Räude
Hautkrankheit durch Grabmilben
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Als Räude bezeichnet man den Befall und die Erkankung bei Tieren durch Räudemilben (Acariformes). Es leitet sich ab aus dem Mittelhochdeutschen rude/riude „Räude“ und ist eine Hautkrankheit mit entzündeten, nässenden, zum Teil verkrusteten schmerzhaften Erosionen oder Exkoriationen;[1] (lateinisch Scabies, ‚Rauhigkeit‘, ‚Krätze‘, von scaber, ‚rau‘, ‚schäbig‘,[2] von scabere, ‚kratzen‘, früher auch Raude[3]) Bei 104 Säugetierarten, sowohl Wildtieren als auch Haustieren konnte der Befall bislang nachgewiesen werden.[4] Zum Substantiv Räude gehört das Adjektiv räudig (ursprünglich: an einer borkenbildenden oder rauh-trocken abschilfernden Hautkrankheit leidend[5]).


Verbreitung
Die Tierseuche ist sehr ansteckend. Sie geht als Zoonose vereinzelt auch auf den Menschen über: Die meisten dieser Parasiten können auch den Menschen als Fehlwirt befallen und eine „Pseudokrätze“ hervorrufen. Die Scabies des Menschen (Krätze) dagegen wird verursacht von Sarcoptes scabiei var. hominis und ist keine Zoonose, sondern wird von Mensch zu Mensch übertragen.[6] Die häufigste Form ist die Sarkoptes-Räude, verursacht durch die Grabmilbe Sarcoptes scabiei.[7] In Österreich ist das Auftreten von Räude bei Pferden, Eseln, Maultieren, Mauleseln, Schafen und Ziegen anzeigepflichtig. In der Schweiz ist sie als „zu bekämpfende Seuche“ in Gruppe 3 der Tierseuchen eingestuft.
Erscheinungsformen
Je nach auslösender Milbenart und Spezies wird die Räude weiter unterteilt:
- die klassische Räude nach Infektion mit Krätzemilben (Sarcoptes-Räude), sowie die
- Infektionen mit Saugmilben (Psoroptes ssp.), Chorioptes ssp. (Fußräude), Pelzmilben (Cheyletiellose), Notoedres cati (Kopfräude der Katze), Otodectes cynotis (Ohrräude), Myocoptes und Myobia (Räude der Maus), Radforia ensifera, Notoedres muris und Sarcoptes anacanthos (Räude der Ratte), Knemidocoptes pilae (Schnabelräude der Papageien) und weiteren Milben.
Die vor allem bei Hundeartigen, wesentlich seltener auch bei anderen Säugetieren auftretende Infektion mit Haarbalgmilben gehört nicht zu den Räudeformen im engeren Sinne.
Nach der Lokalisation werden[8]
unterschieden.
Symptome
Bei Tieren äußert sich Räude je nach Erregerart, Befallsstärke und Tierart unterschiedlich. Typische Anzeichen sind beispielsweise ausgeprägter Juckreiz sowie entzündliche Hautveränderungen. Häufig werden Haarverlust (Alopezie), Krusten- und Schuppenbildung sowie verdickte, teils stark veränderte Haut beobachtet. In fortgeschrittenen Stadien können Abmagerung und deutliche Verhaltensänderungen wie vermehrtes Kratzen, Unruhe oder Apathie auftreten. Durch die Schädigung der Hautbarriere kommen ebenfalls häufig sekundäre bakterielle Infektionen hinzu, die den Krankheitsverlauf zusätzlich verschlechtern.[9]
Symptome bei Hunden
Bei Hunden äußert sich Räude je nach verursachender Milbenart und Schweregrad unterschiedlich. Ein häufiges Leitsymptom ist starker Juckreiz, der insbesondere bei der Sarcoptes-Räude zumeist plötzlich einsetzt und stark ausgeprägt ist. Typisch sind außerdem Haarverlust (Alopezie), entzündliche Hautveränderungen mit Rötung, Schuppen- und Krustenbildung sowie papulöse oder nässende Hautläsionen. Durch intensives Kratzen oder Beißen entstehen häufig Exkoriationen, die zu sekundären bakteriellen oder mykotischen Infektionen führen.[8]
Bei chronischen oder unbehandelten Verläufen kommt es zu Verdickung und Faltenbildung der Haut (Lichenifikation). In schweren Fällen auch Abmagerung, allgemeine Schwächung sowie Verhaltensänderungen wie Unruhe oder Apathie. Nicht alle Räudeformen werden vonm starkem Juckreiz begleitet – so sind bei Demodikose haarlose, schuppige Hautareale bei geringem oder fehlendem Juckreiz beim Hund zu beobachten.
