Robert Fuchs (Philologe)

deutscher Klassischer Philologe und Medizinhistoriker From Wikipedia, the free encyclopedia

Robert Fuchs, vollständiger Taufname Maria Moritz Peter Guido Robert Fuchs (* 18. Januar 1868 in Baltimore (USA); † 18. Juli 1934 in Dresden), war ein deutscher Klassischer Philologe und Medizinhistoriker. Er leitete von 1915 bis 1933 das Stenographische Landesamt in Dresden und war Präsident des Weltstenographenvereins.

Leben

Herkunft und Jugend

Robert Fuchs wurde als Sohn des Konsuls Guido Fuchs und seiner Frau Blanca, geborene Verdier, in Baltimore, Maryland (USA) geboren. Nach der Rückkehr der Familie nach Europa erhielt er seine schulische Grundausbildung zunächst in Ebersdorf bei Löbau (Oberlausitz), danach in Dresden, Kötzschenbroda und Leipzig. Im Jahr 1879 wurde er in die Quinta des Gymnasiums an der Thomasschule in Leipzig aufgenommen. Obwohl er nach römischem Ritus getauft worden war, empfing er die evangelische Konfirmation. Die Reifeprüfung bestand er in Leipzig.[1]

Studium

Ab dem Sommersemester 1887 studierte Fuchs an der Universität Leipzig, wo er Vorlesungen bei Karl Brugmann, Georg von der Gabelentz, Otto Ribbeck, Curt Wachsmuth, Ernst Windisch und anderen besuchte und dem Königlichen Philologischen Seminar angehörte. Anschließend wechselte er nach Straßburg, um bei Gustav Gröber, Friedrich Leo und Adolf Michaelis zu studieren und dem dortigen Königlichen Philologischen Seminar beizutreten. 1889 hielt er sich zu Studienzwecken in Paris auf, wo er an der Sorbonne Vorlesungen bei dem Grammatiker Décharm und dem Philosophen Gabriel Séailles hörte, am Collège de France bei Henri d’Arbois de Jubainville, Michel Bréal und Gaston Paris sowie an der École nationale des chartes bei Paul Meyer, bevor er im Herbst 1889 nach Berlin ging.[1]

Ab Herbst 1889 war Fuchs an der Friedrich-Wilhelms-Universität Berlin eingeschrieben, wo er sich unter anderem bei Ernst Curtius, Hermann Diels, Wilhelm Dilthey, Hermann Ebbinghaus, Emil Hübner, Adolf Kirchhoff, Friedrich Paulsen, Adolf Tobler, Johannes Vahlen und Eduard Zeller ausbilden ließ. Dem Königlichen Philologischen Seminar gehörte er in Berlin drei Semester an. Am 10. Februar 1892 verteidigte er seine Dissertationsschrift Erasistratea quae in librorum memoria latent congesta enarrantur und wurde zum Dr. phil. promoviert; die Druckausgabe erschien noch im selben Jahr in Leipzig bei Gustav Fock.[1]

Sächsischer Staatsdienst

Am 1. Mai 1894 trat Fuchs in das Königliche Stenographische Landesamt zu Dresden ein. 1902 wurde er zum Professor ernannt und 1910 zum Regierungsrat. Seit Oktober 1915 war er Direktor. Seine letzte Beförderung zum Oberregierungsrat erfolgte 1931. Am 30. April 1933 trat Fuchs in den Ruhestand. Neben seiner Tätigkeit im sächsischen Staatsdienst wirkte er als Präsident des Weltstenographenvereins.[2]

Robert Fuchs verstarb am 18. Juli 1934 im Alter von 66 Jahren in Dresden.[2]

Wissenschaftliches Werk

Fuchs verband klassisch-philologische Methodik mit medizinhistorischem Erkenntnisinteresse, ohne je eine akademische Stelle im Fach innezuhaben. Seine Forschungen galten zunächst vor allem dem hellenistischen Arzt Erasistratos von Keos, dessen in der antiken Überlieferung verstreut gebliebenen Fragmente er in seiner Dissertation und einer Reihe von Aufsätzen zusammenstellte und kritisch erörterte. Daneben wandte er sich dem Corpus Hippocraticum zu und legte 1895 bis 1900 eine dreibändige deutsche Übersetzung und ausführliche Kommentierung der Textsammlung vor, die er seinem Bruder Marc widmete. Für das von Max Neuburger und Julius Pagel herausgegebene Handbuch der Geschichte der Medizin verfasste er den grundlegenden Beitrag zur griechischen Heilkunde.

