Somnium (Kepler)

Buch von Johannes Kepler From Wikipedia, the free encyclopedia

Somnium oder Der Traum vom Mond ist ein Buch des deutschen Astronomen Johannes Kepler aus dem Jahr 1609. Man kann Somnium als frühe Science-Fiction-Erzählung bezeichnen, denn die in lateinischer Sprache verfasste Kurzgeschichte beschreibt eine mögliche Mondzivilisation aus wissenschaftlicher Perspektive.[1] Das stetig erweiterte Manuskript wurde erst 1634 postum von seinem Sohn Ludwig Kepler[2] in Buchform veröffentlicht.

Frontispiz von 1634

Carl Sagan und Isaac Asimov bezeichneten es als eines der frühesten Werke der Science Fiction.

Hintergrund

Frontispiz auf Deutsch (1898)

Bereits rund 50 Jahre zuvor hatte Nikolaus Kopernikus in seinem Hauptwerk De revolutionibus orbium coelestium ein heliozentrisches Weltbild beschrieben und damit die Kopernikanische Wende ausgelöst. Demnach ist die Erde ein Planet, der sich mit anderen Planeten auf Bahnen um die Sonne dreht.

Kepler begann die Niederschrift von Somnium im Jahr 1609 in Prag. Schon als Student der Theologie in Tübingen hatte sich Kepler mit dem Mond beschäftigt. In einer Disputation, die er mit Anfang 20 verfasste, hatte er Thesen formuliert, in denen er auch über angebliche Lebewesen auf dem Mond scherzte. Mit seiner Kurzgeschichte wollte er nun die Relativität eines (z. B. irdischen) Betrachterstandpunkts im All aufzeigen. Da die Eigenrotationsdauer des Mondes mit der Rotationsdauer seiner Bahn um die Erde übereinstimmt, sieht man von der Erde aus stets dieselbe Seite des Mondes (bis auf Libration). Kepler führt besonders die sich daraus ergebenden Konsequenzen für die Astronomie der hypothetischen Mondbewohner aus.

Bestärkt wurde Kepler durch die zeitgleichen Beobachtungen seines Zeitgenossen Galileo Galilei, der den Erdtrabanten erstmals 1609 mithilfe eines neuen optischen Instruments untersuchte, des Fernrohrs. Der italienische Astronom erkannte auf der vormalig flachen „Himmelsscheibe“ eine unebene Welt mit Kratern, Gebirgen und Tiefebenen (Mare). Galileo veröffentlichte seine Beobachtungen im März 1610 unter dem Titel Sidereus Nuncius.

Porträt Keplers

Um das Jahr 1621, als Kepler nach Linz zurückkehrte, bearbeitete er seinen Traum und fügte erläuternde Fußnoten und Ergänzungen hinzu. Die märchenhafte Erzählung wurde 1634 postum von seinem Sohn Ludwig Kepler veröffentlicht[3] und erst 1871 in einer Zeitschrift von Edmund Reitlinger[4] und 1898 als Monografie von Ludwig Günther[5] teilweise ins Deutsche übersetzt. Erst 2011 erschien eine vollständige, von Beatrix Langner herausgegebene Übersetzung.[6]

Inhalt und Aufbau

Der Text besteht aus drei ineinander verschachtelten Berichten. In der skizzenhaften Rahmenhandlung berichtet ein namenloser Erzähler, wie er eines Nachts „nach der Betrachtung der Sterne und des Mondes“ müde auf seinem Bett einschläft. Hier setzt die titelgebende Traumhandlung ein.

In seinem Traum meint der schlafende Sternengucker ein Buch zu lesen, das die Lebensgeschichte eines zweiten Erzählers mit Namen Duracoto enthält. Der Autor beschreibt seine Kindheit auf Island als Sohn der Hexe Fiolxhilde, seine fünfjährige Ausbildung als „Gehülfe“ des Astronomen Tycho Brahe auf der dänischen Insel Hveen und die anschließende Heimkehr zu seiner Mutter, die ihn mit ihren Hexenkünsten vertraut macht und schließlich einen „weisen Geist“ heraufbeschwört.

