Sammlung alter Musikinstrumente
Sammlung historischer Musikinstrumente des Kunsthistorischen Museums Wien
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Die Sammlung alter Musikinstrumente (abgekürzt: SAM) ist eine Sammlung historischer Musikinstrumente des Kunsthistorischen Museums (KHM) in Wien. Zusammen mit der Hofjagd- und Rüstkammer (HJRK) befindet sie sich im ersten Stock der Neuen Hofburg am Heldenplatz. Seit 2018 erfolgt der Zugang zur Sammlung über das Weltmuseum Wien, das zur selben Museumsgruppe (KHM-Museumsverband) gehört.

Mit Ursprüngen im 16. Jahrhundert zählt die Sammlung alter Musikinstrumente zu den bedeutendsten ihrer Art in Österreich und ist international bekannt für ihre einzigartige Konzentration an Renaissance- und Barockinstrumenten, darunter außergewöhnliche Raritäten, sowie für bedeutende Zeugnisse der Wiener Klavierbau-Tradition.
Geschichte
Ursprünge
Die historischen Grundlagen der Sammlung alter Musikinstrumente reichen bis ins 16. Jahrhundert zurück und stammen aus zwei frühen Kernsammlungen, die Anfang des 20. Jahrhunderts in Wien vereinigt und erstmals 1916 gemeinsam in der Neuen Hofburg ausgestellt wurden.
Ein Kernbestand stammt aus Schloss Ambras in Innsbruck, wo Erzherzog Ferdinand II. von Tirol (1529–1595) eine der bekanntesten Kunst- und Wunderkammern der Spätrenaissance einrichtete. Musikinstrumente waren ein wesentlicher Bestandteil dieser Sammlung und wurden im Ambras-Inventar von 1596 dokumentiert, einem der frühesten erhaltenen Inventare seiner Art.[1] 1806 wurde die Sammlung ins Untere Belvedere nach Wien überführt, wo sie bis Ende der 1880er Jahre verblieb. Anschließend wurde sie in das Kunsthistorische Hofmuseum eingegliedert.
Der zweite Kern stammt aus der Sammlung des Marchese Pio Enea II. degli Obizzi (1592–1674) am Schloss Catajo in Padua, die in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts gegründet wurde. Im 18. Jahrhundert wurde die Sammlung durch Tommaso degli Obizzi (1750–1803), das letzte Mitglied der Familie, erheblich erweitert, der Schloss und Sammlung den Erben des Hauses Österreich-Este in Modena vererbte. 1870 wurde die Sammlung nach Wien überführt und nach der Ermordung von Erzherzog Franz Ferdinand von Österreich-Este 1914 in Sarajevo in die kaiserlichen Sammlungen eingegliedert.
Gründung als Museumssammlung
Die Sammlung alter Musikinstrumente entstand 1916 als museale Einrichtung innerhalb der Sammlung für Plastik und Kunstgewerbe des Kunsthistorischen Museums. In diesem Jahr vereinte der Kunsthistoriker Julius von Schlosser, damals Direktor der Sammlung der Kunstindustriellen Gegenstände, die Musikinstrumente aus Ambras und Este und arrangierte deren erste gemeinsame Ausstellung in zwei Räumen der Neuen Hofburg. In diesem Zusammenhang wurden auch ausgewählte Instrumente einbezogen, die Franz Ferdinand während seiner Weltreise 1892–93 gesammelt hatte; andere Objekte aus diesem Bestand befinden sich heute im Weltmuseum.
Zweiter Weltkrieg und Zeit des Nationalsozialismus
In den 1930er- und frühen 1940er-Jahren wurde die Sammlung durch Ankäufe, Tausche, Leihgaben und Überführungen erheblich erweitert. Nach dem Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich 1938 erlebte die SAM eine intensive Aktivität, teilweise unterstützt durch das nationalsozialistische Regime, was eine Erweiterung des Bestandes und der Ausstellungsfläche ermöglichte. Zu den Neuerwerbungen gehörten Instrumente von jüdischen Sammlern und Herstellern, die unter Zwang beschlagnahmt oder übertragen wurden und oft nur als Leihgaben erfasst oder unzureichend dokumentiert blieben.
