Prüller Kräuterbuch

erste Abhandlung über Heilkräuter in deutscher Sprache From Wikipedia, the free encyclopedia

Das Prüller Kräuterbuch, genannt auch Innsbrucker Kräuterbuch, ist die erste Abhandlung über Heilkräuter in deutscher Sprache. Die frühesten bekannten Handschriften des Kräuterbuchs stammen aus dem 12. Jahrhundert. Aus dem 13. Jahrhundert sind erweiterte Fassungen bekannt, die (unkontinuierliche) Streuüberlieferung reicht bis ins 15. Jahrhundert.

Bezeichnungen

Die Bezeichnungen leiten sich vom Entstehungsort der ältesten bekannten Handschrift (Staatsbibliothek München, Clm 536) im Kloster Prüll (ein Benediktinerkloster im heutigen Regensburger Stadtteil Prüll) sowie vom Aufbewahrungsort Innsbruck der zweiten Haupthandschrift ab. Bernhard Schnell konnte zeigen, dass die Handschrift Prüll als Vorlage für Innsbruck diente.[1]

Die Innsbrucker Handschrift (Cod. 652, Blatt 78v und 79r) folgt im selben Codex auf das Innsbrucker Arzneibuch (Cod. 652, Blatt 76v–78r). Die späteren Handschriften sind Bearbeitungen bzw. Erweiterungen und werden in der Literatur auch unter den eigenen Titeln Emmeramer Kräuterbuch und Wiener Kräuterbuch (im Wiener Codex 1118 der Österreichischen Nationalbibliothek, erste Hälfte des 13. Jahrhunderts) geführt.

Inhalt

Der Text ist wahrscheinlich im frühen 12. Jahrhundert in Bayern entstanden, als Verfasser wird ein Klerikerarzt vermutet. Fußend auf vorsalernitanischen und volksheilkundlichen Quellen listete er 18 Heipflanzen bzw. um die 20 Drogen auf und gab für sie jeweils ein bis zwei Heilanzeigen an. Er schrieb sowohl über einheimische Gartenkräuter als auch über Drogen ausländischer Herkunft, wohl bereits beeinflusst vom Liber graduum aus Salerno und vom Lehrgedicht Macer floridus. Ab dem frühen 13. Jahrhundert wurde das Kräuterbuch durch umfangreichere deutschsprachige Werke, darunter der sogenannte deutsche Macer,[2] verdrängt.

Bernhard Schnell konnte 2011 auffällige Ähnlichkeiten der ersten beiden Kapitel zu einer Londoner Handschrift (British Library, Ms. Add. 16892) aus der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts feststellen, wo der Inhalt auf Latein zu finden ist. Die ersten elf Kapitel bilden eine Gruppe zu einheimischen Pflanzen, die jeweils durch drei Komponenten (Name, Applikation, Indikation) strukturiert sind, während in den Kapiteln 12 bis 18 zu exotischen Mitteln die Applikation fehlt. Dafür werden hier mehr Indikationen genannt und in einigen Kapiteln auch die Primärqualitäten.[1]

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Botanischer Deutungs-VersuchText unter Berücksichtigung der Haupthandschriften Prüll und InnsbruckÜbersetzungsversuch
Yſopo. Im Mittelalter wurde der Ysop auch nördlich der Alpen angebaut.Ysopo iſt gŏt chrut. obe diu gebŏrt ſtirbeſt in demo wibe. trinke iz mit warmem wazzer. ſo uert iz uone ire. Er iſt gŏt wr den -

[a Prüll:] ſtenken [b Innsbruck:] stechen

- unte hilfet och den. den der mage ſvirt[3]

