Rudolf Bovensiepen
Oberlandesgerichtsrat
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Rudolf Bovensiepen (* 31. Mai 1877 in Hilden bei Düsseldorf; † 18. Februar 1947 in Wiesbaden) war Landgerichtsrat und bis 1933 Oberlandesgerichtsrat in Kiel, sowie ein anerkannter Rechtsreformer.
Leben und Werdegang
Bovensiepen ging auf das Kasseler Wilhelm-Gymnasium und studierte vom Herbst 1895 bis Ende 1898 Rechtswissenschaften in Halle, dort nahm er auch an nationalökonomischen Vorlesungen und Übungen teil. Nach weiteren Studiensemestern in Marburg bestand er in Kassel die erste juristische Staatsprüfung, und im Juni 1903 das Große Juristische Staatsexamen. Im Juli 1905 wurde er in Halle mit der Arbeit „Der Minderkaufmann und sein Recht“ promoviert. Im Jahr 1908 folgte seine Dissertation in Philosophie über: „Die Kurhessische Gewerbepolitik und die wirtschaftliche Lage des zünftigen Handwerks in Kurhessen von 1816–1867“.[1]
Er heiratete Elisabeth von der Goltz, eine Tochter des Freiherrn und Leutnants zur See Karl von der Goltz. Am 15. September 1906 erhielt er eine Anstellung zum Amtsrichter in Löbau (Westpreußen). Am 1. April 1912 kam er an das Landgericht Kiel, wo er am 10. März 1918 zum Landgerichtsrat ernannt wurde. Zwei Jahre später erfolgte seine Ernennung zum Oberlandesgerichtsrat.
Bovensiepen schloss sich schon früh der Rechtsreformbewegung an, die er bis in die 1920er Jahre mit zahlreichen Veröffentlichungen begleitete. Außerdem schrieb er viele Beiträge in Zeitschriften wie der Deutschen Juristen-Zeitung, der Juristischen Wochenschrift, der Deutschen Strafrechts-Zeitung, der Deutschen Richterzeitung etc. Er gehörte er dem Kieler Republikanischen Klub an, dessen Vortragsveranstaltungen er mit dem sozialdemokratischen Vizeregierungspräsidenten Grimpe aus Schleswig regelmäßig besuchte. Mit der Machtergreifung des Nationalsozialismus 1933 drohte eine Zwangspensionierung nach dem „Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ vom 7. April 1933. Vermutlich kam Bovensiepen der Zwangsentlassung mit einem eigenen Antrag auf Pensionierung zuvor, die dann Mitte 1933 erfolgte. Danach zog er nach Wiesbaden, wo er ab 1941 bei Rechtsanwälten mitarbeitete. Schubert schreibt, nach der Familienüberlieferung sei er gebeten worden, dem Kreisauer Kreis als Rechtsberater beizutreten. Die letzten Kriegsmonate hielt er sich in Schlesien auf. Von dort zog er nach Gera, wo er vom September 1945 bis zum Mai 1946 am Landgericht an der Ausbildung von Volksrichtern beteiligt war. Er kehrte dann nach Wiesbaden zurück und übernahm den Vorsitz einer Berufungsspruchkammer. Bezogen auf diese Tätigkeit schrieb er an eine Verwandte:
„Milde gegenüber allen bloßen Mitläufern, kleinen ehemaligen PG, die nur unter dem Druck der vorgesetzten Dienstbehörde oder der Parteibonzen der Partei schließlich nach dem 1. April 1933 begetreten sind, der Not gehorchend und nicht dem eigenen Triebe, rücksichtslose STRENGE dagegen bei allen fanatischen activistischen Parteibonzen, die ihrerseits widerstrebende Elemente bedrängten, solche Subjecte werden wie Wanzen u. Läuse SCHONUNGSLOS ausgemerzt werden! Hier muss es und wird es für mich heissen: ,Der Richter, der nicht strafen kann, gesellt sich endlich selber dem Verbrecher.’ …] Es ist fürwahr eine fast phantastische SCHICKSALSFÜGUNG, dass ich, der ich vor nunmehr fast genau DREIZEHN JAHREN in der brutalsten Weise von Adolf H. – diesem größtem Blutsäufer und wahnsinnigem Verbrecher aller Zeiten und Völker – aus meinem heissgeliebten, hohen u. edlen Richteramt herausgeworfen worden bin, nun als oberste Instanz über seine teils verbrecherische, teils verführte Gefolgschaft zu Gericht sitzen werde!“
Bovensiepen starb in dem strengen Winter 1946/47 in Wiesbaden.
Schubert zieht in seinem Artikel folgendes Fazit: „Nur wenige Oberlandesgerichte hatten einen so ideenreichen, der Demokratie verpflichteten Rechtsreformer aufzuweisen wie das Kieler Oberlandesgericht mit Rudolf Bovensiepen. Seine immer interessant und glänzend geschriebenen, gut unterrichteten rechtsreformerischen Beiträge verdienen es, als Beitrag aus Schleswig-Holstein zur Rechtsgeschichte der Weimarer Zeit wieder gelesen zu werden.“
Schriften
Werner Schubert bietet eine ausführliche Darstellung und Diskussion der verschiedenen Arbeiten Bovensiepens (Abschnitt Literatur).
Literatur
Werner Schubert: Der Kieler Oberlandesgerichtsrat Rudolf Bovensiepen (1877–1947) – Rechtsreformer und Demokrat. In: Schleswig-Holsteinische Anzeigen. Justizministerialblatt für Schleswig-Holstein, März 2004. Online zugänglich (aufgerufen am 25. März 2026) unter: .