Schafe im Weinbau
landwirtschaftliches Doppelnutzungssystem
From Wikipedia, the free encyclopedia
Schafe im Weinbau, auch Schafe im Weinberg, ist die Bezeichnung für ein dem Wortsinn entsprechendes landwirtschaftliches Doppelnutzungssystem, das international (aber relativ selten) genutzt wird. Ökonomisch steht zwar immer der Weinbau im Vordergrund, die Integration von Schafen hebt diese landwirtschaftliche Nutzungsform aber von üblichen Weinbausystemen entscheidend ab, nicht zuletzt, weil teils Anpassungen an der Reberziehung erforderlich werden. Werden Schafe im Weinbau eingesetzt, kann dies die Flächennutzungseffizienz erhöhen, da neben dem Produkt Wein(trauben) auch die Erzeugnisse der Schafzucht anfallen. Der tatsächliche Einsatz wird durch die verbreitete weinbauliche Anwendung von Pestiziden (Spritzmitteln), im deutschsprachigen Raum vor allem Fungiziden, und die damit einhergehenden Risiken für die Gesundheit der Schafe zeitlich-räumlich stark eingeschränkt bzw. ist vielerorts deshalb nicht möglich.[1][2]

Einsatz der Schafe
Der erste Einsatz von Schafen im Weinbau ist aus Australien und Neuseeland dokumentiert. Die Tiere können durch ihren Fraß verschiedene, ansonsten zwingend erforderliche weinbauliche Maßnahmen (z. B. Begleitwuchsregulation) übernehmen. Eine Beweidung von Reben ist grundsätzlich außerhalb der Vegetationsperiode möglich. In diesem Fall sind die erforderlichen Anpassungen der Reberziehung häufig gering. Soll jedoch auch während der Vegetationsperiode, also bei belaubten Reben, beweidet werden, kann eine Anpassung des Anbausystems erforderlich werden. Prinzipiell werden unreife Beeren von Schafen über eine relativ weite Entwicklungsperiode nicht gefressen, sodass eher eine zu starke Entblätterung der Reben für den Weinbau problematisch werden kann. Einige Erziehungsformen von Reben, wie die Buscherziehung, die im mediterranen Raum verbreitet ist, kommen für eine Beweidung innerhalb der Vegetationsperiode prinzipiell nicht in Frage. Andere, in denen die blättertragenden Triebe der Reben relativ hoch liegen, sind prinzipiell besser geeignet und erfordern nur geringe Anpassung. Das Doppelnutzungssystem Schafe im Weinbau wird aufgrund seiner Möglichkeiten zur Steigerung der Nachhaltigkeit international erforscht.[3] Ein finanzieller Nutzen durch die Schafhaltung lässt sich nicht unbedingt erzielen.[4][5]
Risiken für Schafgesundheit und Betriebe
Der Einsatz von Schafen im Weinbau ist vielerorts wegen veterinärmedizinischer Bedenken und nachgewiesener Risiken bezüglich der Tiergesundheit nicht oder nur in zeitlich engen Grenzen möglich. So ist vor allem die für den Schaforganismus lebensbedrohliche Gefahr von Kupfer, einem vielerorts eingesetzten Fungizid, von Bedeutung. Schafe sind im Gegensatz zu anderen Säugetieren ausgesprochen kupfersensibel. Das Risiko kann in vielen Weinbauregionen nur bedingt umgangen werden. Im Ökoweinbau sind kupferhaltige Präparate die einzigen zugelassenen hochwirksamen Fungizide. Auf ihren Einsatz kann vor allem in relativ niederschlagsreichen Regionen, wie dem deutschsprachigen Raum, wegen des hohen Pilzdrucks (z. B. Falscher Mehltau) weinbaulich nicht verzichtet werden. Bei einem direkten maschinellen Auftrag von kupferhaltigen Spritzmitteln auf die Reben übersteigt die Kupferkonzentration der Weinblätter die vom Schaforganismus tolerierten Grenzen über lange Zeit um ein Vielfaches, was bei wiederholter Exposition durch Fraß zum Tod der Tiere führen kann. Zu hohe Kupferwerte können auch in der beweideten Begleitvegetation (Pflanzen unter den Reben) auftreten. Das gilt nicht nur, wenn aktuell Kupferpräparate ausgebracht werden. Die Kupfergehalte der begleitenden Vegetation können über das gesamte Jahr auch dann für das Schaf tolerable Grenzen überschreiten, wenn aktuell im Weinberg kein Kupfer mehr eingesetzt wird. Ursächlich sind dann die historischen, teils Jahrzehnte zurückliegenden hohen Mengen der Kupferausbringung. In den Weinbauregionen unter anderem Mitteleuropas waren solche Anwendungen weit verbreitet und über lange Zeit üblich. Für die Messung dieses Kupferrisikos sind Grenzwerte und Messverfahren beschrieben. Letztere lassen sich ohne relevanten Aufwand auch von Laien anwenden.[6] Werden Grenzwerte auf einer Fläche überschritten, darf nicht beweidet werden.[1][6]
Neben Kupfer bergen aber auch Spritzmittel des konventionellen Weinbaus Risiken für die Gesundheit der Schafe. Potenzielle Gefahren für die Tiergesundheit sind bei diesen Präparaten oftmals nur unzureichend untersucht. Neben der realen Gefahr für die Tiergesundheit steht mindestens das Wissensdefizit einem Einsatz von Schafen im Weinbau weithin im Wege. Der Spritzmitteleinsatz ist in den Weinbauregionen der Welt unterschiedlich und orientiert sich unter anderem am Pilzdruck, der in relativ niederschlagsreichen Regionen deutlich höher ist.[6]
Neben veterinärmedizinischen Bedenken fällt für die Betreuung der Tiere Arbeitszeit an – zumindest sofern die Tiere durch den Weinbaubetrieb selbst und nicht in Kooperation mit einer Schäferei betreut werden. Das Risiko einer zu starken (hohen) Entblätterung der Reben durch Fraß kann prinzipiell durch die Wahl des Weidezeitraums, die Schafrasse und die Reberziehung gesteuert werden.[3]
Bedeutung für die Biodiversität, Weinbau und Flächeneffizienz
Eine Aufwertung des Biodiversitätsschutzes durch Schafe im Weinbau ist im Vergleich zum Weinbau ohne den Einsatz von Weidetieren vor allem dann gegeben, wenn ansonsten unternutzte Randstrukturen durch Schafe mitgepflegt werden. In diesem Fall können neben der Dungfauna etwa auch Wildbienen gefördert werden und generell die unerwünschte Verbuschung, etwa von Rebböschungen, zurückgedrängt werden.[7]
Schafe im Weinbau können durch ihren Fraß potenziell die Begleitwuchsregulation (ansonsten: mehrmaliges Mulchen), die Unterstockpflege (Scheibenpflug oder Herbizide) sowie das Entfernen unerwünschter niedriger Triebe und Blätter der Traubenzone (Handentblätterung, maschinelle Entfernung) ersetzen. Zumindest theoretisch können so Arbeits- und Maschinenzeit eingespart werden. Potenziell kann das die Verwendung fossiler Ressourcen (Diesel für Maschinen) minimieren. Zudem sind Schafe Sympathieträger und können im Weinmarketing eingesetzt werden. Da die Begleitvegetation von Weinbergen je nach Region teils sehr wüchsig ist, kann sie zumindest theoretisch auch für die Produktion der Schafzucht (Fleisch, Wolle, Nachzucht) wertvoll sein.[3]