Sarah Bagley
US-amerikanische Arbeiterin und Aktivistin
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Sarah George Bagley (* 19. April 1806 in Candia, New Hampshire; † 15. Januar 1889 in New York City) war eine US‑amerikanische Arbeiterführerin.
In den 1840er-Jahren, zur Zeit der industriellen Revolution, wirkte sie in Neuengland als Verfechterin für kürzere tägliche Arbeitszeiten in den Fabriken. Im Bundesstaat Massachusetts setzte sie sich erfolgreich dafür ein, dass eine maximale Arbeitszeit von zehn Stunden pro Tag erreicht wurde.
Zudem war sie im Jahr 1846 die erste Frau, die in den USA als Telegrafistin arbeitete.[1]
Leben
Weberin

Sie wurde als Tochter von Nathan Bagley und dessen Ehefrau Rhoda, geb. Witham, geboren. Sie hatte zwei Brüder, Thomas und Henry, und eine Schwester, Mary Osgood. Aufgewachsen im ländlichen Rockingham County im Südosten des Bundesstaats New Hampshire, zog sie 1837, im Alter von 31 Jahren, in den Nachbarstaat Massachusetts in die rund 50 km südlich ihres Geburtsorts liegende aufstrebende Industriestadt Lowell. Dort arbeitete sie als Weberin bei der Hamilton Manufacturing Company, einer industriellen Weberei (Bild), die zahlreichen jungen Frauen Arbeit bot.
Viele von ihnen fanden durch den Wechsel vom Land in die Stadt eine neue Unabhängigkeit und Freiheit. Jedoch zeigte sich bald, dass diese neue Freiheit auch Schattenseiten hatte: Der von Männern dominierte und praktizierte Kapitalismus brachte neue Abhängigkeiten.
Sie begann als Journalistin für das Lowell Offering zu schreiben, einer Zeitschrift von und für Fabrikarbeiterinnen, die vom Fabrikkonzern beaufsichtigt und teilweise finanziert wurde. Im Jahr 1840 verfasste sie einen „linientreuen“ Artikel mit dem Titel The Pleasures of Factory Work (deutsch „Die Freuden der Fabrikarbeit“), in dem sie beschrieb, dass die Arbeit in den Baumwollspinnereien (cotton mills) der „angenehmen Besinnung“ (englisch pleasurable contemplation) und anderen „edlen Beschäftigungen“ (englisch noble pursuits) förderlich sei. Dies entsprach dem Bild, das die Fabrikherren in der Öffentlichkeit als angemessen und förderlich präsentieren wollten.
Aktivistin

Nur wenige Jahre später, nachdem in den 1840er-Jahren die Ausbeutung der Fabrikarbeiterinnen immer deutlicher wurde, wandelte sich die junge Frau von einem loyalen mill girl zu einer engagierten Aktivistin. Ständig wurden die Vorgaben erhöht und der Druck gesteigert, noch mehr Stoff herzustellen. Im Jahr 1842 gab es erste Arbeitskämpfe, nachdem eine weitere Produktionssteigerung von 20 % verlangt worden war. Aus Protest traten siebzig Arbeiterinnen in den Streik. Die Industriekapitäne jedoch machten unmissverständlich klar, dass sie keine Infragestellung ihrer Autorität dulden würden, insbesondere nicht durch junge Arbeiterinnen – alle siebzig wurden entlassen und auf eine Schwarze Liste gesetzt.
Zwei Jahre später, 1844, wurde die Lowell Female Labor Reform Association (LFLRA) gegründet, eine der ersten Gewerkschaften für Frauen in den USA. Und Sarah Bagley wurde die Präsidentin. Anlässlich einer im Jahr 1845 beschlossenen erneuten Verlängerung der täglichen Arbeitszeit reichte sie zusammen mit der New England Workingmen’s Association (NEWA) eine Petition beim Parlament des Bundesstaates Massachusetts ein. Darin forderten sie die Verkürzung des Arbeitstages auf zehn Stunden zum Schutz der Gesundheit der Arbeiterinnen sowie ihrer „intellektuellen, moralischen und religiösen Gewohnheiten“. Es wurden 2139 Unterschriften gesammelt und das Parlament berief daraufhin eine Anhörung ein. Sie und acht weiteren Personen wurden zur Aussage eingeladen. Trotz aller ihrer Bemühungen, weigerten sich die Abgeordneten jedoch letztlich, gegen die mächtigen Fabriken vorzugehen.

