Rachel Yehuda

Psychiaterin (1959-) From Wikipedia, the free encyclopedia

Rachel Yehuda (geboren am 1. August 1959 in Israel) ist eine jüdisch-amerikanische Professorin für Psychiatrie und Neurowissenschaften, die sich bevorzugt mit psychischen Traumata, Traumafolgestörungen und ihrer transgenerationalen Weitergabe befasst. Yehuda ist Direktorin der Abteilung für Traumatic Stress Studies an der Icahn School of Medicine at Mount Sinai in New York City und betreut dort das klinische Forschungsprogramm für posttraumatische Belastungsstörungen (PTBS, englisch PTSD). Überdies leitet sie die neurochemische und neuroendokrinologische Forschungsstätte am James J. Peters Veterans Affairs Medical Center (J.J.P. VAMC). Seit 1984 legte sie etwa 500 wissenschaftliche Veröffentlichungen vor, erreichte mit ihren Publikationen einen h-Index von 107 und gehört zur Gruppe der Keynote Speaker.

Biografisches

Im Juli 2015 gab Yehuda der amerikanischen Journalistin Krista Tippett ein Interview, bei dem sie aus ihrem Leben und zusammenfassend über ihre fachlichen Positionen berichtete. Das Interview ist im Internet als Audiodatei[1] und als Transkript[2] hinterlegt. Ein gutes Jahr später erzählte sie im September 2016 auf der Plattform The Story Collider[3] in einem achtzehnminütigen Podcast der Absicht dieser Plattform entsprechend – ihre ganz persönliche Geschichte mit der Wissenschaft und gab dabei auch Privates preis.[4]

Geboren in Israel wuchs Yehuda in einem jüdischen Viertel der am Eriesee gelegenen Stadt Cleveland Heights auf, nachdem ihre Eltern mit ihr in die Vereinigten Staaten ausgewandert waren, als sie noch ein Baby war.[5] In Cleveland Heights hatten sich viele Holocaustüberlebende niedergelassen.[2] In Kindertagen habe das keine besondere Rolle gespielt, habe sich später aber eigenen Angaben zufolge als prägend für ihre Forschungsarbeit herausgestellt. Sie sei nicht nur in einer gläubigen jüdischen Gemeinde aufgewachsen, sondern auch in eine jüdische Schule gegangen. Ihr Vater war Rabbiner. Insofern war ihre Kindheit von der jüdischen Kultur und der jüdischen Religion bestimmt. Sie sei gleichsam in die Blase des praktizierten Judentums eingetaucht (im Original: „in the bubble of observant Judaism“).[2]

Yehuda spricht fließend Hebräisch. Regelmäßig besuche sie Verwandte in Israel. Ein Jahr lang studierte sie in den 1970ern in Jerusalem.[5] Jehuda ist verheiratet und hat zwei Kinder. Mit ihrem Mann zog sie erst vier Jahre nach der Eheschließung zusammen, als sie mit ihrem ersten Kind schwanger war.[4]

Beruflicher Werdegang

James J. Peters VA Medical Center (2010), rechts das Forschungsgebäude
Eingang zur Icahn School of Medicine (2019)

Yehuda promovierte in den 1980er Jahren bei Earl Giller[6] an der Yale University. Eigenen Angaben zufolge war sie die Erste, die in den damals noch jungen Neurowissenschaften einen Ph.D. mit der Berechtigung zur selbstständigen und alleinverantwortlichen Lehre an einer Universität erwarb.[2] Sie erhielt ihren Ph.D. in Psychologie und Neurochemie und ihren M.Sc. in Biopsychologie an der University of Massachusetts Amherst.[7][8] Von September 1987 bis August 1991[2] vervollständigte sie ihre Ausbildung postdoctoral in biologischer Psychiatrie[Anm. 1] am Department of Psychiatry der Yale Medical School in New Haven (Connecticut).[7][8] Im September 1991 trat sie eine Stelle an der Icahn School of Medicine at Mount Sinai an, wo sie Professorin und Direktorin der Division of Traumatic Stress Studies wurde. Im Jahr 2004 war sie Gastprofessorin am Max-Planck-Institut für Psychiatrie in München.[7] Fünf Jahre später nahm sie im Januar 2009 ihre Tätigkeit im Veteranenkrankenhaus (J.J.P. VAMC) in der Bronx auf,[9] das an einem abgelegenen Ort liegt, an dem, wie der amerikanische Sachbuchautor und Journalist David Samuels es 2014 beschrieb,[10] die USA die von der Gesellschaft wie Aussätzige behandelten Opfer ihrer Kriege aufbewahren (im Original: „warehouses“). Nach Abschluss ihrer Ausbildung zur Therapeutin für MDMA-gestützte Psychotherapie wurde am Mount Sinai Hospital im Januar 2021 das Psychedelics Research Center neu eröffnet, das Yehuda seitdem leitet.[11][12]

