Reimann School and Studios

Kunstschule in London From Wikipedia, the free encyclopedia

Die Reimann School and Studios war eine private Kunst- und Kunstgewerbeschule in London, die von 1937 bis 1941 bestand.

Geschichte und Konzept

Die Reimann School and Studios war eine 1937 von Heinz Reimann im Londoner Stadtbezirk Westminster eröffnete Zweigstelle der Schule Reimann in Berlin-Schöneberg, die 1902 von seinem Vater Albert Reimann gegründet worden war. Nach der Machtergreifung war die Berliner Schule ab 1933 wiederholt Ziel antisemitischer Angriffe, Verunglimpfungen und Hausdurchsuchungen geworden, da Albert Reimann aus einer jüdischen Familie stammte.[1] Albert Reimann und seine Frau folgten ihrem Sohn im Dezember 1938 ebenfalls nach London, auf der Flucht vor den massiv wachsenden Repressalien, Verboten und Verfolgungen, denen die jüdische Bevölkerung ausgesetzt war.[1]

Das Gebäude der Reimann School and Studios in der Regency Street hatte eine bemalte Backsteinfassade und war nach Plänen der Architekten Stanley Hall, Easton & Robertson aus einem umgebauten Lagerhaus entstanden. Innen war die Schule sachlich und funktional eingerichtet.[1] Die Fotoabteilung befand sich im Dachgeschoss.[1] Die Schule veranstaltete von Heinz Loew konzipierte regelmäßige Ausstellungen, die für die Außendarstellung der Kunstschule von großer Bedeutung waren.[1] Das Schullogo war von Else Taterka entworfen worden. Anzeigen für die Schule erschienen regelmäßig in Fachzeitschriften wie „Display“ und Tageszeitungen wie dem „Manchester Guardian“.

Die praxisorientierte Ausbildung umfasste verschiedene Fachbereiche, darunter Gebrauchsgrafik, Mode und Schneiderei, Fotografie, Innenarchitektur und Allgemeine Studien. Die Abteilung für Ausstellungsgestaltung war die erste ihrer Art an einer englischen Kunstschule. Den Studierenden wurde größtmögliche Freiheit bei der Wahl ihrer Kurse gegeben, was einen radikalen Bruch mit der traditionellen künstlerischen Ausbildung in England darstellte.[1] Die „Studios“ genannten angeschlossenen Werkstätten arbeiteten eng mit Industrie und Handel zusammen und die Studierenden konnten über das integrierte Studio bereits während ihrer Ausbildung mit Kunden in Kontakt treten. Damit nahm sie eine Vorreiterrolle gegenüber den Londoner Kunsthochschulen wie dem Royal College of Art ein.[1] Während ihres kurzen Bestehens brachte die Schule eine Reihe produktiver Künstler – sowohl Lehrende als auch Studierende – zusammen, die das britische Design nachhaltig prägten.[1]

Auch nach Beginn des Zweiten Weltkrieges setzte die Schule ihren Unterricht fort und bot zusätzlich das Fernlernprogramm „Home Study Courses“ mit 179 Unterrichtseinheiten an. Reisebeschränkungen und die internationale Zusammensetzung der Schülerschaft aus den Dominions, Skandinavien, Österreich, Deutschland, den Niederlanden, Nord- und Südamerika, Spanien, Italien und der Türkei machten einen geregelten Unterricht zunehmend unmöglich[1] und die Londoner Schule stellte 1941 ihren Betrieb ein und wurde liquidiert.[2] Die Berliner Schule wurde am 23. November 1943 bei einem Luftangriff auf Berlin zerstört, das Gebäude in London durch Bombenangriffe im Jahr 1944.[1][3]

Lehrerinnen und Lehrer

Die Reimann School in London beschäftigte, dem Vorbild der Berliner Schule folgend, ausschließlich Lehrende in Teilzeit, die auch in der Praxis arbeiteten und so aktuelle Berufserfahrung in den Unterricht einbringen konnten. An der Schule unterrichteten vorwiegend Einheimische, aber auch Emigranten, von denen die meisten vor dem NS-Regime geflohen waren. Darunter waren einige, die zuvor an der Berliner Schule studiert oder unterrichtet hatten.[1][2] Schulleiter war der aus Kanada eingewanderte Plakatkünstler Austin Cooper. Zu den Lehrkräften gehörten unter anderem:

