Serapis
ägyptische Gottheit
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Serapis (griechisch Σάραπις / Sarapis; später auch Σέραπις) ist eine Gottheit, deren Ursprung in Ägypten liegt, deren Bedeutung sich aber seit der hellenistischen Zeit weit über Ägypten hinaus im gesamten Mittelmeerraum entfaltet hat. Der Name geht auf die Verbindung von Osiris und Apis zurück, also auf Wsjr-Hp, den ägyptischen Osiris-Apis. Die ältesten griechischen Wiedergaben zeigen noch die Form Ὀσοραπις beziehungsweise Ὀσεραπις; erst später wurde der Anfangslaut als bestimmter Artikel missverstanden und abgetrennt, woraus die bekannte griechische Form Sarapis entstand. Damit ist bereits sprachlich sichtbar, dass Serapis eine aus ägyptischen religiösen Vorstellungen entwickelte und im hellenistischen Kontext neu interpretierte Gottheit ist.
| Serapis in Hieroglyphen | |
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| Griechisch | Σαραπις (Sarapis) |
Geschichtliche Entwicklung der Serapis-Kultes
Der Gott Serapis verdankt seinen Namen einer Verkürzung von Ὀσορᾶπις beziehungsweise Ὀσεράπις, die ihrerseits auf die ägyptische Wortverbindung Wsjr-Ḥp – „Osiris-Apis“ – zurückgeht. In den frühesten griechischen Zeugnissen aus Memphis, etwa im sogenannten Fluch der Artemisia (UPZ 1, 4. Jahrhundert v. Chr.), erscheint der Name noch in der Form οσεραπις. Weil man den Anlaut in der Folge fälschlich als den bestimmten Artikel ὁ auffasste, trenne er sich vom eigentlichen Namen ab. Hinter dem ägyptischen Anteil des Gottes verbirgt sich somit die Verehrung des verstorbenen und zu Osiris gewordenen heiligen Stiers von Memphis, wobei dem Totengott Osiris theologisch das größere Gewicht zukommt. Die Zusammenfassung der zahllosen verstorbenen Apis-Stiere zu einer einzigen, spezifisch memphitischen Erscheinungsform des Osiris ist dabei als genuin ägyptische Entwicklung zu verstehen, die im erhaltenen Tempelbau Nektanebos’ II. im Serapeum von Memphis ihren architektonischen Ausdruck findet – wenngleich inschriftliche Zeugnisse und wiederverwendete Bauglieder belegen, dass an dieser Stelle bereits in ramessidischer Zeit, im 13. und 12. Jahrhundert v. Chr., ältere Kultbauten bestanden.
Innerhalb Ägyptens ist der Gott unter seinem traditionellen Namen Wsjr-Ḥp landesweit im ptolemäischen Königseid bezeugt, wo er gemeinsam mit Isis und der Gesamtheit der ägyptischen Götter angerufen wird; auch die zweisprachigen Inschriften des alexandrinischen Serapeums setzen die Hieroglyphenform Wsjr-Ḥp der griechischen Bezeichnung Serapis gleich.
Ansonsten begegnet der Gott in ägyptischen Quellen fast ausschließlich im memphitischen Raum, etwa in Bittbriefen von Gläubigen, wie sie auf den Papyri Kairo CG 31045 aus saitischer und CG 50117 aus ptolemäischer Zeit überliefert sind. Anders als der griechische Serapis wird der ägyptische Wsjr-Ḥp dabei nicht als singuläre, herausgehobene Gestalt behandelt, sondern tritt gleichrangig neben andere vergöttlichte Stiere wie den heliopolitanischen Wsjr-Mr-wr (Osiris-Mnevis); auch der lebende Apis-Stier bleibt in memphitischen Texten neben Osiris-Apis präsent.
Für die griechische Welt gewann der Kult erst unter den Ptolemäern eigenständige Bedeutung. Bereits Ptolemaios I. Soter erkannte rasch, welchen Stellenwert der einheimische Kult für seine Herrschaft besitzen konnte, und wandte, wie Diodor berichtet, fünfzig Talente für das Begräbnis eines Apis-Stiers auf. Die Überlieferung nennt übereinstimmend die ersten drei ptolemäischen Herrscher als Begründer des großen Serapeums von Alexandria. Der eigentlichen Kultlegende zufolge – überliefert bei Tacitus (Hist. 4,83f.) und Plutarch (De Iside 28) – soll Ptolemaios I. aufgrund einer Traumweisung eine Statue des Pluton aus dem kleinasiatischen Sinope nach Alexandria haben bringen und im neuen Heiligtum in Rhakotis aufstellen lassen; an der theologischen Deutung des importierten Gottes als Unterweltsherrscher soll der Priester Manetho mitgewirkt haben.