Ysop ist ein gutes Kraut. Wenn die Geburt im Weibe stirbt, trinke Ysop mit warmem Wasser, so löst sich das tote Kind von ihr. Es ist gut gegen das - Seitenstechen? - und hilft auch denjenigen, welchen der Magen „svirt“, d. h. schwärt bzw. (geschwürig) entzündet ist.
Bibinella. Wohl Bibernellen. Es lässt sich nicht entscheiden, ob die Kleine Bibernelle oder die Große Bibernelle gemeint war.Bibinella iſt gŏt zu allen arbaiten deſ herzen. der ſi mit eziche ſŏdit. unte ſi ſo niuzet.Bibernelle kräftigt das Herz, wenn man sie mit Essig siedet und sie so einnimmt.
Mit Gentiana war nördlich der Alpen der Gelbe Enzian gemeint. „Hemer“ oder „Hemere“ wird als Blauer Eisenhut, als Nieswurz-Art oder als Weißer Germer gedeutet.[4]Genciana unte diu hemere gesoteniu mit ezzich. iſt gŏt den tobentigen.Gelber Enzian und „hemere“ mit Essig gesotten ist gut für die Tobenden.
Stainfar. Ist am ehesten als Braunstieliger Streifenfarn zu deuten, der im Analogiezauber der Volksmedizin verwendet wurde. In Frage kommt auch Gewöhnlicher TüpfelfarnStainfar genozzen mit prote iſt den gŏt den lanche we tŏint.[5]Steinfarn genossen mit Brot ist denen gut, denen die Lende weh tut.
Scellewrze = Schöllkraut.Scellewrze ſoch ist gŏt den tunchelen ŏgen. obe ſi getempert wirt mit wine. vnte mit oleo. unte mit wizem ingeber.Schöllkraut-Saft ist gut für die dunklen Augen, wenn er mit Wein, Olivenöl und weißem Ingwer gemischt (temperiert) wird.
Biboz = Beifuß.Biboz iſt gŏt ze dem waganten zane.[6] iſt dem wib zediu[7] gŏt. da ſi da geniſit. bint irz uf den buch. ſi geniſet ſa zeſtunte. -

[a Prüll:]: nim iz ab scire. daz daz ineider[8] iht nahcge.

[b Innsbruck:] nim iz habe ſchire daz daz innader hiut nachge.

