statt: Sie beziehen sich aufeinander, sie sind auf die Welt gerichtet und sie betreffen die Menschen. Es handelt sich dabei um eine Gruppe von Göttern mit fest zugeteilten Aufgaben und Regeln. Von einer bloßen Mehrzahl unverbundener Götterkulte unterscheidet sich eine polytheistische Religion durch ihr Pantheon, das eine feste Binnenstruktur besitzt.[5.1]

Konstituierende Elemente

Als konstituierende Elemente für polytheistische Religionen gelten die Gottesvorstellung, die Handlungen, die Bildung eines Pantheons und die Prinzipien der Gliederung.[5.2]

Gottesvorstellung

In polytheistischen Systemen stehen mehrere persönliche Götter im Zentrum des Interesses und dienen als mögliche Partner für die Interaktion. Das spezifische Gottesbild eines solchen Systems ergibt sich aus dem Beziehungsgefüge der Götter untereinander sowie ihrem Verhältnis zur Welt. Die Mitglieder des Pantheons sind dabei mit Eigenschaften ausgestattet, die das menschliche Maß übersteigen - etwa durch größere Macht, umfassenderes Wissen oder einen stärkeren Willen.[5.3]

Wenn Menschen in Medien wie dem Drama oder dem Mythos dieser göttlichen Macht begegnen, benötigen sie Modelle für die Zusammenarbeit oder den Konflikt. Die Erzählungen müssen so gestaltet sein, dass sie an die menschliche Erfahrung der Wirklichkeit anknüpfen; nur so bleibt das Handeln der Götter greifbar und glaubwürdig. Damit Götter als handelnde Persönlichkeiten wahrgenommen werden können, müssen sie über typische Eigenschaften verfügen, logisch handeln und erkennbare Ziele verfolgen. Aus diesem Grund sind sie als persönliche Götter entworfen.[5.3]

Handlung

Die Darstellung göttlichen Handelns im Mythos ist stets in einer übergeordneten Ordnung verankert – sei es in einem expliziten Plan oder im Zusammenspiel mit den Absichten anderer göttlicher und menschlicher Akteure. Das Drama ist für die Vermittlung des Mythos besonders geeignet, da es das Handeln einer Mehrzahl von Göttern gleichzeitig sichtbar macht. Es setzt die Erscheinungen mit konkreten Handlungsabläufen in Beziehung. Dabei ist der Kampf unter den Göttern ein bevorzugtes Mittel, um den Zustand der Welt zu beschreiben und zu begründen. Die Götter existieren nicht nur, sondern greifen aktiv ins Geschehen ein. Ihr Handeln schlägt sich in grundlegenden Rollen nieder: in der Mutter oder dem Heiler als Sinnbild für die Sorge und Wiederherstellung, im Herrscher oder Schöpfer als Ordner und Erschaffender sowie dem Kämpfer und gerechten Gott als Instanz moralischer Ordnung.[5.4]

Pantheon

Polytheistische Religionen beschränken sich meist auf 10 bis 20 Hauptgötter. Die Gründe hierfür sind Übersichtlichkeit und wirtschaftliche Faktoren. Die Übersichtlichkeit garantiert das Zusammenspiel der Handlungsstrukturen und die Wahrung eines einheitlichen Weltbilds. Zudem setzen der Tempelbetrieb und die Kultpflege ökonomische Grenzen. Die Begrenzung der Anzahl handelnder Götter gewährleistet die Flexibilität in der Deutung der Welt und hält das religiöse System stabil.[5.5]

Gliederung

In polytheistischen Religionen erfolgt die Gliederung des Pantheons nach vielfältigen Kriterien. Neben der Unterscheidung zwischen männlichen und weiblichen Gottheiten finden sich verwandtschaftliche und hierarchische Strukturen sowie eine funktionale Arbeitsteilung. Zudem spielen lokale Abgrenzungen, die Gruppierung in Götterkreise sowie die Unterscheidung nach Alter oder Epoche eine Rolle. Auch das Verhältnis der Götter zueinander prägt die Ordnung, wobei sich die einzelnen Gliederungsprinzipien häufig überschneiden.[5.6]

