Sabine Stöhr (Übersetzerin)
deutsche Slavistin und Übersetzerin (* 1968)
From Wikipedia, the free encyclopedia
Sabine Stöhr (* 17. März 1968[1] in Würzburg[2]) ist eine deutsche Diplomatin und literarische Übersetzerin.

Leben
Diplomatin
Sabine Stöhr studierte Osteuropäische Geschichte und Publizistik[3] sowie Slawistik in Mainz und Simferopol.[4] 1995 trat sie in den Auswärtigen Dienst ein. Bis 1997 wurde sie an der Akademie Auswärtiger Dienst ausgebildet. Von 1997 bis 2000 war sie als Protokollreferentin im Auswärtigen Amt tätig. Daraufhin war sie von 2000 bis 2003 als Pressereferentin an der Deutschen Botschaft in Kiew.[5]
Anschließend war Stöhr von 2003 bis 2005 Sprecherin für Europäische Angelegenheiten, die Türkei und den Westlichen Balkan im Auswärtigen Amt. 2006 war sie kurzzeitig leitende politische Beraterin des EU-Sonderbeauftragten für Moldau. Von 2006 bis 2009 folgte eine Verwendung als politische Referentin an der Ständigen Vertretung der Bundesrepublik Deutschland bei der OSZE in Wien. Daraufhin war sie von 2009 bis 2013 stellvertretende Leiterin der Akademie Auswärtiger Dienst in Berlin.
Von 2013 bis 2014 war Stöhr stellvertretende Leiterin der politischen Abteilung an der Botschaft in Moskau. Daraufhin kehrte sie von 2014 bis 2017 an die Ständige Vertretung bei der OSZE in Wien zurück, deren stellvertretende Leitung sie nun übernahm. Anschließend war sie von 2017 bis 2020 Referatsleiterin Westlicher Balkan im Auswärtigen Amt. Von 2020 bis 2022 war sie Beauftragte für EU-Koordinierung und EU-Politiken im Auswärtigen Amt. Von 2022 bis 2026 war sie Chefinspekteurin des Auswärtigen Amts.
Seit 2026 ist Stöhr Botschafterin und Ständige Vertreterin Deutschlands bei der OSZE in Wien.
Übersetzerin
1995 veröffentlichte sie einen Reiseführer über die Krim. Seit 2003 arbeitet sie als Übersetzerin aus dem Ukrainischen.[3] Darüber, wie Stöhr zu dieser Tätigkeit kam, soll es unterschiedliche Berichte geben. Laut dem Autor und Kritiker Helmut Böttiger soll sie einer Lesung des ukrainischen Schriftstellers Jurij Andruchowytsch beigewohnt haben. Stöhr habe daraufhin beschlossen, den Autor ins Deutsche zu übersetzen, als es nur sehr wenige Übersetzer aus dem Ukrainischen in Deutschland gab und eine aus der DDR stammende Ukraine-Spezialistin Andruchowytschs Texte als „zu obszön“ empfunden hatte.[5]
2005 übersetzte Stöhr mit Zwölf Ringe erstmals einen Roman von Andruchowytsch ins Deutsche für den Suhrkamp Verlag, dem weitere Übersetzungen des Autors folgen sollten. Im selben Jahr arbeitete sie mit dem aus der Ukraine stammenden freien Übersetzer und Journalisten Jurij Durkot zusammen und es entstand für Suhrkamp die deutsche Übersetzung von Ljubko Dereschs Roman Kult. Seit 2007 übersetzt Stöhr gemeinsam mit Durkot die Romane des ukrainischen Autors Serhij Schadan für den Suhrkamp Verlag. Für Die Erfindung des Jazz im Donbass (2012) erhielt sie 2014 gemeinsam mit Romanautor Schadan und ihrem Übersetzerkollegen Durkot den Brücke Berlin Literatur- und Übersetzerpreis. Im selben Jahr wurde Stöhr für ihre Übertragungen aus dem Ukrainischen der Johann-Heinrich-Voß-Preis zuerkannt.
Der bisher größte Erfolg für Stöhr und Durkot stellte sich mit der Übersetzung von Serhij Schadans Roman Internat (2018) ein. Die Geschichte um einen jungen Lehrer aus dem Donezbecken, der versucht während der kriegerischen Auseinandersetzungen 2015 seinen 13-jährigen Neffen aus dem titelgebenden Internat am anderen Ende der Stadt nach Hause zurückzuholen, brachte den beiden 2018 den Preis der Leipziger Buchmesse in der Kategorie „Übersetzung“ ein. Die Preisjury lobte die deutsche Übertragung als lebendig, „prägnant und packend“, stellte die dichten, kraftvollen Beschreibungen hervor und lobte Stöhrs und Durkots „Schattierungen der Düsternis“ als „von großer Schönheit“ durchzogen.[6]
Im Juni 2020 erschien bei Suhrkamp Jurij Andruchowytschs Roman Die Lieblinge der Justiz, „wie immer funkelnd übersetzt von Sabine Stöhr“[7].