Dieser Dämon berichtet nun auf der dritten und umfangreichsten Erzählebene von der „Insel Levania“, bei der es sich um den Mond handelt. Er beschreibt, wie besonders „geeignete“ Menschen mit Hilfe von Geistern und Dämonen im Kernschatten einer Sonnenfinsternis zum Mond reisen können und wie sich das Leben auf dem Mond gestaltet. Geschildert werden die klimatischen Verhältnisse, insbesondere die extremen Unterschiede zwischen Tag und Nacht, sowie die daraus resultierenden Lebensweisen der Mondbewohner.

Mitten in der detailreichen Beschreibung der Mondwelt bricht der Bericht des Dämons ab, weil der schlafende Erzähler der äußeren Rahmenhandlung durch ein heraufziehendes Unwetter aus seinem Traum gerissen wird. Infolgedessen wird auch die innere Rahmenhandlung nicht mehr aufgenommen, und die Lebensgeschichte des Duracoto bleibt unvollendet. Der Schluss der Erzählung wirkt dadurch recht abrupt und fragmentarisch.

Charakteristisches Merkmal von „Somnium“ ist die kunstvolle Verschränkung von autobiografischen und wissenschaftlichen Fakten einerseits sowie fiktiven und fantastischen Elementen andererseits. So weist die Biografie Duracotos, mit der als Hexe geltenden Mutter und den Assistenzjahren bei Brahe, deutliche Parallelen zu Keplers eigener Lebensgeschichte auf. Auch die Rahmenbedingungen des lunaren Lebens sind sachlich korrekt geschildert: Beobachter auf der erdzugewandten Mondseite sehen die Erde unbeweglich, wie "festgenagelt", am Himmel stehen und nehmen lediglich deren Eigenrotation wahr, weshalb sie die Erde nach dem lateinischen Wort volvere (rollen) ihre Volva nennen. Die Tag- und Nachtdauern, die daraus resultierenden starken Klimaschwankungen, die Unterschiede zwischen erdabgewandten „Privolvanern“ und erdzugewandten „Subvolvanern“ sowie zahlreiche andere Details geben Keplers astronomischen Kenntnisstand (und häufig auch den aktuellen Stand der Wissenschaft) korrekt wieder. Die Schilderung der Reise zum Mond oder auch die Beschreibung der Mondbewohner und ihrer Lebensweise sind hingegen rein fiktional. Gerade in dieser geschickten Vermischung fantastischer und realer Elemente erweist sich der Text als Gattungsvorläufer moderner Science-Fiction-Literatur.

