Kehr ich einst zur Heimat wieder
deutsches Volks- und Heimatlied aus Schlesien
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Kehr ich einst zur Heimat wieder, auch unter dem Namen Schlesierlied und Mein Schlesierland bekannt, ist ein deutsches Volks- und Heimatlied aus Schlesien. Es gilt in vielen Quellen als eine der bekanntesten musikalischen Ausdrucksformen des schlesischen Heimatgefühls und wird dort vermutlich seit dem 19. Jahrhundert gesungen.[1]

Entstehung
Verfasser und Komponist von Kehr ich einst zur Heimat wieder sind nach einigen übereinstimmenden Angaben unbekannt.[2][3]
Gelegentlich wird als Verfasser Johannes Reinelt (1858–1906) aus Kreuzendorf bei Leobschütz, ein Schriftsteller und Dichter, genannt, der unter anderem Heimat- und Volkslieder verfasste.[4][5] Die Melodie wird dabei dem aus Habelschwerdt stammendem Paul Mittmann (1868–1920) zugeschrieben, der häufiger mit Reinelt zusammenarbeitete.[4][5] Diese Zuschreibungen sind jedoch zu hinterfragen, da Johannes Reinelt auch als Autor eines anderen als Schlesierlied bekannten Heimatliedes mit dem Eingangsvers „Wer die Welt am Stab durchmessen“ von 1890 genannt wird.[3] Hier gilt ebenfalls Paul Mittmann als Komponist.[6] Während die Urheberschaft Reinelts am Lied „Wer die Welt am Stab durchmessen“ unbestritten ist, erscheint es unwahrscheinlich, dass Reinelt und Mittmann die Schöpfer beider schlesischen Heimathymnen sind.[6][7]
Weiters wird die Entstehung des Liedes Kehr ich einst zur Heimat wieder in mehreren Quellen, vor allem in späteren Soldatenliederbüchern, dem Marschgesang schlesischer Soldaten im Ersten Weltkrieg zugerechnet.[8] Letztlich lässt sich die Urheberschaft heute nicht mehr abschließend klären.
Entstanden ist das Lied vermutlich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts oder erst nach dem Ersten Weltkrieg in der preußischen Provinz Schlesien, einer Phase, in der in den deutschsprachigen Gebieten Europas zahlreiche regionale Heimat- und Wanderlieder aufgezeichnet, verbreitet und musikalisch arrangiert wurden.[9]
Auch einige andere Lieder werden zuweilen Schlesierlied genannt, so zum Beispiel das Riesengebirgslied, Oberschlesien ist mein liebes Heimatland, Wo im Winde unsere Fahnen stehen von Richard Schrader und O du mein Heimatland, traut und wonnig dich mein Auge schaut von Valentin Eduard Becker.[10] Ferner existiert ein weiteres, wenn auch weniger populäres, sich als Regionalhymne Schlesiens verstehendes Lied, das den Titel Ein neues Schlesierlied trägt und 1935 in Grünberg vom Heimatdichter Paul Petras gedichtet und vom Musiklehrer und Komponisten Armin Haag vertont wurde.[11]
Text
In den meisten Veröffentlichungen sind die folgenden, gängigen drei Strophen aufgeführt, mitunter wird aber auch eine weitere Strophe erwähnt.[12]
Gängigste Version
1. Kehr ich einst zur Heimat wieder,
früh am Morgen, wenn die Sonn’ aufgeht.
Schau ich dann ins Tal hernieder,
wo vor einer Tür ein Mädchen steht.
Kehrvers:
Da seufzt sie still, ja still und flüstert leise:
Mein Schlesierland, mein Heimatland.
So von Natur, Natur in alter Weise.
Wir sehn uns wieder, mein Schlesierland,
Wir sehn uns wieder am Oderstrand!
2. In dem Schatten einer Eiche,
Ja, da gab ich ihr den Abschiedskuss.
Schatz, ich kann nicht bei dir bleiben,
weil, ja weil ich von dir scheiden muss.
3. Liebes Mädchen, lass das Weinen.
Liebes Mädchen, lass das Weinen sein.
Wenn die Rosen wieder blühen,
Ja dann kehr ich wieder bei dir ein.
Weitere seltenere Strophe
4. Sterb ich einst, ja einst in fremder Erde,
Schatz, dann will ich dort begraben sein,
wo wir einst in unsern jungen Jahren,
beide waren so ganz allein.
