Ryyan Alshebl

deutscher Politiker syrischer Herkunft From Wikipedia, the free encyclopedia

Ryyan Alshebl (arabisch ريّان الشبل; * 9. Januar 1994 in as-Suwaida, Syrien) ist ein syrisch-deutscher Politiker (Bündnis 90/Die Grünen) und seit 26. Juni 2023 Bürgermeister der Gemeinde Ostelsheim in Baden-Württemberg.[1] Er ist neben Mike Josef einer der ersten beiden Bürgermeister mit syrischer Herkunft in Deutschland und der erste Flüchtling, der innerhalb von acht Jahren nach seiner Flucht das Bürgermeisteramt erreichte. Darüber hinaus ist Alshebl seit Mai 2024 Kreisrat im Kreistag des Landkreises Calw.[2]

Ryyan Alshebl, 2025

Frühes Leben und Flucht

Alshebl wurde in as-Suwaida, Syrien, geboren und wuchs als Mitglied der drusischen Minderheit auf. Früh zeigte er ein ausgeprägtes politisches Engagement. Aufgrund der sich verschärfenden Konflikte im syrischen Bürgerkrieg entschied er sich 2015, das Land zu verlassen, um dem Militärdienst unter dem Regime von Baschar al-Assad zu entkommen. Nach einer gefährlichen Überfahrt über das Mittelmeer kam er nach Deutschland, wo er zunächst in Calw, Baden-Württemberg, Unterkunft fand.[3]

Ausbildung und berufliche Laufbahn

Nach seiner Ankunft in Deutschland erlernte Alshebl die deutsche Sprache und absolvierte eine duale Ausbildung zum Verwaltungsfachangestellten[4], die er 2020 erfolgreich abschloss. Im April 2023 trat er als parteiunabhängiger Kandidat für das Amt des Bürgermeisters von Ostelsheim an und wurde im Alter von 29 Jahren gewählt,[5] während er gleichzeitig Mitglied von Bündnis 90/Die Grünen ist.[6]

Bürgermeister von Ostelsheim

Alshebls Wahl als Bürgermeister erregte sowohl national als auch international Aufmerksamkeit,[7] da er als ehemaliger Flüchtling in einem konservativen deutschen Umfeld eine Führungsposition einnimmt. In dieser Funktion setzt er sich aktiv für Integrationsinitiativen und den sozialen Zusammenhalt innerhalb der Gemeinde ein. Seit seinem Amtsantritt hat Alshebl Impulse für Gewerbe und nachhaltige Energie vermittelt. Nachdem zuletzt in der Gemeinde kein Lebensmittelmarkt mehr existierte, hielt Alshebl die Eröffnungsrede für einen neuen Supermarkt am 7. Oktober 2024.[8] Die wesentlichen Grundlagen zur Ansiedlung des Marktes schuf Alshebels Amtsvorgänger Jürgen Fuchs, der 2023 in den Ruhestand trat. Weiterhin führte er am 26. März 2025 eine Informationsveranstaltung zum geplanten Windpark Ostelsheim durch, bei der Fragen auch online gestellt werden konnten.[9] Die digitale Transparenz der Verwaltung wurde durch ein seit 2022 bestehendes Informationssystem für die Sitzungen des Gemeinderats mit Veröffentlichung von Tagesordnungen, Vorlagen und Beschlüssen gestärkt.[10]

Politische Ansichten

Alshebl befürwortet eine soziale und ökologische Wende in der Politik und plädiert für eine differenzierte Diskussion über Integration.[11] Er betont die Wichtigkeit, die Mitte der Gesellschaft in den politischen Dialog einzubeziehen und gleichzeitig die Bedürfnisse von marginalisierten Gruppen zu berücksichtigen. Zudem spricht er sich für eine zeitliche Befristung von Sozialleistungen aus, um Anreize zur Eigenverantwortung zu schaffen, und zwar nicht nur für Migranten, sondern für alle erwerbsfähigen Personen.[12]

Bei einem Interview vom Oktober 2024 für Die Welt wurde ihm die Frage gestellt: „Drohen junge Männer aus Syrien oder Afghanistan per se, so abzurutschen, oder gibt es Unterschiede, zum Beispiel bei drusischer oder kurdischer Herkunft?“ Darauf antwortete Alshebl: „Entscheidend ist übergreifend das Elternhaus: Ist jemand in einer Umgebung aufgewachsen, die liebevoll und wohlwollend ist? Oder wurden zu Hause die „Energien“ eines Kindes so unterdrückt, dass es diese nur auf der Straße rauslassen kann? Das ist leider ein weiterverbreitetes Thema im Orient, wo man mit der Erziehung oft anders als hier, autoritärer, umgeht. Das meine ich, wenn ich sage, diese Menschen sind „Opfer“. Aber das darf keine Rolle mehr spielen, sobald sie zu Tätern werden und echte Opfer produzieren. Auch beim Thema Religion und ob sie ein Problem werden kann, hängt es maßgeblich von der individuellen Bildung und Erziehung ab, weniger von der religiösen Prägung selbst ab.“[13]

Persönliches Leben

Auch wenn Alshebl durch seine Herkunft Mitglied der drusischen Gemeinde ist, betrachtet er sich nicht als religiös und betont, dass seine politische Tätigkeit unabhängig von seiner ethnischen oder religiösen Herkunft ist.[14] Er engagiert sich für die Förderung von Integration und Diversität in der Gesellschaft und sieht in seiner politischen Rolle die Möglichkeit, anderen den Zugang zu kommunalen Strukturen zu erleichtern.[15]

Publikation

In seinem Buch Flucht nach vorn verbindet Alshebl seine Lebensgeschichte mit einer Analyse der aktuellen deutschen Politik. Der autobiografische Teil beschreibt seine Flucht aus Syrien im Jahr 2015, seine Ankunft in Deutschland und seinen Aufstieg in der Kommunalverwaltung bis hin zur Wahl zum Bürgermeister von Ostelsheim im Jahr 2023.[16]

Darüber hinaus setzt sich Alshebl mit bundes- und kommunalpolitischen Fragestellungen auseinander. Er thematisiert dabei insbesondere die Forderung nach Bürokratieabbau. Er schildert seine Erfahrungen mit der „deutschen Regelwut“ und plädiert für mehr Pragmatismus in der Verwaltung. Aus der Perspektive eines Praktikers erwähnt er bei den Themen Integrations- und Migrationspolitik die Belastungsgrenzen von Kommunen sowie die Chancen gelungener Integration. Das Buch versteht sich laut Angaben des Verlags als Plädoyer gegen Politikverdrossenheit und Populismus und wirbt für Einschränkung direkter Demokratie und mehr staatliche Gesetzgebungsautorität.

Einzelnachweise

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