Sarajevo-Safari
angebliche Tötung von Zivilisten durch wohlhabende Ausländer während des Bosnienkriegs
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Der Begriff Sarajevo-Safari beschreibt angeblichen Kriegstourismus, bei dem wohlhabende Ausländer während des Bosnienkriegs von 1992 bis 1995 über das Wochenende nach Sarajevo gereist sein sollen, um dort auf Zivilisten zu schießen.[1][2][3] Für einen derartigen Kriegstourismus gibt es bislang keine Beweise.
Die im Dokumentarfilm Sarajevo Safari und zwei Büchern aufgestellten und später auch in anderen Medien aufgegriffenen Behauptungen über Menschenjagd durch reiche Ausländer bei der Belagerung von Sarajevo werden auf Grund von „unseriösen Quellen“[4] und „Hinweise[n] auf Widersprüche, Irrtümer und groteske Fehlurteile“[5] kritisiert.
Beschreibung


Nach Angaben des italienischen Schriftstellers Ezio Gavazzeni sollen rund 230 Italiener beteiligt gewesen sein, ebenso Personen aus anderen Staaten.[1] Sie sollen sich in Triest gesammelt haben und seien von dort nach Belgrad gereist, von wo Angehörige der Armee der bosnischen Serben sie zu den Stellungen in den Hügeln rund um Sarajevo gebracht hätten.[6]
Bereits 2007 hatte ein ehemaliger Angehöriger der U.S. Marines als einziger Zeuge vor dem Internationalen Strafgerichtshof für das ehemalige Jugoslawien ausgesagt, ihm sei berichtet worden, dass Touristen nach Sarajevo gereist seien, um auf Zivilisten schießen zu können.[7]
Der im Jahre 2022 erschienene und von Al Jazeera Balkans produzierte Dokumentarfilm Sarajevo Safari[8] des slowenischen Regisseurs Miran Zupanič legt unter Berufung auf Informanten nahe, dass auf Seiten der VRS westliche „Sniper-Touristen“ anreisten, die gegen Bezahlung auf bosnische Zivilisten geschossen hätten („Sarajevo-Safaris“).[3] Deren Anreise sei nach Inkenntnissetzung des italienischen Militärnachrichtendienstes SISMI ab 1994 unterbunden worden. Die im Film auftretenden Informanten sind ein Slowene, der als ehemaliger Mitarbeiter eines jugoslawischen Geheimdienstes von einer nicht näher benannten „bedeutenden“ US-amerikanischen Organisation engagiert worden sei, um direkt aus dem belagerten Sarajevo sowie Pale zu berichten, und ein Mitarbeiter des ehemaligen bosnischen Militärgeheimdienstes.
FAZ-Südosteuropa-Korrespondent Michael Martens berichtete in der Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, dass es keine Beweise und nicht einmal belastbare Indizien für die beschriebenen Taten gebe. In den Unterlagen der Anklagebehörde des Internationalen Strafgerichtshofs für das ehemalige Jugoslawien wurden 4650 Zeugen befragt. Nur ein einziger von ihnen berichtete über Scharfschützen, die mit der Umgebung nicht vertraut waren. Dieser Zeuge wurde daneben vom Gericht mit seinen anderen Aussagen als unglaubwürdig bezeichnet. Alle Personen im Film Sarajevo Safari geben nur Hörensagen wieder. Alle von Martens befragten Zeugen widersprachen den Darstellungen im Film.[5] Zu einer ähnlichen Einschätzung kam auch der Journalist Krsto Lazarević in Übermedien.[9]
Ermittlungen
Während serbische Veteranen und Vertretungen der Republika Srpska widersprachen, nahmen die Staatsanwaltschaften Bosnien und Herzegowinas (2022) und Mailands (2025) Ermittlungen auf.
Ein bosnischer Journalist stellte im November 2025 Anzeige gegen den Präsidenten Serbiens Aleksandar Vučić. Vučić habe sich als Freiwilliger der Armee der bosnischen Serben an diesem Tourismus beteiligt. Der Präsident bestritt die Vorwürfe.[10]
Im Februar 2026 gab die Staatsanwaltschaft in Mailand bekannt, dass sie in einem ersten Fall gegen einen mittlerweile 80-jährigen ehemaligen Lastwagenfahrer aus Venetien ermittle.[6]
Die US-Kongress-Abgeordnete Anna Paulina Luna erklärte im November 2025, dass sie Ermittlungen begonnen habe, ob US-Bürger sich an diesem „Tourismus“ beteiligt hätten. Sie stehe deshalb in Kontakt mit dem bosnischen Konsulat und der italienischen Botschaft.[7]
Im April 2026 nahm die österreichische Justiz Ermittlungen gegen einen österreichischen und einen nicht weiter identifizierten Verdächtigen auf.[11]
In Deutschland wandten sich im April 2026 die Grünen-Abgeordneten Irene Mihalic, Helge Limburg und Konstantin von Notz mit einer Kleinen Anfrage an den Bundestag, um zu erfahren, welche Kenntnisse die Bundesregierung über die mediale Berichterstattung hinaus von den mutmaßlichen Scharfschützen-Morden hat. Kernpunkt der Antwort war: „Eine Beantwortung kann durch die Bundesregierung wegen des unzumutbaren Aufwandes, der mit der Beantwortung verbunden wäre, nicht erfolgen.“[12]
Dokumentationen
- 2022: Sarajevo Safari