Romantische Medizin

From Wikipedia, the free encyclopedia

Romantische Medizin (auch Medizin der Romantik) bezeichnet eine vor allem in Deutschland um 1800 populäre Richtung der Medizin. Sie nimmt Bezug auf die romantische Naturphilosophie von Friedrich Wilhelm Joseph von Schelling, die eine Einheit von Natur und Geist sah. Bedeutende Anhänger waren zumindest zeitweise Carl Gustav Carus, Dietrich Georg von Kieser, Johann Christian Reil, Andreas Röschlaub, Gotthilf Heinrich von Schubert, Johann Lukas Schönlein, Philipp Franz von Walther sowie der junge Johannes Peter Müller,[1] der ab 1833 als Professor für Physiologie in Berlin die Wende zu einer mehr naturwissenschaftlich orientierten Medizin vollzog. In der Psychiatrie verbanden sich damit sanftere Methoden und neue Lebens- statt nur Anstaltsformen (vgl. Heinrich Philipp August Damerow und Heinrich Laehr). Dabei kommt es zu einer stärkeren universitären Ausrichtung oder Begleitung der ärztlichen Praxis (Universitätspsychiatrie).

In Deutschland und anderen Ländern war der nach John Brown (1735–1788) benannte Brownianismus populär. Brown hat auf empirischer Basis eine neue Systematik der Krankheiten entwickelt, die, wie er behauptete, auf den Prinzipien, die Isaac Newton auf die Naturwissenschaften angewandt hat, beruhte. Die „Erregbarkeit“ hielt er für die fundamentale Eigenschaft der Lebewesen, ein zu viel oder zu wenig führte zu Krankheiten. Die Behandlung sollte die Erregbarkeit auf das normale Maß zurückführen. Der Leiter des Hospitals in Bamberg, Andreas Röschlaub, förderte diese Lehre, Friedrich Wilhelm Joseph Schelling lernte sie in Bamberg kennen und schätzte sie.

Eine verwandte Theorie von Franz Anton Mesmer führte Krankheiten auf eine „gestörte Harmonie der Nerven“ zurück, die durch Magnetismus wiederhergestellt werden könne. Eine weitere Theorie von Samuel Hahnemann interpretierte die Krankheit als eine „verstimmte Lebenskraft“, die durch „Ähnlichkeiten“ geheilt werden könne, "Similia similibus curentur", später Homöopathie genannt.[2]

Die romantische Medizin wird im historischen Rückblick häufig als eine spekulative (etwa die ursprünglich naturwissenschaftlichen, später vor allem in Deutschland nicht mehr zwischen Physik und Metaphysik unterscheidenden Theorien des Mesmerismus[3] bzw. animalischen Magnetismus[4] aufnehmende) Sackgasse des wissenschaftlichen Fortschritts in der Medizin gesehen, andererseits aber auch als Wegbereiterin neuer und freierer Formen der Gesundheitsfürsorge und Erziehung.

In der Mitte des 19. Jahrhunderts begann die naturwissenschaftliche Medizin die romantische zu verdrängen, Wegbereiter waren unter anderem Justus von Liebig und Rudolf Virchow. Ein früher Vertreter war Pierre Charles Alexandre Louis, der statistische Methoden benutzte, um die Unwirksamkeit des Aderlasses zu beweisen.[2]

Literatur

  • Paul Diepgen: Alte und Neue Romantik in der Medizin. Springer, Berlin 1932. Sonderdruck aus: Klinische Wochenschrift, Bd. 11 (1932), Heft 1, S. 28–34, ISSN 0023-2173.[5]
  • Dietrich von Engelhardt: Medizin der Romantik. In: Werner E. Gerabek, Bernhard D. Haage, Gundolf Keil, Wolfgang Wegner (Hrsg.): Enzyklopädie Medizingeschichte. De Gruyter, Berlin / New York 2005, ISBN 3-11-015714-4, S. 903–907.
  • ders.: Medizin in Romantik und Idealismus . Frommann-Holzboog, Stuttgart-Bad Cannstatt 2023, 4 Bde., ISBN 978-3-7728-2950-5 (=Medizin und Philosophie, Bd. 17,1-4).
  • Werner E. Gerabek: Friedrich Wilhelm Joseph Schelling und die Medizin der Romantik. Studien zu Schellings Würzburger Periode. Peter Lang, Frankfurt/M. 1995, ISBN 3-631-48865-3 (zugleich Habilitationsschrift, Universität Würzburg 1995).
  • Ernst Hirschfeld: Romantische Medizin. Zu einer zukünftigen Geschichte der naturphilosophischen Ära. Kyklos 3, S. 1–89 (1930).
  • Albrecht Koschorke: Poiesis des Leibes. Johann Christian Reils romantische Medizin. In: Gabriele Brandstetter, Gerhard Neumann (Hrsg.): Romantische Wissenspoetik. Die Künste und die Wissenschaften um 1800 (Stiftung für Romantikforschung; Bd. 26). Königshausen & Neumann, Würzburg 2004, ISBN 3-8260-2632-2.[6]
  • Werner Leibbrand: Romantische Medizin. 2. Auflage Goverts, Hamburg 1942 (Erstauflage: Leipzig 1937).
  • Werner Leibbrand: Die spekulative Medizin der Romantik. Claassen Verlag, Hamburg 1956.
  • Peter Paus: Philipp Karl Hartmann. Mensch, Arzt und Philosoph. Sein Leben, sein Werk. Ein Beitrag zur Medizingeschichte der Romantik. Medizinische Dissertation Bonn 1971.
  • Roland Schiffter: „… ich habe immer klüger gehandelt … als die philisterhaften Ärzte …“ Romantische Medizin im Alltag der Bettina von Arnim - und anderswo. Königshausen & Neumann, Würzburg 2006, ISBN 3-8260-3307-8.
  • Nelly Tsouyopoulos: Andreas Röschlaub und die Romantische Medizin. Die philosophischen Grundlagen der modernen Medizin (Medizin in Geschichte und Kultur; Bd. 14). Fischer, Stuttgart 1982, ISBN 3-437-10761-5 (zugleich Habilitationsschrift, Universität Münster 1979).
  • Urban Wiesing: Kunst oder Wissenschaft? Konzeptionen der Medizin in der deutschen Romantik. Frommann-Holzboog, Stuttgart 1995, ISBN 3-7728-1634-7 (zugleich Habilitationsschrift, Universität Münster 1995).

Einzelnachweise

Related Articles

Wikiwand AI