Razia Jan
afghanisch-US-amerikanische Unternehmerin und Bildungsaktivistin
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Razia Jan (persisch راضیه جان; * 5. Juni 1944 in Quetta, Britisch-Indien; † 20. Juli 2025 in Los Angeles) war eine afghanisch-US-amerikanische Unternehmerin und Bildungsaktivistin, welche die Stiftung Razia’s Ray of Hope und das Zabuli Education Center bei Deh’Subz gründete.[1] Ihre Mädchenschule blieb trotz der Rückkehr der Taliban im Jahr 2021 und des landesweiten Verbots von Unterricht über der sechsten Klasse als Grundschule in Betrieb.[1] Im Jahr 2012 wurde sie als eine der zehn CNN Heroes des Jahres ausgezeichnet.[2]

Leben
Jan wuchs im pakistanischen Quetta in einer liberalen, wohlhabenden Familie auf, in der Mädchen selbstverständlich zur Schule gingen und Freiheiten wie das Fahrradfahren genossen.[3] Sie studierte Frühpädagogik am Mädchen-College in Quetta und setzte 1970 in Cambridge (Massachusetts) ihre Ausbildung fort, wo sie sich an der Lesley University einschrieb.[1] In den 1980er-Jahren zog sie als Alleinerziehende ihren Sohn an der South Shore von Boston groß und baute den Betrieb Razia’s Tailoring and Dry Cleaners auf.[1] Nach den Terroranschlägen am 11. September 2001 beteiligte sie sich an Hilfsaktionen, etwa mit Decken für Einsatzkräfte und Angehörige getöteter Rettungskräfte.[4] Zugleich organisierte sie von Massachusetts aus umfangreiche Hilfslieferungen und verschickte binnen weniger Monate 30.000 Paar Kinderschuhe nach Afghanistan.[4] So kehrte sie erstmals seit mehr als drei Jahrzehnten in ihre Heimat zurück und unterstützte Schulen, Waisenhäuser und Kliniken mit Sachgütern.[4] In Deh’Subz, nordöstlich von Kabul, setzte sie mit Hilfe ihres Rotary-Netzwerks die Schenkung eines Grundstücks durch und begann – gegen anfängliche Skepsis der Dorfältesten – mit der Errichtung einer Mädchenschule.[4] Das Zabuli Education Center öffnete 2008; Jan gewann die Gemeinde durch unermüdliche Gespräche und kleine, kluge Schritte, etwa indem die jüngsten Schülerinnen das Schreiben der Namen ihrer Väter erlernten.[4] 2017 eröffnete in ihrem Umfeld ein kostenloses Frauenkolleg mit einem Hebammenprogramm.[1] Jan starb am 20. Juli 2025 im Alter von 81 Jahren in ihrem Zuhause in Los Angeles an einem Herzleiden; sie hinterließ ihren Sohn Lars Jan, zwei Brüder und eine Enkelin.[1]
Wirken
Im Mittelpunkt ihres Wirkens stand der Aufbau und die Absicherung einer kostenlosen Schule für Mädchen, die sie mit beharrlicher Diplomatie gegen Widerstände etablierte; regelmäßige Inspektionen – bis hin zur täglichen Wasserprobe aus dem Schulhof-Schlauch – und das Bestehen auf Ordnung und Hygiene gehörten zu ihren Routinen.[3] Der Erfolg beruhte auch auf ihrer Strategie, männliche Autoritäten einzubinden, etwa durch dauernden Austausch mit Dorfältesten und väterorientierte Anerkennungsgesten.[3] Der Unterricht umfasste neben Lesen, Schreiben und Religion auch Englisch, Computer und lebenspraktische Fächer, und die Schule zählte Mitte der 2010er-Jahre bereits Hunderte Schülerinnen.[4] Als Mädchen in der Pubertät verlobt oder verheiratet wurden, suchte Jan pragmatische Kompromisse, damit sie möglichst lange weiterlernen konnten.[3][1] Nach der Machtübernahme der Taliban im Jahr 2021 musste die Schule die Sekundarstufe sowie das von ihr mitaufgebaute College schließen, während die Grundschule fortgeführt wurde.[3] Der politische Kontext ist ein landesweites Verbot für Mädchenunterricht über der sechsten Klasse, das seit 2022 international kritisiert wird und fortbesteht.[5] Für 2025 nannten Medien rund 800 eingeschriebene Schülerinnen.[6] Weltweite Aufmerksamkeit erhielt die Arbeit zudem durch den PBS-Dokumentarfilm What Tomorrow Brings, der die Schule von den Anfängen bis zur ersten Abschlussklasse begleitet.[7]