Sozial-ökologische Transformation
Begriff der deutschsprachige Diskussion über Umweltfragen
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Unter sozial-ökologischer Transformation versteht man eine grundlegende Umstrukturierung von Gesellschaften mit dem Ziel eine Dekarbonisierung zu erreichen und so innerhalb planetarer Grenzen zu bleiben. Im deutschsprachigen Raum wurde der Begriff vor allem durch den Wissenschaftlichen Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (WBGU) ab 2011 bekannt. Sozial-ökologische Transformation ist ein vieldiskutierter Begriff, der ein Spektrum von Positionen umfasst: von antikapitalistischen bis hin zu solchen, die lediglich eine Reformierung des Kapitalismus anstreben.
Begriffsbestimmungen
Als der WBGU-Bericht 2011 unter dem Titel Welt im Wandel – Gesellschaftsvertrag für eine Große Transformation[1] erschien, war der Begriff „sozial-ökologische Transformation“ zwar schon vereinzelten in den Umweltwissenschaften in Benutzung,[2] allerdings in der Breite der Gesellschaft noch nicht sonderlich gebräuchlich. Der WBGU sprach daher in diesem Zusammenhang von einer „großen Transformation“ und meinte damit, dass Gesellschaften ihre energetischen Grundlagen auf erneuerbare Energien umstellen und damit die bisherige „fossilnukleare“ Wirtschaftsweise überwinden sollten. Somit lehnte sich der WBGU an The Great Transformation von Karl Polanyi aus dem Jahr 1944 an. Demgemäß dient diese Idee als weitreichendes begriffliches Konzept zur Beschreibung des aktuellen und zukünftigen sozialen Wandels hin zu einer nachhaltigeren Gesellschaft. Hierin kann „Transformation“ als umfassender sozioökonomischer, politischer und soziokultureller Veränderungsprozess aufgefasst werden, in den auch politische Steuerung und politische wie gesellschaftliche Strategien eingehen, sich dabei jedoch nicht allein darauf reduzieren lässt.[3]
Der neue Begriff wurde in der umweltpolitischen Diskussion breit rezipiert. „Sozial-ökologische Transformation“ ist deshalb laut Ulrich Brand und Christine Schickert zu einem „Containerbegriff“ geworden, unter dem verschiedene, sich teilweise gegenseitig widersprechende Perspektiven firmieren.[4] So wird die sozial-ökologische Transformation einerseits von einigen Personen und Institutionen zwar als radikaler Umbau des aktuellen Wirtschaftens begriffen, hierbei werden grundsätzliche kapitalistische Logiken aber nicht hinterfragt. Das Ziel der Transformation ist hier vielmehr ein erneuerter grüner Kapitalismus.[5][6][7] Andererseits gibt es auch die kapitalismuskritische Position, dass Maßnahmen gegen die aktuellen multiplen Krisen nur wirksam sein könnten, wenn sie kapitalistischen Logiken zuwiderlaufen.[8][9][10] Dennoch gibt es einen grundsätzlichen Konsens unter denjenigen, die von einer sozial-ökologischen Transformation sprechen: Sie sehen eine Notwendigkeit für fundamentale Veränderungen in Wirtschaft, Politik und Gesellschaft. In ihrem Buch Imperiale Lebensweise fassen die beiden Politikwissenschaftler Ulrich Brand und Markus Wissen dies folgendermaßen zusammen:
„‚Transformation‘ geht deutlich über die bislang dominanten umweltpolitischen und Nachhaltigkeitsperspektiven hinaus, die davon ausgehen, dass mit Technologien und Investitionen - und den entsprechenden Finanzierungsmöglichkeiten und politischen Rahmenbedingungen - ein Übergang in eine kohlenstoffarme Gesellschaft erreicht werden kann. Stattdessen werden grundlegendere Veränderungen für nötig gehalten, die von ‚Pionieren des Wandels‘ wie ökologisch orientierten Unternehmen, BürgerInneninitiativen oder WissenschaftlerInnen vorangetrieben werden sollen. Ergänzt wird das durch Hoffnungen auf einen gesellschaftlichen Wertewandel hin zur Nachhaltigkeit.“[11]
Brand und Wissen kritisieren allerdings, dass der neue Begriff der sozial-ökologischen Transformation „klassische Fragen der Transformation, nämlich jene nach Gerechtigkeit, einem guten Leben für alle und der Zurückdrängungen von Macht und Herrschaft - und damit etwa verbunden: der Veränderung von Eigentumsverhältnissen -, deutlich unterbelichtet.“[12]
Historische Perspektive
Mensch und Umwelt standen schon immer in Wechselwirkung zueinander. Die globale Erwärmung, die das Ende der letzten Kaltzeit einleitete und u. a. zu der Enteisung großer Landflächen und einem globalen Meeresspiegelanstieg führte, ist ein wohlbekanntes Beispiel für den Einfluss der Umwelt auf die menschliche Kultur. Viele der menschlichen Errungenschaften haben sich erst hiernach, im Holozän, entfalten können.[13][14]
