Sebastian Conrad

deutscher Historiker From Wikipedia, the free encyclopedia

Sebastian Conrad (* 19. März 1966 in Heidelberg[1]) ist ein deutscher Historiker. Seine Forschungsschwerpunkte liegen in der Globalgeschichte sowie in der Kolonialgeschichte und der Geschichte der Geschichtsschreibung. Seit 2010 lehrt er als Professor für Neuere Geschichte an der Freien Universität Berlin.

Sebastian Conrad (2025)

Leben

Sebastian Conrad studierte Geschichte, Japanologie und Volkswirtschaftslehre an der Universität Bonn der Osaka Gaikokugo-Universität sowie an der Freien Universität Berlin.[2][3] Nach einem Forschungsaufenthalt an der Universität Tokio wurde er 1999 mit einer vergleichenden Arbeit zur Geschichtsschreibung in Japan und der Bundesrepublik Deutschland an der Freien Universität Berlin promoviert. Für seine Dissertation erhielt er im selben Jahr den Dissertationspreis der Ernst-Reuter-Gesellschaft. Ebenfalls 1999 wurde er in die Junge Akademie aufgenommen. Von 1999 bis 2003 arbeitete Conrad als wissenschaftlicher Mitarbeiter, 2003 bis 2007 dann als Juniorprofessor am Fachbereich Geschichtswissenschaften der Freien Universität Berlin.[2]

2007 wechselte er als Professor für Geschichte an das Europäische Hochschulinstitut in Florenz.[4][5] Im Jahr 2010 kehrte Conrad als Professor für Neuere Geschichte an die Freie Universität Berlin zurück. Seit 2012 bietet die Universität den Masterstudiengang „Global History“ in Kooperation mit der Humboldt-Universität[6] an, den er seitdem leitet.[7][8]

Conrad war als Gastprofessor und Gastwissenschaftler an der École des hautes études en sciences sociales in Paris und an der University of California, Santa Barbara; als Theodor-Heuss-Professor an der New School in New York sowie als Fellow am Wissenschaftskolleg zu Berlin und am Tokyo College der University of Tokyo.[5][7]

2018 wurde er in die Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften[9] und in die Academia Europaea[4] aufgenommen.[5] 2025 wurde Conrad der Schader-Preis verliehen.

Forschung

Sebastian Conrads Forschungsgebiete umfassen die Globalgeschichte, die Kolonialgeschichte sowie die Geschichte der Geschichtsschreibung.

In seiner Dissertation Auf der Suche nach der verlorenen Nation. Geschichtsschreibung in Westdeutschland und Japan, 1945–1960 (1999) untersuchte er vergleichend, wie in der Geschichtswissenschaft beider Länder nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs die Geschichte der eigenen Nation neu geschrieben wurde.

In Globalisierung und Nation im Deutschen Kaiserreich (2006) analysierte Conrad die Zusammenhänge zwischen den Prozessen der Globalisierung und der nationalen Identitätsbildung im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert. Er argumentiert darin, dass Globalisierung und Nationalismus in keinem Gegensatz stünden, sondern dass das Deutsche Kaiserreich seine nationale Selbstdefinition im Kontext einer zunehmend global vernetzten Welt entwickelte. Die Darstellung betont insbesondere die Rolle kolonialer Diskurse, Rassentheorien und imperialer Ambitionen und beschreibt, wie diese das nationale Denken beeinflussten und zu einer zunehmenden Verflechtung zwischen globaler Expansion und nationaler Selbstbehauptung führten.

Mit seinem Überblickswerk Deutsche Kolonialgeschichte (5. Auflage 2023) nimmt Conrad eine Neubewertung der deutschen Kolonialpolitik und ihrer Bedeutung für die nationale Geschichte vor. Er argumentiert, dass der deutsche Kolonialismus – obwohl zeitlich begrenzt – ein zentraler Bestandteil der deutschen Moderne war. Zudem betont er, dass der Kolonialismus nicht nur ein außenpolitisches oder wirtschaftliches Phänomen darstellte, sondern tief in die deutsche Gesellschaft, Kultur und Wissenschaft hineinwirkte.

Conrad veröffentlichte 2016 mit What Is Global History? eine Einführung in Konzepte, Fragestellungen und Methoden der Globalgeschichte. Das Buch diskutiert die Entwicklung des Forschungsfeldes und behandelt grundlegende Fragen nach der Abgrenzung zur Weltgeschichte, nach dem Umgang mit Eurozentrismus, nach Möglichkeiten des historischen Vergleichs sowie nach den politischen Implikationen globalhistorischer Ansätze. Darüber hinaus behandelt es methodische Grenzen und Herausforderungen des globalgeschichtlichen Arbeitens.

In Kulturgeschichte globaler Transformation, 1750–1870 (2016) argumentiert Conrad, dass zentrale Dimensionen der modernen Kulturgeschichte – etwa das Verständnis von Zeit und Raum, die Geschichte der Aufklärung, die Geschichte der Religionen – nur im globalen Kontext angemessen verstanden werden können. Er zeigt dabei, dass zentrale kulturelle Veränderungen dieser Epoche in Reaktion auf global wirksame Herausforderungen standen.

Sein Werk Die Königin. Nofretetes globale Karriere (2024) befasst sich mit der globalgeschichtlichen Rezeptionsgeschichte der Nofretete-Büste seit ihrer Entdeckung 1912 und ihrer ersten Ausstellung 1924. Conrad untersucht, wie die Büste im Spannungsfeld von Archäologie, Kolonialismus, Nationalismus und kultureller Identität zu einer globalen Ikone wurde und in unterschiedlichen historischen und kulturellen Kontexten jeweils neu interpretiert wurde. Zudem thematisiert er, wie die Debatten um die Büste Fragen nach Besitz, Herkunft und kultureller Aneignung berühren.

