Sammlung Morgenthaler
vom Berner Psychiater Walter Morgenthaler ab 1913 angelegte Sammlung von künstlerischen Patientenarbeiten und Objekten aus dem Alltag der Psychiatrie
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Die Sammlung Morgenthaler ist eine vom Berner Psychiater Walter Morgenthaler ab 1913 angelegte Sammlung von künstlerischen Patientenarbeiten und Objekten aus dem Alltag der Psychiatrie, die im Psychiatrie-Museum Bern lagert. Sie zählt mit der Sammlung Prinzhorn in Heidelberg und der Collection de l’Art Brut in Lausanne zu den wichtigsten Sammlungen von Kunstwerken der sogenannten ‘outsider art’ oder ‘art brut’ vor 1945, die noch unbeeinflusst von Erwartungen des Kunstmarkts entstanden sind.[1]

Entstehung der Sammlung
Morgenthaler sammelte ab 1913 als Arzt an der kantonalen Irrenanstalt Waldau in Bern für die Schweizerische Landesausstellung in Bern von 1914 Objekte aus der Geschichte der Psychiatrie sowie künstlerische Arbeiten von Patientinnen und Patienten. Die historischen Objekte betrafen v. a. die Zwangsmassnahmen (Zwangsjacke, Gurt, Deckelbad, Zwangsstuhl) und sollten die ältere, überwundene Form der Psychiatrie darstellen. Nach der Ausstellung gelangte die Sammlung in die Waldau, wo Morgenthaler damit ein kleines Museum in zwei Räumen einrichtete.


Diese Sammlung erweiterte er laufend, insbesondere durch Patientenarbeiten. Dafür durchforstete er sämtliche bis dahin in der Klinik verfügbaren rund 8'000 Krankengeschichten und entnahm ihnen Arbeiten. Zudem ermunterte er seine eigenen Patientinnen und Patienten zum Zeichnen.[2] Die Sammlung war Grundlage für seine 1918 erschienene Habilitationsschrift Übergänge zwischen Zeichnen und Schreiben bei Geisteskranken.[3] Besondere Aufmerksamkeit widmete Morgenthaler Adolf Wölfli, von dem er mehrere Werke in seine Sammlung aufnahm. Wölfli bemalte auch 2 Vitrinen und 2 Schränke im Museum. Mit seinem Buch Adolf Wölfli. Ein Geisteskranker als Künstler von 1921 machte Morgenthaler Wölfli und die Kunst psychiatrischer Patientinnen und Patienten einer breiteren Öffentlichkeit bekannt und lieferte einen entscheidenen Impuls für die Kunst-Avantgarde in der Zwischenkriegszeit.[4] 1920 verliess Morgenthaler die Waldau, betreute die Sammlung aber bis in die späten 1920er Jahre und erweiterte sie auch später um vereinzelte Werke.
Historischer Bestand bis 1950


