Rita Thomas

deutsche Hundefriseurin und lesbische Aktivistin From Wikipedia, the free encyclopedia

Rita „Tommy“ Thomas (geboren am 19. Oktober 1931 in Berlin-Weißensee; gestorben am 15. Dezember 2018 ebenda) war eine Berliner Hundefriseurin und eine der wenigen dokumentierten Zeuginnen lesbischen Lebens in der DDR. Sie engagierte sich in der Homosexuellen Interessengemeinschaft Berlin (HIB) und schuf mit ihrer Wohnung über Jahrzehnte einen geschützten Freiraum für queere Menschen in Ost-Berlin.

Gedenktafel für Rita „Tommy“ Thomas in der Thaerstraße 42 in Berlin-Friedrichshain

Leben

Kindheit und Jugend in Berlin-Weißensee

Rita Thomas wurde am 19. Oktober 1931 in Berlin-Weißensee geboren, wo sie aufwuchs und zur Schule ging. Sie war das jüngste von drei Kindern; ihr Vater arbeitete als Autogenschweißer bei der Firma Krupp und betrieb nebenbei eine eigene Autowerkstatt, in der sich Rita häufig aufhielt. Nach Kriegsende 1945 ließ er sich scheiden und zog in den Westsektor nach Berlin-Kreuzberg. Die Mutter war auf Aushilfsarbeiten angewiesen und oft abwesend, weshalb Rita früh selbstständig lebte und mit einem Wohnungsschlüssel um den Hals frei ein- und ausgehen konnte.

Spätestens ab ihrem 15. Lebensjahr nannte sich Rita Thomas „Tommy“ – ein Spitzname, den zuvor bereits ihr Vater und ihr Bruder getragen hatten. Trotz Verwunderung, Gespött und Anfeindungen in der Nachbarschaft trug sie fortan ausschließlich Hosen. Später ergänzte sie ihren Stil um eine Elvis-Tolle, Krawatte und Trenchcoat und präsentierte sich als sogenannter „Bubi“ – ein damals verbreiteter Begriff für Frauen mit männlicher Erscheinung.

Hundefriseurin und Dressurtrainerin

Ab ihrem 17. Lebensjahr verdiente Tommy ihren Lebensunterhalt auf verschiedene Weisen, ohne dabei auf soziale Absicherung zu achten. Einer Frau wegen arbeitete sie im Schaustellergewerbe und baute auf Rummelplätzen rund um Berlin Rundschaukeln auf. Anschließend arbeitete sie als Aushilfe in einem Hundesalon in Berlin-Friedrichshain und absolvierte eine Ausbildung zur Tierfriseurin. 1962 übernahm sie den Salon in Eigenregie – trotz der in der DDR schwierigen Genehmigungslage für Privatbetriebe. Nebenbei dressierte sie Hunde für Theater und Film und trainierte Tiere in der Schutzhunde-Staffel in Berlin-Buch, mit denen sie auch an Hundeschauen teilnahm.

Im Zuge der Wende und Wiedervereinigung 1990 musste Tommy ihren Salon aufgeben. Bis zu ihrem Tod pflegte sie jedoch die Tiere früherer Kundschaft und verdiente sich durch Trödelhandel etwas zur geringen Rente hinzu.

Privatleben und Partnerschaften

Tommy lebte ihre Liebe zu Frauen stets offen aus. 1950 lernte sie die zwei Jahre jüngere Helli aus der Weißenseer Nachbarschaft kennen, die zur Lebensgefährtin wurde. Beide blieben bis zu Tommys Tod zusammen, führten in ihrer langen gemeinsamen Zeit jedoch keine exklusiv monogame Beziehung und hatten zeitweise andere Partnerinnen und Partner. Sie wohnten nie zusammen, sondern stets in getrennten, aber nahe beieinanderliegenden Wohnungen. Ein wichtiger Rückzugsort war Tommys Schrebergarten in Berlin-Weißensee, wo das Paar ungestört sein konnte und gemeinsam Weihnachten feierte.