Forschungsinteressen

Yehudas Forschungsinteressen sind vielfältig[13] und beziehen neben der Epigenetik unter anderem die Molekularbiologie, die Epidemiologie, Gehirn und Gedächtnis mit ein.[14] Ihre Forschungsschwerpunkte liegen auf dem Gebiet der PTBS, deren Risiko- und Resilienzfaktoren, psychologischer und biologischer Prädiktoren (i. e. Vorhersagewerte) der Behandlung von PTBS und ihrer transgenerationalen Weitergabe.[7] Ihre Forschungen über Cortisol und Hirnfunktionen trugen zum Verständnis der Behandlungsoptionen bei PTBS bei.[7]

Epigenetik

Das besondere Interesse Yehudas gilt der Epigenetik, einem Teilgebiet der Biologie, das sie mit ihrer Forschung und ihren Publikationen maßgeblich mitgestaltete. Für Laien verglich sie die Genetik mit einem Computer und die Epigenetik mit der dazugehörigen Software. Hinter der Epigenetik stehe laut Yehuda die Idee, dass Erfahrungen nicht nur physiologisch verankert sind, sondern dass physiologische Veränderungen tatsächlich im Rahmen der transgenerationalen Weitergabe an die nächste Generation weitergegeben werden können. Viele Menschen, die eine Katastrophe überlebten, würden über sich sagen, sie seien nicht mehr derselbe Mensch wie vorher. Yehuda zufolge stelle die Epigenetik das Handwerkszeug zur Verfügung, solche allgemein gehaltenen Aussagen über sich selbst zu entschlüsseln.[2]

Während früher angenommen wurde, biologische Veränderungen zwischen Generationen seien evolutionär und würden Zeit benötigen, um sich durchzusetzen, ist inzwischen bekannt, dass Epigenetik ein Mechanismus für kurzfristige Anpassung ist und genetische Mutationen schnell passieren und mit Traumata assoziiert sein können. Es geschehe laut Yehuda allerdings keine genetische Veränderung an sich, sondern eine Art Änderung des Programms, und Änderungen an der Funktionsweise der Gene könnten recht hilfreich sein. Möglicherweise würden Yehuda zufolge manche Veränderungen eher auftreten als andere und manche Gene seien flexibler als andere. Menschen, die etwas – wie sie es nennt Kataklysmisches erlebten, seien trotz alledem dieselben Menschen wie zuvor und hätten nach wie vor die gleiche DNA.[2]

Wie Yehuda in einem Interview mitteilte, das David Samuels unter dem Titel Do Jews Carry Trauma in Our Genes? im Dezember 2014 für das Magazin Tablet mit ihr führte, seien wir in gewisser Weise Gefangene unserer Biologie und unserer Umwelt.[10] Zwar könnten wir unsere Umwelt selbst wählen, doch seien unsere Möglichkeiten durch unsere Gene und viele andere Faktoren, die unseren vermeintlichen freien Willen beeinflussen, eingeschränkt.

Stress und PTBS

Stress war in den frühen Jahren der Forschung nicht mit Biologie assoziiert, doch gerade diese Verknüpfung habe Yehudas Interesse geweckt. Auch sei anfänglich die Diagnose PTBS umstritten gewesen. Auf Anregung von Earl Giller, dem Betreuer ihrer Dissertation, sei sie nach dem Aufkommen entsprechender Fragen mit einer Forschergruppe in ihre Heimatstadt gefahren, um die Hypothese zu überprüfen, der zufolge die Traumatisierungen von Holocaust-Überlebenden jenen von Vietnamveteranen ähneln sollten. Man stellte fest, dass es viel mehr Ähnlichkeiten gab, als die Forschergruppe für möglich gehalten hätte.[2] Sich auf das Tippett-Interview beziehend zitierte die Contemporary Freudian Society Yehuda mit dem Satz: „There is a wisdom in our bodies“.[15]