Inhalt und Musik
Inhalt und Varianten
Das Schlesierlied thematisiert Heimatliebe, Abschied, Sehnsucht und Wiederkehr. Der lyrische Sprecher beschreibt die Rückkehr in sein Heimattal am Morgen, wo ein geliebtes Mädchen vor einer Tür steht. Die wiederkehrende Refrainzeile „Mein Schlesierland, mein Heimatland… wir sehn uns wieder am Oderstrand“ betont die emotionale Bindung an den Heimatort und die Hoffnung auf ein Wiedersehen.
Weitere Strophen schildern den Abschied, das Weinen des Mädchens, aber auch die Aussicht auf ein Wiedersehen bei blühenden Rosen. In manchen Fassungen wird thematisiert, dass der Sprecher – selbst wenn er in der Fremde sterben sollte – sich wünsche, im geliebten Heimatland begraben zu werden. Diese Motive sind charakteristisch für viele Heimatlieder des 19. Jahrhunderts, die die Verbundenheit mit Landschaft und Heimat ausdrücken.
In manchen Fassungen ist das Kehrreim-Subjekt nicht die dritte Person Singular des Mädchens, sondern eine Ich-Perspektive, wenn es heißt: „Dann seufz ich…“[13] Es findet somit ein Perspektivwechsel statt, von der Zurückbleibenden zum Fortgehenden. Auch der Abschiedskuss ist in der neuen Rollenverteilung dementsprechend verändert: „da gab sie mir…“. Die handelnde Person ist somit nicht mehr der lyrische Sprecher selbst, was möglicherweise erklärt, weshalb es die unbeliebtere Version blieb.
Eine weitere Änderung erfuhr mancherorts der „Natur-Vers“, wenn statt von der „Natur…in alter Weise“ von der „Natur…in stiller Weise“ die Rede ist.[14] In der häufigeren Variante wird also nicht eine besondere Innerlichkeit, sondern die alte Tradition und das Herkommen hervorgehoben. Auch der Vers „wir seh’n uns wieder am Oderstrand“ wurde teilweise durch das deutlich abstraktere „wir seh’n uns wieder, mein Heimatland“ ersetzt, so zum Beispiel in der von Heino gesungenen Variante.[15]
Insgesamt ist das Lied reich an klassischen Heimatlied‑Topoi, die in der Rezeption explizit als Identitätsmarker verstanden werden können und auch den Erfolg der Ode an die Heimat erklären. Ähnliche Motive bedient etwa das Westfalenlied (Ihr mögt den Rhein, den stolzen, preisen), das ebenfalls Natursymbole wie die Eiche, aber auch den Fels nutzt. Es teilt mit dem Schlesierlied die Tendenz zur Identitätsbildung durch Betonung von Eigenheiten und einer „bodenständigen“ Mentalität. Die vierte Strophe des Schlesierliedes bindet das Lied der Heimat neben den Topoi des Tagesanbruchs, des Tal-Blicks und der Tür-Szene, der Eiche als deutschem Traditionsbaum und schützendem Hain für den Abschied, der Rosen, der Stille und des Flüsterns nicht nur an Leben und Lieben, sondern bewusst auch an Sterben. In den Vertriebenenerzählungen der Nachkriegszeit ist dies ein wiederkehrendes Motiv.
Metrik, Versmaß und Reim
Die Strophen arbeiten in einer volkstümlichen, sanglichen Prosodie, die (je nach Textvariante) häufig ein 8/9‑Silben‑Wechselmaß nahelegt. Typisch ist das Paar „wieder / hernieder“ als klarer Endreim, ebenso die korrespondierenden Zeilenenden „aufgeht / steht“.
Der Refrain nutzt hingegen weniger strikt Endreim, stärker Klangbindung (leise/Weise), Wiederholung (still/still; Natur/Natur; wieder/wieder) und Toponym‑Fixierung (Oderstrand) als Schlusspointe.
Adaptionen
In der Zwischenkriegszeit erfuhr das Lied mehrere instrumentale Bearbeitungen als Schlesier-Marsch (Kehr ich einst zur Heimat wieder), darunter 1934 für Mandolinenquartett (Verlag Robert Rühle, Berlin) und 1942 als Akkordeonfassung (Bearb. Hans Jungherr).[16][17]
Rezeption
Im deutschen Sprachraum wurde das Schlesierlied über Jahrzehnte hinweg in Volksliedsammlungen, bei geselligen Anlässen und in Gesangsbüchern tradiert; es zählt zu den bekanntesten deutschen Liedern, die als heimatliche und regionale Hymnen wahrgenommen werden. Zwar besaß das Lied in der deutschen Provinz Schlesien keinen offiziellen rechtlichen Status wie eine Landeshymne, im Deutschen Kaiserreich gab es grundsätzlich keine offiziellen Hymnen.[18]
Bereits in den 1920er Jahren wurde das Lied häufig in Liederbüchern abgedruckt, so zum Beispiel im „Liederbuch der deutschen Polizei“ 1928.[19] In den folgenden Jahren fand es großen Anklang und war sowohl in Volks- auch in Soldatenliederbüchern häufig zu finden.[19] In den 1930er Jahren findet sich das Stück im Liederbuch „Lieb Vaterland“ und im „Schlesischen Liederbuch“.[20] Da es darüber hinaus mehrere instrumentale Bearbeitungen als Marsch erfuhr, wurde das Lied also bereits in dieser Zeit in politischen und militärischen Gebrauchskontexten institutionalisiert.