In den 1950er Jahren besuchten Tommy und Helli gemeinsam das Nachtleben. Eindeutige Lokale für Homosexuelle gab es damals nur im Westteil der Stadt. Ihr bevorzugtes Lokal war das Fürstenau in der Adalbertstraße 21 in Berlin-Kreuzberg, das ab Mitte der 1950er Jahre von einer Frau namens „Rudi“ geleitet wurde. Das Lokal im Hochparterre eines Vorderhauses war über eine Durchfahrt erreichbar und hatte direkten Zugang zu einem Tanzsaal im Hinterhaus. Es gab Abende nur für Frauen, die Tommy und Helli regelmäßig besuchten. Auch das Max und Moritz mit dessen Wirtin Kathi Reinhart besuchten Tommy und Helli häufig.[1]

Den Mauerbau in der Nacht vom 12. auf den 13. August 1961 erlebten Tommy und Helli unmittelbar: Sie befanden sich auf dem Heimweg vom Fürstenau und wollten über die Oberbaumbrücke nach Friedrichshain zurück, als ein West-Berliner Polizist sie warnte. Beide entschieden sich dennoch für die Rückkehr in ihren Stadtteil – Tommy auch wegen ihrer Hunde. Mit dem Mauerbau brachen alle Verbindungen zur West-Berliner Ausgehszene und alle Kontakte zu West-Berliner Frauen ab.

Schaffung eines queeren Freiraums in der DDR

Nach dem Verlust der West-Berliner Ausgehszene stellte Tommy ihre Wohnung in der Thaerstraße 42 in Berlin-Friedrichshain – im selben Haus wie ihr Hundesalon – als privaten Treffpunkt zur Verfügung. Sie baute einen Bartresen ein und räumte ein Zimmer zum Tanzen. Dank ihres weitverzweigten Netzwerks verkehrten bei ihr Menschen unterschiedlichster Herkunft und Lebensweisen: Arbeiterinnen und Arbeiter, Angestellte, Akademikerinnen und Akademiker, Künstlerinnen und Künstler sowie lesbische, schwule, bisexuelle, trans und heterosexuelle Menschen.

Aus diesem Kreis entstanden mehrere sogenannte „Partywohnungen“, in denen – je nach Ausrichtung der Gastgeberinnen und Gastgeber – auch kulturelle und politische Themen verhandelt wurden. Für Tommy stand die Geselligkeit im Vordergrund; engeren Kontakt zu informellen Frauen- und Lesbengruppen der nichtstaatlichen Frauenbewegung in der DDR hatte sie nicht. Ihre umfangreichen Fotografien der Zusammenkünfte sind rare Zeugnisse eines privaten DDR-Alltags jenseits heteronormativer Normen.

Engagement in der Homosexuellen Interessengemeinschaft Berlin

Im Laufe der 1970er Jahre wurde Tommy aktives Mitglied der Homosexuellen Interessengemeinschaft Berlin (kurz HIB), die sich 1973 als erste größere Vereinigung von Schwulen, Lesben, Bisexuellen und trans Personen im ehemaligen Ostblock gegründet hatte. Über die Gründungsaktivitäten war Tommy früh informiert, da zu ihrem Netzwerk mit Peter Rausch und Michael Eggert auch Mitgründer der HIB gehörten. Ebenfalls regelmäßiger Gast bei Treffen in ihrer Wohnung war Charlotte von Mahlsdorf, die der HIB ihr Gründerzeitmuseum als Veranstaltungsort zur Verfügung stellte.

Die HIB organisierte gemeinsame Ausflüge, Kino- und Theaterbesuche sowie Diskussionsveranstaltungen und Vorträge in Privatwohnungen – Aktivitäten mit politischer Dimension, da offizielle Treff- und Organisationsmöglichkeiten für queere Menschen in der DDR verboten waren. 1975 und 1976 richtete die HIB mehrtägige Pfingsttreffen mit umfangreichem Programm aus, zu denen Gäste aus der gesamten DDR anreisten. Tommy engagierte sich vor allem bei den praktischen Veranstaltungen und Ausflügen und übernahm eine bedeutende Vermittlerinnenrolle, indem über sie viele Frauen aus ihrem Freundinnenkreis erreicht wurden, die sonst nicht an die Gruppe herangetreten wären.

Zudem war Tommy Mitglied im Kabarett der HIB, dem Hibaré. Jedes Programm wurde neu geschrieben, einstudiert und mit eigens entworfenen Kostümen aufgeführt. Tommy war die einzige Frau, die mit Nummern auftrat – sie übernahm dabei stets Männerrollen.

Die HIB strebte einen offiziellen Status als emanzipatorische Gemeinschaft sowie ein eigenes Kommunikationszentrum an. Die DDR-Behörden lehnten diese Forderungen zwar nicht ausdrücklich ab, verschleppten sie jedoch so lange, dass dies einem faktischen Verbot gleichkam. Ende 1979 stellte die Gruppe ihre politischen Aktivitäten ein und beschloss 1980, ihre Arbeit vorerst ruhen zu lassen. Tommy führte Zusammenkünfte in ihrer Wohnung bis weit in die 1990er Jahre fort.

