Simon Gramlich
deutsch-brasilianischer Baumeister
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Albert Simon Gramlich, portugiesisch Simāo Gramlich, (geboren am 7. August 1887 in Herbolzheim, gestorben am 6. September oder 16. September 1968 in Blumenau/Santa Catarina) war ein deutsch-brasilianischer Baumeister. Im Süden Brasiliens schuf er monumentale Kirchenbauten in vorwiegend neogotischen und neoromanischen Stilformen. Er wurde posthum mit dem Titel O arquiteto das catedrais geehrt.[1]
Herkunft und Auswanderung
Gramlich erlernte sein Handwerk vermutlich im Kreis der Familie, 1912 firmierte er anlässlich seiner Hochzeit in Jagstfeld als Maurerpolier. Über seine Tätigkeit in Deutschland ist wenig bekannt,[2] vermutlich diente er im Ersten Weltkrieg. Im Dezember 1921 schiffte er sich nach Brasilien ein und ließ sich 1922 im Vale do Caí (Rio Grande do Sul) nieder, wo mit ihm zahlreiche Siedler aus dem Hunsrück eine neue Heimat fanden.[3]
Werke in Brasilien
Kirchenbau


Zu Gramlichs ersten nachweisbaren Werken in der Neuen Welt zählt die Erweiterung der kleinen neugotischen Kirche von São Vendelino (Rio Grande do Sul, um 1980 zerstört). Mit ihr empfahl er sich anderen, vorwiegend deutschstämmigen Gemeinden.[4] Bereits 1927 übernahm er den hochrangigen Auftrag, die Kathedrale São João Batista in Santa Cruz do Sul zu entwerfen und auszuführen.[5][6] Der 1928 begonnene Bau wurde mit seiner Länge von 80 m und der endgültigen Turmhöhe von 83 m einer der größten Kirchenbauten seiner Zeit in Südamerika. Er erscheint als Paraphrase gotischer und spätgotischer Architektur, deren Detailformen sachlich-modern interpretiert werden. Nahezu gleichzeitig errichtete Gramlich die Kirche São Sebastião Mártir in Venâncio Aires (Rio Grande do Sul).[7] Sein umfassendstes Werk ist die Igreja Matriz von Itajaí (Santa Catarina), für die er 1940 die ersten Pläne fertigte.[8] Der mächtige Kirchenbau präsentiert sich im romanisch-gotischen Kathedralstil mit Fassaden- und Querhaustürmen sowie mit einer gewaltigen Fensterrose à la Notre-Dame in Paris. Ein weiteres großes Sakralbauprojekt scheiterte: Die Pläne für den Neubau von São Paulo Apóstolo in Blumenau (Santa Catarina, um 1950) wurden als zu teuer abgelehnt – obwohl der am Vorbild des Kölner Doms inspirierte Entwurf mit Kuppel (!), Säulen und Turm nach Angaben des Architekten „großartig“ hätte werden sollen.[9] Stattdessen gestaltete ein anderer Deutscher, der junge Gottfried Böhm, den heutigen, wegweisend modernen Bau (1953–1963).[10]
Ab den 1940er Jahren flossen Art-déco-Elemente in Gramlichs Architekturen ein, so unter anderen in den Pfarrkirchen von São Bento do Sul (1950) oder Antônio Carlos (1967, beide im Bundesstaat Santa Catarina).
Profanbau
Gramlich lebte ab 1932 bis zu seinem Tod in Blumenau und unterhielt dort einen florierenden Baubetrieb. Zusammen mit dem Ingenieur Gustav Bleicker errichtete er eine Vielzahl von Villen, Chalets, Fabriken und Kliniken, vorwiegend für deutschstämmige Auftraggeber.[11] Auch in diesem Kontext dominierte der Eklektizismus: So zeigt das Sanatorium Hansahoehe in Ibirama (1935–1937) eine malerische Verquickung von neoklassizistischen und expressionistischen Strukturen mit gotisierenden Details wie Treppengiebeln und Tudorbögen. Das Gebäude wurde 2025 zum Patrimônio Histórico erhoben.[12] Dezidiert modern erscheint nur eines seiner letzten Werke, die 1957 über Pilotis erbaute Casa Waldemar Nimitz. Gramlichs umfangreiches Schaffen illustriert das Fortleben historistischer Elemente in Zeiten, in denen die Moderne in Brasilien ihre größten Triumphe feierte.