Als Schöpfer der ersten Kultstatue gilt der Bildhauer Bryaxis. Sein Werk dürfte – sofern die aus der Kaiserzeit überlieferten Darstellungen des sitzenden, bärtigen Gottes mit dem charakteristischen Kalathos, einem mit Getreideähren verbundenen Kornmaß auf dem Haupt, tatsächlich auf seine Statue zurückgehen – den Serapis von Beginn an in der Gestalt einer griechischen Vatergottheit gezeigt haben. Damit wäre der memphitische Osiris-Apis bereits in der ursprünglichen alexandrinischen Kultform einer weitgehenden hellenischen Umdeutung unterzogen worden. Münzprägungen Ptolemaios’ II. bis IV. hingegen, die einen Zeuskopf mit der ägyptischen Atef-Krone zeigen, folgen erkennbar der offiziellen Religionspolitik und betonen stärker den Bezug zu Osiris. Auch die von Ptolemaios III. errichtete Anlage des alexandrinischen Serapeums mit ihren unterirdischen Galerien sowie die bezeugten Verbindungen memphitischer Priester zum alexandrinischen Heiligtum lassen erkennen, dass ägyptische Elemente im Kult keineswegs verschwanden.
Theologisch bildet der unterweltliche und zugleich fruchtbarkeitsspendende Osiris die Grundlage der Serapis-Gestalt; aus griechischer Perspektive ließ sich der Gott daher zugleich mit Dionysos, Hades, Zeus und Asklepios gleichsetzen. Diese vielschichtige Deutbarkeit kam den dynastischen Interessen der Ptolemäer entgegen: Als Schutzgott (πολιεύς) der neuen Hauptstadt Alexandria vereinte Serapis ägyptische und griechisch-ptolemäische Traditionslinien in einer Figur. Obwohl er vielfach zusammen mit Isis auf Weihungen erscheint, Adressat zahlreicher Gebete wurde und eng mit dem Königshaus verbunden blieb, verdrängte er im mythischen und rituellen Kontext den eigentlichen Osiris nicht von dessen zentraler Stellung; das Bewusstsein der ursprünglichen Identität beider Gestalten blieb in Ägypten, etwa in Abydos und auf Philae, bis in die Kaiserzeit lebendig, auch wenn sich der Gebrauch der beiden Namen früh funktional auseinanderentwickelte.
Von Memphis aus verbreitete sich zudem die Funktion des Serapis als Heilgott, besonders in Alexandria und in Kanopos mit seinem bekannten Heilschlaf-Orakel. Auf Delos, wo sich die dichteste Konzentration einschlägiger Inschriften und Heiligtümer findet, begründeten in der ersten Hälfte des 3. Jahrhunderts v. Chr. memphitische Priester den Kult nach dem Vorbild des heimischen Serapeums; zunächst amtierten dort ausschließlich Ägypter als Priester, seit dem ausgehenden 3. Jahrhundert v. Chr. jedoch auch Einheimische und athenische Bürger. Von Delos gelangte der Kult weiter nach Italien, etwa in das Serapeum von Puteoli im 2. Jahrhundert v. Chr., wohl vor allem durch Kaufleute vermittelt; in der römisch-republikanischen und frühen Kaiserzeit trat Serapis dort zunächst kaum ohne Isis in Erscheinung. Tempel entstanden auch in Athen und Korinth, seine Anhänger organisierten sich als Sarapiastai in Vereinen (thiasoi). Durch die Verallgemeinerung seiner helfenden, rettenden Funktion (epekoos) wurde er zunehmend als soter verehrt und der königlichen, später der kaiserlichen Familie eng zugeordnet.
Den entscheidenden Impuls für die Verbindung mit dem römischen Kaiserhaus gab Vespasian, der in Alexandria zum princeps ausgerufen wurde und dessen besondere Beziehung zu Serapis mehrfach bezeugt ist.
Alexandrinische Münzen und ein erhaltenes Kameo zeigen Hadrian und Faustina in der Gestalt von Serapis und Isis, während die hadrianische Formel „für Zeus Helios den Großen Serapis“ erstmals die Verschmelzung mit dem Sonnengott dokumentiert. Unter Commodus erscheint der Gott als „Serapis Conservator“ auf Münzen, ein Hinweis auf seine Rolle als Schützer der Getreideflotten aus Ägypten. Bildnisse des Septimius Severus übernehmen mit den in die Stirn fallenden Locken bewusst ikonographische Merkmale des Serapis, und Caracalla weihte dem alexandrinischen Serapis das Schwert, mit dem er seinen Bruder ermordet hatte, und ließ ihm auf dem Quirinal einen Tempel errichten – vielleicht als Gegenstück zum kapitolinischen Iuppiter-Tempel. Über Delos und Italien hinaus verbreitete sich der Kult schließlich bis in den äußersten Westen des Reiches, etwa nach Ampurias und York, ebenso wie innerhalb Ägyptens zahlreiche weitere Serapeen im Fajjum sowie in Oxyrhynchos, Tehne, Hermupolis magna, Luxor, Hierasykaminos, an den Steinbrüchen des Mons Claudianus und Mons Porphyrites, in Berenike Troglodytike sowie in Kom Ombo und Elephantine entstanden.