Rezeption

Conrads Buch What Is Global History? (2016) wurde international breit rezipiert und in mehreren Rezensionen als Referenzwerk des Feldes der Globalgeschichte eingeordnet. In The Guardian lobte Serge Gruzinski das Werk als exzellenten Überblick („an excellent survey“) über das Forschungsfeld und hob seine präzise, ausgewogene und überzeugende Darstellung hervor.[10] Pankaj Mishra schrieb im BBC History Magazine, er könne sich kein besseres Einführungswerk („can’t think of a more useful guide“) in die Globalgeschichte vorstellen.[11] Cyrus Schayegh charakterisierte das Buch in einer Rezension für sehepunkte als neuen Goldstandard („new gold standard“) des Fachs und bezeichnete es als scharfsinnig, ausgewogen und auf den Punkt gebracht.[12] Christopher Goscha nannte das Werk ein Juwel („gem of a book“), dem es auf brillante Weise gelinge, die Komplexität des Forschungsfeldes verständlich zu vermitteln, ohne die Leserschaft im theoretischen Fachjargon zu verlieren.[13] Das Buch wurde in vierzehn Sprachen übersetzt.

Die Königin. Nofretetes globale Karriere (2024) wurde im Erscheinungsjahr sowohl für den Deutschen Sachbuchpreis[14] als auch für den NDR Sachbuchpreis[15] nominiert. Der Deutschlandfunk bezeichnete die Lektüre als „faszinierend“; Conrad gelinge es, „ausgehend von einem ikonischen Kunstwerk eine wirklich globale Geschichte der letzten 100 Jahre und der großen, heute besonders aktuellen Debatten um weltweite Machtverhältnisse zu erzählen.“[16] Ronald Düker lobte Conrad in der Zeit als „glänzenden Erzähler“.[17] Suzanne Marchand würdigte in sehepunkte insbesondere die Abschnitte zur Frage der rassifizierten Identität Nofretetes und hob hervor, Conrad gelinge eine überzeugende Analyse der politischen, persönlichen und kommerziellen Agenden, die die entsprechenden Deutungen prägen („does a marvelous job of critically assessing the agendas“).[18]
Die Ägyptologin Susanne Voss äußerte in der Orientalistischen Literaturzeitung hingegen deutliche Kritik. Sie bemängelte „widersprüchlich(e) und kontrafaktisch(e)“ Argumentationen und warf Conrad vor, seine Darstellung der Fundteilung reihe sich „in die andauernden antisemitischen Diffamierungen“ ein, denen der jüdische Ausgräber Ludwig Borchardt „zeit seines Lebens und verschärft nach 1933 erleiden musste“.[19]
In einem Beitrag der Frankfurter Allgemeinen Zeitung reagierte Conrad auf diese Kritik. Er wies den Vorwurf zurück und argumentierte, die Debatte über die Fundteilung habe nichts mit Borchardts Religionszugehörigkeit zu tun; die damalige Regelung, bei der die Hälfte der Funde an die Sponsoren der Grabungen ging, sei vielmehr Ausdruck kolonialer Machtverhältnisse gewesen und sei nach der ägyptischen Unabhängigkeit 1922 abgeschafft worden.[20]

Schriften (Auswahl)

Monografien

  • Auf der Suche nach der verlorenen Nation. Geschichtsschreibung in Westdeutschland und Japan, 1945–1960 (= Kritische Studien zur Geschichtswissenschaft. Bd. 134). Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1999, ISBN 3-525-35798-2 (Zugleich: Berlin, Freie Universität, Dissertation, 1999; in englischer Sprache: The Quest for the lost Nation. Writing History in Germany and Japan in the American Century (= The California World History Library. Bd. 12). Translated by Alan Nothnagle. University of California Press, Berkeley (CA) u. a. 2010, ISBN 978-0-520-25944-7).
  • Globalisierung und Nation im Deutschen Kaiserreich. C.H. Beck, München 2006, ISBN 3-406-54965-9 (In englischer Sprache: Globalisation and the nation in imperial Germany. Translated by Sorcha O’Hagan. Cambridge University Press. Cambridge u. a. 2010, ISBN 978-0-521-17730-6).
  • Deutsche Kolonialgeschichte (= Beck’sche Reihe 2448). C.H. Beck, München 2008, ISBN 978-3-406-56248-8. (In englischer Sprache: German Colonialism: A Short History, Translated by Sorcha O'Hagan. Cambridge University Press 2012, ISBN 978-1-107-40047-4.)
  • Globalgeschichte. Eine Einführung (= Beck’sche Reihe 6079). C.H. Beck, München 2013, ISBN 978-3-406-64537-2.
  • What is Global History? Princeton University Press, Princeton, N.J. 2016, ISBN 978-1-4008-8096-6.
  • Verso il mondo moderno: Una storia culturale Giulio Einaudi editore s.p.a., Turin 2022; ISBN 978-88-06-25407-0.
  • Die Königin. Nofretetes globale Karriere. Propyläen, Berlin 2024, ISBN 978-3-549-10074-5.[21]

Als Herausgeber

Buchbeiträge

  • Eine Kulturgeschichte globaler Transformation, 1750–1870. In: Sebastian Conrad, Jürgen Osterhammel (Hrsg.): Wege zur modernen Welt, 1750–1870 (Geschichte der Welt, Band 4). C. H. Beck, München 2016, S. 411–625, ISBN 978-3-406-64104-6. (in Englisch: A Cultural History of Global Transformation , in: An Emerging Modern World. Harvard University Press 2018, 433–708, ISBN 978-0-674-04720-4)

Einzelnachweise

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