In der Nachkriegszeit avancierte es dann einerseits zu einem der zentralen Gemeinschaftslieder, das als musikalischer Erinnerungsraum fungierte und an die alte Heimat erinnerte. Angesichts des kollektiven Traumas von Flucht und Vertreibung konnte damit weiterhin eine kollektive Identität zum Ausdruck gebracht werden. Das gemeinsame Singen – insbesondere bei zeremoniellen Anlässen der Vertriebenenverbände wie etwa dem BdV – zeigt seinen hohen Stellenwert in der Musikkultur der Vertriebenen.[21][22] Dies spiegelt sich zum Beispiel in Veröffentlichungen wie der Schallplatte Die schönsten Lieder aus der alten Heimat aus dem Jahre 1974 wider, auf denen Kehr ich einst zur Heimat wieder neben anderen Volksliedern aus den 1945 verlorenen Gebieten Deutschlands zu hören ist.[23] Bei geselligen Veranstaltungen und Treffen schlesischer Gemeinschaften wird das Lied bis heute gesungen und dient dabei dem Ausdruck kultureller Identität schlesischer Gemeinschaften im In- und Ausland. In dem 2020 vom Beauftragten der Sächsischen Landesregierung für Vertriebene und Spätaussiedler initiierten Buch „Lieder der Deutschen im östlichen Europa“ ist es ebenfalls enthalten.[24]
Auf der anderen Seite wurde das Lied weiterhin im militärischen Kontext genutzt. So taucht es im „Liederbuch der Bundeswehr“ von 1962 und im „Liederbuch für Fallschirmjäger“ von 1983 auf.[25] Zum Stopp der Verbreitung des Liederbuches „Kameraden singt“ durch den sogennanten „Traditionserlass“ 2017 war es nicht mehr im Liederbuch enthalten. Jedoch existiert noch eine Auskopplung des Marinemusikkorps Nordsee und des Luftwaffenmusikkorps 4 der Bundeswehr, wo es im Album „Unsere Jungs von der Bundeswehr“ firmiert.[26]
Auch in der populären Musik findet Kehr ich einst zur Heimat wieder breite Verwendung, im diesem Kontext wurde das Lied mehrfach neu interpretiert und in verschiedenen Aufnahmen veröffentlicht; beispielsweise erschien 1977 eine Version des deutschen Schlagersängers Heino (Schlesierlied („Kehr ich einst zur Heimat wieder“)) im Rahmen seiner Heimat- und Volkslied-Produktionen.[27] Die von Heino gesunge Version nutzt im Refrain nicht den gängigeren Vers „…am Oderstrand“, sondern die oben beschriebene Variante „…, mein Heimatland“. Später nahm er es auch in seine musikalische Kompilation „Die schönsten deutschen Heimat‑ und Vaterlandslieder“ (1980) auf, wo das Lied als „Volksweise aus Schlesien“ geführt wird.
Das Lied gehört zudem zu vielen Sammlungen deutscher Heimat- und Vaterlandslieder, in denen es im Zusammenhang mit anderem regionalen Liedgut veröffentlicht wurde. Es existiert eine für Schwaben umgedichtete Version.[28] In Gesangs- bzw. Chorbüchern taucht es weiterhin als programmfähiges Lied auf.[29] Online-Notenportale bieten transponierte Fassungen (A-Dur bis G-Dur) samt Text an, Liedarchive die dazugehörigen MIDI-/Noten-Downloads.[30]
Weblinks
- Schlesierlied, Text auf der Seite der Landsmannschaft Schlesien
- Schlesierlied, Choralversion auf Youtube
- Allgemein zum Thema Musikkultur der Vertriebenen in der BRD: Doktorarbeit von Sarah Brasack an der Universität Bonn (2015) mit dem Titel: Resonanzen und Repräsentationen der Alten Heimat. Musik und Musikkultur der Vertriebenen in der Bundesrepublik Deutschland. URL: https://bonndoc.ulb.uni-bonn.de/xmlui/bitstream/handle/20.500.11811/6353/4013.pdf?sequence=1 (zuletzt abgerufen am 2. März 2026).