Der Polytheismus als historischer Normalfall

Der italienische Archäologe und Religionswissenschaftler Raffaele Pettazzoni vertrat die These, dass Polytheismus die Regel in der Religionsgeschichte darstelle. Monotheistische Religionen seien hingegen Sonderfälle und das Ergebnis religiöser Revolutionen. Als Beleg analysiert er die Verehrung Atons durch den ägyptischen Pharao Amenophis IV. und den islamischen Monotheismus. Im Gegensatz dazu seien die komplexen polytheistischen Systeme der klassischen Antike der Normalfall vielfältiger Lebenswelten. Da es viele verschiedene Götter mit eigenen Persönlichkeiten gab, konnten die Menschen wählen, wen sie wann und wo anbeten wollten.[4]

Der Fall Hippolytos

Der klassische Loyalitätskonflikt des Hippolytos, der sich zwischen Artemis und Aphrodite entscheiden musste, thematisiert die Notwendigkeit, verschiedene Optionen abzugleichen. Es zeigt die Gefahr auf, die mit der Vernachlässigung einer göttlichen Instanz in einem polytheistischen System einhergeht.[4]

Die Systemleistung der Theologia Tripertita

Als Sichtweisen der religiösen Kommunikation, die sich gegenseitig ergänzen, führt das antike Konzept der Theologia tripartita neben dem Kult die Ausdrucksformen Mythos und Drama sowie die philosophische Spekulation auf. In diese Sichtweisen integriert gehört seit Xenophanes (5. Jahrhundert v. Chr.) auch die Vorstellung eines göttlichen Wesens, das weit über der menschlichen Welt steht,[6] oder eines „Allgotts“.[7] Die polytheistischen Systeme der Antike waren dabei so geschickt aufgebaut, dass sie ‚monotheistisches Denken‘ problemlos als einen von vielen Teilen integrieren konnten. Die beiden komplementären Bausteine dieser Systemleistung waren Integration und Abgleichung durch Selektion. Sie bezeichnen gewissermaßen die Eckwerte religiösen Handelns des Polytheismus; zudem erklären sie sowohl die Offenheit für monotheistische Elemente als auch den gleichzeitigen Widerstand gegen den universalistischen Anspruch monotheistischer Religionen.[4]

Monolatrie und Henotheismus

Die polytheistischen Religionen stehen den monotheistischen Religionen mit nur einem Gott gegenüber. Eine Zwischenform ist die Monolatrie, die durch die Verehrung nur einer einzigen Gottheit als „Spezialgott“ gekennzeichnet ist, der neben anderen Göttern einer ethnischen Götterwelt steht.[8] In der Kosmologie monotheistischer Religionen werden die polytheistischen Götter mit ihren unterschiedlichen Funktionen teils zu Attributen des einzigen Gottes zusammengefasst, teils tiefergestellten übernatürlichen Wesen wie Engeln und Heiligen übertragen.[9]

Dass eine Person an mehrere Götter glaubt, bedeutet nicht, dass sie sie alle notwendigerweise kultisch verehrt. Eine Variante des Polytheismus ist der Henotheismus. Henotheisten glauben an eine Vielfalt von Göttern, erkennen jedoch zeitlich begrenzt[10] oder regional verankert einen höchsten Gott an. Es wird angenommen, dass monotheistische Religionen aus dem Henotheismus entstanden sind und diese erst ermöglicht haben.[5.7]

Polytheismus im Altertum

Fast alle Religionen des Altertums waren polytheistisch und verfügten über eine eigene traditionelle Götterwelt, häufig angereichert mit Gestalten aus jahrhundertealten kulturellen Begegnungen und Vorstellungen. Im Gegensatz dazu entwickelten das Judentum und später das Christentum eine exklusive monotheistische Ausrichtung, die sich in der Hebräischen Bibel durch eine scharfe Verurteilung anderer Gottheiten äußert.

