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Richard Jecht

deutscher Historiker der Oberlausitz From Wikipedia, the free encyclopedia

Richard Jecht (* 4. September 1858 in Neuglück bei Bornstedt[1]; † 25. Juli 1945 in Dresden-Loschwitz) war ein Philologe und Historiker der Oberlausitz. Seine Werke zur Geschichte von Görlitz zählen bis heute zu den Schlüsselwerken zur Stadtgeschichte.

Richard Jecht

Leben

Richard Jecht entstammte einer wohlhabenden Familie aus dem Mansfelder Land, sein Vater war Obersteiger und Bergfaktor am Alaunwerk Neuglück. Nach dem Abitur am Eislebener Gymnasium begann Jecht 1877 sein Studium der klassischen Philologie, Germanistik und Geschichte an der Universität Halle, wo er dem Klassisch-Philologischen Verein Halle beitrat[2] und 1881 mit einer lateinisch geschriebenen Dissertation zum Doktor promoviert wurde. 1882 erhielt er die facultas docendi für die Fächer Latein, Griechisch, Deutsch und Geschichte. 1882–1883 unterrichtete er als Probelehrer am Gymnasium in Guben und seit 1883 als Professor am Gymnasium Augustum in Görlitz. Im Jahr 1889 heiratete er Clara geb. Heinsius (* 11. Juli 1864; † 22. Januar 1926), aus der Ehe gingen vier Söhne hervor.[3] Durch ein Ohrenleiden wurde Jecht schwerhörig und auf einem Ohr ganz taub, so dass er sich 1904 pensionieren lassen musste.[4.1]

Gesellschaftshaus in der Neißstraße 30 in Görlitz

Jecht wurde 1889 zum Sekretär der Oberlausitzischen Gesellschaft der Wissenschaften (OLGdW) gewählt und leitete sie bis 1945. Zugleich wurde er Herausgeber des Neuen Lausitzischen Magazins (NLM), ebenfalls bis 1945. Er bewohnte eine Wohnung im zweiten Stock im Haus der OLGdW in der Neißstraße 30, die er als Sekretär und Motor der Gesellschaft unentgeltlich auf Lebenszeit erhielt.

1907 übernahm Richard Jecht zusätzlich die Leitung des Görlitzer Ratsarchivs. Die Sichtung und Durcharbeitung der großen Altbestände des Archivs beschäftigte ihn für mehrere Jahrzehnte und fand ihren Niederschlag im Jechtschen Zettelkasten, einem 21 Kästen umfassendem Zettelkatalog, der den Inhalt der Urkunden, Amtsbücher und Akten aufschlüsselte und verzeichnete.[4.2] Aus dieser Arbeit gingen die Quellenveröffentlichungen und Quellenbeschreibungen hervor, die nach Umfang und Gewicht die stärkste und bedeutendste Gruppe in Jechts Lebenswerk sind und die ihn als einen der besten Diplomatiker seiner Zeit ausweisen.[4.3] In den Jahren 1896–1903 legte Jecht die beiden Teile von Band 2 des Codex diplomaticus Lusatiae superioris (CDLS) vor, der die „Urkunden des Oberlausitzer Hussitenkrieges und der gleichzeitigen die Sechslande angehenden Fehden“ enthält. Er erweiterte dabei den Quellenstoff, indem er neue Arten von Quellen heranzog, wie die Görlitzer Ratsrechnungen, Geschosslisten und Aufzeichnungen über Gerichtshandlungen des liber vocationum.[4.3] In den folgenden Jahren legte Jecht weitere Bände des CDLS vor: Band 3 (1905–1910) Die ältesten Görlitzer Ratsrechnungen bis 1419; Band 4 (1927) Die Oberlausitzer Urkunden von 1437-1457 und Band 6 (1931) Die Oberlausitzer Urkunden unter König Georg von Podjebrad.

Bereits 1909 hatte er mit den Quellen zur Geschichte der Stadt Görlitz bis 1600 eine Übersicht über die Bestände des Görlitzer Ratsarchivs publiziert. Im gleichen Jahr erschien das Görlitzer Acheldemach[5], dem ein Buch im Bestand der Oberlausitzische Bibliothek der Wissenschaften zugrunde liegt, in dem Abschriften von Aussagen verhafteter „Landplacker“ (Straßenräuber) aus Verhören und Prozessen in Schlesien sowie der Nieder- und Oberlausitz gesammelt sind. Zur Unterstützung der eigenen Strafverfolgung hatte der Görlitzer Rat solche Aussagen durch Beauftragte an den verschiedenen Gerichtsorten abschreiben lassen.