Bis weit ins 5. Jahrhundert n. Chr. erscheint Serapis auf Münzen anlässlich der jährlichen vota publica sowie auf Kontorniaten, die römische Kaiser als Neujahrsgaben verteilten – ein Zeichen dafür, dass er, selbst als seine religiöse Bedeutung im Schwinden begriffen war, weiterhin als Sinnbild für Ägypten und dessen für das Reich unentbehrliche Getreideversorgung galt, eine Garantie des öffentlichen Wohlergehens, die auch Christen zu schätzen wussten. Ein Ende fand der Kult infolge von Theodosius’ Erhebung des Christentums zur alleinigen Staatsreligion im Jahr 391 n. Chr. als unter der Aufsicht des Patriarchen Theophilos die großen Heiligtümer in Alexandria und Kanopos zerstört wurden.
Heiligtümer
- in Alexandria
- in Kanopus bei Alexandria
- in Herakleion
- in Mons Claudianus
- in Mons Porphyrites
- in Tehna el-Gebel
- in Luxor
- in Marathon
- in Korinth – Südstoa
- in Argos
- in Philippi
- auf Delos
- in Lindos
- in Alt-Thera auf Santorin
- in Gortyn
- Rote Halle in Pergamon
- in Ephesos
- in Sinop
- in Magnesia
- in Priene
- in Milet
- in Soli
- in Syrakus
- in Rom – Aedes Serapis
- in Rom – Iseum Campense
- in Rom – Iseum Metellinum
- in der Hadriansvilla bei Tivoli
- in Ostia Antica
- in Pozzuoli
- in Aquileia
- in Panóias
- in Ampurias
- in York – Eburacum
- in Kyrene
- in Leptis Magna
- in Sabratha
- in Karthago
- in Timgad
- in Lambaesis
Siehe auch
Literatur
- Jaime Alvar: Romanising Oriental Gods. Myth, Salvation and Ethics in the Cults of Cybele, Isis and Mithras. Brill, Leiden / New York 2008, ISBN 978-90-04-13293-1.
- Roland Baumgarten: Heiliges Wort und Heilige Schrift bei den Griechen. Hieroi logoi und verwandte Erscheinungen (= ScriptOralia. Reihe A, altertumswissenschaftliche Reihe. Band 26). Narr, Tübingen 1998, ISBN 3-8233-5420-5, S. 203–210; Zugleich: Dissertation, Universität Freiburg (Breisgau) 1994.
- Thorsten Fleck: Isis, Sarapis, Mithras und die Ausbreitung des Christentums im 3. Jahrhundert. In: Klaus-Peter Johne (Hrsg.): Deleto paene imperio Romano. Transformationsprozesse des Römischen Reiches im 3. Jahrhundert und ihre Rezeption in der Neuzeit. Steiner, Stuttgart 2006, ISBN 3-515-08941-1, S. 289–314.
- Kathrin Kleibl: Iseion. Raumgestaltung und Kultpraxis in den Heiligtümern gräco-ägyptischer Götter im Mittelmeerraum. Wernersche Verlagsgesellschaft, Worms 2009.
- Reinhold Merkelbach: Isis regina – Zeus Sarapis. Die griechisch-ägyptische Religion nach den Quellen dargestellt. Saur, München / Leipzig 2001, ISBN 3-598-77427-3.
- Maria Totti: Ausgewählte Texte der Isis- und Sarapis-Religion. Olms, Hildesheim / Zürich / New York 1985, ISBN 3-487-07678-0.
- Wilhelm Hornbostel: Sarapis. Studien zur Überlieferungsgeschichte, der Erscheinungsformen und Wandlungen der Gestalt eines Gottes. Brill, Leiden 1973, ISBN 90-04-03654-7.
- Ernst Schmidt: Die Einführung des Sarapis in Alexandria. (= Roman history pamphlets. Public & private antiquities. Band 431). Lippert, Naumburg 1909; zugleich: Dissertation, Ruprecht-Karls-Universität, Heidelberg 1909
- Kurt Sethe: Sarapis und die sogenannten katochoi des Sarapis. Zwei Probleme der griechisch-ägyptischen Religionsgeschichte. Weidmann, Berlin 1913.
- Sarolta A. Takács: Isis and Sarapis in the Roman world. Brill, Leiden / New York 1995, ISBN 90-04-10121-7.
- Ladislav Vidman: Isis und Sarapis bei den Griechen und Römern. Epigraphische Studien zur Verbreitung und zu den Trägern des ägyptischen Kultes. de Gruyter, Berlin 1970.
- Otto Weinreich: Neue Urkunden zur Sarapis-Religion. Mohr, Tübingen 1919.
- Robert A. Wild: Water in the cultic worship of Isis and Sarapis. Brill, Leiden 1981, ISBN 90-04-06331-5.
Weblinks
- Edwyn Robert Bevan: The House of Ptolemy. CHAPTER II. Sarapis Cult. Ares Publishers, Chicago 1989 (uchicago.edu).
