Roter Wald
Wald mit hoher radioaktiver Belastung beim Reaktor in Tschernobyl
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Der Rote Wald (ukrainisch Рудий ліс Rudyj lis; russisch Рыжий лес Ryžyj les) ist ein 5–6 Quadratkilometer großes Gebiet[1] innerhalb der Sperrzone von Tschernobyl, das sich als Geländestreifen einige wenige Kilometer westlich des ukrainischen Kernkraftwerks Tschernobyl und südlich der Stadt Prypiat befindet. Der Name Roter Wald rührt von der rotbraunen Farbe der Kiefern her, die infolge der hohen Strahlung der Nuklearkatastrophe von Tschernobyl im Jahr 1986 abgestorben sind.[2]
| Roter Wald | |
|---|---|
| Standort | Sperrzone von Tschernobyl |
| Besichtigung | Nur mit Genehmigung |
| Verantwortliche Instanz | Staatliche Agentur der Ukraine für die Verwaltung der Ausschlusszone |
| Hinweis | Große Mengen an radioaktiver Kontaminationen |
Bei den Aufräumarbeiten nach der Katastrophe wurde das Holz mit Bulldozern abgeräumt und in Gruben geschoben, die als „Abfallfriedhöfe“ dienen.[3] Das Gelände des Roten Waldes ist auch heute noch eines der am stärksten kontaminierten Gebiete der Welt.[4]
Katastrophe und Aufräumarbeiten

Der Rote Wald liegt in der Sperrzone von Tschernobyl. Dieses Gebiet wurde beim Unfall mit der höchsten Strahlungsdosis durch radioaktive Rauch- und Staubwolken belastet, deren schwerere Partikel in einem Geländestreifen bei Ostwind wenige Kilometer westlich des Kernkraftwerks niedergingen. In der Spitze erhielt dieses Gebiet in den ersten 2 Wochen nach der Reaktorexplosion und dem folgenden Reaktorbrand eine Dosis von 80–100 Gy.[1] Nadelbäume, die nicht jährlich frische Nadeln ausbilden, reagieren empfindlicher als Laubbäume auf ionisierende Strahlung. Dort wachsende Waldkiefern (Pinus sylvestris) starben ab einer Akutdosis von 60 Gy an dieser Strahlung und konnten sich auch in den Folgejahren nicht erholen, was bei niedrigerer Dosis noch möglich war. Die Anzahl von funktionsfähigen Knospen nach der anfänglichen Bestrahlung der ersten Wochen bestimmte die Überlebensfähigkeit der Bäume im Roten Wald. Die geschädigten Piniennadeln verfärbten sich während der Folgemonate der Reaktorkatastrophe ins charakteristische Orange-Braun, was dem Wald seinen Namen gab. Geschwächte Bäume wurden in den späten 80er Jahren zusätzlich durch eine Insektenplage belastet, welche durch das Totholz angezogen wurden.[5]
Bei den Aufräumarbeiten nach der Katastrophe wurde ein Großteil der Kiefern abgeholzt und von den sogenannten Liquidatoren mit Planierraupen zusammen mit der obersten, belasteten Erdschicht in Gräben geschoben. Die Gräben wurden anschließend mit einem dicken Sandteppich abgedeckt. Als Erosionsschutz wurde Torferde mit Gassamen ausgebracht und diese mit Kiefernsetzlingen bepflanzt, weiterhin nutzte man auch Birken und Espen für Mischwaldstrukturen.[5][6]
Die Explosion und der Brand im Reaktor 4 von Tschernobyl verstrahlten den Boden, das Wasser und die Atmosphäre mit radioaktivem Material, das der 20-fachen Menge der Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki entspricht.[7] Mit dem Zerfall der Bäume aus dem Roten Wald besteht die Befürchtung, dass radioaktive Stoffe in das Grundwasser gelangen und mittelbar das Flusssystem des Dnjepr erreichen. Trotz unvorteilhafter hydrogeologischen Rahmenbedingungen wie eine hohe Grundwasserneubildung und die geringe Sorptionsfähigkeit der örtlichen Bodensedimente ist der geschätzte Transport von 90Sr aus den Vergrabungen im Roten Wald zum Fluss Pripyat relativ unbedeutend. 90Sr wird mit weniger als 1 % des Bestands pro Jahr nur langsam aus den Lagerstätten freigesetzt und die Verweildauer des Grundwassers im Untergrund ist lang genug, um die radioaktive Kontamination erheblich zerfallen zu lassen. Zudem waren mehr als 50 % des 90Sr in den Gräben mit Brennstoffpartikeln verbunden und sind damit geochemisch unbeweglich.[8] Andererseits hatten die Waldbrände in der Sperrzone von Tschernobyl vom April 2020 auch das Areal des Roten Waldes erfasst, so dass nicht nur der überlebende kontaminierte Altbestand, sondern auch Jungpflanzen vom Feuer betroffen waren, die über die Jahre radioaktive Elemente aus dem Boden aufnahmen. Die Hauptgefahr geht dabei durch die Rauchgase aus und die regionale Verbreitung über die Atmosphäre von temporär im Pflanzengewebe immobilisierten Radionukliden.[9] Alkalische Asche aus Waldbränden gibt in wässrigen Lösungen ihre ionischen Bestandteile leicht weiter, was die Sorptionseigenschaften des Bodens verringert und zur verstärkten Radionuklidmigration beiträgt. Bei zwei Überwachungsbrunnen im Roten Wald, die in der Brandzone lagen, konnten knapp 3 Jahre nach dem Feuer deutlich erhöhte 90Sr-Werte im Grundwasser gemessen werden.[10]
