Shmuel Dancyger
polnischer Holocaustüberlebender
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Shmuel Dancyger (auch Samuel Danziger oder Szmil Dancyger; * 1910 in Radom, Polen; † 29. März 1946 in Stuttgart, Deutschland) war ein polnischer Holocaustüberlebender, der im März 1946 unter bis heute ungeklärten Umständen von der deutschen Polizei bei einer Razzia erschossen wurde.
Leben
Dancyger diente in der polnischen Armee. Seine Ehefrau war Regina Dancyger, geborene Mandelbaum. Sie hatten zwei gemeinsame Kinder (* 1935 und * 1940). Dancyger eröffnete mit der Unterstützung seines Schwiegervaters Einzelhandelsgeschäfte.
Nach der Besetzung Polens durch die Wehrmacht lebte die Familie ab 1941 im Ghetto Radom. Nach der Räumung des Ghettos im August 1942 musste Shmuel Dancyger in einer Waffenfabrik in Pionki Zwangsarbeit leisten. Daraufhin wurde die Familie Dancyger nach Auschwitz deportiert, wo sie auseinandergerissen wurden. Im Januar 1945 überlebte Dancyger den Todesmarsch von Auschwitz in das KZ Gusen, einem Außenlager des KZ Mauthausen. Dort wurde er im Mai 1945 von der US-Armee befreit. Dancyger überstand zwei Mal eine Selektion, da er von den SS-Wachen als „arbeitsverwendungsfähig“ eingestuft wurde.
Unmittelbar nach Kriegsende war Dancyger über das Schicksal seiner Familienangehörigen noch völlig im Ungewissen. Nach einem Aufenthalt im DP-Lager in Linz gelangte er in ein Sanatorium in Paris. Im Frühjahr 1946 reiste er nach Stuttgart, nachdem er in Paris erfahren hatte, dass jüdische Überlebende aus seiner polnischen Heimatstadt Radom dort untergebracht waren. Tatsächlich fand er dort seine Familie wieder und lebte fortan im DP-Lager in der Reinsburgstraße in Stuttgart-West, das aus beschlagnahmten Privatwohnungen bestand.
Am 29. März 1946 führte die deutsche Polizei aus antisemitischen und antipolnischen Motiven eine von der amerikanischen Militärpolizei genehmigte und begleitete Razzia wegen Verdacht des Schwarzhandels in der Reinsburgstraße durch. Über 200 bewaffnete Polizisten drangen in die Wohnungen ein. Auf Proteste der Bewohner reagierten sie mit Schusswaffengebrauch. Dabei wurde Shmuel Dancyger durch einen Schuss eines deutschen Polizisten getötet. Weitere jüdische Lagerbewohner wurden verletzt, teilweise schwer. Auch einige Polizisten zogen sich Verletzungen zu. Der Oberbefehlshaber der US-Truppen in Europa, General Joseph T. McNarney, verhängte daraufhin umgehend ein Zutrittsverbot deutscher Polizeibeamten für alle DP-Lager in der US-Zone und ordnete eine kriminalistische Untersuchung des tödlichen Vorfalls an. Die Waffen der Polizisten wurden eingezogen und ballistisch begutachtet, doch der Täter wurde nie ermittelt.[1]
An seiner Beerdigung, die noch am selben Tag stattfand, nahmen nahezu alle Bewohnerinnen des jüdischen DP-Lagers teil. Shmuel Dancyger wurde auf dem jüdischen Friedhof in Bad Cannstatt beigesetzt. Im Jahre 1947 immigrierten Shmuel Dancygers Witwe und seine zwei Kinder nach Palästina. Sie blieben bis 1952 in Israel und wanderten dann nach Kanada aus.
Gedenken
Seit 2018 erinnert eine Gedenkstele an das DP-Lager in Stuttgart-West und an Shmuel Dancyger. 2025 wurde die Gedenkstele aktualisiert und der Platz an der Ecke Reinsburgstraße/Rotenwaldstraße nach Shmuel Dancyger benannt.[2]
Weblinks
- 1946 von deutschen Polizisten erschossen. In: Jüdisches Museum Berlin. 15. Oktober 2025, abgerufen am 13. Oktober 2025.
- Auschwitz überlebt – in Stuttgart erschossen. In: haGalil. 7. Mai 2021, abgerufen am 13. Oktober 2025.
- Jürgen Bartle: Mensch am falschen Platz. In: Kontext: Wochenzeitung. 6. April 2016, abgerufen am 13. Oktober 2025.