Jecht publizierte zahlreiche Arbeiten zur Geschichte der Stadt Görlitz und der Oberlausitz. Hervorzuheben sind die Allgemeine Geschichte der Stadt Görlitz im Mittelalter, „ein Monumentalwerk stadtgeschichtlicher Darstellung“[4.4], das er mit einem zweiten Band Topographie der Stadt Görlitz fortsetzte, und seine Abhandlung Der Oberlausitzer Hussitenkrieg und das Land der Sechsstädte unter Kaiser Sigismund.

1919 veröffentlichte Jecht im Neuen Lausitzischen Magazin die Dissertation seines 1916 im Ersten Weltkrieg gefallenen Sohnes Walter.[6] Die Dissertation seines jüngsten Sohnes Horst erschien in zwei Teilen 1923 und 1924 im Magazin.[7] Im Vorwort seines 1926 erschienenen Werks Allgemeine Geschichte der Stadt Görlitz im Mittelalter gedachte Jecht seiner kurz zuvor verstorbenen Ehefrau, der „Gefährtin meines Lebens und meiner Arbeit während 36 Jahren“. „Ohne die Hilfe meiner Frau … wäre es mir nicht möglich gewesen … die wissenschaftliche Arbeit im Dienste der heimatlichen Geschichtsschreibung zu leisten. … Ganze Urkundenbände mit schwer zu entziffernder Handschrift sind mit ihrer Hand abgeschrieben. Und es ist keine meiner Schriften aus dieser langen Zeit, an der ihr klares, natürliches Urteil nicht helfend und ratend Anteil genommen hätte.“[8]

Jecht erhielt vielfach Ehrungen und Auszeichnungen: Seit 1909 war er Ehrenmitglied der Niederlausitzer Gesellschaft für Anthropologie und Altertumskunde.[9] Die Universität Breslau verlieh ihm 1911 den Grad eines Dr. iur. h.c. und ernannte ihn 1929 zu ihrem Ehrensenator. Die Preußische Akademie der Wissenschaften zeichnete ihn 1923 mit der Leibniz-Medaille aus.[4.5] 1933 erhielt er die Ehrenbürgerwürde der Stadt Görlitz. Im Jahr 1939 wurde ihm die Goethe-Medaille für Kunst und Wissenschaft verliehen. 1941 erhielt er als erster die neu geschaffene Richard-Jecht-Medaille der OLGdW.[10]

Richard Jecht gehörte zu den Personen, die der Rat der Stadt Görlitz im Frühjahr 1945 vor der anrückenden Roten Armee per LKW evakuieren ließ. Er kam in das Elternhaus seiner Schwiegertochter nach Schandau und starb wenige Monate später an den Folgen eines Schlaganfalls im Alter von 86 Jahren im Dresdner Stadtteil Loschwitz, nachdem die Familie seines Sohnes gegen Kriegsende dorthin zurückgekehrt war. Das Grab Richard Jechts und seiner Ehefrau befindet sich auf dem Städtischen Friedhof in Görlitz.

Jecht war sein gesamtes Leben eng mit seiner Heimat, dem Mansfelder Land, verbunden. Ihm galten sein Wörterbuch der Mansfelder Mundart und Untersuchungen zur regionalen Ausprägung Mansfelder Mundartvarianten. Eine Abhandlung über die Grammatik der Mansfelder Mundart hatte er angekündigt, sie ist jedoch nicht erschienen.

Zu Jechts Ehren wurde im April 2013 das neu sanierte Gebäude der Oberlausitzischen Bibliothek der Wissenschaften in Richard-Jecht-Haus umbenannt.[11] Weiterhin ist die Richard-Jecht-Straße in der Görlitzer Südstadt nach ihm benannt. Im Dezember 2018 übergaben die Enkel Richard Jechst dem Görlitzer Ratsarchiv den Jechtschen Familiennachlass. Darin befinden sich viele Manuskripte und Tagebücher Richard Jechts sowie Zeugnisse von seiner Arbeit als Sekretär der OLGdW.[12]