Bauten (Auswahl)
- 1927–1953 São Sebastião Mártir, Venâncio Aires (Rio Grande do Sul)
- 1927–1932 Igreja Nossa Senhora da Glória, Sinimbu (Rio Grande do Sul)
- 1928–1936/1977 São João Batista, Santa Cruz do Sul (Rio Grande do Sul), seit 1959 Kathedrale
- um 1929 Casa Storck, Venâncio Aires (Rio Grande do Sul)
- 1933–1935 Vila Quisiana, Brusque (Santa Catarina)
- 1933 Casa Belz, Blumenau (Santa Catarina)
- 1937 Haus Fritz Reimer, Blumenau (Santa Catarina)
- 1937 Sanatorium Hansahoehe, Ibirama (Santa Catarina)
- 1938 Haus Emílio Rosemann, Blumenau (Santa Catarina)
- 1939–1956 Santuário Nossa Senhora de Azambuja in Brusque (Santa Catarina)
- 1940–1955 Igreja do Santíssimo Sacramento in Itajaí (Santa Catarina)
- 1942 Erweiterung der Hutfabrik Nelsa S.A., Pomerode (Santa Catarina)
- 1943–1956 Igreja São Pedro Apóstolo in Gaspar (Santa Catarina)
- 1954–1984 Catedral São José, Campo Mourão (Paraná)
- 1957 Haus Waldemar Nimitz, Blumenau (Santa Catarina)
- 1958 Igreja Matriz Puríssimo Coração de Maria, São Bento do Sul (Santa Catarina)
- 1967 Igreja do Sagrado Coração de Jesus, Antônio Carlos (Santa Catarina)
Auszeichnungen
- 2018 posthum Verleihung des Titels Arquiteto das Catedrais
Ausstellungen
- 2019 Blumenau, Mausoléu: ‘Simão’ Gramlich: percursos arquitetônicos em Blumenau
Literatur
- Antonio Francisco Bohn: As igrejas de Simão Gramlich. In: Blumenau em Cadernos, Blumenau, Jg. 42 (2001), Nr. 5/6, S. 30-–41.
- Thayse Fagundes e Braga: A produção arquitectônica de Simão Gramlich em Blumenau. In: Blumenau em Cadernos, Jg. 58 (2017) Nr. 5, S. 1–128.
- Thayse Fagundes e Braga: A trajetória do arquiteto alemão Simão Gramlich em campos cruzados no sul do Brasil: arquitetônico, religioso e político. Dissertation Florianopolis 2020.
- Thayse Fagundes e Braga: Simon Gramlich and the neo-gothic churches in southern Brazil. In: Barbara Borngässer/Bruno Klein (Hrsg.): Neugotik global – kolonial – postkolonial. Gotisierende Sakralarchitektur auf der Iberischen Halbinsel und in Lateinamerika vom 19. bis zum 21. Jahrhundert. Frankfurt a. M. / Madrid, Vervuert, 2020, S. 243–249. ISBN 978-3-96456-935-6; https://dx.doi.org/10.31819/9783964569363.
Weblinks
- Quem foi Simon Gramlich, o Arquiteto das Catedrais, e uma amostra de sua obra. In: omunicipioblumenau.com.br / Registro para a História por Angelina Wittmann. 22. November 2023, abgerufen am 2. November 2025 (brasilianisches Portugiesisch).
- Hansahoehe será oficialmente tombado como patrimônio histórico com presença da presidente da Fundação Catarinense de Cultura – Rede Vale Norte. In: redevalenorte.com. 19. September 2025, abgerufen am 2. November 2025 (brasilianisches Portugiesisch).