Roger Hallam
britischer Klimaschutzaktivist, Mitbegründer von Extinction Rebellion
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Roger Hallam (geboren im Mai 1966) ist ein britischer Umweltaktivist. Er ist Mitgründer der Klimabewegungen Extinction Rebellion und Just Stop Oil sowie ein rechtskräftig verurteilter Straftäter.

Leben
Hallam betätigte sich als Landwirt in Wales,[1] sah sich jedoch nach eigener Aussage aufgrund von Extremwetterereignissen gezwungen, seinen Biohof aufzugeben.[2] In der ersten Jahreshälfte 2019 war er mit einer Doktorarbeit am King’s College London zum Thema ziviler Ungehorsam beschäftigt.[3] Hallam verbrachte einen Großteil der 2010er- und frühen 2020er-Jahre damit, Aktionen des zivilen Ungehorsams im Vereinigten Königreich mitzuorganisieren und strategisch zu begleiten.[4]
Hallam war im Herbst 2018 Mitgründer von Extinction Rebellion, was er wie folgt begründete: „Wir haben die Wahl: Entweder wir geben uns dem Tod hin, oder wir rebellieren, um die politischen Eliten dazu zu bringen, unser aller Überlebenschancen zu maximieren.“[5] In der öffentlichen Darstellung trat Hallam dabei als Befürworter einer Strategie hervor, die viele Festnahmen und auch Haftstrafen als bewusst in Kauf zu nehmendes Mittel der Mobilisierung und Eskalation versteht.[4] Er verband diese Strategie mit der Vorstellung, dass Bewegungen durch sichtbare persönliche Risiken einzelner Aktivisten zusätzlichen politischen Druck erzeugen könnten.[4]
Am 12. September 2019 wurde er im Zusammenhang mit der geplanten Aktion „Heathrow Pause“ zur Stilllegung des Londoner Flughafens, die am Folgetag beginnen sollte, vor einem Café in London festgenommen. Mit mehreren „Piloten“ wollten die Aktivisten in der Nähe der Landebahnen Drohnen aufsteigen lassen, damit der Flugverkehr unterbrochen werden muss.[6]
Hallam erklärte: „Ich bin bereit ins Gefängnis zu gehen. Wir stehen vor der größten Katastrophe in der Menschheitsgeschichte. Andere Protestformen haben es in den vergangenen 30 Jahren nicht vermocht, das aufzuhalten. Deswegen brauchen wir massenhaften zivilen Ungehorsam.“[7]
Im November 2022 verbüßte Hallam wegen Verschwörung zur Störung der öffentlichen Ordnung eine einmonatige Gefängnisstrafe. Er hatte zusammen mit anderen Aktivisten der Vereinigung Just Stop Oil die Autobahn M25 blockiert.[8] Im Juli 2024 wurde Hallam wegen der Planung einer Blockade der M25 zu fünf Jahren Haft, vier weitere Mitstreiter zu je vier Jahren, verurteilt.[9] Ein Mitschnitt der entsprechenden Videokonferenz war zuvor durch Mitarbeiter der Boulevardzeitung The Sun an Behörden weitergegeben worden.[10] Das Verfahren beruhte auch auf einer aufgezeichneten Ansprache Hallams an Personen, welche die Blockade planten, und die später an die Polizei gelangte.[4] Im Prozess hielt Hallam vor der Urteilsverkündigung eine etwa zweistündige Stellungnahme.[4] Ende 2025 befand er sich nach Haftentlassung unter Auflagen außerhalb des Gefängnisses und trug eine elektronische Fußfessel.[4]
Hallam gilt als Ideengeber der deutschen Gruppe Letzte Generation.[11] Sowohl Extinction Rebellion als auch die von Hallam mitorganisierte britische Kampagne Insulate Britain waren Vorläufer und Inspirationsquellen der Letzten Generation.[12] Im April 2022 setzte Hallam zusammen mit Aktivisten weiterer europäischer Länder das internationale A22-Netzwerk auf.[13][14]
Wirken
Hallam gilt als einer der prägenden Strategen eines Netzwerks britischer Bewegungen, die auf zivilen Ungehorsam und medienwirksame Störaktionen setzen.[4] Zu den dabei wiederkehrenden Protestformen zählten zur Erzielung einer maximalen öffentlichen Aufmerksamkeit Straßen- und Knotenpunktblockaden, das Beschmieren von Gebäuden sowie Aktionen gegen Kunstwerke oder andere symbolträchtige Objekte.[4] Ende 2025 unterstützte er eine neu entstandene Gruppe, die bei einer Aktion im Tower of London Lebensmittel auf die Vitrine der Kronjuwelen schmierte und weitere Aktionen ankündigte.[4] Es gab hierbei organisatorische Überschneidungen zwischen verschiedenen Kampagnen, etwa bei identischen Kontaktwegen für Medienanfragen.[4]
Ein zentrales Element seiner Strategie ist die bewusste Inkaufnahme großer Zahlen von Festnahmen, die als Mittel zur Mobilisierung und zur Erzeugung politischen Drucks verstanden wird.[4] Die damit verbundenen Haftstrafen gelten dabei als Teil einer Öffentlichkeitsstrategie, bei der Inhaftierte zu Symbolfiguren werden können, die nach ihrer Entlassung erneut für Aktionen werben.[4] Die Logik einer gezielten Provokation von Festnahmen wurde in den 2020er-Jahren auch bei Protesten außerhalb des Klimabereichs beobachtet.[4]
Medienkommentare schreiben Extinction Rebellion zu, im Vereinigten Königreich zu einer politischen Dynamik beigetragen zu haben, in deren Verlauf die konservative Regierung als erstes G7-Land das Ziel einer Netto-Null-Emissionen-Bilanz bis 2050 festschrieb.[4] Forderungen von Just Stop Oil nach einem Stopp neuer Öl- und Gaslizenzen in der Nordsee wurden zu einem Bestandteil der Regierungspolitik.[4] Im Umfeld solcher Kampagnen wurden zudem Reformvorschläge thematisiert, die per Los ausgewählte Bürger in Entscheidungsgremien einbinden sollen.[4]
Holocaustrelativierung
Am 20. November 2019 erschienen Auszüge aus einem Interview mit Hallam in der Zeit, in dem er den Holocaust relativierte und dessen Singularität bestritt.[15] Hallam sagte, dass es Genozide in den letzten 500 Jahren der Menschheitsgeschichte immer wieder gegeben habe, bezeichnete sie als „fast normales Ereignis“ und verwies unter anderem auf die Kongogreuel und Völkermorde in China.[16] Kurz nach Veröffentlichung des Interviews distanzierten sich Extinction Rebellion Deutschland sowie mehrere deutsche Ortsgruppen auf Twitter öffentlich von Hallam.[17][18][19][20][21] Anschließend berichtete Die Zeit, dass der Ullstein Buchverlag die Auslieferung seines Buchs „Common Sense“ mit sofortiger Wirkung einstellt.[22][23]