Zu den bekannten Götterwelten des antiken Polytheismus zählen die der sumerischen Götter, der babylonischen Götter, der assyrischen Götter, der Götter Kanaans und Ugarits, der griechischen und römischen Götter, der ägyptischen Götter[11], die skandinavischen Asen und Wanen, die germanischen und keltischen Götter, Göttersysteme der Balten, Finnen, Slawen, Orisha, Yoruba, die Götter der Maya und Azteken. Vielfach sind auch, wo die Überlieferung nur mündlich gepflegt wurde, wie bei den Kelten, nur Namen und wenige Bemerkungen in Texten benachbarter Kulturen erhalten.[12]

Bei nahezu allen Stämmen und Völkern der Frühzeit herrschte die Vorstellung, dass es viele Götter und Göttinnen gebe. Bereits eine sumerische Götterliste aus der ersten Hälfte des 3. Jahrtausends umfasst rund 1000 Götternamen, die vor allem verschiedene Kräfte der Natur repräsentieren.

Warum die Menschen der Frühzeit in ihren Bemühungen, ihre Umwelt und ihr Schicksal zu verstehen und zu bewältigen, eher einen Pantheon von Göttern und Göttinnen aufbauten, als an einen einzigen Gott zu glauben, kann man exemplarisch an einem mesopotamischen Mythos illustrieren, der auf einem Keilschrifttäfelchen ca. aus dem Jahr 1700 v. Chr. zu finden ist. Fragmente dieses Mythos findet man aber auch noch auf Resten von Täfelchen aus der Zeit 700 v. Chr. – er ist also mindestens 1000 Jahre lebendig geblieben. Die Götter beauftragten den Pestgott Namtar die Menschen zu vernichten. Dieser begann sie mit der Pest zu töten. Ein Gott aber, der Mitleid mit den Menschen hatte, nämlich Enki, verriet dem Menschen Atrachasis ein Ritual, mit dem sie die Seuche besiegen können. Die Menschen sollen von allen Göttern ausschließlich den Pestgott Namtar verehren und nur ihm opfern, und zwar bis er, überschüttet mit Opfern, von seinem tödlichen Tun ablässt. So geschieht es. Dank der Opfer lässt der Pestgott von seinem Wüten ab und die Menschheit lebt weiter. Nun beschließen die Götter, dass der Regengott Adad es nicht mehr regnen lassen soll und die ihm zugeordnete Korngöttin Nisaba kein Korn mehr wachsen lassen soll. So geschieht es. Und wieder verrät der Gott Enki dem Atrachasis das rituelle Gegenrezept: Nun verehren und opfern die Menschen allein Adad und Nisaba, und zwar bis Regen fällt und die Vegetation wieder auflebt. Dieser Mythos zeigt die Ursache für den Polytheismus. Die Menschen in ihrer Sorge, Gefahren wie Seuchen abzuwenden und lebenspendende Zustände wie Regen, Sonne oder Fruchtbarkeit der Pflanzen und Tiere aufrechtzuerhalten, suchen Wege, dies durch magische und rituelle Handlungen abzusichern und stellen sich für das jeweilige Problem Götter und Göttinnen als ansprechbare und beeinflussbare personale Wesen vor. Einige der Völker stellen sich die Götter in Menschengestalt vor (anthropomorph), einige in Tiergestalt (zoomorph), einige in beiden Gestalten und teilweise auch als Mischwesen. (Schon in den Felszeichnungen als ältesten Zeugnissen menschlicher Bilddarstellung gibt es Tierdarstellungen, Menschendarstellungen und vereinzelt Mischwesen.) Im mesopotamischen und im kanaanitischen Pantheon haben die Götter und Göttinnen fast durchgehend Menschengestalt. Tiergötter und Menschtiermischwesen finden sich dagegen stark vertreten in Ägypten und im amerikanischen Kulturkreis.