Wissenschaftshistorisch besonderes Gewicht haben seine Arbeiten zum sogenannten Anonymus Parisinus, einem spätantiken griechischen Traktat über akute und chronische Krankheiten, der nach seinen zwei ersten Bearbeitern offiziell als Anonymus Parisinus Darembergii siue Fuchsii bezeichnet wird. Fuchs edierte ab 1894 doxographische Abschnitte des Textes, primär als Quelle für die Lehren des Erasistratos. Die Arbeit führte ihn in einen jahrelangen Akademikerstreit mit Max Wellmann, der in den Fachzeitschriften Hermes und Rheinisches Museum für Philologie mit scharfem Ton ausgetragen wurde und der Frage nach Datierung und Autorschaft des Textes galt. Der Streit endete um 1905 mit einer Niederlage für Fuchs, der das Editionsprojekt aufgab, während Wellmann, obwohl siegreich, das Interesse an einer vollständigen Edition ebenfalls verlor. Eine kritische Gesamtausgabe erschien erst 1997 durch Ivan Garofalo. Buchrezensionen zur antiken Medizin verfasste Fuchs noch bis 1920.[3]

Fuchs beschäftigte sich auch mit Entomologie, insbesondere mit der Familie der Elateridae. In einer Notiz äußerte er sich zu Fragen der zoologischen Nomenklatur.[4]

Schriften (Auswahl)

  • Erasistratea, quae in librorum memoria latent, congesta enarrantur. Leipzig: Gustav Fock, 1892 (online).
  • Die Plethora bei Erasistratos. In: Neue Jahrbücher für Philologie und Pädagogik 146, 1892, S. 679–691.
  • De Erasistrato capita selecta. In: Hermes 29, 1894, H. 2, S. 171–203. (JSTOR:4472436)
  • Anecdota medica Graeca. In: Rheinisches Museum für Philologie, Neue Folge Band 49 (1894), S. 532–558. (JSTOR:41251904)
    • Anecdota medica Graeca. Nachtrag zum cod. Paris. suppl. Graec. 636 s. XVII. Der cod. Paris. Graec. 2324 s. XVI. In: Rheinisches Museum für Philologie. Neue Folge 50, 1895, S. 576–599. (JSTOR:41252145)
    • Nachtrag zu Band L S. 580. In: Rheinisches Museum für Philologie, Neue Folge Band 51 (1896), S. 164. (JSTOR:41248546)
  • Simeon Seth und der cod. Par. graec. 2324 saec. XVI. In: Philologus 53, 1894, S. 449–464.
  • Hippokrates: Sämmtliche Werke. Ins Deutsche übersetzt und ausführlich commentiert. 3 Bde. München: H. Lüneburg, 1895–1900 (Bd. 1 online, Bd. 2 online, Bd. 3 online).
  • Zu den Epidemien I des Hippokrates. In: Philologus 55, 1896, S. 62–72.
  • Des Galenos Geburtsjahr 130, nicht 131 n. Chr. In: Deutsche medicinische Wochenschrift 22, 1896, Nr. 31, S. 506 (doi:10.1055/s-0029-1204588).
  • Zu den pseudhippokratischen Epidemien. In: Philologus 56, 1897, S. 184–187.
  • Κρῆσις. In: Philologus 56, 1897, S. 188–189.
  • Kritisches zu Galenos. In: Philologus 56, 1897, S. 375–378.
  • Lebte Erasistratos in Alexandreia? In: Rheinisches Museum für Philologie, Neue Folge Band 52 (1897), S. 377–390. (JSTOR:41251678)
  • εἴσω vorn, ἔξω hinten. In: Rheinisches Museum für Philologie, Neue Folge Band 52 (1897), S. 633–634. (JSTOR:41251705)
  • Ein Brief des Erasistratos. Sonderabdruck aus: Ärztliche Rundschau 1897, Nr. 1.
  • Anatomische Tafeln aus dem griechischen Alterthum, nach einer Pariser Handschrift zum ersten Male herausgegeben. In: Deutsche medicinische Wochenschrift 24, 1898, Nr. 1, S. 12–14 (doi:10.1055/s-0029-1204186).
  • Eine neue Receptformel des Erasistratos. In: Hermes 33, 1898, S. 342–344. (JSTOR:4472645)
  • ἁρμοῖ und ἁρμῳ̑. In: Rheinisches Museum für Philologie, Neue Folge Band 53 (1898), S. 496. (JSTOR:41228927)
  • Anecdota Hippocratea. Die Epistula Vindiciani ad Gaium (oder Pentadium) nepotem suum und der codex Dresdensis Dc 185. In: Philologus 58, 1899, S. 407–421.
  • Pseudhippocrates Epid. VI, 1, Kap. 9. In: Philologus 58, 1899, S. 624–627.
  • Zu den Pariser anatomischen Tafeln aus dem griechischen Alterthum. In: Deutsche medicinische Wochenschrift 25, 1899, Nr. 17, S. 279 (doi:10.1055/s-0029-1200269).
  • Medicinisches aus den griechischen Papyri der ägyptischen Gräber. In: Deutsche medicinische Wochenschrift 25, 1899, Nr. 26, S. 426 (doi:10.1055/s-0029-1200352).
  • De anonymo Parisino quem putant esse Soranum. In: Festschrift Johannes Vahlen zum siebenzigsten Geburtstag. Georg Reimer, Berlin 1900, S. 139–148 (online).
  • Geschichte der Heilkunde bei den Griechen. In: Max Neuburger, Julius Pagel (Hrsg.): Handbuch der Geschichte der Medizin. Bd. 1. Jena: Gustav Fischer, 1902, S. 153–402 (online).
  • Aus Themisons Werk über die acuten und chronischen Krankheiten. In: Rheinisches Museum für Philologie, Neue Folge Band 58 (1903), S. 67–114.
  • Nomenklaturbetrachtungen. In: Entomologisches Wochenblatt 25, 1908, S. 76–78 (online).
  • Die Einrichtung der Fingerknochen mit der „Eidechse“ bei Hippokrates. In: Archiv für Geschichte der Medizin 5, 1911, S. 129–132. (JSTOR:20772941)