1939 wurde die Sammlung im Palais Pallavicini ausgestellt, wo die temporäre Ausstellung Klaviere aus fünf Jahrhunderten präsentiert wurde. Im selben Jahr wurden die Musikinstrumente der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien in die SAM überführt, wodurch der chronologische Umfang der Sammlung, insbesondere bei Tasteninstrumenten des 18. und 19. Jahrhunderts, erweitert wurde. Zu diesen Übernahmen gehörten Instrumente berühmter Komponisten wie Joseph Haydn, Franz Schubert, Clara und Robert Schumann sowie Johannes Brahms.[2]
Anfang 1945 schloss die Ausstellung aufgrund von Evakuierungs- und Sicherungsmaßnahmen in den letzten Kriegsmonaten.
Nachkriegszeit und moderne Entwicklungen
Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Sammlung im Frühjahr 1947 in der Neuen Hofburg wieder für die Öffentlichkeit geöffnet und ihre Ausstellungsfläche nach und nach erweitert. 1964 erhielt die Sammlung alter Musikinstrumente neun Säle entlang der Burggartenfront der Neuen Hofburg, die bis heute genutzt werden.
Von Mitte der 1960er- bis Ende der 1980er-Jahre folgte die Dauerausstellung weitgehend dem Hornbostel-Sachs-Systematik und ordnete die Instrumente nach ihrem Klangproduktionsprinzip. Gleichzeitig wurden ausgewählte Räume, insbesondere der Marmorsaal, für die Sammlung bedeutenden und erinnerungswürdigen Instrumenten gewidmet, die mit bekannten Komponisten in Verbindung standen.
Zwischen 1988 und 1993 war die Sammlung für Renovierungs- und Neukonzeptionsarbeiten geschlossen. Die Wiedereröffnung führte ein neues Ausstellungskonzept ein, das Instrumente nach historischen Epochen statt nach organologischer Klassifikation anordnet.
1998 wurde am Kunsthistorischen Museum Provenienzforschung eingeführt, um die Erwerbungsmethoden und deren Rechtmäßigkeit für seit 1933 erworbenen Objekte zu untersuchen. Dies führte zu einer systematischen Erforschung der Museumsbestände, einschließlich der Musikinstrumente, und zur Rückgabe von Raub- und unrechtmäßig erworbenen Objekten, darunter die Sammlung von Clarice und Alphonse Rothschild.
2015 führte die Eröffnung des Hauses der Geschichte Österreichs mit Haupteingang in der Neuen Burg zu geänderten Zugangswegen. Seitdem erfolgt der Eintritt zur SAM über das Weltmuseum Wien. Nach Renovierungsarbeiten wurde die Sammlung 2018 wiedereröffnet.
Sammlungsbestand

Die Sammlung alter Musikinstrumente verfügt über einen der weltweit bedeutendsten Bestände an Renaissance- und Barockinstrumenten. Darüber hinaus verwahrt sie zahlreiche Instrumente, die von berühmten Musikern und Komponisten wie z. B. Wolfgang Amadeus Mozart, Clara Schumann, Franz Liszt und Gustav Mahler gespielt wurden. Zu den besonderen Sammlungsschwerpunkten zählt eine umfassende Zusammenstellung Wiener Hammerklaviere, von Streichinstrumenten Jacob Stainers und Holzblasinstrumenten der Renaissance.
Insgesamt umfasst die Sammlung alter Musikinstrumente rund 1000 Instrumente, vorwiegend aus der Zeit vom frühen 16. bis zum 20. Jahrhundert, sowie Werkzeuge, Archivmaterialien und Nachlässe historischer Werkstätten, darunter die von John Edward Betts, Franz Geissenhof und der Firma Bösendorfer.
Seit 1941 werden ausgewählte, in spielbarem Zustand erhaltene Instrumente im Rahmen historisch informierter Aufführungen, den sogenannten Matinées, regelmäßig präsentiert.