In vielen Zivilisationen neigten die Götterwelten dazu, mit der Zeit anzuwachsen. Gottheiten, die zunächst zum Schutz bestimmter Städte oder Plätze angebetet wurden, wuchsen mit der Vergrößerung der Reiche zu mächtigen Nationalgöttern heran. Eroberungen konnten zur Unterordnung eines älteren Pantheon in der besiegten Kultur führen, bis ein neueres entstand, wie in der griechischen Titanomachie und vielleicht auch bei Aesir und Vanir in Skandinavien. Kultureller Austausch konnte dazu führen, dass „die gleiche“ Gottheit an zwei Orten unter unterschiedlichen Namen verehrt wurde, wie es bei den Griechen, Etruskern und den Römern der Fall war. Ähnliches geschah bei der Einführung von Elementen einer „fremden“ Religion in einen lokalen Kult, als die ägyptische Osirisreligion nach Griechenland gebracht wurde. Nach Veyne (2005)[13] stellte der antike Mensch sich die Götter als überwältigende, anbetungswürdige, den Menschen überlegene Wesen vor. Sie waren Inhalt eines einfachen Narrativs im Sinne einer literarischen Figur. In der Vorstellungswelt der Glaubenden hatten sie ein bestimmtes Alter erreicht, woran sich ebenso wenig änderte, wie an der Anzahl ihrer Nachkommen.

Die heidnische Religion und Kulte aber machten kein Angebot eines liebenden Gottes. Die pagane Frömmigkeit gründet auf die Opfer. Die Götter sind aus der paganenen Vorstellungswelt nicht sehr eng mit der Menschheit verbunden, so dass man sie beständig stören dürfte. Sie werden nicht über die eigene, individuelle seelische Befindlichkeit in Kenntnis gesetzt. Einzig darf der Glaubende sie an die Beziehung erinnern, die mit einem von ihnen durch wiederholt dargebrachte Opferungen entstanden ist. Pagane Religiosität sei nach Veyne ein Ensemble von Praktiken, es ginge nicht um dezidierte Überzeugungen und Vorstellungen, sondern darum seine Religion zu praktizieren. Die Götter, so in der Vorstellung der Glaubenden, achteten darauf, dass ihre Person, ihr Namen und Tempel, ihre Würde respektiert und bemerkt würden. Im Paganismus sei jede sich im Bewusstsein des Glaubenden abspielende Verbindung zwischen den Göttern und den Menschen fremd. Die Heiden traten in Beziehungen zu ihren Göttern ein die auf der Vorstellung vom Nutzen in einer gegebenen Situation, im Sinne eines erneuerbaren Vertrages beruhte. Sie konnten ihre Beziehungen zu den einzelnen Gottheiten ändern. Das Christentum durchdrang hingegen viel tiefer die Vorstellungswelt des Gläubigen.

Nur wenige Religionen des Altertums waren nicht polytheistisch. Dazu zählen das monotheistische Judentum und Christentum sowie der Zoroastrianismus.[14] Die Hebräische Bibel, beziehungsweise das Alte Testament des Christentums, enthält eine scharfe Verurteilung der Verehrung anderer Götter. Dies kommt insbesondere im 2. Buch Mose[15] und im Deuteronomium, dem 5. Buch Mose,[16] zum Ausdruck. Die meisten Verweise auf israelitische oder judäische Gottheiten in den biblischen Traditionen des Exils und der nachexilischen Zeit erscheinen in einem polemischen Kontext, insbesondere in der deuteronomistischen Literatur. Es finden sich Belege für El, die offizielle Verehrung von Baal, dem Sonnengott Schamasch (Šamaš), dem Mondgott Jarich (Yariḫ) sowie für den göttlichen Rat, der aus Gottessöhnen besteht. Gerade diese sind in der älteren kanaanitischen Tradition verwurzelt, wie sie durch ugaritische Texte belegt ist. Die Erwähnungen von Aschera beziehen sich hauptsächlich auf Kultobjekte und nur gelegentlich auf die Göttin selbst.[3] Man nimmt an, dass die Transformation zur jüdischen monotheistischen Religion sich frühestens ab 722/720 v. Chr. vollzogen hat und spätestens nach der Zerstörung Jerusalems (586/582 v. Chr.) abgeschlossen war.[4]

