Rindentuch
aus Rindenbast hergestellte Stoffe
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Das Rindentuch (engl. barkcloth) ist ein Textil, das durch Schlagen der Fasern der inneren Rinde hierfür geeigneter Bäume hergestellt wird. Die Technik ist über 8000 Jahre alt, die ältesten Belege stammen aus China. Rindentücher werden für rituelle und künstlerische Zwecke sowie für Kleidung und Konsumartikel verwandt. Die Herstellung von Rindentüchern in Uganda wurde von der UNESCO zum immateriellen Kulturerbe der Menschheit erklärt.

Geschichte und Verbreitung
Seit 34.000 Jahren benutzen Menschen pflanzliche Fasern.[1] In Frankreich fand man einen 6 mm langen kleinen Rest eines gezwirnten Seiles aus dem Bast von Nadelbäumen, das von Neandertalern gefertigt wurde.[2]
8900 Jahre alte Textilreste wurden in Çatalhöyük gefunden, bei denen Fasern, unter anderem aus Eichenbast und vom Flachs, miteinander verbunden und verwebt wurden.[3]
Rindentuch ist das älteste Textil, das nicht lediglich genutzt, sondern durch ein mehrstufiges Herstellungsverfahren erzeugt wurde. Die ersten Hinweise stammen aus der 7970 Jahre alten Dingmo-Stätte im Bubing-Becken (Provinz Guangxi, Südchina).[4]
Bei den archäologischen Funden muss man zwischen dem Fund von Werkzeugen für die Herstellung von Rindentüchern und dem von erhaltenen Tüchern unterscheiden, welche maximal 1000 Jahre alt sind, weil das organische Material sich nicht länger hält. Die gerillten Steinschläge für die Herstellung der Rindentücher sind die charakteristischen Leitartefakte.
6000-5000 BP gelang die Technik der Herstellung von Rindentuch nach Süd China.[5] Die Menschen verbreiteten sie mit ihrer Migration dann über Vietnam[6] nach Südostasien[7] und bei der dann vor 5000–3500 Jahren erfolgten austronesischen Expansion weiter über Taiwan nach Indonesien und den Philippinen, von dort über die Nordküste von Neuguinea zu den Salomonen, Vanuatu und Fidschi und schließlich zu polynesischen Archipelen wie Tonga, Samoa und später Hawaii.[8]
Die „Migration“ des Papiermaulbeerbaums (Broussonetia papyrifera) ist ein weiterer Beleg für die Geschichte der Rindentücher. Er ist der wichtigste Rohstoff für die Herstellung von Rindentüchern und ist in der pazifischen Inselwelt nicht heimisch. Er wird generativ über Wurzelschösslinge und Stecklinge gezüchtet und die enge Verwandtschaft mit Pflanzen seiner ehemaligen Herkunft zeigt den Weg der Wanderung. Offenkundig müssen die frühen Siedler den Baum auf ihren Booten mitgeführt und in den neuen Lebensräumen kultiviert haben.[9]
Wo der Papiermaulbeerbaum aufgrund von Wasserbedarf nicht gut gedieh, wurden die Rinden der Brotfruchtbäume Artocarpus altilis und Artocarpus elasticus sowie der Feigenbäume Ficus natalensis und Ficus thonningii genommen. Aus ersteren werden feinere und hellere Tücher gewonnen, während die Tücher aus Feigen das terrakottaähnliche Braun aufweisen.[9]
In Südamerika entwickelte sich konvergent auch eine Kultur der Bastbearbeitung. Im Grenzgebiet von Kolumbien, Peru und Brasilien wurden die inneren Rindenschichten von Ficus-Arten geklopft und anschließend mit Pflanzenfarben bemalt; daraus entstanden Kleidung, Masken und Zeremonialausstattungen. Die Tikuna, Andoque, Bora, Uitoto und weitere Gemeinschaften nutzten Rindentücher für Decken, Kleidung, Windeln, Siebe, Netze und Ritualkostüme.[10] Schlussendlich bildete sich rund um die Welt ein globaler Rindentuchgürtel:

Gebrauch von Rindentüchern
Die Herstellung von Rindentüchern und deren Verwendung ist vielleicht eine modische oder exotische Technik zur Gewinnung von Gebrauchsgütern, wird jedoch von Indigenen als ein „Verbindungsfaden“ zwischen vergangenen und gegenwärtigen Generationen gesehen und hat Kriege, Kolonialismus und den globalen Handel überlebt.[11]
Rindentücher werden zur Reinigung und als Bettwäsche sowie zu rituellen Zwecken bei Geburt, Initiation, Ehe und Beerdigung verwendet.[12] Sie dienen als Leinwand für Acrylmalerei[13] und Öl,[14] sind Rohstoff für Hüte,[15] Roben, Jackets sowie Hemden,[16] Schuhe,[17] Inneneinrichtung, Kissen, Körbe, Portmonees sowie Handtaschen.[18]
Das ugandisch-deutsche Familienunternehmen Bark Cloth[19] kooperiert mit lokalen Bio-Bauern.[20] Die unabhängige, ostafrikanische Zeitung Monitor berichtete, afrikanisches Modedesign entwickle sich ökonachhaltig vom Rand in die Mainstream-Mode.[21]
Spezielle Tücher werden für den König von Buganda,[22] dem Kabaka, gefertigt.