Dokumentation und Rezeption

Rita Thomas hat keine eigenen Texte veröffentlicht, hielt jedoch alle ihre Lebensstationen auf Fotografien fest. In einer großen Bandbreite dokumentierte sie öffentliche und private Momente aus ihrem Leben. Ihre Sammlung umfasst viele Fotografien, die ein ungezwungenes Miteinander unter Frauen zeigen, beinhaltet aber auch viele Fotografien der Zusammenkünfte von Lesben und Schwulen sowie seltene Dokumente rund um die Gründung der HIB. Die Sammlung birgt – insbesondere in Hinblick auf die Darstellung von Intimität zwischen Frauen – äußerst rare Dokumente, was ihre zeitgeschichtliche Bedeutung betont. 2017/2018 konnte gemeinsam mit ihr ein Teil ihrer umfangreichen Fotosammlung digitalisiert werden – eine einzigartige Dokumentation lesbischen und schwulen Lebens in Ost-Berlin. Die Fotos sind im feministischen Archiv FFBIZ zugänglich.[2]

Tommy gab wiederholt Auskunft über ihr Leben:

  • 1992 und 1996 porträtierten Christina Karstädt und Anette von Zitzewitz sie in dem Dokumentarfilm …viel zu viel verschwiegen über lesbische Frauen in der DDR sowie in der gleichnamigen Buchpublikation. Sie war eine von zwölf Zeitzeuginnen.[1]
  • 2003 wurde sie von Maika Leffers und Karl-Heinz Steinle in der Ausstellung mittenmang. Homosexuelle Männer und Frauen in Berlin 1945–1969 im Schwulen Museum vorgestellt und einige ihrer Fotos ausgestellt. Sie überließ dem Museum nach Abschluss der Ausstellung einige Fotografien und Dokumente.[1][2]
  • 2016 gab sie dem Archiv der anderen Erinnerungen der Bundesstiftung Magnus Hirschfeld ein lebensgeschichtliches Interview.[1]
  • Im November 2018 berichtete sie anlässlich einer Veranstaltung zur Sichtbarkeit lesbischer Lebenswelten in Berlin aus ihrem Leben.[1]

Rita „Tommy“ Thomas starb am 15. Dezember 2018 überraschend nach einer Operation. Ihre Urne ist auf dem Friedhof der Auferstehungsgemeinde in Berlin-Weißensee beigesetzt.

Im November 2024 wurde im Beisein der langjährigen Partnerin Helli in der Thaerstraße 42 in Berlin-Friedrichshain, wo Tommy ihre Partywohnung und ihren Hundesalon hatte und bis zu ihrem Tod lebte, eine Berliner Gedenktafel zu ihren Ehren eingeweiht (siehe Bild in der Einleitung des Artikels).[3] Die Dokumentaristin Anette von Zitzewitz hielt die Laudatio.[1]

2026 fand die auf vier Orte verteilte Ausstellung „Queere Kunst in der DDR?“ in Berlin statt, in der unter anderem auch Fotos aus der Sammlung von Rita „Tommy“ Thomas gezeigt wurde.[4]

Literatur und Quellen

  • Dieser Wikipedia-Artikel basiert auf dem unter CC BY-SA-4.0 lizenzierten Beitrag von Karl-Heinz Steinle: Rita ‚Tommy‘ Thomas, Digitales Deutsches Frauenarchiv, 2022
  • Christina Karstädt, Anette von Zitzewitz: viel zuviel verschwiegen: eine Dokumentation von Lebensgeschichten lesbischer Frauen aus der Deutschen Demokratischen Republik. 1. Auflage. Hoho-Verl. Hoffmann, Berlin 1996, ISBN 978-3-929120-05-9.
  • Babette Reicherdt, Karl-Heinz Steinle und Katharina Rivilis: Interview mit Rita Thomas, Bundesstiftung Magnus Hirschfeld, Archiv der anderen Erinnerungen, November 2016
  • Andrea Rottmann: Fotos aus der Fotosammlung Rita »Tommy« Thomas (1960er Jahre). In: Historische Geschlechterforschung. 1. Auflage. Band 9. transcript Verlag, Bielefeld, Germany 2023, ISBN 978-3-8376-6454-6, S. 201–206 (transcript-open.de).

Einzelnachweise

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