Rezeption

  • 1640: Der englische Bischof John Wilkins verfasste als Reaktion auf Kopernikus, Kepler und Galilei seine Schrift The Discovery of a New World, Or, A Discourse Tending to Prove, that 'tis Probable There May be Another Habitable World in the Moone. Darin erörtert er die Möglichkeit, den Mond in naher Zukunft zu bereisen und zu besiedeln.
  • 1933: In der Mondutopie Zwei im andern Land des Berliner Rabbiners Martin Salomonski wandert die „Gesamtjudenheit“ während einer Mondfinsternis über die von Kepler beschriebene „Erdbrücke“ zum Mond aus, wo bereits seit Jahrtausenden eine lunare Diaspora existiert.
  • 1955: In dem von Walt Disney verantworteten Fernsehprogramm Disneyland: Man and the Moon vom 28. Dezember 1955 wird in einer 15-minütigen Einleitung die Kulturgeschichte des Mondes anhand eines humorvollen Trickfilms rekapituliert. Auch Keplers Traum wird als kurze Trickfilmsequenz geschildert: Kepler sitzt in seinem Bett und verfasst einen Text über den Mond. Während der Niederschrift ereignet sich eine Sonnenfinsternis und er schläft ein. Da tauchen vier Zwerge („Monddämonen“) an seinem Fenster auf und tragen das Bett mit dem schlafenden Mathematiker auf dem Mondschatten (der sogenannten Keplerbrücke) zur Mondoberfläche. Dort erwacht Kepler und trifft auf ein seltsames Wesen, das aus nur einem Auge auf zwei Beinen besteht. Beide beobachten sich gegenseitig durch ein Fernrohr. Kepler ist fasziniert und staunt: „Amazing“.
  • 1983: Die US-amerikanische Band Mannheim Steamroller ließ sich für ihr Album Fresh Aire V von Keplers Mondgeschichte inspirieren.
  • 2006: Die deutsche Philosophin Marie-Luise Heuser entdeckte Keplers Somnium für die Philosophie und stellte einen Zusammenhang zu Giordano Brunos „virtuellen Raumfahrten“ her, die mehr als 400 Jahre nach Brunos Tod von ihr erstmals thematisiert wurden. Ihr Vortrag „Mondflüge der Renaissance. Giordano Brunos Gedankenexperimente und Keplers ‚Traum‘“, gehalten am 20. Juli 2006 im „Naturwissenschaftlich-Philosophischen Kolloquium Kultur und Raumfahrt“ der Technischen Universität Braunschweig[7] wurde 2008 als „Transterrestrik in der Renaissance: Nikolaus von Kues, Giordano Bruno und Johannes Kepler“ teilweise veröffentlicht.
  • 2016: Über vierhundert Jahre nach der Entstehung gelangte der Text als Bühnenstück zur Uraufführung. Im Planetarium Münster zeigte das Locationtheater Freuynde + Gaesdte eine multimediale Inszenierung des (leicht gekürzten) Textes mit Liveschauspiel, Sternenprojektionen, 360-Grad-Animationen und Soundtrack. Die Doppelrolle des Kepler/Duracoto wurde von Helge Salnikau gespielt, Regie führte Zeha Schröder.[8]
  • 2022: Am 26.11. feierte der Chorverband Johannes Kepler e. V. mit der Uraufführung des Chormusicals Somnium von Maximilian Ponader in der Stadthalle Leonberg mit 100 Beteiligten (Solisten, Chöre, Tanzensembles und Instrumentalensemble) sein 75. Verbandsjubiläum. Das Musiktheaterwerk deutet Keplers Somnium als transformative Erkenntnisreise, auf die sich nicht nur Duracoto und Fiolxhilde, sondern das gesamte Volk von Thule als Repräsentanten der heutigen Gesellschaft begeben. Von den Geistern ermutigt, gelangen sie in die neuen Sphären nach Levania, das als Allegorie der Musiktheaterbühne einen kollektiven Handlungsraum eröffnet, in dem Liebe, Freiheit, Phantasie und Wissenschaft als das gefeiert werden, was dem Menschen heilig ist. Die musikalische Leitung lag bei Kai Müller, die Instrumentierung stammt von Stefan Schröter; Duracoto wurde von Hannes Nedele (Bariton) und Fiolxhilde von Wiebke Huhs (Sopran) gesungen.[9]

Eponyme

Ausgaben

  • Ludwig Günther: Keplers Traum oder die Astronomie des Mondes, Leipzig 1898.
  • Johannes Kepler: Der Traum, oder: Mond-Astronomie. Somnium sive astronomia lunaris. Aus dem Lateinischen von Hans Bungarten und mit einem Leitfaden für Mondreisende von Beatrix Langner. Matthes & Seitz Berlin 2011, ISBN 978-3-88221-626-4.

Literatur

  • Gale E. Christianson: Kepler's Somnium: Science Fiction and the Renaissance Scientist. Science Fiction Studies, Nr. 8 = Volume 3, Part 1 = March 1976 (depauw.edu).
  • Marie-Luise Heuser: Transterrestrik in der Renaissance: Nikolaus von Kues, Giordano Bruno und Johannes Kepler. In: Michael Schetsche und Martin Engelbrecht (Hrsg.): Von Menschen und Außerirdischen. Transterrestrische Begegnungen im Spiegel der Kulturwissenschaft. transcript Verlag, Bielefeld 2008, ISBN 978-3-8394-0855-1, S. 55–79.
Wikisource: Keplers Traum vom Mond – Quellen und Volltexte
Commons: Keplers Traum vom Mond – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

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