Rudolf Wilmes
deutscher Romanist und Sprachwissenschaftler
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Rudolf Wilmes (* 28. April 1894 in Langendreer; † 19. November 1955 in München) war ein deutscher Romanist und Ethnologe.
Leben und Werk
Wilmes war Schüler von Fritz Krüger am Seminar für romanische Sprachen und Kultur der Universität Hamburg.[1] Dem Beispiel von Jean-Joseph Saroïhandy folgend,[2] sammelte er 1930 im Vio-Tal in den Pyrenäen von Aragonien Material für seine Dissertation nach der Methode Wörter und Sachen. Er reiste per Bahn nach Barbastro, weiter per Bus über Boltaña nach Broto und verbrachte fast zehn Wochen im Vió-Tal. Später erinnerte er sich an nächtliche Befragungen am Feuer bei den Bewohnern. 1933 schloss er die Arbeit mit dem Titel El valle de Vió: Volkskundliche Darstellung eines aragonesischen Pyrenäentales ab und wurde zum Dr. phil. promoviert.[3] Eine geplante Übersetzung ins Spanische scheiterte aufgrund des Bürgerkrieges, es wurde 1937 lediglich ein Teil auf Deutsch gedruckt. 1947 veröffentlichte Manuel Alvar sie ohne Wilmes’ Zustimmung auch auf Spanisch, was Alvar am 31. Dezember 1948 in einem Brief an Alwin Kuhn ausdrücklich einräumte. Kuhn kritisierte zudem sinnverändernde Übersetzungsfehler.[3] Weitere Teile erschienen 1954 und posthum 1957. Erst 1996 wurde die ursprünglich vorgesehene spanische Fassung realisiert. 2018 erschien zudem ein zuvor unveröffentlichtes Manuskript, das Wilmes 1950 angefertigt und zur Veröffentlichung nach Spanien gesandt hatte. Die von Wilmes betriebenen Feldstudien gelten als wichtiges Dokument der Sprache und Kultur der Gegend, kurz bevor die meisten der Dörfer durch Landflucht verödeten.[4]
Wilmes trat 1933 der NSDAP bei und übersiedelte 1938 nach München, wo er für das Reichsluftfahrtministerium tätig war. In späteren Schreiben erklärte er, er habe sich mit der Entwicklung des Regimes nicht wirklich wohlgefühlt.[3] Am 4. Oktober 1944 wurde sein Wohnhaus durch einen Bombentreffer beschädigt. Mit dem Einmarsch der amerikanischen Truppen am 30. April 1945 endete seine Tätigkeit für das Ministerium. Im Januar 1947 wurde seine Tochter Eike geboren. 1948 wurde Wilmes im Zuge der Entnazifizierung vor eine Spruchkammer gestellt; der in aragonesischer Sprache schreibende Gegenwartsschriftsteller Óscar Latas Alegre nennt als Ergebnis „colaborazionista“, also als jemand, der mit dem NS-Regime zusammengearbeitet habe, ohne jedoch eine deutsche Spruchkammerkategorie wie „Mitläufer“ zu nennen.
