Recht auf Stadt
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Das Recht auf Stadt ist ein Anspruch, der erstmals 1968 vom französischen Soziologen und Philosophen Henri Lefebvre in seinem gleichnamigen Buch Le droit à la ville erhoben wurde.
Henri Lefebvre und das Recht auf Stadt
In seinem Buch Le droit à la ville entwarf Lefebvre das Recht auf Stadt als Recht auf ein transformiertes, erneuertes urbanes Leben.[1] Der Ansatz entstand vor dem Hintergrund der raschen Urbanisierung der Nachkriegszeit, die Lefebvre mit sozialen Problemen, funktionaler Stadtplanung und einer zunehmenden Unterordnung urbaner Räume unter ökonomische Verwertungslogiken verband.
Zugleich identifizierte er in der Urbanisierung aber auch ein enormes positives Potenzial, das im Rahmen einer urbanen Revolution zur Herausbildung einer emanzipierten urbanen Gesellschaft führen könne.[2] Lefebvre kritisierte, dass die Stadt ihre Qualität als sozialer und kreativer Lebensraum verliere und zunehmend als Ware behandelt werde. Dem stellte er die Vorstellung der Stadt als kollektives Werk (''œuvre'') gegenüber, das durch soziale Praxis, Begegnung und gemeinschaftliche Aneignung entsteht[3]. Das Recht auf Stadt bezeichnete er daher nicht als individuelles Rechtsanspruchsmodell, sondern als kollektives Recht auf Teilhabe an der Gestaltung, Nutzung und Transformation des städtischen Raums.[4]
Zugleich verstand Lefebvre Urbanisierung als ambivalenten Prozess, der neben sozialen Verwerfungen auch emanzipatorische Potenziale berge. In diesem Zusammenhang verknüpfte er das Recht auf Stadt mit der Forderung nach demokratischer Kontrolle urbaner Entwicklungsprozesse und einer grundlegenden Veränderung bestehender Macht- und Eigentumsverhältnisse.[5]
Viele der bruchstückhaften Ideen, die Lefebvre in Le droit à la ville zunächst vorlegte, hat er in seinen nachfolgenden Publikationen zum Thema Stadt und Raum weiterentwickelt, so etwa in Du rural à l’urbain (1970), La révolution urbaine (1970), La pensée marxiste à la ville (1972), Espace et politique (1972) und La production de l’espace (1974).
Aktuelle Recht auf Stadt-Konzeptionen
Seit der Jahrtausendwende wird Lefebvres Konzept des Rechts auf Stadt von unterschiedlichen Akteuren verstärkt aufgegriffen. In zahlreichen Städten formierten sich unter dem Motto „Recht auf Stadt“ soziale Protestbewegungen, unter anderem in Istanbul, New Orleans, Madrid oder Hamburg.[6] In den USA ist seit 2007 die Right to the City Alliance (RTTC) aktiv, ein bundesweiter Zusammenschluss von Initiativen, die sich gegen Gentrifizierungprozessen und sozialer Verdrängung wenden. Im deutschsprachigen Raum hat das hamburgische Netzwerk Recht auf Stadt (RaS) die bisher größten Mobilisierungen erzielt und damit Vorbildcharakter für weitere Städte erlangt.[7]
Darüber hinaus ist das Recht auf Stadt Gegenstand wissenschaftlicher Debatten geworden. Vertreterinnen und Vertreter einer kritischen Stadtforschung wie David Harvey, Peter Marcuse oder Margit Mayer greifen Lefebvres Ansatz als Grundlage für eine grundlegende Gesellschaftskritik und zur Analyse urbaner Macht- und Ungleichheitsverhältnisse auf.[8]
Auch Nichtregierungsorganisationen integrierten das Recht auf Stadt in ihre Arbeit, insbesondere im Kontext der urbanen Probleme des Globalen Südens wie informeller Siedlungen und prekärer Wohnverhältnisse. So erarbeitete die Habitat International Coalition (HIC) eine Weltcharta für das Recht auf Stadt.[9] Entsprechende Bezugnahmen finden sich zudem in Programmen internationaler Organisationen wie UN-Habitat oder der UNESCO, die das Recht auf Stadt als normativen Orientierungsrahmen diskutieren.[10]
Die vielfältigen Bezugnahmen auf das Recht auf Stadt unterscheiden sich jedoch erheblich und wurden wiederholt kritisch bewertet. So argumentierte der brasilianische Humangeograph Marcelo Lopes de Souza, dass die zunehmende Popularität des Begriffs häufig mit einer Trivialisierung und inhaltlichen Verzerrung von Lefebvres ursprünglichem Ansatz einhergehe.[11]
Ökologische Perspektiven
In jüngerer Zeit wird das Recht auf Stadt zunehmend mit Fragen ökologischer Stadtentwicklung und Umweltgerechtigkeit verknüpft. Forschung aus der Stadt- und Planungstheorie betont, dass ökologische Belastungen und der Zugang zu grüner Infrastruktur in Städten sozial ungleich verteilt sind und eng mit bestehenden Macht- und Ungleichheitsverhältnissen zusammenhängen.[12]
Im Zusammenhang mit nachhaltiger Stadtentwicklung wird zudem kritisch diskutiert, dass ökologische Aufwertungen urbaner Räume mit Verdrängungsprozessen einhergehen können. Der Begriff der „grünen Gentrifizierung“ verweist auf Zielkonflikte zwischen ökologischen Maßnahmen und sozialer Gerechtigkeit.[13]
Vor diesem Hintergrund schlagen neuere Ansätze vor, das Recht auf Stadt als Recht auf eine ökologische Stadt zu verstehen, das ökologische Nachhaltigkeit mit sozialer Teilhabe und demokratischer Mitbestimmung verbindet.[14]
Ausgaben
- Das Recht auf Stadt, Hamburg: Edition Nautilus 2016, ISBN 978-3-96054-006-9.
Literatur
- Andreas Sonntag: Hamburg-HafenCity und das Recht auf Stadt. kassel university press, Kassel 2018, free download [open access]
- Fernand Mathias Guelf: Die urbane Revolution. Henri Lefèbvres Philosophie der globalen Verstädterung. Transcript, Bielefeld 2010
- Andrej Holm, Dirk Gebhardt: Initiativen für ein Recht auf Stadt. Theorie und Praxis städtischer Aneignung. VSA Verlag, Hamburg 2011
- Margit Mayer: Das „Recht auf die Stadt“ – Slogans und Bewegungen. Forum Wissenschaft 26 (1), S. 14–18
- Christian Schmid: Stadt, Raum und Gesellschaft. Henri Lefebvre und die Theorie der Produktion des Raumes. Franz Steiner, Stuttgart 2010
- Mickaël Labbé: Platz nehmen – gegen eine Architektur der Verachtung. Nautilus Edition, Hamburg 2023, ISBN 978-3-96054-330-5