Veröffentlichungen
Eigene Werke
- 1995: Krim. DuMont, Köln ISBN 978-3-7701-3245-4 (DuMont-Reise-Taschenbücher, 2101)
Übersetzungen aus dem Ukrainischen
- 2005: Zwölf Ringe. Roman von Jurij Andruchowytsch. Suhrkamp, Frankfurt am Main ISBN 978-3-518-41681-5
- 2005: Kult. Roman von Ljubko Deresch. Suhrkamp, Frankfurt ISBN 978-3-518-12449-9 (gemeinsam mit Jurij Durkot)
- 2006: Moscoviada. Roman von Jurij Andruchowytsch. Suhrkamp, Frankfurt ISBN 978-3-518-41826-0
- 2007: Engel und Dämonen der Peripherie. Essays von Jurij Andruchowytsch. Suhrkamp, Frankfurt ISBN 978-3-518-12513-7
- 2007: Depeche Mode. Roman von Serhij Zhadan. Suhrkamp, Frankfurt ISBN 978-3-518-12494-9 (gemeinsam mit Jurij Durkot)
- 2008: Geheimnis : sieben Tage mit Egon Alt. Gespräch von Jurij Andruchowytsch. Suhrkamp, Frankfurt ISBN 978-3-518-42011-9
- 2009: Hymne der demokratischen Jugend. Roman von Serhij Zhadan. Suhrkamp, Frankfurt ISBN 978-3-518-42118-5 (gemeinsam mit Jurij Durkot)
- 2011: Perversion. Roman von Jurij Andruchowytsch. Suhrkamp, Frankfurt ISBN 978-3-518-42249-6
- 2011: Albert oder die höchste Form der Hinrichtung. Erzählung von Jurij Andruchowytsch. Ed. Thanhäuser, Ottensheim ISBN 978-3-900986-77-3
- 2012: Die Erfindung des Jazz im Donbass. Roman von Serhij Zhadan. Suhrkamp, Frankfurt ISBN 978-3-518-42335-6 (gemeinsam mit Jurij Durkot)
- 2015: Ukraine Series. Ausstellungskatalog von Johanna Diehl; mit Texten von Jurij Andruchowytsch und einer Einführung von Bernhard Maaz. Sieveking Verlag, München ISBN 978-3-944874-14-2
- 2016: Laufen ohne anzuhalten. Erzählung von Serhij Zhadan. Haymon Verlag, Innsbruck ISBN 978-3-7099-3741-9
- 2016: Kleines Lexikon intimer Städte. Von Jurij Andruchowytsch. Insel, Berlin ISBN 978-3-458-17679-4
- 2017: Mesopotamien. Roman von Serhij Zhadan. Suhrkamp, Berlin ISBN 978-3-518-46778-7 (gemeinsam mit Claudia Dathe und Jurij Durkot)
- 2017: Czernowitz und Lemberg. Bildband von Isolde Ohlbaum und Jurij Andruchowytsch. Das Wunderhorn, Heidelberg ISBN 978-3-88423-562-1
- 2018: Internat. Roman von Serhij Zhadan. Suhrkamp, Berlin ISBN 978-3-518-42805-4 (gemeinsam mit Jurij Durkot)
- 2019: Karpatenkarneval. Roman von Jurij Andruchowytsch. Suhrkamp, Frankfurt ISBN 978-3-518-46941-5
- 2020: Die Lieblinge der Justiz. Roman von Jurij Andruchowytsch. Suhrkamp, Berlin, ISBN 978-3-518-42906-8
- 2022: Radio Nacht. Roman von Jurij Andruchowytschs. Suhrkamp, Berlin, ISBN 978-3-518-43072-9
- 2022: Der Himmel über Charkiw. Von Serhij Zhadan. Suhrkamp, Berlin, ISBN 978-3-518-43125-2 (gemeinsam mit Claudia Dathe und Jurij Durkot)
Auszeichnungen
- 2014: Brücke Berlin Literatur- und Übersetzerpreis für Die Erfindung des Jazz im Donbass (gemeinsam mit Serhij Schadan und Jurij Durkot)
- 2014: Johann-Heinrich-Voß-Preis für Übersetzung für ihre Übertragungen aus dem Ukrainischen
- 2017: Preis der Leipziger Buchmesse in der Kategorie „Übersetzung“ für Internat (gemeinsam mit Jurij Durkot)
Weblinks
- Dankesrede von Sabine Stöhr zur Vergabe des Johann-Heinrich-Voß-Preises für Übersetzung 2014. In: deutscheakademie.de
- Lebenslauf. In: Website der Ständigen Vertretung der Bundesrepublik Deutschland bei der OSZE.