Die Herausbildung spezifischer afrikanischer Stile oder Designs hat zur Folge, dass Barkcloth nicht immer ein Rindentuch ist. Die Bezeichnung wird auch für Farben und Materialeigenschaften verwendet. Zum Beispiel werden weiche, dicke Stoffe mit leicht strukturierter Oberfläche so benannt, weil ihre Beschaffenheit an die raue Rinde von Bäumen erinnert.[23]
Auch sind nicht alle Textilien aus Bast sogleich Rindentücher. Die Ainu auf Hokkaido verwenden zum Beispiel den Bast von Ulmen und Linden, aus dem sie dann Fäden freilegen, die anschließend gewebt werden.[16] Ainu-Rindenstoff wird hauptsächlich zur Herstellung traditioneller Ainu-Gewänder verwendet, aber auch für Kimono, Hanten und Obi.[24]
Rindentücher in Uganda
Buganda ist ein autonomes Königreich in Uganda, das nach dem Interregnum unter Milton Obote und Idi Amin unter Yoweri Museveni wieder etabliert wurde. Es hat kulturelle Bedeutung, jedoch gegenüber der Zentralregierung Ugandas keine politische nunmehr. Der jetzige, 36. Kabaka ist Ronald Muwenda Mutebi II.[25] Er erhielt den väterlichen Palast Lubiri auf dem 4 km2 großen Gelände des Mengo-Hügels zurück, in dem sich auch die Folterkammern des in England ausgebildeten Idi Amins befinden. Im Nordwesten des den Palast umgebenden Parks ist ein kleines Museum, das zum Verkauf auf Rindentüchern gemalte Bilder anbietet und die Produktion derartiger Tücher zeigt.
2008 wurde die Herstellung der Rindentüchern in Uganda zum immateriellen Kulturerbe des UNESCO-Welterbes erklärt.[26] Die Produktion der Rindentücher in Uganda begann lange vor dem Import von Baumwolle durch die Araber vor 800 Jahren. Trotz dieser im Vergleich zu der langen Geschichte der Rindentücher relativ kurzen Zeit wurde die Produktion aus zwei Gründen zum Kulturerbe ernannt. Zum einen besteht bis heute eine ununterbrochene Tradition in der Herstellung der Rindentücher.
Zum anderen erfolgt im Gegensatz zu asiatischen Produktionen keine Plantagenwirtschaft, in der die Bäume gefällt werden. Die Bäume werden stattdessen nachhaltig gepflegt und jährlich geerntet, so können sie über viele Jahrzehnte[21] genutzt werden. Das Verbinden des frisch geschälten Baumes wird in der zweiten Hälfte des Videos Uganda's unique bark cloth gezeigt.[27] Dafür eignet sich besonders die in Uganda angebaute euryöke Mutuba- oder Natal-Feige (Ficus natalensis). Diese ist sehr wuchsfreudig und die Länge der Triebe junger Bäume nimmt im Laufe eines Jahres um über 2 m zu, während der Stammdurchmesser um 4 cm wächst.