Polytheismus heute

Ansätze des Polytheismus finden sich in der Gegenwart vor allem im aus Tibet stammenden Bön-Glauben, dem in Brasilien verbreiteten Candomblé-Glauben, dem in Kuba entwickelten Santería-Kult, der in Japan vorherrschenden Shintō-Religion, dem modernen Voodoo-Glauben, der Wicca-Bewegung sowie in den zahlreichen neopaganischen Religionen Europas.

Polytheismus gibt es ferner in nicht christianisierten Gegenden Ozeaniens und des Amazonasbeckens. Letztere schrumpfen teils durch das Aussterben dieser Stämme, ihr Aufgehen in der modernen Kultur oder Missionierung durch christliche oder islamische Gruppen (siehe Schirk und Daʿwa). Die äußerst unterschiedlichen Götter- und Geisterwelten der Stämme werden unter dem Oberbegriff „Ethnische Religionen“ zusammengefasst.

Soweit traditionelle Stämme oder Völker einen neuen monotheistischen Glauben (oder in den sozialistischen Ländern, etwa der Sowjetunion, den Atheismus) aufgezwungen bekamen, wurde und wird der alte polytheistische Glaube oft heimlich von vielen oder einigen weiterpraktiziert. Bei Nachlassen des staatlichen oder sozialen Drucks entstanden und entstehen dann teilweise Mischreligionen (Synkretismus). So gibt es in Südamerika sowohl Mischreligionen zwischen Christentum und alten polytheistischen religiösen Vorstellungen bestimmter südamerikanischer Indiovölker und mesoamerikanischer Ethnien, wie etwa die der Maya und Azteken[17], als auch zwischen Christentum und alten polytheistischen Glaubenssystemen der Nachkommen der vor allem aus Westafrika in die Sklaverei verschleppten Menschen, wie die verschiedenen Richtungen der Santería und Candomblé und andere afroamerikanische Religionen.

Teilweise werden die Glaubenssysteme der Völker und Stämme – bewahrt oft von wenigen Menschen – auch komplett reaktiviert, wie dies zurzeit beim zentralasiatischen Tengrismus zu beobachten ist. Solche Reaktivierungen gibt es auch bei Teilen einiger polytheistischer Religionen nordamerikanischer Indianerstämme.

Christentum

Islamische Gelehrte, einige jüdische Gelehrte und zum Teil auch unitarische Christen verstehen die christliche Trinitätslehre ebenfalls als Polytheismus – eine Sichtweise, die trinitarische Christen entschieden zurückweisen. Ein Hauptargument für diesen Vorwurf ist die Auffassung, dass Jesus Christus und der Heilige Geist als eigenständige Gottheiten neben Gott stünden. Demgegenüber besagt die Trinitätslehre, dass Vater, Sohn und Heiliger Geist gemeinsam den einen, dreieinigen Gott bilden. Ein weiterer Kritikpunkt ist die Bezeichnung Jesus Christi als „Sohn Gottes“, da diese Sohnschaft eine Teilhabe an der göttlichen Herrschaft beinhalte.[18] Auch die Verehrung Marias und anderer Heiliger wird als Argument gegen die christliche Selbstdefinition als monotheistisch angeführt.[19]

Hinduismus

Der vielfältige Religionskomplex des Hinduismus ist hingegen nur in einzelnen Ausprägungen polytheistisch und wird in Fachkreisen als henotheistisch kategorisiert. Der vedische Hinduismus (etwa 1200 bis 600 v. Ch.) war eine rein polytheistische Religion, allerdings hat sich in späterer Zeit ein Monismus entwickelt. Von außen betrachtet scheint die Götterwelt vielfältig. Folgendes kurzes Gebet (Mahakalasamhita), das in verschiedenen Variationen bekannt ist, drückt das hinduistische Verständnis vom Göttlichen aus (hier weiblich gesehen): „Wie die Sonne, die sich in den Teichen spiegelt, als ungezählte Sonnen erscheint, so erscheinst auch du, O Mutter, als viele – Du Eine ohne Zweites, Höchstes Brahman!“

Sämtliche Upanishaden setzen sich mit dieser „Einheit in der Vielfalt“ auseinander.