Unter vielem anderen widmete sich Yehuda mit ihrer Forschergruppe auch den Traumafolgen bei Überlebenden der Terroranschläge am 11. September 2001 und veröffentlichte die Ergebnisse im Frühjahr 2011.[16] Im darauffolgenden September berichtete die britische Tageszeitung The Guardian darüber.[17] Nach dem Anschlag sei die Forschergruppe mit Anrufen von zahlreichen Traumatisierten – darunter auch schwangeren Frauen – überschüttet worden. Daraufhin habe Yehuda begonnen, zu untersuchen, ob und wie sich die Erfahrungen dieser Frauen auf ihre Kinder auswirken könnten. Sie brachte eine Langzeitstudie auf den Weg, in deren Rahmen Frauen untersucht wurden, die am 11. September 2001 schwanger waren und sich zum Zeitpunkt des Anschlags entweder im World Trade Center oder in der Nähe aufhielten. Einige von ihnen entwickelten später eine posttraumatische Belastungsstörung (PTBS). Die nach einem Jahr untersuchten und inzwischen geborenen Kinder wiesen einen niedrigeren Cortisolspiegel auf als andere Kinder. Später konnte Yehuda mit ihrer Forschungsgruppe nachweisen, dass diese Kinder eine verstärkte Stressreaktion auf neue Reize zeigten. In nachfolgenden Studien konnten 16 Gene identifiziert werden, die epigenetisch durch die Traumaexposition am 11. September beeinflusst waren.[17]

Die Neurobiologie der Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) wurde erstmals von Yehuda beschrieben.[18] Bei betroffenen Patienten wies sie eine erhöhte Sensitivität der Glucocorticoidrezeptoren nach – ein bis dahin nicht bekannter Mechanismus. Darauf aufbauend veröffentlichte sie eine genomweite Expressionsstudie zu PTBS und entwickelte mit ihrer Forschergruppe ein zugelassenes Patent für einen diagnostischen Bluttest. Ihre Beobachtungen trugen zu einem Verständnis bei, warum Menschen nach einem Trauma so unterschiedlich reagieren.[18]

Wirken

Rachel Yehuda am 15. Oktober 2022 beim The Veterans Panel at Horizons NYC

Im Laufe ihrer Karriere erhielt Yehuda zahlreiche Fördergelder, unter anderem vom National Institute of Mental Health, dem US-Verteidigungsministerium, der US-Veteranenbehörde und verschiedenen Stiftungen wie der American Foundation for Suicide Prevention.[18] Von 1984 bis Dezember 2025 legte sie etwa 500 wissenschaftlich Veröffentlichungen vor. Für ihre Publikationen ergibt sich mit Stand vom Dezember 2025 nach Zählung der Datenbank Scopus ein h-Index von 107,[19] Google Scholar wirft einen h-Index von 141 aus.[20] Anlässlich eines im Februar 2025 an der University of California, San Francisco (UCSF) für ein Fachpublikum gehaltenen Vortrages zum Thema Intergenerational Trauma and Resilience erwähnte das UCSF Department of Psychiatry and Behavioral Sciences neben bereits genannten Funktionen auch Yehudas Stiftungsprofessur für Psychiatrie und Neurowissenschaften der Traumaforschung.[21] Ihre Arbeit wurde in mehreren Dokumentarfilmen und populärwissenschaftlichen Medien vorgestellt.[18] Yehuda sei ihrer Zeit voraus (im Original: „ahead of her time“), meinte David Spiegel, Professor für Psychiatrie an der Stanford University erwähnt von Judith Shulevitz in einer Abhandlung unter dem Titel The Science of Suffering, die sich mit Yehudas Forschungen und ihren Beobachtungen zur transgenerationalen Weitergabe befasst.[22] Dort wird sie beschrieben als eine Frau mit gepflegtem blonden Haar, einer Reihe beeindruckender Doktoranden und einer Zuversicht, die einem Fels in der Brandung gleichkomme. Yehuda gehört der Gruppe der Keynote Speaker an und ist bei AAE Speakers registriert.[23]

Die Icahn School of Medicine am Mount Sinai Hospital betreibt einen Physician’s Channel,[24] auf dem neben der Vorstellung komplexer Fälle neue Entwicklungen in der Patientenversorgung und innovative Verfahren vorgestellt werden. Auf diesem Kanal ist Yehuda eine gesonderte Seite gewidmet,[25] auf der einige Videos hinterlegt wurden:

