Roop Kanwar

indische Frau, Opfer einer Witwenverbrennung in Indien From Wikipedia, the free encyclopedia

Roop Kanwar (* 1969; † 4. September 1987 in Deorala, Rajasthan in Indien) ist ein Opfer der Witwenverbrennung in Indien.[1] Die Verbrennung wurde von vielen Zuschauern verfolgt und in aller Welt durch Medien und Wissenschaft rezipiert. Tausende Anhänger der Witwenverbrennung pilgerten anschließend zu dem Ort. Der Tod von Roop Kanwar führte zu heftigen öffentlichen Auseinandersetzungen und einer weiteren Verschärfung des Verbots der Witwenverbrennung.

Leben und Vorgeschichte

Roop Kanwar wurde als Tochter von Bal Singh Rathore und Sneh Kanwar in eine wohlhabende Rajputen-Familie aus Ranchi hineingeboren, wuchs in der Millionenstadt Jaipur auf und besuchte die Schule bis zur zehnten Klasse. Laut ihrer Mutter hat sie öfter den Rani Sati-Tempel in Jhunjhunu besucht.[2]

Am 17. Januar 1987 heiratete sie den Lehrer Maal Singh aus dem kleinen Dorf Deorala im Wüstenstaat Rajasthan. Kanwar wohnte nur einige Tage nach der Hochzeit und wenige Tage vor ihrem Tod in Deorala. Sie verbrachte die meiste Zeit bei ihren Eltern in Jaipur und lebte insgesamt weniger als drei Wochen mit ihrem Mann zusammen. Das Paar blieb kinderlos.[2]

Singh klagte am 3. September 1987 über starke Bauchschmerzen und wurde in einem Schockzustand mit niedrigem Blutdruck nach Sikar ins Krankenhaus gebracht. Es ist unklar warum er nicht in die näher liegende Metropole Jaipur gebracht wurde. Maal Singh starb in Sikar am nächsten Morgen im Alter von 24 Jahren. Die Todesursache ist unklar. Singh litt seit längerer Zeit unter Depressionen und war deswegen von Juni bis Juli in Jaipur in Behandlung. Seine Mutter war seit Langem psychisch krank. Eine Obduktion wurde nicht durchgeführt. Singhs Leiche wurde gegen 9:30 Uhr für das Begräbnis nach Deorala gebracht.[2]

Die Neuigkeit über die bevorstehende Witwenverbrennung verbreitete sich schnell in den Nachbardörfern und viele Menschen kauften Kokosnüsse als Gabe für die Satimata. Dieser beispiellose Ansturm alarmierte einen Finanzbeamten, der daraufhin die Polizei verständigte. Polizeichef Chand Ram Rathi traf gegen 14:30 Uhr zusammen mit zwei weiteren Polizisten in Deorala ein und sah den brennenden Scheiterhaufen und mehr als 200 Zuschauer.[2]

Verbrennung

Roop Kanwar verbrannte am 4. September 1987 im Alter von 18 Jahren auf dem Scheiterhaufen ihres Mannes. Das Feuer wurde von Pushpendra Singh, ihrem Schwager angezündet. Es waren mehr als 200 Menschen vor Ort.[2]

Die Berichte über die Verbrennung sind, bezüglich der Freiwilligkeit von Kanwars Tod, widersprüchlich.[3][4][2]

Kanwar soll nach Angaben der Schwiegerfamilie beim Anblick der Leiche ihres Mannes nicht geweint und geäußert haben, sie wolle ihm folgen. Nachbarn und Verwandte, die sie von diesem Vorhaben abbringen wollten, habe sie mit besonderen Flüchen, den „Sati-Flüchen“, belegt. Das Vorhaben sei im Voraus bekannt gewesen und ihr Entschluss wurde von Dorfältesten und sogenannten heiligen Männern geprüft. Kanwar habe sich auf den Scheiterhaufen gesetzt, den Kopf ihres toten Mannes auf den Schoss genommen und ihren 15-jährigen Schwager gebeten, den Scheiterhaufen anzuzünden.[5][2]

Andere Quellen berichten, die Teenagerin sei auf den Scheiterhaufen gezwungen worden.[1] Unberührbare berichteten gegenüber der Presse, sie hätten am Todestag laute Auseinandersetzungen im Hause Singhs gehört. Kanwar sei von der Familie für den Tod ihres Mannes verantwortlich gemacht worden. Sie sei vermutlich mit Rauschmitteln betäubt auf den Scheiterhaufen gebracht worden. Es sei Kanwar gelungen sich zu befreien. Sie sei um Hilfe rufend davongelaufen, doch sie sei wieder eingefangen worden und mit Holzscheiten geschlagen worden. Sie sei schreiend verbrannt.[6][7]

In allen Berichten finden sich folgende übereinstimmende Aussagen: Junge Rajputen bewachten das Mädchen mit Schwertern.[8] Kanwar gelangte mindestens einmal vom Scheiterhaufen herunter. Der Scheiterhaufen musste ein zweites Mal entzündet werden.[2] Die Polizei ist nicht eingeschritten.[6] Die Eltern des Mädchens im nahe gelegenen Jaipur wurden von der geplanten Tötung nicht vorab informiert. Bei der Verbrennung waren von Beginn an Hunderte Zuschauer anwesend, später wuchs die Menschenmenge auf 4000 an.[6] Trotzdem erfuhr die Familie des Mädchens erst am nächsten Morgen aus der Zeitung von der Verbrennung ihrer Tochter.[2][8]