Aus historischer Perspektive ist zu erkennen, dass Menschen auf Umweltveränderungen zum Beispiel durch Anpassungen wie Innovationen im Hausbau, neue Strategien der Ernährung, neue Handelspartner oder Migration reagierten. Andersherum übt der Mensch auch einen Einfluss auf seine Umwelt aus. Das Roden von Wäldern und Anlegen von Felder, das Aufstauen von Gewässern und vieles mehr kann Landschaften im kleinen wie im großen Maßstab verändern. Dieser Einfluss wiederum kann Auswirkungen auf den Menschen haben, da das Manipulieren von Landschaften Raum für neue Tier- und Pflanzenarten bietet, oder die Überausbeutung lokaler Ressourcen zu Wechseln der Strategien führen kann.[15] Diese Wechselwirkungen zu ergründen ist Gegenstand rezenter Forschungen, z. B. des Sonderforschungsbereichs 1266 „TransformationsDimensionen - Mensch-Umwelt Wechselwirkungen in Prähistorischen und Archaischen Gesellschaften“ an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel.[16]
Transformationskonflikte
Innerhalb des globalen Süd-Nord-Verhältnisses
Durch die angestrebte Energiewende steigt die Nachfrage nach bestimmten Rohstoffen, die beispielsweise für den Bau von Windkraftanlagen oder Elektroautos benötigt werden. Der Abbau von Rohstoffen geht allerdings häufig mit Umweltschäden einher, gegen die sich die lokale Bevölkerung zur Wehr setzt. Ein prominentes Beispiel ist die Förderung von Lithium und Kupfer in Südamerika: Förderanlagen beeinträchtigen die Qualität des umliegenden Trinkwassers, wirbeln giftigen Staub auf und befinden sich häufig in den Terretorien indigener Völker, deren Lebensgrundlage sie zerstören.[17][18] Die Soziologin Anne Tittor spricht in diesem Zusammenhang von einem „postfossilen Extraktivismus“, der die Süd-Nord-Ungleichheit verschärft.[19] Die Klimagerechtigkeitsbewegung fordert deshalb, dass der Übergang in eine dekarbonisierte Lebensweise nicht mit der Ausbeutung von Menschen, insbesondere im globalen Süden, einhergehen darf.[20]
Innerhalb von Gesellschaften
Die Frage nach der konkreten Ausgestaltung einer sozial-ökologischen Transformation sorgt auch innerhalb der Gesellschaften, die transformiert werden sollen, für Konflikte. Verschiedene Forschende vertreten die These, dass hierbei Klasse eine zentrale Rolle spielt.[21][22] Eine empirische Studie aus dem Jahr 2024 kam zu dem Ergebnis, dass es in Deutschland drei gesellschaftliche Spektren gibt, die sich in einer bestimmten Art und Weise zur sozial-ökologischen Transformation positionieren:[23]
- Das ökosoziale Spektrum plädiert für eine rasche und durchgreifende Transformation und argumentiert dabei teilweise wachstumskritisch.
- Das konservativ-steierungsorientierte Spektrum gibt ebenfalls an, eine Transformation zu unterstützen, ist aber vorrangig auf die Sicherung der eigenen Lebensweise fokussiert.
- Das defensiv-reaktive Spektrum erlebt die Transformation als Überforderung und reagiert daher mit wütender Abwehr.
Laut der Studie befinden sich Personen in ähnlichen sozialen Lagen häufig auch im selben Spektrum. So haben Menschen aus dem ökosozialen Spektrum oft höhere Bildungsabschlüsse und leben in Städten, während Menschen aus dem konservativ-steigerugsorientierten Spektrum eher in ländlichen Regionen leben und in hohem Maße materiell abgesichert sind. Personen, die sich dem defensiv-reaktiven Spektrum zuordnen lassen, befinden sich demgegenüber häufig in benachteiligten sozialen Lagen.[24]
Literatur
- Bernd Sommer, Harald Welzer: Transformationsdesign. Wege in eine zukunftsfähige Moderne. oekom, München 2017, ISBN 978-3-86581-845-4.
- Walter Kahlenborn, Jens Clausen, Siegfried Behrendt, Edgar Göll (Hrsg.): Auf dem Weg zu einer Green Economy: wie die sozialökologische Transformation gelingen kann. (= Neue Ökologie Bd. 3) transcript, Bielefeld 2019, ISBN 978-3-8376-4493-7.
- Carolin Bohn, Doris Fuchs, Antonius Kerkhoff, Christian Müller (Hrsg.): Gegenwart und Zukunft sozial-ökologischer Transformation. Fachtagung „Transformation zur Nachhaltigkeit. Hindernisse, Wege, Strategien“, Münster (Westf.) 2018. Nomos, Baden-Baden 2019, ISBN 978-3-8487-5835-7.
- Alexander Behr: Globale Solidarität. Wie wir die imperiale Lebensweise überwinden und die sozial-ökologische Transformation umsetzen. oekom, München 2022, ISBN 978-3-96238-370-1.
Weblinks
- glossardeswandels.de (Kurzbeschreibungen von ca. 150 Bewegungen bzw. Netzwerken, die sich für die sozial-ökologische Transformation einsetzen; inklusive interaktiver Karte)
- Sozial-ökologische Transformation und Klimagerechtigkeit. Rosa-Luxemburg-Stiftung