  • Intergenerational Effects of Trauma: A Biological Perspective (6. Dezember 2019, Laufzeit 48:24)[26]
  • Psychedelic-Assisted Psychotherapy for Post-Traumatic Stress Disorder (28. September 2020, Laufzeit 1:14:40)[27]
  • From Party to Prescription: How Psychedelics Are Changing Traditional Psychiatry (30. September 2020, Laufzeit: 1:31:41)[28]
  • Mount Sinai Panel: Visionary Approaches – Psychedelics as Therapy (17. Juni 2022, Laufzeit 1:00:30)[29]

Yehuda ist Mitglied in zahlreichen Fachverbänden und war in vielen wissenschaftlichen Beiräten und Redaktionsausschüssen von Fachzeitschriften tätig.[30]

Psychedelics Research Center

Nachdem Yehuda eine Ausbildung zur Therapeutin für MDMA-gestützte Psychotherapie abgeschlossen hatte, wurde im Januar 2021 am Mount Sinai Hospital ein Forschungszentrum für die Behandlung von PTSB mit psychoaktiven Substanzen eröffnet und ihrer Leitung unterstellt. Über die Neugründung wurde zeitgleich von Mount Sinai[12] und auf der Plattform EurekAlert[11] berichtet.

Das neu gegründete Zentrum für Psychedelika-Forschung ist sowohl für klinische als auch wissenschaftliche Arbeit konzipiert und soll neue und wirksamere Therapien für posttraumatische Belastungsstörungen, Depressionen, Angstzustände und andere stressbedingte Erkrankungen entwickeln. Im Zentrum stehe die Erforschung der therapeutischen Wirkung von MDMA, Psilocybin und anderen psychedelischen Substanzen. Es gelte, die Wirkmechanismen der Substanzen zu erforschen und ihre Anwendung zu skalieren, um sie geeigneten Patienten optimal zugänglich zu machen.[12]

Zwar ist MDMA in den Vereinigten Staaten noch nicht für die klinische Anwendung zugelassen, gleichwohl stufte die dem amerikanischen Gesundheitsministerium unterstellte US-Behörde für Lebens- und Arzneimittel (FDA) die MDMA-gestützte Psychotherapie im Jahr 2017 als bahnbrechende Therapie ein (im Original: „as a breakthrough therapy“).[12] Yehuda plane, die subjektiven Erfahrungen der Menschen mit diesen Substanzen zu erfassen, sie zu untersuchen und die therapeutischen Möglichkeiten in strengen klinischen Studien zu erwägen. Das Projekt werde von vier Säulen getragen:

Laut Dennis S. Charney, dem Dekan der Icahn School of Medicine am Mount Sinai und Präsidenten für akademische Angelegenheiten des Mount Sinai Health System, werde die Forschung des Psychedelics Research Centers ein besseres Verständnis dafür ermöglichen, wie diese spezielle Behandlungsmethode wirkt und welche Mechanismen der Resilienz und Genesung bei einigen der schwerstwiegenden psychiatrischen Erkrankungen eine Rolle spielen.[12]

Publikationen

Im Jahr 2018 veröffentlichte Yehuda mit ihrer Co-Autorin Amy Lehrner[31] in der Fachzeitschrift World Psychiatry, dem offiziellen Organ der World Psychiatric Association, einen zentralen Artikel über die mutmaßliche Rolle epigenetischer Mechanismen bei der transgenerationalen Weitergabe traumatischen Erlebens.[32] Langjährig mit Stressforschung im Zusammenhang mit psychischen Traumata und möglichen Folgeerkrankungen befasst, wertete Yehuda gemeinsam mit ihrer Co-Autorin in dieser Metaanalyse über mögliche epigenetische Einflussgrößen die bis dahin vorliegenden wissenschaftlichen Studien aus. Diese würden neuerdings in rascher Folge publiziert und entsprechende Mechanismen identifizieren, die zu erklären versuchen, wie Umwelteinflüsse zu einer dauerhaften Veränderung der DNA führen könnten, die an künftige Generationen weitergegeben werde. Der Aufsatz befasst sich

  • mit der Einführung biologischer Forschung in die Untersuchung generationsübergreifender Spätfolgen von Traumata,
  • mit den möglichen Mechanismen für biologische Auswirkungen bei den Nachkommen von Traumaüberlebenden,
  • mit der Relevanz epigenetischer Mechanismen für generationsübergreifende Effekte und
  • mit dem Unterschied bei der Übertragung von durch Mütter oder Väter erlittenen Traumata.

