Schule von Gaza
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Die Schule von Gaza war ein Kreis von Intellektuellen in der spätantiken Stadt Gaza. Hierzu werden als Hauptvertreter Aineias von Gaza, Prokopios von Gaza und Chorikios von Gaza gerechnet, außerdem Zacharias Scholastikos, Zosimos von Gaza (Kommentator der Werke des Lysias und des Demosthenes), Johannes von Gaza (Verfasser einer Ekphrasis) und Timotheos von Gaza (Universalgelehrter, der über Zoologie ebenso wie über Syntax schrieb). Prokopios von Caesarea erhielt seine rhetorisch-literarische Ausbildung in Gaza.[1]

Voraussetzungen

Gaza wurde im 5. und frühen 6. Jahrhundert „zum Schauplatz der letzten Blüte griechischer Rhetorik“ aufgrund der geografischen Nähe zur Metropole Alexandria.[2] Hier hatten die Hauptvertreter der Gazaner Schule studiert – Ausgrabungen im Zentrum Alexandrias (Kom el-Dikka) brachten ein im 5. / 6. Jahrhundert neu erbautes akademisches Viertel mit mindestens 25 Hörsälen ans Licht.[3] Die Gazaner Studenten brachten aus Alexandria neben einer sehr guten Rhetorikausbildung auch eine neuplatonische Prägung mit.[4]
Gaza und seine Schule
Der Begriff Schule von Gaza sollte, so Robert J. Penella, nicht den Eindruck einer Institution wecken, es handelt sich eher um einen Zirkel gleichgesinnter Sophisten und Rhetoriker. Immerhin gab es in Gaza aber einen aus öffentlichen Mitteln finanzierten Lehrstuhl für Rhetorik, den Chorikios innehatte. Zu seinen Aufgaben gehörte es deshalb, bei bestimmten Gelegenheiten für die Stadt Gaza das Wort zu ergreifen: etwa bei Einweihung oder Abschluss der Instandsetzung der Sergios- und der Stephanoskirche oder zur Beisetzung der Mutter des Bischofs Maurikios. Auch Prokopios verfasste panegyrische Reden, von denen allerdings wenig erhalten blieb.[5]
Adolf Martin Ritter sieht im Gegensatz zu Penella durchaus einen organisierten und von der Stadtgemeinde finanzierten Schulbetrieb in Gaza. An der Spitze stand stets nur ein Sophist (der deshalb konkurrenzlos blieb), außerdem gab es mindestens einen Rhetoriklehrer und zwei für die griechische Elementarbildung zuständige grammatikoi sowie einen Lateinlehrer (ῥωμαικός rhōmaïkós). Studenten mit höheren Ambitionen, etwa in der Rechtswissenschaft, mussten Gaza verlassen und nach Alexandria oder Berytos wechseln.[6]
Im Dionysos-Theater der Stadt Gaza fanden häufig Festspiele (wohl pantomimische Darbietungen) statt, die gut besucht waren und vom Kaiserhof von Konstantinopel finanziell gefördert wurden.[7]
Hauptvertreter
Aineias
Aineias als frühester bedeutender Vertreter der Schule von Gaza ist als Verfasser des neuplatonischen Dialogs Theophrastus sowie durch eine Sammlung von 25 Briefen bekannt. Zeitgeschichtliche Anspielungen im Theophrastus erlauben eine Datierung des Werks in die Jahre 485–490. Aus Aineias’ Briefen geht hervor, dass er in Alexandria studiert hatte und daraufhin in Gaza eine Rhetorenschule gründete und leitete.[8] Seine Briefsammlung zeigt den in Gaza bereits etablierten Aineias in Mittelpunkt eines Beziehungsnetzwerks. Die Briefe sind kurz, schlicht und doch formal-stilistisch sorgfältig gestaltet. Aineias erscheint darin als Intellektueller, der den Problemen seiner Briefpartner aufmerksam zugewandt ist, mögen diese nun groß oder klein sein, „und sich geflissentlich bemüht, vom Schicksal verhängtes Leid mit heiterer Menschlichkeit und Zutrauen in seine Nächsten zu lindern.“[9] Auffälligerweise erwähnte Aineias im Theophrastus weder den Namen Christus, noch zitierte er aus der Bibel. Obwohl er die Werke christlicher Theologen nachweislich benutzte, führte er sie nicht namentlich an. Manfred Wacht erläutert, dass Aineias’ Schrift unter Neuplatonikern für das Christentum warb. Der Verfasser verzichtete demnach auf christliche Sondersprache und zitierte keine christlichen Autoritäten, weil er damit bei der Leserschaft keinen Eindruck machen konnte.[10]