Im Jahr 1845 wirkte sie als Autorin und Redakteurin bei der Voice of Industry mit, einer von der NEWA gegründeten Arbeiterzeitung, die von 1845 bis 1848 erschien. Hauptthema dort waren die immensen sozialen Veränderungen, die die Industrielle Revolution in den USA mit sich brachte. Sie selbst war inzwischen zu einer Vizepräsidentin der NEWA ernannt worden.
Auch 1846 war ein intensives Jahr für sie und die FLRA. Sie bereiste Neuengland, um weitere Mitstreiterinnen zu gewinnen und gründete zahlreiche Ortsgruppen der FLRA und der NEWA. Auch wurde eine zweite Petition mit 4500 Unterschriften dem Parlament vorgelegt – und abgelehnt. Im Oktober 1846 veröffentlichte sie ihren letzten Artikel in der Voice of Industry und verließ kurz darauf die von ihr mitgegründete LFLRA, die inzwischen Female Labor Reform and Mutual Aid Society hieß.
Telegrafistin
Sie brach mit ihrer Vergangenheit und wechselte in einen neuen Beruf, den einer Telegrafistin. Die elektrische Telegrafie war eine hochinnovative Technik: Das erste Telegramm in der Geschichte der USA war erst zwei Jahre zuvor, am 24. Mai 1844, über die Telegrafenlinie Baltimore–Washington gesendet worden. Und die ersten Telegrafisten waren ausschließlich Männer, angefangen mit Samuel Morse und Alfred Vail. Sie war die erste Frau der USA, die als telegrapher arbeitete. Und nicht nur das: innerhalb von zwei weiteren Jahren leitete sie das Telegrafenamt von Lowell und später das in der rund 120 km südwestlich gelegenen Großstadt Springfield.
Spätere Jahre
Im Jahr 1848 kehrte sie für wenige Monate in die Hamilton Mill nach Lowell zur erneuten Fabrikarbeit zurück. Sie verließ dann aber diesen Ort und kam vermutlich nie mehr dorthin.
Über ihr weiteres Leben ist nur wenig bekannt: Für kurze Zeit unterrichtete sie bei der Rosine Association in Philadelphia Frauen im Schneiderhandwerk. Vermutlich befasste sie sich auch mit Homöopathie. Am 13. November 1850, im Alter von 44 Jahren, heiratete sie James Durno (1796–1871), einen homöopathischen Arzt, der Arzneimittel verkaufte.

Als verheiratete Frau, nun mit dem Namen Sarah Durno, praktizierte sie mehrere Jahre lang als Rheumatologin in Albany, bevor sie, noch in den 1850er-Jahren, mit ihrem Mann nach Brooklyn umzog. Dort gründeten sie eine Firma, die Schnupftabak als Heilmittel gegen Katarrh herstellte und vertrieb.
Nach dem Tod ihres Ehemannes reiste sie viel und kehrte schließlich nach Philadelphia zurück, wo sie im Alter von 82 Jahren starb. Sie wurde auf dem Laurel Hill Cemetery im Familiengrab beigesetzt.[2]
Siehe auch
Weblinks
- Porträtfoto
- Grab
- Sarah George Bagley Durno in der Datenbank Find a Grave
- Sarah Bagley. In: National Park Service. 18. Februar 2025 (englisch).
- Natalie Casale, Dena Giacobbe, Amanda Nardo, Jamie Thomas: Lyddie the Mill Girl – An Interdisciplinary 7th Grade Unit. In: New Jersey Council for the Social Studies. 1. Februar 2021 (englisch).