Dabei haben Yehuda und Lehrner auf der einen Seite entwicklungsbedingte Effekte durch frühe Umwelteinflüsse auf die Nachkommen im Auge, aber auch den Einfluss von pränatalem Stress der Mutter und die Qualität ihrer postnatalen Fürsorge. Auf der anderen Seite stehen epigenetische Veränderungen im Fokus, die mit einem Trauma der Eltern einhergehen, das sie vor Zeugung und Empfängnis erlitten und das sowohl die Keimbahn beeinträchtigen als auch die Interaktion zwischen Fötus und Plazenta beeinflussen könne. Bisher hätten die Studien zwar noch keine schlüssigen Beweise für die epigenetische Übertragung von Traumaeffekten beim Menschen erbracht, doch weckten Befunde aus der Stressforschung bei Tieren entsprechende Hoffnung für die Möglichkeit, ähnliche Mechanismen könnten auch beim Menschen wirken. Dem Ziel, sie zu belegen, stellen sich jedoch neben den konzeptionellen Fragen hinsichtlich einer Interpretation der Ergebnisse zahlreiche wissenschaftliche und methodologische Schwierigkeiten in den Weg. In den Schlussfolgerungen wird empfohlen, in künftigen Studien sowohl die genetischen als auch die umweltbedingten Faktoren zu berücksichtigen, welche die Auswirkungen auf die Nachkommen verstärken oder abschwächen können. Alter und Entwicklungsstadium der elterlichen Traumaexposition sollten bei weiteren Forschungen ebenfalls Berücksichtigung im Hinblick auf ihre Auswirkung auf die Nachkommen finden. Das Geschlecht aller Beteiligten dürfte ebenso eine Rolle spielen wie die Resilienz und das Umfeld der Nachkommen. Auch das sollte in Zukunft in die Forschung einbezogen werden. Die Autorinnen vermuten, weitere Forschungen könnten zeigen, dass epigenetisch induzierte Veränderungen ein Spiegelbild der Umwelteinflüsse sind und deshalb, wie diese, veränderbar sind. Das Prinzip epigenetischer Plastizität impliziere eine mögliche Veränderung des Epigenoms, sofern sich die Umweltbelastungen hinreichend änderten, wobei Änderungen des Epigenoms zu Veränderungen der Struktur des Chromatins und zu Veränderungen der Funktion des Genoms führen können. Die Fähigkeit des Menschen, auf Umweltreize flexibel zu reagieren und sich anzupassen, bilde die Grundlage seiner psychischen Widerstandsfähigkeit. So könne die Weitergabe einerseits auf eine erhöhte Verletzlichkeit hindeuten, andererseits aber auch die Anpassungsfähigkeit der Nachkommen durch eine biologische Vorbereitung auf widrige Umstände, wie sie die Eltern erlebt haben, verbessern – je in Abhängigkeit vom Umweltkontext der Nachkommen. Studienergebnisse, die zu überzeugen vermochten, wurden bisher an Tiermodellen gewonnen, die durch kontrollierbare Versuchsanordnungen eindeutige Interpretationen übertragbarer Effekte zulassen. Demgegenüber sei es laut Yehuda und Lehrner derzeit nicht möglich, generationsübergreifende Effekte beim Menschen auf einen einzigen Satz biologischer oder anderer Determinanten zurückzuführen.[32]

In der Regel publiziert Yehuda in Fachzeitschriften, wendet sich zuweilen aber auch laienverständlich an ein nicht-akademisches Publikum. So veröffentlichte sie beispielsweise 2022 in der Scientific American einer angesehenen populärwissenschaftlichen Zeitschrift – unter dem Titel Trauma in the Family Tree einen Artikel zu der Frage, wie sich Traumata mit Hilfe der Epigenetik den Weg in nachfolgende Generationen bahnen.[33]

Öffentlichkeitsarbeit

The Veterans Panel at Horizons NYC

Um die gewonnenen Erkenntnisse und die Aussicht auf Heilung für Patienten mit PTBS publik zu machen, betreibt Yehuda auf internationalen Bühnen Öffentlichkeitsarbeit durch Vorträge und Teilnahme an Tagungen, wissenschaftlichen Konferenzen, Panels und anderen öffentlichen Veranstaltungen.