Stenographische Schriften

  • Stenographisches Diktierbuch. Leipzig/Dresden: Teubner, 1917.
  • Die Stenographielehrerprüfung im Königreiche Sachsen. Dresden: W. Reuter, 1910.
  • Humoristische Bibliothek. 1. 2. Auflage. Dresden: Wilhelm Reuters Stenographie-Verlag, [1921].
  • Zahlreiche Aufsätze zu Fragen des parlamentarischen Stenographenberufs, zu internationalen Stenographenkongressen und zur Berufspolitik in der Fachzeitschrift Stenographische Praxis, Jahrgänge 1–11 (1907–1917).[5]

Bearbeitungen stenographischer Lehrwerke

  • Heinrich Krieg: Stenographisches Schreibheft mit Vorschriften. Nach den Berliner Beschlüssen von 1902 neu bearb. von Robert Fuchs. Dresden: Jacobi [o. J.].
  • Heinrich Rätzsch: Lehrgang der Stenographie (Verkehrs- und Redeschrift) nach F. X. Gabelsbergers System. Nach den Berliner Beschlüssen von 1902 neu bearb. von Robert Fuchs. Dresden: Jacobi, 1904 (80./81. Tsd.).
  • Heinrich Krieg: Lesebuch für angehende Stenographen (System Gabelsberger). Nach den Berliner Beschlüssen umgearb. von Robert Fuchs. Dresden: Jacobi, 1913 (107. Aufl.).

Literatur

  • Dagmar Hirsch: Robert Fuchs – Biographie und medizinhistorisches Wirken. Diplomarbeit (Wissenschaftszweig Stomatologie), Medizinische Akademie Carl Gustav Carus, Dresden, 1985 (nicht gedruckt).
  • Philip J. van der Eijk: The Anonymus Parisinus and the Doctrines of "The Ancients". In: Philip J. van der Eijk u. a. (Hrsg.): Ancient Histories of Medicine. Essays in Medical Doxography and Historiography in Classical Antiquity. Brill, Leiden 1999, S. 295–331. (doi:10.1163/9789004377479_009)

Einzelnachweise

Related Articles

Wikiwand AI