Entführungen japanischer Staatsbürger durch die Demokratische Volksrepublik Korea
Fälle von entführten Japaner durch nordkoreanische Agenten
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Die Entführungen japanischer Staatsbürger durch die Demokratische Volksrepublik Korea – in Japan meist kurz als Rachi Mondai (拉致問題, „Entführungsproblem“ bzw. „Entführungsfrage“) bezeichnet – sind Verschleppungsfälle, die zwischen 1977 und 1983 stattgefunden haben. In dieser Zeit wurden mehr als ein Dutzend Japaner aus Japan, aber auch aus europäischen Staaten, in die Demokratische Volksrepublik Korea (Nordkorea) entführt. Die nordkoreanische Regierung gab 2002 die Entführung von 13 Japanern zu, nach japanischem Verständnis ist dagegen mindestens von 17 Opfern auszugehen. Fünf von ihnen konnten 2004 nach Japan zurückkehren; das Schicksal der übrigen Verschleppten ist ungeklärt. Rachi Mondai ist seit der Freilassung einiger Menschen 2004 eines der großen Medienthemen in Japan und ein wichtiger Punkt der japanischen Außenpolitik im Zusammenhang der Sechsparteiengespräche über das nordkoreanische Atomprogramm.
Überblick
Nordkorea entführte seit den 1960er-Jahren regelmäßig ausländische Staatsangehörige.[1][2] Neben Südkoreanern, die die größte Zahl der Verschleppten ausmachte, waren vielfach auch Japaner Opfer von Entführungen.[Anm. 1]
Von 1977 bis 1983 verschleppten nordkoreanische Agenten mindestens 13 Japaner nach Nordkorea. Der Hauptgrund war, dass das isolierte Nordkorea Menschen brauchte, die den Nordkoreanern Sprache und Kultur des wichtigen Nachbarlandes (und potentiellen Feindes) Japan beibrachten. So wurden vor allem an der Nordkorea nahe gelegenen Küste der Präfektur Niigata vorzugsweise jüngere Japaner beliebig durch nordkoreanische Stoßtrupps aufgegriffen. Oft war das einzige Kriterium für ihre Auswahl, dass sie sich gerade leicht erreichbar am Strand aufgehalten hatten.
Die von der Regierung Japans anerkannten Entführungsfälle durch Nordkorea belaufen sich auf 12 Fälle mit insgesamt 17 Entführungsopfern.[3] Nordkorea hat von diesen Fällen die Entführung von 13 Personen (sechs Männer, sieben Frauen) offiziell eingeräumt. Fünf von ihnen sind nach Japan zurückgekehrt, während Nordkorea behauptet, dass acht verstorben und vier nie nach Nordkorea eingereist seien. Außerdem hat Nordkorea die Rückgabe sterblicher Überreste vorgenommen.[4] DNA-Proben haben aber jeweils keine Übereinstimmung der Überreste mit den vermissten Personen ergeben. Die japanische Regierung vertritt deshalb den Standpunkt, dass alle Opfer noch am Leben seien, und behandelt den Fall entsprechend.
Die einzelnen Entführungsfälle
Die japanische Regierung konnte 17 entführte Japanerinnen und Japaner individualisieren. Nordkorea hat lediglich 13 davon bestätigt und bestreitet in vier Fällen die Beteiligung am Verschwinden.[5]
Von Nordkorea zugegebene Entführungen
Megumi Yokota

Die am 15. Oktober 1964 in Nagoya geborene Schülerin Megumi Yokota war die erste bekannte und zugleich die jüngste Japanerin, die nach Nordkorea entführt wurde. Sie wurde am 15. November 1977 im Alter von 13 Jahren in ihrem damaligen Wohnort Niigata aufgegriffen und nach Nordkorea verschleppt. Yokota war bei ihrem Verschwinden auf dem Rückweg von einem Badminton-Training. Möglicherweise sollte sie in Nordkorea bei der Ausbildung von Spionen helfen. 1986 heiratete sie einen Südkoreaner, der ebenfalls entführt worden war; 1987 bekam das Paar ein Kind. Nach nordkoreanischen Angaben litt Yokota an Depressionen und nahm sich am 13. März 1994 in einer depressiven Phase das Leben; ihr Leichnam wurde verbrannt. Yokotas Tod wird in Japan vielfach angezweifelt. Auch ihre Tochter ist Gegenstand von Spekulationen. 2012 wurde ein Bericht veröffentlicht, wonach die Tochter im unmittelbaren Umfeld von Kim Yo-jong lebe, der Schwester des Machthabers Kim Jong-un.[6]
Yaeko Taguchi
Die am 10. August 1955 geborene Yaeko Taguchi verschwand am 12. Juni 1978 in Tokio. Sie hatte „zwei sehr kleine Kinder“.[7] Taguchi wurde als Sprachlehrerin für nordkoreanische Agenten eingesetzt, unter ihnen die Attentäterin Kim Hyon-hui,[8][9] die für den Bombenanschlag auf den Korean-Air-Flug 858 im November 1987 verantwortlich war, bei dem 115 Menschen starben.[10] Einer Quelle zufolge heiratete Taguchi 1984 den 19 Jahre älteren, ebenfalls entführten Japaner Tadaaki Hara.[11] Nach nordkoreanischen Angaben starb sie am 30. Juni 1986 in Nordkorea bei einem Verkehrsunfall in Pjöngjang; Kim Hyon-hui zufolge hingegen lebte Taguchi 2009 noch.