Von ihrer regen Vortragstätigkeit finden sich einige Beispiele im Internet. So sprach Yehuda im Jahr 2015 unter dem Titel We Need to Talk an der University of New Mexico (UNM) vor dem dortigen Department of Psychiatry über PTBS.[34] Der Vortrag ist auf YouTube hinterlegt. Dabei klärte sie unter anderem über die bleibenden Folgen von traumatischem Stress auf, der Einfluss auf die Funktion aller Organe nehmen und sowohl physische wie Konsequenzen auf der Verhaltensebene haben könne. Traumatischer Stress beeinflusse nicht nur die Patienten, sondern auch deren Umfeld. PTBS könne behandelt und dadurch Resilienz wiedergewonnen werden.

Das Florida Institute for Human and Machine Cognition veröffentlicht alle zwei Monate einen Interview-Podcast, zu dem Wissenschaftler, Ingenieure und Technologen eingeladen werden, um über ihre Forschungsgebiete, ihre Ausbildung und Karriere, ihre Motivationen und Leidenschaften zu sprechen. Im Juli 2020 wurde das Wissenschaftsporträt von Yehuda veröffentlicht.[35] Nachdem sie über epigenetische Vererbung, PTBS und das Potenzial von MDMA-Therapien gesprochen hatte, endet der Podcast mit der Erinnerung an einen Song,[36] den Yehuda im September 2012 auf der Eröffnungsveranstaltung des Jahrestreffens der International Society of Psychoneuroendocrinology in New York zu Gehör brachte. Er ist auf dem YouTube-Kanal des niederländischen Psychotraumatologen Eric Vermetten[37] hinterlegt.

Im September 2020 diskutierte Yehuda unter Moderation von Stephen Dubner vom Freakonomics Radio[Anm. 2] mit Yasmin Hurd (Ward-Coleman-Lehrstuhl für Translationale Neurowissenschaft) und James Murrough (Direktor am Depression and Anxiety Center for Discovery and Treatment) – allesamt Neurowissenschaftler und Angehörige des Mount Sinai Health System –, ob und wenn ja wie Ketamine, Cannabis und Ecstasy potentiell geeignet sind für die Behandlung therapieresistenter Depressionen, Opiatabhängigkeiten und posttraumatischer Belastungsstörungen.[28] Die Erörterung wissenschaftlicher Erkenntnisse, der öffentlichen Politik bezüglich dieser Substanzen und der potenziellen Vor- und möglichen Nachteile wurde per Videokonferenz geführt und live übertragen.

Das Mount Sinai Health System betreibt als das größte akademische medizinische System in New York City[12] eine Podcastserie unter dem Titel Road to Resilience. Über das therapeutische Potenzial von Psychedelika wurde im Dezember 2020 eine knapp halbstündige Episode mit Rachel Yehuda veröffentlicht, die den Titel The Therapeutic Promise of Psychedelics (deutsch: Das therapeutische Versprechen von Psychedelika) trägt. Yehuda sprach hier als Direktorin des Center for Psychedelic Psychotherapy and Trauma Research an der Icahn School of Medicine und befasste sich in ihren Ausführungen mit der Frage, ob MDMA-gestützte Psychotherapie eine revolutionäre Behandlungsmethode für Traumaüberlebende sein könnte. Ein Transkript wurde hinterlegt.[38]

Unter dem Titel Emerging Therapies: Breakthroughs in the Battle Against Suicide? fand am 14. November 2023 eine Anhörung im Unterausschuss für Gesundheit des United States House Committee on Veterans’ Affairs zu der Frage statt, wie Selbstmorde traumatisierter Veteranen zu verhindern seien. Ein PDF über das Hearing wurde am 20. September 2024 hinterlegt.[39] Im mit drei Frauen besetzten sog. Panel one[40] stellte sich Yehuda mit Carolyn Clancy und Ilse Wiechers dem Hearing zu der Frage, ob die neuen Therapieverfahren ein Durchbruch im Kampf gegen den Suizid von Veteranen sein könnten. Die seinerzeit live übertragene Anhörung von zwei Stunden Dauer ist mit Transkript auf YouTube hinterlegt.[41] Auf LinkedIn äußerte sich Yehuda erfreut über die Gelegenheit, mit diesen beiden beeindruckenden (im Original: „amazing“) Frauen in einem rein weiblich besetzten Panel zu sitzen und sich für die Belange der Veteranen einzusetzen.[42] Das Committee on Veterans’ Affairs hatte vorab über die Veranstaltung informiert, lud zum Livestream ein und gab einen Link zu ergänzenden Dokumenten.[43]