Beifuß ist gut zu dem „waganten zane“ (wandernden Harnwegsstein?). Beifuß ist gut für die Frau, die sich von der Geburt erholt. Binde ihr Beifuß auf den Bauch und sie erholt sich schnell. Nimm es alsbald wieder weg damit es keinen Vorfall von inneren Organen gebe.[9][10][11]
Senef = Senf-ArtenSenef genuven[12] mit honige gemiſket. iſt gŏt ze der uzgebliuhten hiute.Senf zerstoßen und mit Honig gemischt, ist gut zur verwelkten (ausgeblühten) Haut.
Minze = Minzen-Arten.Minze iſt gŏt wr die gelust deſhureſ.Minze ist gut gegen den Haarausfall.
Ebom = Gemeiner Efeu.Ebom iſt gŏt wr den tropfen[13] ob er das ſoch trinket.Efeu ist gut gegen den Schlaganfall wenn man den Saft trinkt.
Ephich = Echter Sellerie.Epich iſt gŏt den zornegen liuten. unte den den der buch we tuot. ob er in trinchet in demo bade.Sellerie ist gut für Choleriker und für diejenigen, denen der Bauch weh tut. Man soll Sellerie im Bade trinken.
Huſwrze = Dach-Hauswurz.Huſwrze sohc ist gŏt den der ubele gehŏret. Trophet im iz inz ore. miſkiſ mit hiuner ſmalze.Hauswurz-Saft ist gut dem, der schlecht hört. Er soll ihm vermischt mit Hühner-Schmalz ins Ohr getropft werden.
Galgan = Echter Galgant.Daz galgan ist warmer nature. iz doievvet[14] unte loſit[15]. machet den munt uil ſiuze ſtinkent. unte bringet den man. unte daz vvib ze mihchelen minnen.Galgant ist warmer Natur. Er verdaut und löst. Macht dem Mund einen angenehmen Geruch und bringt Mann und Frau zu großer Minne.
Citwar = Zitwerwurzel.Citwar iſt alſam. war daz iz ſterchet den magen ze dem ezzene. unte iſt gŏt vvr di hechunge[16] der eiterwrmei[17]. unt ist gŏt wr dei wib.Citwar hat die Eigenschaft, dass er den Magen stärkt. Er ist gut gegen Verletzungen durch „Eiterwürmer.“ Und ist gut für die Frauen.
Ingeber = Ingwer.Daz ingeber iſt och warmer nature. iſt gŏt iohc alten wiben unte alten livten. iz ſuentet allan den ſithům iſt och gŏt wr den zandeſuern.Ingwer ist auch warmer Natur. Ist auch gut für alte Weiber und alte Leute. Er wendet allen Siechtum und ist auch gut gegen Zahnschmerz.
Perthram = Mehrjähriger Bertram.Perthtram iſt gŏt wr daz roz. iz ſuentet daz. unte iſt gŏt vvr ander ſihtŏm deſ mundeſ unte der chelen.Bertram ist gut gegen den Rotz, er beseitigt den. Und ist gut gegen andere Erkrankungen des Mundes und der Kehle.
Nux muſcat = Muskatnussbaum.Nux muſcat iſt warmer nature. ſi sterchet den man. ſi machet ſiuzez kuſſen ſi iſt gůt wr den ſihtům der lebere unte des milzes.Muskatnuss ist warmer Natur. Sie stärkt den Mann und bewirkt angenehmes Küssen. Sie ist gut gegen Krankheiten der Leber und der Milz.
Peonia = Pfingstrosen.Peonia iſt gůt fur ze bringen den wiben ir nature blŏt. ſi dewinget unt iſt gŏt fur di gith. unte wr die ſwellunge deſ libeſ.Pfingstrose ist gut, den Frauen ihre Blutung zu bringen. Sie löst und ist gut für Gicht und gegen Schwellungen des Leibes.
Liquiritia = Echtes SüßholzLiquiritia iſt gŏt uur die hůſten. unte wr den bruſtſweren.Süßholz ist gut gegen Husten und gegen Brustbeschwerden.
Collirium ualde mirabile caligantibuſ oculiſ et omnibuſ doloribuſ oculorum prodeſt.Ein Augenheilmittel, das sehr gut bei Verdunkelung der Augen und bei Augenschmerzen wirkt.
Mel coctum abſque fumo. oleum oliue. dulce acetum. lac femineum. ſucum edere terrestis. ſaliſ gemme. ſucum rute. De omnibuſ equiſ ponderibuſ commiſce. in eneo uaſe. dimitte donec fiat uiride. et ſic in oculis mitte. probatum est.Über rauchlosem Feuer gekochter Honig, Olivenöl, süßer Essig, Frauenmilch, Saft der Gundelrebe, Steinsalz und Saft der Weinraute. Von jedem das gleiche Gewicht. Mische zusammen in einem kupfernen Gefäß, bis es sich grün zu verfärben beginnt. Und bringe sie so auf die Augen. Es ist bewährt.
Rutam ſiccam et mel atticum. equiſ ponderibus miſce. et oculoſ inunge. certum eſt lacrimaſ reſtringere.Mische gleiche Teile von getrockneter Weinraute und attischem Honig. Bestreiche damit die Augen. Es ist ein sicheres Mittel um den Tränenfluss einzudämmen.
Ad lapidem oculorum. uel ad eoſ qui anguloſ oculorum confractoſ ab humore habent. Roſe et feniculi radiceſ et ex aqua fontana. et olei par coctioni.Zum „Augen-Stein“, bzw. für diejenigen, die durch die Säfte bedingte Schuppen in den Augenwinkeln haben. Rosen- und Fenchel-Wurzeln werden in einer Mischung aus gleichen Teilen von Quellwasser und von Öl gekocht.
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Rezeption

In der erweiterten Emmeramer Version des Kräuterbuchs finden sich Übereinstimmungen mit den Wettinger Rezepten.[18][19]

Die Haupthandschriften wurden 1914/16 durch Friedrich Wilhelm ediert und kommentiert.[20] Seit dem frühen 21. Jahrhundert hat sich vor allem Valeria Di Clemente mit dem Werk und der Überlieferung beschäftigt, weitere wichtige Beiträge stammen von Thomas Gloning und Bernhard Schnell.

Überlieferung

Der Handschriftencensus nennt als Überlieferung vier Handschriften und zwei Fragmente.[21]

  • München (Kloster Prüll), Staatsbibliothek. Clm 536, Blatt 86r-87r. Entstehungszeit: Mitte des 12. Jahrhunderts (1143–1145). Prüller Kräuterbuch. (Digitalisat)
  • Innsbruck, Universitäts- und Landesbibliothek, Cod. 652. Entstehungszeit: drittes Viertel des 12. Jahrhunderts.
Blatt 76v[22], Blatt 77r[23], Blatt 77v[24] und Blatt 78r[25]: Innsbrucker Arzneibuch.
Blatt 78v[26] und Blatt 79r[27]: Innsbrucker Kräuterbuch.
Blatt 115v–117r.[29], Emmeramer Rezeptar = Teilbearbeitung des Innsbrucker Arzneibuchs.
Blatt 117r–119r.[30], Emmeramer Kräuterbuch = erweiterte Fassung des Kräuterbuchs.[31]
  • München Staatsbibliothek. Cgm 5248/11. Fragment, bairisch, 3. Viertel 12. Jh. (Digitalisat)
  • Wien. Österreichische Nationalbibliothek. Cod. 1118, Blatt 80v–81v. Erweiterte Fassung des Kräuterbuchs. Schreibsprache: bairisch-österr. Entstehungszeit: 1. Hälfte des 13. Jh. (Digitalisat)
  • Solothurn. Zentralbibliothek, Cod. S 386, alemannisch (Ravensburg) 1463–1466, Blatt 72r, Streuüberlieferung. (Digitalisat)