Yasushi Chimura und Fukie Hamamoto
Yasushi Chimura (* 4. Juni 1955) und seine Verlobte Fukie Hamamoto (* 8. Juni 1955) wurden am 7. Juli 1978 bei einem Freizeitausflug in Obama entführt.[9] 2002 kehrten sie gemeinsam nach Japan zurück.
Kaoru Hasuike und Yukiko Okudo
Kaoru Hasuike (* 29. September 1957) und seine Freundin Yukiko Okudo (* 15. April 1956) wurden am 31. Juli 1978 gemeinsam in Kashiwazaki entführt. Beide heirateten im Mai 1980 und bekamen zwei Kinder. Im Oktober 2002 kehrten Hasuike und Okudo nach Japan zurück. Die beiden Kinder blieben zunächst in Nordkorea und reisten 2004 zu den Eltern nach Japan aus.
Hitomi Soga

Hitomi Soga (* 17. Mai 1959) wurde zusammen mit ihrer Mutter Miyoshi Soga am 12. August 1978 auf der Insel Sado entführt; Nordkorea bestreitet allerdings die Entführung der Mutter. Vor der Ankunft in Nordkorea wurden beide getrennt; sie sahen sich nicht wieder. In den ersten Jahren entwickelte sich eine freundschaftliche Beziehung zwischen Soga und Megumi Yokota.[12]
Hitomi Soga heiratete 1980 zwangsweise[13] den US-amerikanischen Soldaten Charles Robert Jenkins, der 1965 nach Nordkorea übergelaufen war, und bekam mit ihm zwei Kinder. Sie wurde als Lehrerin eingesetzt, die nordkoreanischen Spionen die japanische Sprache und japanische Verhaltensweisen beibringen sollte.[13] 2002 erhielt Soga die Erlaubnis, für einen kurzen Zeitraum nach Japan zu reisen; sie kehrte nicht nach Nordkorea zurück. 2004 siedelten Jenkins und die Kinder ebenfalls nach Japan über.[14]
Rumiko Masumoto und Shuichi Ichikawa
Rumiko Masumoto (* 1. November 1954) und Shuichi Ichikawa (20. Oktober 1954) wurden gemeinsam am 12. August 1978 in Fukiage entführt. Beide heirateten 1979 in Pjöngjang. Ichikawa starb nach nordkoreanischen Angaben am 4. September 1979 in Nordkorea, Masumoto starb zwei Jahre später am 17. August 1981 in Nordkorea an den Folgen eines Herzinfarkts.
Toru Ishioka
Toru Ishioka (* 29. Juni 1957) wurde zusammen mit Kaoru Matsuki nach Nordkorea verschleppt. Sie befanden sich gemeinsam auf einer Europareise. Beide verschwanden im Mai 1980 in Madrid. Eine Quelle gibt an, sie wären von zwei nordkoreanischen Agentinnen verführt und zur Einreise nach Nordkorea verlockt worden.[15]
Ishioka lebte in den 1980er-Jahren in Pjöngjang mit der ebenfalls entführten Keiko Arimoto. Beide hatten ein gemeinsames Kind. Nach nordkoreanischen Angaben starben Ishioka und Arimoto am 4. November 1988 an den Folgen einer Kohlemonoxidvergiftung, die durch eine defekte Gasheizung ausgelöst wurde.[16]
Kaoru Matsuki
Kaoru Matsuki (* 23. Juni 1953) verschwand zusammen mit und unter den gleichen Bedingungen wie Toru Ishioka in Madrid. Nach nordkoreanischen Angaben starb Matsuki bei einem Verkehrsunfall am 23. August 1996 in Nordkorea.
Tadaaki Hara
Der am 10. August 1936 geborene Tadaaki Hara wurde im Juni 1980 in Miyazaki entführt. Mehreren Quellen zufolge heiratete er 1984 die ebenfalls entführte Japanerin Yaeko Taguchi. Nach nordkoreanischen Angaben starb Hara 1986 an den Folgen einer Leberzirrhose.
