Holländer (Fahrzeug)
muskelkraftbetriebenes Kinderfahrzeug
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Ein Holländer ist ein durch Ruderbewegungen angetriebenes, meist vierrädriges Fahrzeug für Kinder. Gelenkt wird das Gefährt mit den Füßen auf der Vorderachse. Es ist ein Bewegungsspielzeug für Jungen und Mädchen ab etwa 4 Jahren, das die Bewegungskoordination trainiert.



Aufbau
Der Holländer kann als drei- oder vierrädriges Fahrzeug gebaut sein. Als Basis für das Spielfahrzeug wird ein Fahrgestell aus Metall[2] oder aus Holz[3] benutzt. Einige Gefährte haben auch eine Schleifbremse, eine Rückenlehne sowie Luftbereifung.[4]
Antrieb
Der Hinterradantrieb erfolgt über einen deichselförmigen Hebel, der mit den Armen vor und zurück bewegt wird, und dadurch über ein Gestänge oder eine Kette auf das Hinterrad wirkt.
Kurbelschwinge
Ist der Antrieb mit einer Kurbelschwinge ausgeführt, muss die Deichsel kontinuierlich bewegt werden. Diese Antriebsart lässt ein Vorwärts- und Rückwärtsfahren zu. Nachteil dabei ist der Totpunkt dieser Mechanik, der dazu führt, dass das Fahrzeug sich in dieser Position nicht bewegen lässt und man es kurz anschieben muss, um über den Totpunkt hinwegzukommen. Bei hohen Geschwindigkeiten (z. B. Bergabfahrten) wird durch dieses Koppelgetriebe das ständige Hin- und Herbewegen der Deichsel unbeherrschbar und gefährlich.
Kettengetriebe
Eine andere Möglichkeit bietet der Kettenantrieb mit Freilauf. Diese Antriebsform wurde von der Firma Steiff mit dem Ruderrenner eingeführt. Auch hier wird die Deichsel ähnlich wie bei einem Ruderergometer für die Vorwärtsbewegung an den Körper herangezogen aber damit über eine Fahrradkette und ein Zahnrad die Hinterachse angetrieben. Beim Vorwärtsbewegen der Deichsel zieht eine Spiralfeder die Kette wieder zurück. Diese Antriebsart kennt keinen Totpunkt der Mechanik und eignet sich besonders für längere Fahrten, da man das Gefährt rollen lassen kann, ohne die Deichsel bewegen zu müssen. Ein Rückwärtsfahren ist bei dieser Antriebsart nur durch manuelles Schieben des Gefährts möglich.
Geschichte
Die ersten „Holländer“ sind aus den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg nachweisbar (siehe historisches Foto). Diese ältesten Modelle waren leichte Metallkonstruktionen mit Speichenrädern und einer Kurbelschwinge, die auf die Hinterachse wirkte. Unter dem Namen „Ruderrenner“ wurde Mitte der 1930er Jahre erstmals Varianten durch die Margarete Steiff GmbH auf den Markt gebracht, die sich durch eine Freilaufmechanik auszeichneten und vor allem mit dem Modell 2587 seit Mitte der 1950er Jahre in Deutschland eine größere Verbreitung erzielten und sich bis in die 1960er Jahre hielten.
Der hölzerne Ruderrenner von Steiff hat in den Modellen der 1950er und 1960er Jahre eine ungefähre Länge von 84 cm und eine Breite von 54 cm und ist ca. 28 cm hoch (Radhöhe 20 cm). Der Kaufpreis betrug in der zweiten Hälfte der 1950er Jahre 48,- DM.
Die Verbreitung der Holländer nahm schlagartig ab, seit sie 1962 durch das Kettcar und funktional ähnliche Tretautos im Gokart-Look fast völlig verdrängt wurden. Diese unterscheiden sich vom Holländer durch Handlenkung, metallenen Aufbau und Pedalantrieb, der über eine Fahrradkette allerdings ebenfalls auf die Hinterachse wirkt.
Trotz der relativ leichten Holzrahmenkonstruktion war der klassische Ruderrenner ein für die im Prospekt avisierten vier- bis zehnjährigen Kinder[5] relativ schweres Spielgerät. Zwar fördert seine Benutzung tatsächlich wie beabsichtigt die Körperentwicklung und ergänzt die einseitige Entwicklung der Beinmuskulatur beim Fahrradfahren. Doch gestaltet sich das Vorankommen bei Tretautos deutlich bequemer, die Wendigkeit ist bei diesen größer und das Abstoppen mit den Pedalen einfacher zu handhaben. Auch die Optik von Tretautos war für Kinder attraktiver. So entschied letztlich nicht die bei Eltern sicher gern gesehene pädagogische Absicht, sondern die Attraktivität in den Augen der Kinder über den Absatz, und die Produktion wurde im Lauf der 1960er Jahre eingestellt. Heutige Hersteller haben vereinzelt das Prinzip des Ruderrenners aufgegriffen und z. T. unter Verwendung von rostfreien Leichtmetallen bei verändertem Design fortgeführt.
Technische Varianten und neuere Modelle

Auch Eisenbahn-Draisinen sind teilweise mit ähnlichem Antrieb konstruiert.
Es gibt auch Ausführungen als Tandem-Holländer mit zwei Deichseln für zwei Kinder.
Wenn bei einer dreirädrigen Variante vorne nur ein einziges Vorderrad existiert, dann ist die Achse dieses Rades verlängert und dient als Fußraste, ähnlich der Achsenverlängerungen (sogenannte Pegs) bei BMX-Rädern.
Eine besondere Bauform des Holländers aus den 1950er ist der „Cyclo Skiff“ von der Firma Nyon VD aus der Schweiz, mit dem Geschwindigkeiten von über 20 km/h erreicht wurden.[6] Bei diesem Fahrgerät mussten zwei Griffe gleichzeitig bewegt werden.[7]
2012 wurde beim Designpreis der Bundesrepublik Deutschland eine Diplomarbeit eingereicht, die einen dreirädrigen Holländer mit Kurbelschwinge vorgestellt, der über eine Kupplung und Freilauf verfügt, was den größten Nachteil dieser Bauform eliminiert.[8]
Trivia
Im Jahr 1982 gab es ein Plastikspielzeug mit dem Namen „Der rasante Holländer“ in Kinder-Überraschungs-Eiern, welches das Funktionsprinzip des Holländers zeigt.[9][10]