Literatur

  • Valeria Di Clemente: Contributo allo studio del Prueller Kräuterbuch. L'erbario Cod. Vindob. 1118 ff. 80v-81v. In: Itinerari, Zweit Folge Band 1–2 (2003), S. 71–90.
  • Valerie Di Clemente: Il lessico dello Innsbrucker Arzneibuch e del Prüller Kräuterbuch. Università degli studi di Siena, 2004.
  • Valeria Di Clemente: Il Prüller Kräuterbuch: Aspetti paleografici e grafematici del testimone Clm. 536. In: I Germani e la scrittura. Atti, 2007, S. 113–125.
  • Valeria Di Clemente: Prüller Kräuterbuch. In: Valeria Di Clemente: Testi medico-farmaceutici tedeschi nellʼ XI e XII secolo. Edizioni dellʼ Orso, Alessandria 2009, ISBN 978-88-6274-177-4, S. 120–130.
  • Valeria Di Clemente: L’Emmeramer Rezeptar und Kräuterbuch (Clm 14851 ff. 115v–119r). In: Elisabetta Fazzini (Hrsg.): Il tedesco superiore. Tradizione scritta e varietà parlate (= Alemannica. Band 4). Alessandria 2011, S. 277–304.
  • Thomas Gloning: Deutsche Kräuterbücher des 12. bis 18. Jahrhunderts. Textorganisation, Wortgebrauch, funktionale Syntax. In: Andreas Meyer, Jürgen Schulz-Grobert (Hrsg.): Gesund und krank im Mittelalter. Leipzig 2007. S. 9–88, hier S. 18–21
  • Gundolf Keil: ‚Innsbrucker (Prüler) Kräuterbuch‘. In: Die deutsche Literatur der Mittelalters. Verfasserlexikon. 2. Auflage. Band 4, 1983, Sp. 396–398.
  • Gundolf Keil: ‚Innsbrucker (Prüller) Kräuterbuch‘. In: Werner E. Gerabek, Bernhard D. Haage, Gundolf Keil, Wolfgang Wegner (Hrsg.): Enzyklopädie Medizingeschichte. De Gruyter, Berlin / New York 2005, ISBN 3-11-015714-4, S. 675.
  • Bernhard Schnell: „Von den wurzen“. Text- und überlieferungsgeschichtliche Studien zur pharmakographischen deutschen Literatur des Mittelalters. Medizinische Habilitationsschrift, Würzburg 1989, S. 82–91.
  • Bernhard Schnell: Das Prüller Kräuterbuch: Zum ersten Herbar in deutscher Sprache. In: Zeitschrift für deutsches Altertum und Literatur. Band 120, 1991, S. 184–202.
  • Bernhard Schnell: Das ‘Prüller Kräuterbuch’: Zu Überlieferung und Rezeption des ältesten deutschen Kräuterbuchs. In: Ralf Platte, Martin Schubert: Mittelhochdeutsch: Beiträge zur Überlieferung, Sprache und Literatur. De Gruyter, 2011, ISBN 978-3-1102-6234-6, S. 282–294 (doi:10.1515/9783110262353.282)
  • Bernhard Schnell: Die deutschen Kräuterbücher des Mittelalters: Ein aktualisierter Überblick. In: Ders. (Autor), Dorothea Klen (Hrsg.): Arzneibücher – Kräuterbücher – Wörterbücher: Kleine Schriften zur Text- und Überlieferungsgeschichte mittelalterlicher Gebrauchsliteratur. Königshausen & Neumann, Würzburg 2019, ISBN 978-3-8260-6980-2. S. 301–343, hier S. 304–305

Anmerkungen

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