Darstellung Jechts in der bildenden Kunst

  • Otto Wilhelm Merseburg: Bildnis des Görlitzer Ratsarchivars Prof. Dr. Dr. h. c. Richard Jecht (1935, Öl, Stadtmuseum Bautzen)[13]
  • Johannes Wüsten: Bildnis Prof. Dr. Dr. h. c. Richard Jecht (1932, Kupferstich, 21,3 × 17,4 cm)[14]

Werke (Auswahl)

  • Philologie, Dialekt- und Namensforschung
    • De usu particulae ἤδη in Platonis Dialogis qui feruntur. Halis Saxonum [= Halle (Saale)] 1881, OCLC 77588143 (Dissertation Universität Halle 1881, 55 Seiten Volltext im Internetarchiv).
    • Grenzen und innere Gliederung der Mansfelder Mundart. (Mit einer Karte). In: Zeitschrift des Harz-Vereins für Geschichte und Altertumskunde. Band 20, 1887, S. 96–115. (ULB Sachsen-Anhalt und Volltext in der Google-Buchsuche)
    • Wörterbuch der Mansfelder Mundart. Im Selbstverlag des Herausgebers, Görlitz 1888. (129 S., Humboldt-Universität Berlin und Volltext in der Google-Buchsuche). Nachdruck: Wörterbuch der Mansfelder Mundart. Hansebooks GmbH, Norderstedt 2017, ISBN 978-3-7436-9908-3 (144 S.)
  • Quellenveröffentlichungen und Quellenbeschreibungen
    • Urkunden des Oberlausitzer Hussitenkrieges und der gleichzeitigen die Sechslande angehenden Fehden. (= Codex diplomaticus Lusatiae superioris., Band 2). Oberlausitzische Gesellschaft der Wissenschaften,
    • Die ältesten Görlitzer Ratsrechnungen bis 1419. (= Codex diplomaticus Lusatiae superioris. Band 3). Oberlausitzische Gesellschaft der Wissenschaften, Görlitz 1905–1910. (897 S., Volltext Czech medieval sources).
    • Die Oberlausitzer Urkunden von 1437-1457 (= Codex diplomaticus Lusatiae superioris. Band 4). Oberlausitzische Gesellschaft der Wissenschaften, Görlitz 1927 (1244 S., Volltext Czech medieval sources).
    • Die Oberlausitzer Urkunden unter König Georg von Podjebrad. (= Codex diplomaticus Lusatiae superioris. Band 6). Oberlausitzische Gesellschaft der Wissenschaften, Görlitz 1931. (345 S., Volltext Czech medieval sources).
    • Quellen zur Geschichte der Stadt Görlitz bis 1600. Verlag des Magistrates der Stadt Görlitz, Görlitz 1909. (248 S., Volltext Nationalbibliothek Warszawa)
    • Görlitzer Acheldemach aus den Jahren 1498–1513. In: Neues Lausitzisches Magazin, Bd. 85, Görlitz 1909. S. 108–216. (Volltext SLUB Dresden)

Literatur

  • Heinz Fietze: Görlitz – Herausragende Bürger unserer Heimatstadt aus der Zeit des 15. bis 20. Jahrhunderts. 1996, S. 85–86.
  • Roland Otto: 50. Todestag des Archivars und Historikers Richard Jecht (1858–1945). In: Görlitzer Mosaik. Juli 1995, S. 26–27.
  • Konrad Jecht: Richard Jecht als Mensch und Familienvater. In: Neues Lausitzisches Magazin, Neue Folge Band 1, Verlag Gunter Oettel 1998, S. 89–92. (Der Autor lebte während des Zweiten Weltkriegs mit seinem Bruder bei seinem Großvater Richard Jecht.)
  • Steffen Menzel (Hrsg.): Ich bin mit ganzer Seele ein Oberlausitzer Partikularist. Der Briefwechsel zwischen Hermann Knothe und Richard Jecht 1888–1903. (= Beihefte zum Neuen Lausitzischen Magazin 24), Selbstverlag der Oberlausitzischen Gesellschaft der Wissenschaften e. V., Görlitz 2021, ISBN 978-3-9819612-6-3, ISSN 1439-2712
Commons: Richard Jecht – Sammlung von Bildern

Literatur von und über Richard Jecht im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek

Wikisource: Richard Jecht – Quellen und Volltexte

Einzelnachweise

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