Geschehen nach der Tat

Die Tat verursachte einen Aufschrei des Entsetzens in den städtischen Zentren Indiens und zeigte die Gegensätze zwischen traditionellen und modernen indischen Ansichten.[9]

Nach ihrem Tod wurde Kanwar als eine satimata verehrt, als „Sati-Mutter“ mit angeblich göttlichen Eigenschaften. Tausende von Pilgern besuchten das Dorf Deorala, ungefähr 200 km südwestlich von Neu-Delhi, um Kanwar zu verehren. Drei Monate nach der Verbrennung hatten die Bewohner von Rajasthan bereits 230.000 US-$ gesammelt, um einen in Planung befindlichen Tempel für Kanwar zu bauen.[5] Ein Jahr nach Kanwars Tod, im Jahr 1988, wurde ein Fest mit rund 3000 Teilnehmern zu Ehren der Sati Roop Kanwar gefeiert.[10] Auch wurden Fotografien von Kanwar auf dem Scheiterhaufen in großen Stückzahlen verkauft.[11]

Es entwickelte sich eine Bewegung gegen Witwenverbrennungen.[12] Der Vorfall führte, vor allem auf Druck von Frauenorganisationen, zu einem neuen Gesetz. Die Zentralregierung erließ den „The Commission of Sati (Prevention) Act“, welcher Witwenverbrennungen und die Verehrung von verbrannten Witwen unter Strafe stellte.[13][14]

Prozesse

Im Zusammenhang mit Kanwars Verbrennung wurden mehrere umstrittene Prozesse geführt, die sich jeweils über mehrere Jahre hinzogen. Es wurden alle zum Zeitpunkt der Urteilsverkündung noch lebenden Angeklagten freigesprochen. Die Urteile wurden kontrovers aufgenommen.[15][16]

Mordprozess

32 Personen wurden wegen Mordes an Kanwar angeklagt. Unter den Angeklagten befanden sich ihr Schwiegervater und ihr Schwager. Jedoch war die Anklage nicht imstande, Zeugen vorzuladen, die bereit waren, die Tat vor Gericht zu bezeugen. Auch konnte sie die Filme, welche mehrere Zuschauer von der Verbrennung gedreht hatten, dem Gericht nicht vorlegen. Der Mordhergang, der laut Anklage darin bestanden haben soll, dass der Scheiterhaufen zusammen mit der lebendigen Kanwar entzündet wurde, konnte somit nicht bewiesen werden. Daher wurden alle Angeklagten am 11. Oktober 1996 freigesprochen, auch der minderjährige Schwager, der beschuldigt worden war, den Scheiterhaufen angezündet zu haben.[9]

Prozess wegen Verherrlichung der Witwenverbrennung

16 Personen wurden wegen Verherrlichung der Witwenverbrennung von Kanwar angeklagt. Unter den Angeklagten befanden sich ihr Schwiegervater, ihr Schwager, Bewohner von Deorala sowie hochgestellte Persönlichkeiten, die an dem Fest 1988 teilnahmen, beispielsweise der vorherige Minister und Vize-Präsident der BJP in Rajasthan, einer hindunationalistischen Partei, Rajendra Singh Rathore. Am 31. Januar 2004 wurden alle 11 Angeklagten, die zu diesem Zeitpunkt noch lebten, freigesprochen. Das Gericht in Jaipur begründete das Urteil damit, dass der Mord nicht bewiesen werden konnte und Kanwar somit nicht den Sati-Tod gestorben sei. Wenn jedoch kein Sati begangen wurde, kann laut Urteilsspruch dieser auch nicht verherrlicht werden und daraus keine Straftat resultieren.[17][18]

Der Rajasthan High Court schickte 2009 eine Vorladung an die Regierung Rajasthans, um sie zu befragen, warum der Fall nicht vor ein höheres Gericht weitergezogen wurde. Mehrere NGO forderten, dass gegen alle Beamte, die sich in der Verhandlung feindlich verhalten hatten, ermittelt werden soll.[19]

2024 wurde in einem Prozess ein Freispruch für weitere Beteiligte verkündet.[8]

Vermarktung

Die Verbrennung Roop Kanwars wurde ein kommerzieller Erfolg mit Kanwar-Merchandising, mindestens zwei großen Kanwar-Events und einer Spendensammlung für einen Kanwar-Tempel, bei der innerhalb von drei Monaten 230.000 US-Dollar zusammenkamen.[20][6] Auch 2019 ist die Verbrennung von Roop Kanwar in Hindukreisen noch populär.[21] Der erneute Freispruch im Jahr 2024 könnte, so wird befürchtet, zur Wiederbelebung des religiösen Tourismus beitragen.[8]

Einzelnachweise

Related Articles

Wikiwand AI