Während der Regenzeiten nimmt der latexhaltige Saftfluss zu. Dann lässt sich die Rinde leicht ablösen und die Regeneration der Bastschicht erfolgt schneller.[15] Die Borke bildet die äußerste Schicht der Baumrinde, eine abgestorbene Schutzschicht. Unter ihr liegt die innere Rinde, der Bast; das ist das Gewebe, aus dem die Tücher gefertigt werden.
Dieses Gewebe ist lebendig und in ihm werden die bei der Fotosynthese gebildeten Zuckerstoffe zu den Wurzeln und anderen Pflanzenteilen geleitet. Die Entfernung dieses Leitgewebes unterbindet den Stoffwechsel und führt zum Tod des Baumes. Bei der Gewinnung von Rindentüchern in Uganda, wird deshalb der Baum sofort geschützt, sodass er seine Rinde erneuern kann.
Herstellung eines Rindentuchs
Auf der Fläche, die für das Rindentuch abgetragen werden soll, wird zunächst die Borke entfernt. Dann wird entlang der Kanten oben und unten rund um den Baum eingeschnitten und mit einem senkrechten Schnitt von oben nach unten beginnt das Schälen.
- Entfernen der Borke.
- Öffnen der Rinde zum Schälen.
- Schälen der inneren Rinde.
- Frisch abgelöste innere Rinde.
- Schutz der Schälfläche zur Förderung der Regeneration.
- Erhitzen des Rindentuchs nach dem Wässern.
- Schlägel zur Bearbeitung des unbehandelten Rindentuchs.
- Weichklopfen des Rindentuchs mit dem Holzschlägel.
Vorsichtig, unter Schonung der recht dünnen Wachstumsschicht (Kambium), wird die Rinde abgelöst. Hierbei werden keine scharfen Geräte, sondern schräg angeschnittene Stängel von Bananenblättern verwendet. Der während der Regenzeit starke Latexfluss ermöglicht die baldige Bildung neuer Leitgefäße. Zur Unterstützung wird der obere Rand der freigelegten Fläche geglättet, damit schnell der Fluss von den Blättern wieder herabgeleitet werden kann. Ganz entscheidend ist, dass umgehend nach dem Entfernen der Rinde die offene Wunde des Baumes vor dem Sonnenlicht geschützt wird, indem der Baum rundum mit Bananenblättern verbunden wird.
Das rohe Rindentuch wird gegebenenfalls noch mal gewässert und dann erhitzt, zum Beispiel in Bananenblättern eingewickelt, in ein offenes Feuer gelegt. Mit diesem Verfahren wird das die Zellulosefasern zusammenhaltende Lignin aufgeweicht. Danach erfolgt die entscheidende Arbeit. Das Rindentuch wird mit Schlägeln weich geklopft. Die Schlägel sind aus Stein oder, wie in Uganda, aus Holz und gerillt. Abwechselnd und überkreuz werden die Tücher über viele Stunden geschlagen. Dies lockert die Fasern auf und das Tuch wird elastisch. Wenn während der Bearbeitung Löcher gefunden werden oder entstanden sind, werden diese nicht genäht, sondern sauber ausgeschnitten und an Flicken passend zugeschnitten. Diese werden dann mit dem Schlägel in das Tuch hineingeklopft und verfilzen sich mit ihm. Schließlich ist das Tuch nur noch 1–2 mm dick und bis zu 5-mal so groß wie zu Beginn. Danach kommt es auf den Trockenplatz, die Nähte sind kaum noch zu erkennen.[28]
Das Ganze muss schnell gehen, 36 Stunden nach dem Schälen ist das Rindentuch fertig und steht zur weiteren Verarbeitung zur Verfügung.
Literatur
- Venny Nakazibwe: Bark-cloth of the Baganda people of Southern Uganda: a record of continuity and change from the late eighteenth century to the early twenty-first century (PhD thesis). Middlesex University, Hendon 2005 (englisch).
- Sarah Worden: Tradition and Transition: The changing fortunes of barkcloth in Uganda. In: Textile Society of America Biennial Symposium. Savannah 2016, S. 596–606 (englisch, Researchgate).
- Margot M. Wright (Hrsg.): Barkcloth - Aspects of Preparation, Use, Deterioration, Conservation and Display. Archetype, London 2001 (englisch).