Gerhard Rohlfs bemühte sich 1948 um eine Anstellung für Wilmes an der Universität München, was wegen Wilmes’ gesundheitlicher Situation nicht mehr zustande kam. In einem Brief vom 28. November 1951 kündigte Wilmes eine bevorstehende Amputation des linken Beins sowie einen schweren operativen Eingriff am rechten an. Er schilderte zugleich rasch zunehmende Erschöpfung. Er erhielt eine kleine Invalidenrente, während seine Frau Maria erwerbstätig wurde.[3] Trotz angeschlagener Gesundheit unterstützte Wilmes Günther Haensch beim Fragebogen zu dessen 1954 in München verteidigter Dissertation über die obere Ribagorza. Parallel klagte Wilmes 1950 in einem Brief, Krüger halte seine Feldnotizen (u. a. das katalanische Material) in Argentinien zurück.[3]
Rezeption
Seit seinem Tod wurde Wilmes in der aragonistischen Sprach- und Volkskunde als Erheber des Vió‑Materials rezipiert. 1957 brachte Fritz Krüger das in den letzten Lebensjahren ergänzte Manuskript als La cultura popular de un valle altoaragonés in den Druck. Alwin Kuhn nennt Wilmes neben William Dennis Elcock ausdrücklich unter den „Hocharagonesen“ und übernimmt mehrfach Wilmes’ Feldbelege (u. a. Buerba: »aloyra« ‘Fischotter’, »duliquera« ‘wildes Kaninchen’, Nerin: »falcilla« ‘Mauersegler’).[5] Überblicksdarstellungen und Detailstudien zur Dialektologie und Ethnographie des Sobrarbe greifen seine drei Vió‑Arbeiten regelmäßig als Referenz auf (exemplarisch Saura 2001[6]). Die Sammelausgabe El valle de Vió (PRAMES 1996) bündelt die verstreut publizierten Texte und erleichtert deren Nutzung in Forschung und Lehre. Einen neuen Akzent setzte die Edition des bislang unveröffentlichten Toponymie‑Typoskripts (1950) durch Óscar Latas (2018), womit das Material auch onomastisch erneut erschlossen wurde. Zudem wurden erstmals wichtige Details aus dem Leben von Wilmes bekannt oder allgemein zugänglich.[3]
Eine zusätzliche Popularisierung außerhalb der Fachliteratur erfuhr Wilmes’ Vió‑Korpus durch den 2025 uraufgeführten Dokumentarfilm Con la tierra en los pies (Regie: Fernando Vera), in dem der Aufenthalt von 1930 erzählerisch aufgegriffen wird.[7]
Veröffentlichungen
- Der Hausrat im hocharagonesischen Bauernhause des Valle de Vio. In: Volkstum und Kultur der Romanen. Band 10, 1937, S. 213–246 (online).
- unautorisierte spanische Übersetzung: El mobiliario de la casa rústica altoaragonesa del valle de Vió. In: Archivo de Filología Aragonesa 2 (1947), S. 179–224 (PDF).
- Contribución a la terminología de la flora y fauna pirenaica: Valle de Vio. In: Homenaje a Fritz Krüger. Band 2, Mendoza 1954, S. 157–192.
Posthume Veröffentlichungen:
- Fritz Krüger (Hrsg.): La cultura popular de un valle altoaragonés. In: Anales del Instituto de Lingüística de Cuyo (Mendoza). Band 6, 1957, S. 149–310 (online).
- José Luis Acín Fanlo (Hrsg.): El valle de Vió. Estudio etnográfico-lingüístico de un valle altoaragonés. Prames, Zaragoza 1996, ISBN 978-84-8760-164-4.
- Óscar Latas Alegre: Un estudio inedito de Rudolf Wilmes sopre toponimia de Bal de Bió e Boltaña. In: Alazet – Revista de Filología. Nr. 30, 2018, ISSN 0214-7602, S. 137–150 (iea.es).
Literatur
- Artur Quintana i Font: Rudolf Wilmes y Ballibió. In: Hèctor Moret (Hrsg.): Xandra. Estudios aragoneses de luenga e literatura (= La Gabella. Band 9). Associacó Cultural del Matarranya/Institut d’Estudis del Baix Cinca, Calaceite 2007, ISBN 978-84-88477-52-1, S. 445 ff. (nicht ausgewertet).
- Óscar Latas Alegre: Los pioneros extranjeros en la investigación del aragonés y del catalán de Aragón. In: Javier Giralt Latorre, Francho Nagore Laín (Hrsg.): Aragonés y catalán en la historia lingüística de Aragón. Universidad de Zaragoza, 2020. ISBN 978-84-1340-095-2, S. 181–208 (PDF).
Dokumentarfilm
Weblinks
- Wilmes, Rudolf. In: Gran Enciclopedia Aragonesa. Archiviert vom am 29. Oktober 2010 (spanisch).
- Con la tierra en los pies bei IMDb (Dokumentarfilm über Rudolf Wilmes Sprachforschungen im Vio-Tal)