  • Hildegard Reimann (geb. Kölling) leitete wie bereits zuvor in Berlin die Modeabteilung der Schule.
  • Die Abteilung für Ausstellungsgestaltung wurde von Heinz Loew geleitet, der 1936 nach London emigriert war.[2]
  • Else Taterka, die zuvor von 1916 bis 1936 an der Berliner Schule Reimann gelehrt hatte, unterrichtete in den Abteilungen für Ausstellungsgestaltung und Gebrauchsgrafik.[2]
  • Elisabeth von Sydow hatte sich in der Zeit um 1930 in den Studienfächern Gebrauchsgrafik und Schaufenstergestaltung an der Berliner Schule weitergebildet. In London wohnte sie ab 1939 zusammen mit Else Taterka und lehrte „Display Detail“, „Commercial Design“ und „Fine Arts“ an der Reimann School.
  • Alex Strasser lehrte „Substandard Films“, „Kamerajournalismus“ und „Filmemachen“ und bot ab 1939 auch Fernlehrgänge in seinem Spezialgebiet, dem Fotojournalismus, an.[1]
  • Natasha Kroll hatte Schaufenstergestaltung an der Schule Reimann in Berlin studiert und unterrichtete nach ihrer Emigration als Assistentin der Ausstellungsabteilung.[2]
  • Robert Harling lehrte Typografie.[1]
  • Elisabeth Tomalin hatte von 1932 bis 1936 an der Schule Reimann in Berlin gelernt. Nach dem Machtantritt der Nazis wurde sie als Jüdin diskriminiert und emigrierte 1936 über Paris nach England. 1937 wurde sie neben ihrer Arbeit als Textildesignerin Lehrerin an der Reimann School.[4][5]
  • der Designer Milner Gray[2]
  • der Künstler Leonard Rosoman[2]

Absolventinnen und Absolventen

Die Reimann School and Studios startete 1937 ihren Betrieb mit dreißig Auszubildenden, deren Zahl innerhalb von zehn Monaten auf 200 anstieg. Zu Beginn des Zweiten Weltkriegs besuchten insgesamt 700 Studierende die Schule. Viele davon hatten bereits andernorts eine künstlerische Ausbildung erhalten und kamen, um ihre Ausbildung und Qualifikationen zu erweitern.[1] Zu ihnen gehörten:

  • Der 1934 nach London emigrierte Industriefotograf Walter Nurnberg (1907–1991) hatte Fotografie bei Werner Graeff an der Reimann-Schule in Berlin gelernt und absolvierte 1937 neben seiner fotografischen Tätigkeit und seiner Arbeit als Autor eine Teilzeitlehre an der Londoner Reimann-Schule.[1]
  • Zu den Schülern der Reimann School gehörte auch der Berliner Grafik- und Plakatgestalter Manfred Reiss (1922–1987)
  • Der 1933 nach London emigrierte Plakatgestalter Hans Arnold Rothholz (1919–2000) studierte Gebrauchsgrafik und Schaufenstergestaltung.
  • Auch die 1938 aus Wien kommende tschechische Grafikerin Dorrit Dekk (1917–2014) setzte ihre Ausbildung mit einem Stipendium bis 1939 an der Reimann School fort.[3]
  • Alex Kroll (1916–2008), der aus Russland stammte und in Berlin aufwuchs, erhielt seine künstlerische Ausbildung in Gebrauchsgrafik und Schaufenstergestaltung an der Reimann School.[1]
  • Richard Hamilton arbeitete 1937 in einer Werbeabteilung sowie im „Exhibition Department“ der Reimann School London und durfte in seiner Freizeit kostenlos am Zeichenunterricht teilnehmen.[6]
  • Eva Prager studierte um 1938 im „Display Departement“ der Reimann School bei Heinz Loew und Else Taterka.[7]

Literatur

  • Swantje Kuhfuss-Wickenheiser: Die Reimann-Schule in Berlin und London 1902–1943. Ein jüdisches Unternehmen zur Kunst und Designausbildung internationaler Prägung bis zur Vernichtung durch das Hitlerregime. Shaker Media, Aachen 2009, ISBN 978-3-86858-475-2

Einzelnachweise

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