Digital Life Design (DLD) ist eine internationale Konferenz- und Innovationsplattform, die seit 2005 Persönlichkeiten in der Absicht einläd, zukunftsweisende Themen zu diskutieren. Dare to Know war das Thema der DLD-Konferenz 2024 in München,[44] zu der Yehuda eingeladen war,[45] um auf einer Podiumsdiskussion mit Yuriy Blokhin als Gründer einer Softwareplattform für Psychotherapeuten, die mit Psychedelika und anderen ganzheitlichen Methoden arbeiten, und Leor Roseman als Dozent und Psychedelika-Forscher an der University of Exeter zu diskutieren. Die drei Experten sprachen über das Potenzial von Psychedelika zur Heilung von Traumata, insbesondere von generationsübergreifenden Traumata im Zusammenhang mit Krieg und Konflikten. Das Panel ist auf YouTube mit Transskript hinterlegt.[46]

Ebenfalls mit Transskript findet sich auf dem YouTube-Kanal[47] vom UCSF Department of Psychiatry and Behavioral Sciences[48] der University of California, San Francisco das Video über einen Vortrag aus dem Jahr 2025, den Yehuda unter dem Titel Intergenerational Trauma and Resilience vor der dortigen Abteilung hielt.[49] Sie sprach über die Phänomenologie intergenerationeller Traumataeffekte, über die biologischen Mechanismen der Übertragung auf die nachfolgende Generation, über die Ergebnisse von Tierstudien im Vergleich mit jenen aus der Humanforschung und über Ansätze der Behandlung von Traumatisierten.

Im August 2025 fand in Australien und diesmal in Melbourne die 5. International Childhood Trauma Conference statt, die von der Australian Childhood Foundation organisiert wird. Sie war dem Thema Transforming trauma: connection and healing gewidmet. Yehuda nahm erstmals daran teil und gab unter dem Titel Trauma, psychedelics and healing ein Interview, das auf der Website der Foundation hinterlegt ist.[50]

Überdies beteiligt sich Yehuda an den Konferenzen von Horizons, einer 2007 gegründeten gemeinnützigen Gesellschaft mit Sitz in New York City, die jährliche Fortbildungsveranstaltung zum Thema Psychedelika veranstaltet.[51]

Rezeption

Im August 2015 befasste sich die britische Tageszeitung The Guardian mit den Forschungen Yehudas zur genetischen Weitergabe erlittener Traumata an die Holocaust-Nachfolgegeneration.[52] Der untersuchten Population gehörten Personen an, die entweder in einem nationalsozialistischen Konzentrationslager interniert waren, Folter erlitten bzw. miterlebt hatten oder sich während des Zweiten Weltkriegs verstecken mussten. Die Idee einer genetisch bedingten Weitergabe sei umstritten, da die herrschende wissenschaftliche Lehrmeinung besage, Gene in der DNA seien der einzige Weg, biologische verankerte Informationen zwischen Generationen weiterzugeben. Gleichwohl würden unsere Gene durch umweltbedingte chemische Markierungen ständig verändert. Einige dieser Markierungen könnten möglicherweise über Generationen weitergegeben werden. Besonderes Augenmerk sei auf eine bestimmte Region eines Gens gelegt worden, das mit der Regulation von Stresshormonen in Verbindung stehe und bekanntermaßen durch Traumata beeinflusst werde. An genau diesem Genabschnitt seien epigenetische Markierungen gefunden worden und zwar sowohl bei den Holocaustüberlebenden als auch bei deren Kindern.

Im September 2015 konterte Ewan Birney im Guardian unter dem Titel Why I’m sceptical about the idea of genetically inherited trauma.[53] Birney ist Direktor des EMBL-European Bioinformatics Institute in Cambridgeshire. Bezogen auf einen am 1. September 2015 in der Zeitschrift Biological Psychiatry veröffentlichten Artikel[54] übte er harsche Kritik und bezeichnete die Studie als schwerwiegend fehlerhaft („deeply flawed“). Er bemängelte, die Wissenschaftler hätten Blut untersucht und damit ein Gemisch verschiedener Zelltypen, deren Veränderungen vielfältige Ursachen haben könnten. Ein nur winziger Teil („tiny subset“) der Gene sei betrachtet worden, die Stichprobe sei mit 32 Personen absurd klein („absurdly small sample“), die Kontrollgruppe mit 8 Personen noch kleiner und ungeeignet. Die Arbeit hätte es nie in die wissenschaftliche Literatur schaffen dürfen. Er beschließt seine Kritik mit der Bemerkung, dass wir die Genetik weder mit Epigenetik noch auf andere Weise in Frage stellen müssten, um Selbstkontrolle und Selbstbehauptung zu bewahren. Selbstbestimmung stehe nicht im Widerspruch zu den heutigen genetischen Entdeckungen. Die Menschen seien weit mehr als nur ihre Gene, ihre DNA sei nicht ihr Schicksal.

