Reginbert von Reichenau
Benediktinermönch, Schreiber, Bibliothekar und Leiter des Skriptoriums der Abtei Reichenau am Bodensee
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Reginbert von der Reichenau (* um 770; † 9. Mai 846)[1] war Benediktinermönch, Schreiber, Bibliothekar und Leiter des Skriptoriums der Abtei Reichenau am Bodensee.
Leben und Wirken
Reginbert gehört zu den bedeutenden Exponenten der frühkarolingischen Gelehrtenkultur am Bodensee. Mehrere Jahrzehnte lang wirkte er im Kloster Reichenau unter vier Äbten als Schreiber und Bibliothekar. Spätestens ab 806 ist er in der Abtei als Schreiber belegt, und 824 erscheint sein Name in einer Konventsliste vor dem eines Diakons namens Matthäus.[2]
Reginbert war für die Organisation und Pflege der Reichenauer Bibliothek verantwortlich. Um 821/822 erstellte er einen umfassenden Katalog der Klosterbibliothek, der über 400 Handschriften verzeichnete und später auch durch ein Verzeichnis seiner eigenen Bücher erweitert wurde.[3] Dieser Katalog ist der erste erhaltene große systematisch angelegte Bibliothekskatalog des europäischen Mittelalters. Neben seiner Tätigkeit als Bibliothekar war er ein äußerst produktiver Schreiber und Korrektor. Etwa vierzig erhaltene Handschriften stammen ganz oder teilweise von seiner Hand.[4] Seine sorgfältige alemannische Minuskel zeigt den hohen Standard der Reichenauer Schreibschule. Diese Regionalschrift war auch in St. Gallen, Freising, Benediktbeuern, Kochel, Mondsee und Kremsmünster verbreitet, mit Spuren in Murbach und Lorsch. Während sich in vielen Klöstern bereits die karolingische Minuskel durchsetzte, blieb auf der Reichenau unter ihm die alemannische Schrift als „Hausschrift“ weiterhin in Gebrauch und es werden in der Hochphase des Skriptoriums insgesamt fünf Schriften verwendet: Capitalis quadrata, Capitalis rustica, Unziale, alemannische Minuskel und karolingische Minuskel.[5] Aus Reginberts Bücherverzeichnis ist bekannt, dass er einen Bruder namens Wano und einen Neffen namens Ratherius hatte. Wano war Mönch in St. Gallen, Ratherius Priester und Mönch auf der Reichenau.[6]
Das Reichenauer Skriptorium und seine Bedeutung
Reginbert leitete das Skriptorium der Abtei, bezeichnete sich selbst jedoch nur als scriptor („Schreiber“). Unter seiner Führung entstanden zahlreiche theologische, liturgische und didaktische Werke. Er stand eng mit anderen Gelehrten des Klosters in Verbindung, darunter Walahfrid Strabo († 849), der von 842 bis 849 Abt des Klosters Reichenau war. Auf Reginberts Anregung verfasste Walahfrid um 841 die erste Liturgiegeschichte des Abendlandes (De exordiis et incrementis quarundam in observationibus ecclesiasticis rerum), wie die zugehörigen Widmungsverse bezeugen. Beide erstellten den sogenannten St. Galler Klosterplan. Ihre Verbindung zeigt sich auch in den sogenannten Exlibris Reginberts: lateinische Besitzvermerke, die oft als opus geminum sowohl in Vers- als auch in Prosafassung erhalten sind. Die metrischen Verse stammen vermutlich von Walahfrid.[7]
Das „Wolfcoz-Evangelistar“ und die Zuschreibung an Reginbert
Das bekannte „Wolfcoz-Evangelistar“ (St. Gallen, Stiftsbibliothek, 367) wurde lange Zeit dem St. Galler Schreiber Wolfcoz zugeschrieben. Aufgrund der engen Beziehungen zwischen St. Gallen und der Reichenau kam es wiederholt zu Unsicherheiten bei der Lokalisierung von Handschriften. Neuere paläographische Untersuchungen konnten zeigen, dass die Handschrift auf der Reichenau entstanden ist und Reginbert selbst als leitender Schreiber beteiligt war.[8] Damit wird das „Wolfcoz-Evangelistar“ zum „Reginbert-Evangelistar“ und zu einem zentralen Zeugnis der Reichenauer Buchkunst im 9. Jahrhundert.
Reginbert-Handschriften (Auswahl)
Zu den bedeutenden Handschriften Reginberts zählt die sogenannte „Bibliothek der Symbole“ (Karlsruhe, Badische Landesbibliothek, Aug. XVIII, um 820). Sie enthält Auslegungen des Glaubensbekenntnisses, die unter anderem Fulgentius von Ruspe († 533) zugeschrieben werden. Der Codex wurde sowohl im ersten Reichenauer Katalog (821/822) als auch in Reginberts Zuwachskatalog (zwischen 835 und 842) genannt.[9]
Reginbert schrieb die Überschriften und einige Zeilen in alemannischer Minuskel, während ein Schüler, der in karolingischer Minuskel schrieb, den Text fortsetzte. Als Leiter des Skriptoriums war Reginbert zudem für die Korrekturen verantwortlich. Diese Arbeitsweise verdeutlicht auch das Nebeneinander der beiden Schriftarten – alemannische und karolingische Minuskel – im Reichenauer Skriptorium.

Merkmale der Hand Reginberts (Auswahl)
- Auszeichnungsschrift (Capitalis rustica): F mit gewellten Deck- und Mittelbalken und P mit oben aufgesetztem ‚Horn‘
- Konsequente Vermeidung der für die alemannische Minuskel sonst essentielle nt-Ligatur
- Für die alemannische Minuskel typischen r-Ligaturen bei Reginbert tiefgespalten und oft bis zur Kopfzeile geführt; insgesamt regelmäßig und präzise gebildet
- ‚gehörntes‘ r in Ligatur mit n, s, t, e usw.
Weitere Autographa Reginberts
- Reichenauer Verbrüderungsbuch, u. a. fol. 75v, fol 77r, ca. 824.
- St. Galler Klosterplan (Schreiber der alem. Minuskel; zusammen mit Walahfrid Strabo = karol. Minuskel[10]), ca. 825/826.
Literatur
- Paul Lehmann (ed.): Mittelalterliche Bibliothekskataloge Deutschlands und der Schweiz. Bd. 1: Die Bistümer Konstanz und Chur, München 1918.
- Walter Berschin: Eremus und Insula. St. Gallen und die Reichenau im Mittelalter, Wiesbaden 1987.
- Ders.: Reginbert von der Reichenau († 846), in: Mittellateinische Studien. Bd. 3, hg. von Dems., Heidelberg 2017, S. 97–108.
- Natalie Maag: Zum sogenannten St. Galler Wolfcoz-Evangelistar und dem Skriptorium der Reichenau unter Reginbert († 846) in: Zeitschrift für die Geschichte des Oberrheins 161, 2013, S. 1–10.
- Dies.: Alemannische Minuskel (744–846 n. Chr.). Frühe Schriftkultur im Bodenseeraum und Voralpenland (=Quellen und Untersuchungen zur Lateinischen Philologie des Mittelalters 18), Stuttgart 2014.
Weblinks
- Walter Berschin: Reginbert von der Reichenau in: Neue Deutsche Biographie 21 (2003), S. 266.
- Digitalisat der Handschrift Karlsruhe, Badische Landesbibliothek, Aug. XVIII: https://digital.blb-karlsruhe.de/blbhs/content/titleinfo/20869