Keiko Arimoto
Keiko Arimoto (* 12. Januar 1960) war nach gegenwärtigem Kenntnisstand die letzte Japanerin, die nach Nordkorea entführt wurde. Sie studierte zu Beginn der 1980er-Jahre in London und verschwand im Juni 1983 bei einem Kurzbesuch in Kopenhagen. Sie heiratete den ebenfalls entführten Toru Ishioka und hatte mit ihm ein Kind. Die Familie lebte in Pjöngjang. Arimoto und Ishioka starben nach nordkoreanischen Angaben am 4. November 1988 in Nordkorea an den Folgen einer Kohlemonoxidvergiftung, die durch eine defekte Gasheizung ausgelöst wurde.[16][17]
Von Nordkorea bestrittene Entführungen
| Von Nordkorea bestrittene Enführungen | ||||
|---|---|---|---|---|
| Name | Geburtsdatum | Verschwinden | Geschehen und weitere Entwicklung | |
| Zeitpunkt | Ort | |||
| Yukata Kume | 1925 | 19. September 1977 | Noto-Halbinsel | Unbekannt. Nordkorea bestreitet Beteiligung am Verschwinden. |
| Kyoko Matsumoto | 1948 | 21. Oktober 1977 | Nordkorea bestreitet Beteiligung am Verschwinden. | |
| Minoru Tanaka | 1950 | Juni 1978 | Auf dem Weg von Japan nach Europa | Nordkorea bestreitet Beteiligung am Verschwinden. Jüngeren Nachrichten zufolge lebte Tanaka 2019 in Pjöngjang. Er war dort verheiratet und Vater zweier Kinder.[18] |
| Miyoshi Soga | 1932 | 12. August 1978 | Sado | Mutter von Hitomi Soga, deren Entführung Nordkorea zugegeben hat. Eine Beteiligung am Verschwinden Miyoshi Sogas bestreitet Nordkorea. |
Die Position Japans
Am 5. Juni 2003 erklärte der damalige Premierminister Japans, Jun’ichirō Koizumi, in einer Sitzung des Abgeordnetenhauses, dass die Entführungsfälle eine Verletzung der Souveränität Japans darstellen und eine erhebliche Bedrohung für das Leben und die Sicherheit der Bürger sind. Er äußerte weiter, dass diese Fälle im Allgemeinen als Terrorismus bezeichnet werden könnten.[19]
Im Jahr 2018 hielt die japanische Regierung auf der offiziellen Website des Kanzleramts des Premierministers an der Haltung von „Dialog und Druck“ fest und betonte, dass eine Normalisierung der diplomatischen Beziehungen ohne eine Lösung der Entführungsproblematik nicht möglich sei.[20]
Darüber hinaus erklärte die japanische Regierung, dass sie sich nicht nur für die offiziell anerkannten Entführungsopfer einsetzt, sondern auch für die Lösung von Fällen sogenannter „spezifisch vermisster Personen“, bei denen ein Verdacht auf Entführungen durch Nordkorea besteht.
Die Position Nordkoreas
Nordkorea hat über viele Jahre hinweg jede Verwicklung in die Entführungen abgestritten. Erst im Jahr 2002 räumte Kim Jong-il, Generalsekretär des Zentralkomitees der Arbeiterpartei Koreas und oberster Führer Nordkoreas, während des japanisch-nordkoreanischen Gipfeltreffens in Pjöngjang die Entführung japanischer Staatsbürger ein, entschuldigte sich und versprach Maßnahmen zur Verhinderung weiterer Vorfälle. Bis heute hat es jedoch keine Entschädigung für die Entführungen gegeben.
Verhandlungen
Im Jahr 2014 wurden dazu zwischen dem japanischen Staat und dem nordkoreanischen Staat Verhandlungen durchgeführt, die von Ihara Junichi geleitet wurden.[21]
Literatur
- Committee for Human Rights in North Korea (Hrsg.): Taken! North Korea’s Criminal Abduction of Citizens of Other Countries, 2011, ISBN 978-0-9771111-3-8.
- Menschenrechtsrat der Vereinten Nationen: Report of the detailed findings of the commission of inquiry on human rights in the Democratic People’s Republic of Korea, 2017
- Robert S. Boynton: The Invitation-Only Zone: The Extraordinary Story of North Korea’s Abduction Project. Atlantic Books, 2016, ISBN 978-1-78239-852-3 (englisch).
- Bernd Stöver: Geschichte des Koreakriegs. Schlachtfeld der Supermächte und ungelöster Konflikt. 2. Auflage. 2013, ISBN 978-3-406-64447-4.
Weblinks
- Japanisches Kabinettssekretariat: Website der Rachi-mondai taisaku hombu/Sonderstab der Japanischen Regierung für die Entführungsproblematik (Japanisch, Englisch, Deutsch und sechs weitere Sprachen)
Anmerkungen
- Neben Südkoreanern und Japanern waren auch Europäer wie die Rumänin (Doina Bumbea), mehrere Libanesinnen (z. B. Siham Shraiteh) und mindestens eine Frau aus Thailand Entführungsopfer. Auch das Verschwinden des in Bamberg stationierten US-amerikanischen Soldaten Roy Chung im Jahr 1979 und das Verschwinden des US-Bürgers David Louis Sneddon in China 2004 werden vielfach als Entführungsfälle angesehen; abschließende Beweise fehlen diesbezüglich allerdings.