Mitgliedschaften

Schriften (Auswahl)

Unter dem Titel Research output sind auf der Seite der Icahn School of Medicine at Mount Sinai annähernd 450 Publikationen mit bibliografischen Angaben und sortiert nach Veröffentlichungsjahr aufgelistet.[57]

  • How Parents’ Trauma Leaves Biological Traces in Children. Adverse experiences can change future generations through epigenetic pathways. In: Scientific American. Band 327, Nr. 1, Juli 2022, ISSN 0036-8733, S. 50–55 ff., doi:10.1038/scientificamerican0722-50, PMID 39016960 (englisch, Originaltitel: Trauma in the Family Tree.).
  • Mit Amy Lehrner: Intergenerational transmission of trauma effects: putative role of epigenetic mechanisms. In: World Psychiatry, official journal of the World Psychiatric Association (WPA). Band 17, Nr. 3, 2018, ISSN 2051-5545, S. 243–257, doi:10.1002/wps.20568 (englisch).
  • Mit Nikolaos P. Daskalakisa, Linda M. Bierera et al.: Holocaust Exposure Induced Intergenerational Effects on FKBP5 Methylation. In: Biological Psychiatry. Band 80, Nr. 5. Elsevier, 1. September 2016, ISSN 0006-3223, S. 372–380, doi:10.1016/j.biopsych.2015.08.005 (englisch, eurekalert.org Rezension: Trauma's epigenetic fingerprint observed in children of Holocaust survivors).
  • Mit Nikolaos P. Daskalakisa, Linda M. Bierera, Torsten Klengelc et al.: Holocaust Exposure Induced Intergenerational Effects on FKBP5 Methylation. In: Biological Psychiatry. Band 80, Nr. 5, 1. September 2016, ISSN 0006-3223, S. 372–380 (englisch, biologicalpsychiatryjournal.com).
  • Mit Casey Sarapas, Guiqing Cai et al.: Genetic markers for PTSD risk and resilience among survivors of the World Trade Center attacks. In: Disease Markers. Band 30, Nr. 2–3, 2011, ISSN 0278-0240, S. 101–110, doi:10.3233/DMA-2011-0764, PMID 21508514, PMC 3825240 (freier Volltext) (englisch, nih.gov [PDF; 199 kB]).
  • Mit Linda M. Bierer: Transgenerational transmission of cortisol and PTSD risk. In: Progress in Brain Research. Band 167. Elsevier, 2007, S. 121–135, doi:10.1016/S0079-6123(07)67009-5 (englisch).
  • Chapter 4. Neuroendocrinology of Trauma and Posttraumatic Stress Disorder. In: Rachel Yehuda (Hrsg.): Psychological Trauma. Review of Psychiatry. Band 17, 1998, S. 97–131, doi:10.1176/appi.books.9798894550435.lg04.
  • Mit Alexander C. McFarlane (Hrsg.): Psychobiology of posttraumatic stress disorder. Konferenzschrift (= Annals of the New York Academy of Sciences. Band 821). New York Academy of Sciences, New York 1997, ISBN 978-1-57331-078-9 (englisch, Konferenz am 7. Oktober 1996 in New York, N.Y.).
  • Mit J. Schmeidler, S. M. Southwick, S. Wilson, E. L. Giller: Impact of cumulative lifetime trauma and recent stress on current posttraumatic stress disorder symptoms in holocaust survivors. In: The American Journal of Psychiatry. Band 152, Nr. 12, 1995, ISSN 1535-7228, S. 1815–1818, doi:10.1176/ajp.152.12.1815 (englisch).
Commons: Rachel Yehuda – Sammlung von Bildern

Anmerkungen

  1. Für Freakonomics, eine monatliche Kolumne der New York Times, erhielt Dubner 2024 den Adam-Smith-Preis.

Einzelnachweise

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