Der von Morgenthaler – und vereinzelt von ärztlichen Kollegen – gesammelte Kernbestand der Kunstsammlung umfasst rund 5'000 Werke von rund 300 Patientinnen und Patienten. Es handelt sich um Zeichnungen, Aquarelle, Collagen, Textilarbeiten und plastische Objekte, grösstenteils aus der Zeit 1880–1930. Sie stammen mit wenigen Ausnahmen aus der Waldau. Zu den Künstlerinnen und Künstlern gehören Constance Schwarztlin-Berberat (1845–1911), Heinrich Anton Müller (1869–1930), Hans Fahrni (1874–1939) und Rosa Marbach (1881–1926)[5] sowie noch weniger bekannte Personen wie Oskar Bütikofer (1860–1925), Lina Cécile Colliot (1867–1937), Louise Deci (1846–1919), Marie von Fischer-von Sinner (1868–1956), Marie Füri (1893–1929), Friedrich Kohler (1875–1960), Emma Marti (1870–1949) und Karl Schneeberger (1880–1948). Die Sammlung umfasst auch Werke von Patienten mit klassischer künstlerischer Ausbildung, die einem traditionelleren Malstil verpflichtet waren, wie z. B. Friedrich Walthard (1818–1870) und Fritz Jenzer (1907–1985).[6]
Nebst den Patientenarbeiten besteht der alte Bestand der Sammlung aus den von Morgenthaler gesammelten Objekten zu Zwangsmassnahmen sowie einzelnen weiteren Objekten aus dem Anstaltsleben sowie nicht-künstlerischen Arbeiten von Patientinnen und Patienten.
Neue Sammlung nach 1950
Ab 1963 kümmerte sich Heinz Feldmann, Mitarbeiter des technischen Dienstes der Waldau, um die Sammlung und begann, sie mit rund 5'000 Objekten aus dem Klinikalltag und dem Betrieb zu erweitern: Instrumente aus der Forschung, Geräte aus dem Landwirtschaftsbetrieb, Betten, elektrische Installationen etc. Mit der Neueröffung des alten Museums als Psychiatrie-Museum Bern 1993 setzte auch wieder das Sammeln von künstlerischen Arbeiten ein, schwerpunktmässig von ehemaligen Patientinnen und Patienten aus der Klinik, die oft auch in der Kunstwerkstatt Waldau arbeiteten und arbeiten. Dazu gehören u. a. Daniel Curty (1960–2013), Ursula Demmler (* 1962), Gabor Dios (1953–2020), Annemarie Flückiger (* 1945), Martin Flückiger (* 1970), Marco Güdel (* 1983), Gordian Hannemann (* 1958), Hermann Kammer (1922–1987), Winfried Keusch (1934–2006), Heinz Lauener (* 1977), Bruno Layer (* 1952), Louisa Johanna Morgentau (* 1962), Margrit Roth (1955–2013), Philippe Saxer (1965–2013) und Jonas Scheidegger (* 1981).[7]
Wirkung
1945 besuchte Jean Dubuffet Morgenthaler und die Sammlung in der Waldau, erwarb einzelne Werke von Morgenthaler und machte mit Publikationen und Ausstellungen auf Wölfli und andere Künstlerinnen und Künstler unter dem Begriff der ‘art brut’ aufmerksam. 1963 präsentierte Harald Szeemann Werke aus der Morgenthaler Sammlung, der Sammlung Prinzhorn und Dubuffets Sammlung in der Berner Kunsthalle in der Ausstellung ‘Insania pingens’. An der Documenta 5 in Kassel 1972 rekonstruierte Szeemann in der Abteilung ‘Bildnerei von Geisteskranken’ Wölflis Zelle und einen Raum des kleinen Waldau-Museums mit Kunstwerken der Sammlung Morgenthaler. Damit wurden Wölfli und die ‘outsider art’ endgültig zu einem anerkannten Bestandteil der internationalen Kunstwelt.[8] Die besondere Aufmerksamkeit für Wölfli führte dazu, dass man dessen Werk aus der Sammlung Morgenthaler in die 1975 gegründete Adolf Wölfli Stiftung überführte. Der Rest der Sammlung wurde lange weniger beachtet. Erst mit der Wieder-Eröffnung des alten Museums in neuer Form unter dem Namen Psychiatrie-Museum Bern wurden die Objekte und Kunstwerke ab 1993 einem breiteren Publikum durch Ausstellungen und Leihgaben wieder bekannt gemacht.
Ausstellungskataloge mit Kunstwerken
- Werner Jutzeler, Marie Louise Käsermann: Von Bildwelten in der Psychiatrie. Katalog zur Ausstellung im Psychiatrie-Museum Bern. Bern: EditionSolo, 2003. ISBN 978-3-9522759-0-0.
- Werner Jutzeler, Marie Louise Käsermann: Von Tieren umgeben sind Menschen. Katalog zur Ausstellung in der Klinik für Psychiatrie Altenburg und im Psychiatrie-Museum Bern. Bern: EditionSolo, 2004, ISBN 978-3-9522759-3-1.
- Werner Jutzeler, Marie Louise Käsermann: Von Bildern als Spiegel der Seele. Katalog zur Ausstellung im Psychiatrie-Museum Bern und in der Klinik für Psychiatrie Altenburg. Bern: EditionSolo, 2006. ISBN 978-3-9522759-6-2.
- Werner Jutzeler, Marie-Louise Käsermann, Andreas Altorfer: Der Himmel ist blau & Nackt sein. Werke aus der Sammlung Morgenthaler, Waldau. Bern: edition solo, 2008. ISBN 978-3-9522759-9-3.
Literatur
- Meinrad Lienert, Andreas Nydegger: Walter Morgenthaler und das bildnerische Schaffen der Geisteskranken, Diss. med. Bern 1994.
- Michel Beretti, Armin Heusser (Hrsg.): Der letzte Kontinent. Bericht einer Reise zwischen Kunst und Wahn. Ein Bilder- und Lesebuch mit Materialien aus dem Waldau-Archiv. Zürich: Limmat-Verlag, 1997. ISBN 978-3-85791-281-8.
- Rolf Röthlisberger: Die ‘Sammlung Morgenthaler’: einst – heute! – morgen? In: Schweizerische Ärztezeitung, 2001 (82): 1358-61.
- Katrin Luchsinger (Hrsg.): Pläne. Werke aus psychiatrischen Kliniken in der Schweiz 1850–1920, Zürich 2008. ISBN 978-3-0340-0892-1.
- Katrin Luchsinger: Die Vergessenskurve. Werke aus psychiatrischen Kliniken in der Schweiz um 1900. Eine kulturanalytische Studie, Zürich: Chronos, 2016. ISBN 978-3-0340-1305-5.
- Helen Hirsch, Katrin Luchsinger, Thomas Röske (Hrsg.): Extraordinaire! Unbekannte Werke aus psychiatrischen Einrichtungen in der Schweiz um 1900. Zürich: Scheidegger & Spiess, 2018. ISBN 978-3-85881-604-7.
Weblinks
- Kulturgüter-Inventar (vorwiegend Textilarbeiten aus der Sammlung)
- Psychiatrie-Museum Bern (Zur Sammlung Morgenthaler)
- Blogbeitrag zur Sammlung Morgenthaler (Schweizerisches Nationalmuseum)