Prokopios
Als bedeutendster Vertreter der Schule von Gaza gilt Prokopios. Er war wahrscheinlich der Bruder des Kirchenhistorikers und Bischofs von Mytilene Zacharias Scholastikos und stammte wie dieser aus Gazas Hafen Maioumas.[11] Nach eigenen Angaben erhielt er seine Ausbildung mindestens teilweise in Alexandria und kehrte dann nach Gaza zurück. Aineias bezeichnete ihn als seinen Schüler.[12] Prokopios war in Gaza als Rhetoriklehrer tätig und hinterließ ein vielfältiges Werk, das sowohl rhetorisch-sophistische Schriften als auch Bibelkommentare und zahlreiche Briefe umfasste. Dieses Briefcorpus zeigt Prokopios als Intellektuellen, der sich seinen Briefpartnern sprachlich anzupassen wusste. Zahlreiche Empfehlungsschreiben zeigen, wie Prokopios selbstbewusst mit der Elite, namentlich in der höheren Beamtenschaft am Kaiserhof von Konstantinopel, korrespondierte. Dabei war er eigener Darstellung nach bestrebt, Hilfsbedürftige aus einfachen Verhältnissen zu unterstützen und in juristischen Fragen der gerechten Sache zum Erfolg zu verhelfen. Seine Beziehung zu kirchlichen Kreisen war ebenso wie bei Aineias eindeutig gut, aber Kontakte pflegte er vorzugsweise mit Personen aus Kultur und Verwaltung sowohl in seiner Heimatstadt Gaza als auch in Alexandria und Caesarea Maritima. Obwohl Prokopios sich im Christentum verortete, fand er in der klassischen, insbesondere homerischen Mythologie einen reichen Fundus an „Figuren, Episoden und erinnerungswürdigen Leitgedanken.“[13]
Zu den Schülern des Prokopios gehörte der spätere Bischof von Gaza, Markianos.[14]
Chorikios
Chorikios studierte bei Prokopios, und als dieser 528 starb, folgte er ihm in der Leitung der Schule von Gaza nach, die er wohl bis zu seinem eigenen Tod in den 540er Jahren innehatte. Seine über 40 Werke wurden möglicherweise von ihm selbst oder einem seiner Schüler zusammengestellt und umfassen „epideiktische Reden, Deklamationen und kurze Dialexeis.“[15]
Literatur
- Félix-Marie Abel: Gaza au VIe siècle d’après le rhéteur Chorikos. In: Revue Biblique, Band 40 (1931), S. 5–31.
- Brouria Britton-Ashkelony, Aryeh Kofsky (Hrsg.): Christian Gaza in Late Antiquity (= Jerusalem Studies in Religion and Culture, Band 8). Brill, Leiden / Boston 2004.
- Michael W. Champion: Explaining the Cosmos: Creation and Cultural Interaction in Late-Antique Gaza. OUP, Oxford / New York 2014.
- Francesco Fiorucci: Sophistische Epistolographie der Spätantike. In: Bernhard Zimmermann, Antonios Rengakos (Hrsg.): Die pagane Literatur der Kaiserzeit und der Spätantike (= Handbuch der griechischen Literatur der Antike, Band 3/1). Beck, München 2022, S. 901–941.
- Robert J. Penella (Hrsg.): Rhetorical Exercises from Late Antiquity: A Translation of Choricios of Gaza’s Preliminary Talks and Declamations. Cambridge University Press, Cambridge / New York 2009.
- Robert J. Penella: The rhetorical works of the school of Gaza. In: Byzantinische Zeitschrift, Band 113 (2020), S. 111–174.
- Delphine Renault: The Influence of Alexandria on the Intellectual Life of Gaza. In: Tomasz Derda, Tomasz Markiewicz, Ewa Wipszycka (Hrsg.): Alexandria: Auditoria of Kom el-Dikka and Late Antique Education. Konferenzschrift, Universität Warschau 2007, S. 169–175.
- Catherine Saliou (Hrsg.): Gaza dans l'antiquité tardive: archéologie, rhétorique et histoire; actes du colloque international de Poitiers (6 – 7 mai 2004). Helios, Salerno 2005.
- Kilian Seitz: Die Schule von Gaza: Eine litterargeschichtliche Untersuchung. Winter, Heidelberg 1892. (Digitalisat)
- Jan Stenger: Chorikios und die Ekphrasis der Stephanoskirche von Gaza: Bildung und Christentum im städtischen Kontext. In: Jahrbuch für Antike und Christentum, Band 53 (2010), S. 81–103.
- Manfred Wacht: Aeneas von Gaza als Apologet: Seine Kosmologie im Verhältnis zum Platonismus (= Theophaneia, Band 21). Hanstein, Bonn 1969.