Zufluchtsgebiet für Wildtiere

Die ortsständige Flora und Fauna des Roten Waldes wurden durch den Unfall unmittelbar dramatisch beeinträchtigt. Nachdem die Menschen 1986 evakuiert wurden, zogen vermehrt Tiere in das Gebiet. In den Jahren nach der Katastrophe hat die Artenvielfalt des Roten Waldes zugenommen.[11] Es gibt einige Berichte über verkümmerte Pflanzen in dem Gebiet. Die Zahl der Wildschweine hat sich zwischen 1986 und 1988 verachtfacht.[2]
Das Gebiet des Roten Waldes ist nach wie vor eines der am stärksten radioaktiv verseuchten Gebiete der Welt.[4] Dennoch ist es ein Lebensraum, der sich als erstaunlich fruchtbar erwiesen hat, auch für gefährdete Arten. Insbesondere hat die Evakuierung des Gebiets um den Kernreaktor einen der Nutzung durch Menschen entzogenen Zufluchtsort für Wildtiere geschaffen. Störche, Wölfe, Biber, Rehe und Adler wurden in dem Gebiet gesichtet. In einer BBC-Dokumentation (Inside Chernobyl's Sarcophagus) aus dem Jahr 1996 sind Vögel zu sehen, die durch Lücken in den Ruinen des ehemaligen Kernreaktors ein- und ausfliegen. Die langfristigen Auswirkungen des radioaktiven Niederschlags auf die Flora und Fauna der Region sind allerdings bisher nicht vollständig bekannt. Die Strahlungstoleranz von Pflanzen- und Tierarten ist sehr unterschiedlich. Von einigen Vögeln wird berichtet, dass sie verkümmerte Schwanzfedern haben.[12][13]
Heute beträgt die Strahlenbelastung im Roten Wald an manchen Stellen bis zu einem Röntgen pro Stunde, meist sind eher Werte um ungefähr zehn Milliröntgen pro Stunde anzutreffen. Dies entspricht einer Dosisleistung von 0,1 bis 10 Milligray pro Stunde. Mehr als 90 % der Radioaktivität des Roten Waldes liegt im Boden vor.[6]
Wissenschaftler planen, die wegen der Radioaktivität verlassene nahe gelegene Stadt Pripjat ebenso wie die umliegende Gegend als eine Art Labor zu nutzen. Damit sollen Modellierungen verbessert werden, welche die Ausbreitung von Radionukliden durch die Detonation einer schmutzigen Bombe oder die Verteilung von Substanzen nach einem Angriff mit chemischen oder biologischen Stoffen betreffen. Die Umstände bieten die Gelegenheit, den Durchgang radioaktiver Anteile durch ein städtisches und ein ländliches Gebiet zu vergleichen und besser zu verstehen.[14]
Die Natur in diesem Gebiet scheint nicht nur überlebt zu haben, sondern auch zu gedeihen, da der Einfluss des Menschen erheblich reduziert wurde. Das Gebiet ist zu einer Art „radiologischem Reservat“ geworden. Derzeit besteht Besorgnis über die Kontamination des Bodens mit Strontium-90 und Cäsium-137, die eine Halbwertszeit von etwa 30 Jahren haben. Die höchsten Cäsium-137-Werte finden sich in den Oberflächenschichten des Bodens, wo sie von den Pflanzen und den dort lebenden Insekten absorbiert werden. Einige Wissenschaftler befürchten, dass die Radioaktivität den Boden dort für die nächsten Generationen beeinträchtigen wird.[15][16]
Waldbrände
Im April 2015 kam es in der Nähe zu einem großen Waldbrand auf einer Fläche von fast 400 Hektar, der sich dem stillgelegten Kernkraftwerk bis auf 20 Kilometer näherte. Daher kam die Befürchtung auf, dass die Flammen Büsche und Wälder in der Umgebung des Katastrophengebiets verbrennen würden, wodurch radioaktives Material in die Atmosphäre hätte gelangen können. Im April 2020 wurde der Wald erneut von einem Waldbrand heimgesucht.[17]
2022
Nach dem russischen Überfall auf die Ukraine 2022 fuhren russische Soldaten nach ukrainischen Angaben bei der Einnahme des Geländes ihre Panzer und gepanzerten Fahrzeuge durch den Roten Wald, ohne Schutzkleidung zu tragen. Die Fahrzeuge wirbelten dabei radioaktiven Staub auf, den die Soldaten wahrscheinlich eingeatmet haben. Nach Aussagen westlicher Medien hoben die Soldaten Schutzgräben aus und lebten auf verseuchtem Boden, ehe sie Ende März den Rückzug antraten.[18][19]