Buddhismus

Der Buddhismus wird nicht als polytheistisch angesehen. Einige Glaubensrichtungen des Buddhismus, vor allem im Mahayana, schließen die Verehrung von Bodhisattvas mit ein. Diesem teilweise sehr umfangreichen (oft von anderen, älteren Lokalreligionen übernommenen) „Götterhimmel“ wird z. B. in Gebet, durch Opfer und durch vielfältige Rituale gehuldigt. Bodhisattvas gelten dennoch nicht als göttliche Wesen. Eher gelten sie als Menschen, die ein hohes Stadium der Erleuchtung erreicht haben. Je nach buddhistischer Auffassung können bestimmte Menschen, alle Menschen oder sogar alle fühlenden Wesen (v. a. im Mahayana) einen ähnlichen Zustand der Erleuchtung erreichen.

Afrikanische Religionen

Die Mehrheit der traditionellen afrikanischen Religionen geht von einem himmlischen Hochgott aus, der zumeist durch Delegation der Schöpferkraft an seine Nachkommen im Lauf der Zeit auch von seiner Verehrung eingebüßt hat. Wo ein Himmelsgott existiert, der seine Aufgabenbereiche an verschiedene Gottheiten aufgeteilt hat (Gott des Regens, der Fruchtbarkeit, des Eisens usw.), liegt noch kein eigentlicher Polytheismus vor. Ausgeprägte Formen von Polytheismus gibt es in solchen afrikanischen Gesellschaften, die aus einem Ahnenkult heraus mythische Urahnen vergöttlicht haben, oder wo Funktionsgötter wie zum Beispiel mehrere hundert Orishas bei den Yoruba und Ewe als zentrale Autoritäten einzelner Clans verehrt werden (siehe Afrikanische Kosmogonie).

Literatur

  • Burkhard Gladigow: Strukturprobleme polytheistischer Religionen. In: Saeculum. Band 34. Freiburg/München 1983, S. 292–304.
  • Gregor Ahn: Monotheismus - Polytheismus: Grenzen und Möglichkeiten einer Klassiikation von Gottesvorstellungen. In: Manfried Dietrich, Oswald Loretz (Hrsg.): Mesopotamica – Ugaritica – Biblica: Festschrift für Kurt Bergerhof zur Vollendung seines 70. Lebensjahres am 7. Mai 1992 (=Alter Orient und Altes Testament. Band 232). Kevelaer/Neukirchen-Vluyn 1993, S. 1–24.
  • Manfred Krebernik, Jürgen van Oorschot (Hrsg.): Polytheismus und Monotheismus in den Religionen des Vorderen Orients. Ugarit, Münster 2002.
  • Andreas Bendlin, Johannes Renger: Polytheismus. In: Der Neue Pauly. Brill 2006.
  • Jörg Rüpke: Wie funktioniert Polytheismus? Götter, Bilder, Reflexionen. Mediterraneo antico XV, 1–2, 2012, S. 233–246 ( auf academia.edu)
  • Gregor Ahn, H. Müller, H. Hübner, C. Gunton: Monotheismus und Polytheismus. In: Religion in Geschichte und Gegenwart Online. Brill 2018.
Wiktionary: Polytheismus – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen
  • Die rationalen Bestandteile des Polytheismus. Referat vor der GKP Nürnberg, 9. März 2011 (Ersatzvortrag Helmut Walther)

Einzelnachweise und Anmerkungen

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