Symptome beim Menschen nach zoonotischer Übertragung
Nach Kontakt mit räudebefallenen Tieren kann es beim Menschen vorübergehend zu Hautveränderungen kommen. Der Mensch stellt für die meisten tierischen Räudemilben einen Fehlwirt dar, eine dauerhafte Besiedlung findet nicht statt. Die Symptome ähneln klinisch der Krätze, unterscheiden sich jedoch hinsichtlich Ursache, Verlauf und Übertragbarkeit.[10]
Typische Symptome beim Menschen sind:
- Starker Juckreiz: Das vielleicht auffälligste Symptom ist starker Juckreiz.
- Hautausschlag: Ein roter, holpriger Ausschlag ist ein weiteres häufiges Anzeichen.
- Hautreizung: Neben Juckreiz und Ausschlag können auch Hautreizungen, Rötungen und Entzündungen auftreten.
- Schlafstörungen: Der anhaltende Juckreiz kann den Schlafrhythmus stören und zu Schlaflosigkeit und Müdigkeit führen.
Behandlung
Räude wird in der Tiermedizin mit Avermectinen (Ivermectin, Moxidectin, Selamectin) und lokal angewandten Waschungen (Amitraz) behandelt. Auch organische Phosphorsäureester (Phoxim) werden teilweise noch eingesetzt. Bei Hunden ist auch Fluralaner wirksam.[11]
In Wildtierpopulationen hat die Behandlung einzelner betroffener Tiere meist wenig Nutzen. Bei kleinen, isolierten und bedrohten Populationen kann es lohnen, solche Tiere zu fangen, zu behandeln und wieder freizulassen. Bei Polarfüchsen in Nordschweden wurde das erfolgreich getan.[12]
Räude bei Wildtieren
Es gibt vergleichsweise wenig Literatur zum Einfluss von Räude auf Wildtiere[13], und die Epidemiologie von Räude in Wildtierpopulationen ist noch weitgehend unbekannt. Sie scheint für verschiedene Regionen der Welt und verschiedene Tierarten unterschiedlich zu sein.[12]
Sarcoptes-Räude kann bei Wildtieren sowohl durch direkten als auch durch indirekten Kontakt übertragen werden.[12] Es gibt jedoch auch Hinweise darauf, dass das Vorhandensein von Sarcoptes scabiei-Milben bei Wildtieren nicht notwendig mit dem Auftreten von Räude-Erkrankungen einhergeht, so beispielsweise bei Füchsen in Norwegen[14] und Wildschweinen in der Schweiz.[15]
Verbreitet ist Räude insbesondere bei Gämsen (Gamsräude) und Füchsen (Fuchsräude). Bei befallenen Wildtieren ohne besonderen Schutzstatus, die dem Jagdrecht unterliegen, werden sichtbar schwer erkrankte Tiere möglichst abgeschossen (Hegeabschuss).
Im Yellowstone-Nationalpark,[16] aber auch in Skandinavien,[17] Deutschland[18] und Polen[19] sind Fälle von Räude bei Wölfen nachgewiesen. In allen Ländern, in denen der Wolf streng geschützt ist (siehe Gesetzlicher Schutz), ist ein Abschuss ohne artenschutzrechtliche Ausnahmegenehmigung nicht zulässig.
Die Krankheitsverläufe und die Auswirkungen der Erkrankung werden im Rahmen des Wolfsmonitorings beobachtet. Autoren einer Studie aus Skandinavien kommen zu dem Schluss, dass Übertragungen von Sarcoptes scabiei-Milben von Wolf zu Wolf dort unwahrscheinlich sind.[17] Räude führt, bedingt durch den Haarverlust, abhängig von klimatischen Bedingungen wie Wind und Temperatur, bei Wölfen infolge des Verlusts an Körperwärme zu einem deutlich höheren Energiebedarf. Das führt zum einen dazu, dass die Tiere kürzere Wege zurücklegen, und hat zum anderen Einfluss auf ihr Jagdverhalten.[20] Autoren einer Studie zum Einfluss von Parasiten auf Wölfe im Yellowstone-Nationalpark fanden, dass Räude dort verstärkt auftritt, wo die Wolfsdichte höher ist, und kommen zu dem Schluss, dass es Anzeichen dafür gibt, dass der Befall durch den Parasiten bei der Regulierung und Begrenzung der Populationsdichte eine Rolle spielt.[16] „Es gibt mehr Fälle von Räude, wenn die Populationszahlen steigen. Die Zahl der überlebenden Welpen sinkt mit sinkender (erkrankter) Population. Viele Tiere erfrieren durch den Fellverlust“ (Zit. Elli Radinger im Zusammenhang mit Wölfen in Yellowstone).[21]
Siehe auch
Literatur
- Georg von Samson-Himmelstjerna, Horst Zahner, Johannes Eckert, Peter Deplazes: Lehrbuch der Parasitologie für die Tiermedizin. 2012, ISBN 3-8304-1205-3