Ausstellungen
Die Dauerausstellung der Sammlung alter Musikinstrumente befindet sich in der Neuen Hofburg. Die Instrumente werden in dreizehn Sälen präsentiert, die ursprünglich als kaiserliche Apartments für Kaiser Franz Joseph I. und Kaiserin Elisabeth vorgesehen waren, jedoch nie tatsächlich als Residenzen genutzt wurden.
Seit der Wiederaufstellung der Sammlung im Jahr 1993 folgt die Ausstellung einem chronologischen und kulturhistorischen Aufbau, der die Besucher durch die Geschichte der Musikinstrumente vom späten Mittelalter bis zur Romantik und der Wiederbelebung der Alten Musik führt.[3]
Ausgewählte Sonderausstellungen
- Klaviere aus fünf Jahrhunderten, Sammlung alter Musikinstrumente, Palais Pallavicini, 1939.
- Hausmusik, Kunsthistorisches Museum (Neue Burg), 1941.
- Die Klangwelt Mozarts, Sammlung alter Musikinstrumente, Kunsthistorisches Museum (Neue Burg), 28. April–27. Oktober 1991.
- Die Botschaft der Musik. 1000 Jahre Musik in Österreich, Kunsthistorisches Museum in Kooperation mit der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien, Vienna, Palais Harrach, 28. Oktober 1996–1. April 1997.
- Jacob Stainer ‘...kayserlicher diener und geigenmacher zu Absom, Kunsthistorisches Museum, Innsbruck, Schloss Ambras, 4. Juni–31. Oktober 2003.
- Der Himmel hängt voller Geigen. Die Violine in Biedermeier und Romantik, Kunsthistorisches Museum in Kooperation mit der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien, Kunsthistorisches Museum (Neue Burg), 14. April–25. September 2011.
Leiter und Direktoren der Sammlung
- Julius von Schlosser, Leiter der Sammlung alter Musikinstrumente (1916–1922)
- Leitung durch den jeweiligen Kustos der Sammlung für Plastik und Kunstgewerbe (1922–1938)
- Heinrich Klapsia, Leiter der Sammlung alter Musikinstrumente (1939–1943)
- Viktor Luithlen, Leiter (1943–1952), dann Direktor der Sammlung alter Musikinstrumente (1952–1966)
- Bruno Thomas, administrativer Leiter der Sammlung (1967–1971)
- Kurt Wegerer, Direktor der Sammlung (1971–1981)
- Gerhard Stradner, Direktor der Sammlung (1981–1999)
- Rudolf Hopfner, Direktor der Sammlung (2000–2019)
- Sebastian Kirsch, Direktor der Sammlung seit 2024
Literatur
- Beatrix Darmstädter, Rudolf Hopfner, Alfons Huber: Die Sammlung alter Musikinstrumente des Kunsthistorischen Museums Wien ‒ Die ersten 100 Jahre: Berichtband über das Zentenarsymposium. Praesens Verlag, Wien 2018, ISBN 3-7069-0939-1.
- Rudolf Hopfner: Meisterwerke der Sammlung alter Musikinstrumente, Kurzführer durch das Kunsthistorische Museum, Band 1. Wilfried Seipel, Wien 2004.
- Monika Löscher, ‘Provenance Research in the Collection of Historic Musical Instruments in Vienna. Background, Configuration, and Practice’. In Private Passion – Public Challenge: Musikinstrumente Sammeln in Geschichte Und Gegenwart, edited by Dominik von Roth and Linda Escherich. Arthistoricum.net-ART-Books, 2018.
- Julius von Schlosser, Die Sammlung Alter Musikinstrumente. Beschreibendes Verzeichnis. Anton Schroll & Co. G.M.B.H., Wien 1920.
- Stephan Turmalin: Die Sammlung alter Musikinstrumente des Kunsthistorischen Museums. Mandelstamm, Wien 2018, ISBN 978-3-85476-821-0.